Jan
06
2013
1

Occupy Money – für eine faire Geldordnung

Ein Thema wird in der aktuellen Euro- und Wirtschaftskrise von den Mainstreammedien (nicht) erstaunlich klein gehalten: Die Frage nach den grundlegenden Fehlern im Geldsystem, die dafür sorgen, dass solche Krisen fast unabwendbar wiederkehren. Ganz langsam hat sich in den letzten Jahren allerdings Widerstand gegen das einseitige Denken in Bezug auf Geldschöpfung, Zinseszins etc. gebildet. Die Initiative Occupy Money ist eine der jüngsten, die hier Aufklärungsarbeit zu leisten versucht. Auf der dazugehörigen Website Occupy Money finden sich viele weitere Informationen zu diesem Thema, auch zu aktuellen Entwicklungen, und will u.a. auch eine Brücke schlagen zwischen den Kritikern der Finanzmärkte sowie den Akteuren, die dort tagtäglich handeln und dadurch unsere Gesellschaftsordnung mitbestimmen.

Wir fokussieren uns auf die Investigation zu aktuellen Gescheh-nissen im Finanzsektor, der verständlichen   Bürger-Aufklärung zu Geldmarktthemen und auf die Entwicklung alternativer Finanzmarktlösungen für eine neue faire Geldordnung.

Dazu gibt es auch ein Interview mit Hans Scharpf, Gründungsmitglied der Initiative im Deutschlandradio Kultur – „Man kann nicht Schulden mit Schulden tilgen“, das ein wenig weiter verdeutlicht, worum es hierbei geht und welches die Herausforderungen sind, denen man sich in diesem Bereich stellen muss. Denn gerade die Frage, wer eigentlich zuständig ist für die Schaffung von Geld und wer hier letzten Endes den Daumen drauf hat, ist hochinteressant – zumal die tiefer liegenden Zusammenhänge vermutlich nur wenigen Menschen bewusst sein dürften, wie auch die Fragen des Journalisten zeigen:

Die Initiative Occupy Money gehe der Frage nach – ausgehend davon, dass Geld die Welt regiert – wer regiert das Geld, erklärt der Wirtschaftsanwalt Hans Scharpf. Das Ziel der Initiative sei es, dass unsere sozialen Beziehungen nicht mehr “über Geld ablaufen” und sie vom Geld zu befreien. (…)

Kassel: Das ist ein interessanter Punkt, denn auf der Seite ist auch zu lesen, dass Sie auch wollen, dass es aufhört, dass die Banken Geld machen. Nun kann man über die jeweiligen Zentralbanken vielleicht noch diskutieren, aber ich hatte immer gedacht, dass Banken Geld auch nicht machen, die vermehren es vielleicht, aber die machen es doch nicht?

Scharpf: Ja, also das habe ich auch sehr lange geglaubt, bis ich immer mehr Zweifel bekommen habe. Es sind in den letzten Monaten in unseren Arbeitskreisen, in unseren Arbeitsgruppen, in den Diskussionen und so weiter, diesem – wie soll ich sagen – diesem Phänomen nachgegangen und mussten also feststellen, dass mehr als 90 Prozent der derzeit existierenden Geldmenge nicht von der EZB gemacht worden ist, sondern von den Geschäftsbanken. (…)

Kassel: Also Zins und Zinseszins, dieses Drama, was sich da anbahnt. Wollen Sie denn im Prinzip – Sie sind ja noch in Denkprozessen, das ist alles noch nicht abgeschlossen, das ist mir klar – aber wollen Sie denn im Prinzip Geld, so wie wir es jetzt kennen, von mir aus auch den Euro, abschaffen und durch was anderes ersetzen, oder wollen Sie nur strengere Regeln für den Umgang?

Scharpf: Das ist unterschiedlich bei Occupy Money. Also es gibt Leute, die – ich sage mal so – eher systemimmanent sich Gedanken machen, und es gibt solche, die so weit gehen, dass sie sagen, letztendlich müssen wir Geld abschaffen,

Kassel: Und was machen Sie mit denen, die so weit gehen, dass Sie als Fachmann mit Ihrer Erfahrung sagen, das sind Spinner?

Scharpf: Das sind keine Spinner. Das ist halt sozusagen das Ende des Prozesses, da geht es darum, dass unsere Beziehungen, wirtschaftliche, menschliche, kulturelle, soziale Beziehungen nicht mehr sozusagen über Geld ablaufen, ja?(…)

Hier noch ein Interview mit Prof. Margrit Kennedy, die ebenfalls bei Occupy Money engagiert ist und auch ein Buch mit dem gleichen Titel herausgebracht hat (sie ist seit langem Expertin für alternative Währungssysteme und ähnliche Themen, die auch in diesen Bereich fallen, der von „herkömmlichen“ Wirtschaftswissenschaftlern oft genug stiefmütterlich behandelt wird). Das Interview hat RasendeReporterin.de für den Cashkurs geführt:


Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Dez
23
2012
3

KiK – Der Menschenrechts-Diskont

Dass ich von Discountern, den Pestbeulen des kapitalistischen Systems, nichts halte, ist bekannt. Zu stark befeuern sie die Spirale abwärts aus Qualitätsschwund, Ressourcenverschwendung, Preisverfall und Arbeitsdruck. Zu den ganz besonders schlimmen Exemplaren gehört natürlich KiK, der sog. „Textil-Diskont“, für dessen Billigklamotten sich eine Verona Pooth nicht zu blöd ist, Reklame zu machen. Geld schlägt Moral, wie so oft. Bereits vor zwei Jahren berichtete der NDR ausführlich in der KiK-Story über die desaströsen Verhältnisse der Arbeiter in den asiatischen Fabriken, die für KiK schuften, und auch die entsprechenden Ausbeutungstendenzen in Europa. Wo jeder Cent aus dem Produktionsprozess gequetscht werden muss, da ist kein Platz für Rücksichtnahme oder Menschlichkeit.

(Diesen Beitrag weiterlesen…)

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Dez
14
2012
2

Lesetipps: Wachstumskritik | Gnadenlos flexibel | Geldfreie Ökonomien | Unappetitliche Allianzen | Kartelle

© Marcus Sümnick, Wikipedia

Wirtschaftswachstum gilt in unserem System bekanntlich als sakrosankt – wer dieses und damit die dahinterstehende Wirtschaftsideologie kritisiert, sieht sich in der Regel sofort den Vorwürfen ausgesetzt, „zurück in die Steinzeit“ zu wollen. Dass ein materielles Wachstum diesen Planeten und die menschlichen Gesellschaften auf eine Katastrophe zusteuert, versuchen die arbeitsplatzfixierten Ökonomen und Politiker krampfhaft zu verdrängen. Was nur nichts nutzen wird. Es ist also Zeit für ein Umdenken. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist seit längerem einer dieser unbequemen Mahner, und er hat dem Tagesspiegel nun ein interessantes Interview gegeben – „Sehe ich aus wie ein Hippie?“:

(Diesen Beitrag weiterlesen…)

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Dez
07
2012
10

Goldman Sachs’ Einfluss auf Wirtschaft und Politik

© cempey, stock.xchng

Verschwörungstheorien gibt es vermutlich seit Menschen die Erde bevölkern und sich untertan machen. In Zeiten des Internets scheinen sie besonders aufzublühen, oder zumindest bekommt man sie einfacher und schneller mit. Mit zum Teil an Sekten erinnernder Hingabe wird da an ziemlich krauses, krudes und leider oft genug revisionistisch-rechtes Zeug geglaubt. New World Order, 9/11, Klimaskeptiker usw. usf., die Liste ließe sich noch lange fortführen, Ihr kennt den Kram sicher auch. Häufig wird auch eine Melange aus allem zusammen für die Wahrheit („truth“) genommen und vehement gegen alle Ungläubigen vertreten. Allerdings, und das macht den Reiz dieser VT sicher auch aus, gibt es auch immer Berührungspunkte zur eher „faktengestützen Realität“. Wer also alle diese Theorien als reines Hirngespinst von Fanatikern abtut, macht es sich eindeutig zu leicht, denke ich. Zumal, wenn es sich um die Geldhäuser dieser Welt dreht, wie z.B. Goldman Sachs.

(Diesen Beitrag weiterlesen…)

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Dez
05
2012
6

Subventionswahnsinn Regionalflughäfen

Es ist doch immer wieder rührend, wenn Politik und Wirtschaft vond en Segnungen des freien Marktes dozieren, diese Mechanismen aber mühelos vom Tisch gewischt werden können, sobald es darum geht, gewissen Branchen Vorteile zu verschaffen. Subventionen sind generell ein heikles Thema – aber vor allem dann, wenn es darum geht, umweltschädliche Branchen zu pampern. So geschehen seit vielen Jahren bei den Regionalflughäfen in Deutschland, wo Steuermilliarden fließen, damit Billigfluglinien Reisende dazu animieren können, möglichst oft irgendwohin zu fliegen; auf Kosten der Allgemeinheit. Am Beispiel von Ryan Air hatte ich über das Abgreifen von Subventionen (= dem Geld der Bürger) schon einmal geschildert (HIER), und nun berichtete Plusminus in „Subventionen für Regionalflughäfen: Billigflieger profitieren“ erneut über die generelle Schieflage in diesem Bereich. Man kann nur den Kopf schütteln…:

Sie heißen Easyjet oder Wizz Air, sogenannte Billigflieger. Seit einigen Jahren heben sie vom Flughafen Dortmund ab, zu Zielen in ganz Europa. Die Passagiere können sich freuen: Für sie ist Fliegen ein wahres Schnäppchen. In Dortmund jedenfalls sind die Fluggäste ganz begeistert: “Ich hab 27,99 bezahlt und find es wahnsinnig günstig. Das ist Hin- und Rückflugticket”, so eine Passagierin. Ein anderer Fluggast: “30 Euro habe ich bezahlt, da bin ich zufrieden.”

Flughafen macht dramatische Verluste

Dumm nur, dass der Flughafen Dortmund dabei massiv draufzahlt. Er machte im vergangenen Jahr 19,5 Millionen Euro Verlust. Geradestehen müssen dafür die Stadtwerke Dortmund, also die Stadt Dortmund und damit letztlich der Bürger. Rein rechnerisch zahlte jeder Dortmunder somit im vergangenen Jahr für die Verluste des Airports fast 34 Euro – das ist mehr, als ein günstiger Billigflug kostet.

Irgendwie irre: Denn trotz supergünstiger Tickets fliegen die Billigairlines auch noch hohe Gewinne ein. Könnte das mit den Verlusten des Flughafens zusammenhängen? Ja, meint zumindest die EU-Kommission. Sie wirft dem Flughafen Dortmund unzulässige Beihilfe zugunsten der Fluggesellschaften vor. Dortmund würde von den Airlines Gebühren verlangen, die unterhalb der tatsächlichen Kosten liegen. Das könnte sich der Flughafen nur leisten, weil die Stadtwerke die Verluste übernehmen. (…)

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Dez
02
2012
5

Lesetipps, Internet-Edition: 4 Sheriffs zensieren das Internet | Die Debatte ums Leistungsschutzrecht

© ilco, stock.xchng

© ilco, stock.xchng

In der sog. Netzgemeinde geht seit einer Weile ein neues Unwort um: das Leistungsschutzrecht oder #lsr (für die Twitteruser unter uns). In diese unselige Debatte, die von den großen Medienhäusern auf der einen und Google sowie Leuten mit Ahnung vom Netz auf der anderen Seite geführt wird, will ich mich gar nicht großartig einmischen, zu absurd, zu durchsichtig ist hier der Versuch von Verlagen & Co., das Rad der Geschichte zurückzudrehen und sich mit einer von Lügen gespickten Kampagne bei der schwarz-gelben Regierung ein ihnen genehmes Gesetz schreiben zu lassen. Wie schon beim antiquierten Urheberrecht, wo versucht wird, mit Gesetzen aus der Postkutschenzeit den Flugverkehr zu regeln, haben auch diesmal die Medienschaffenden in Deutschland den Schuss nicht gehört. Spannend ist auf jeden Fall, dass wir wieder einmal live & in Farbe auf breiter Front miterleben können, wie die mediale Propaganda des sog. „Qualitätsjournalismus“ funktioniert. Stefan Niggemeier seziert in seinem Blog die ganzen ans Peinliche grenzenden Versuche einiger Verlagsanstalten, Leser durch schiere Desinformation zu blenden. Besonders schön fand ich seinen Post von vorgestern „Zwischenstand im Presse-Limbo zum Leistungsschutzrecht“:

Das Wettrennen um die verlogenste, einseitigste, falscheste und irrste Berichterstattung in der deutschen Presse über das Leistungsschutzrecht ist noch im vollen Gang. Insofern wäre es voreilig, heute schon einen Gewinner küren zu wollen, selbst wenn man sich kaum vorstellen kann, dass die bisherigen Teilnehmer noch zu übertreffen sind.

Bis vorhin zum Beispiel dachte ich, dass der »Mannheimer Morgen« unmöglich einzuholen sein würde. Der hat einen Kommentar von Rudi Wais veröffentlicht, der auch in »Augsburger Allgemeiner«, »Main Post«, »Straubinger Tagblatt« und »Landshuter Zeitung« erschienen ist und mit den Worten beginnt:

Diesen Kommentar gibt es nicht umsonst.

Das ist ein Satz, der auf den ersten Blick nicht sehr spektakulär wirkt, es sei denn, man liest den Kommentar auf den Internetseiten von »Mannheimer Morgen«, »Augsburger Allgemeine« oder »Main Post«. Dort gibt es ihn umsonst.

Diesen Kommentar gibt es nicht umsonst. Unsere Leser bezahlen am Kiosk oder im Abonnement für ihre Zeitung — und unser Verlag bezahlt den Autor, der diesen Kommentar schreibt, das Papier, auf dem der nachts gedruckt wird, die Druckmaschinen und natürlich auch Fahrer und Zusteller, die die Zeitungen dann in aller Frühe ausliefern. Im Idealfall haben am Ende alle fünf etwas von diesem Kommentar: Leser, Verlag, Journalist, Fahrer und Zusteller. Sie leben mit der Zeitung oder von ihr. Nur Google will nicht bezahlen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber für mich verlieren diese Sätze ein bisschen ihre Überzeugungskraft dadurch, dass sie alle auf dem ersten Satz aufbauen, der so eindeutig falsch ist.

Wie übrigens auch der nächste:

Der amerikanische Internetriese sammelt Texte ohne Rücksicht auf Urheber– und Verlagsrechte in speziellen Nachrichtenportalen.

Nein. Was Google macht — Texte indizieren und mir kurzen Ausrissen verlinken — verstößt nicht gegen das Urheberrecht. Und wenn die Verlage es trotzdem nicht zulassen wollen, könnten sie es einfach verhindern, sogar ohne darauf verzichten zu müssen, über Google trotzdem gefunden zu werden. Die falsche Behauptung ist Teil der gezielten Desinformation der Leser durch die Verlage, was insofern ironisch ist, weil der Kommentator ein paar Sätze weiter schreibt, dass »unkundige Besucher« von Google »gezielt desinformiert« würden.

Der Kommentar endet mit den Worten:

Guter Journalismus kostet Geld — und deshalb darf ihn auch Google nicht umsonst bekommen.

Bevor Sie jetzt ein schlechtes Gewissen bekommen, falls Sie auf den Link geklickt und den Text umsonst gelesen haben: Keine Sorge. Es handelt sich ja nachweislich bei ihm nicht um »Guten Journalismus«. (…)

Dass der Bundestag die erste Lesung des Gesetzes, das natürlich von CDU und FDP mitgetragen wird (und auch in Teilen wohl von der gedanklich ebenfalls im Mittelalter feststeckenden SPD) spätnachts abhielt, wundert wohl keinen. Immerhin haben sich die Jugendorganisationen aller Parteien gegen dieses Schwachsinnsgesetz ausgesprochen – „Keine Einführung des Leistungsschutzrechts – gemeinsame Erklärung“ (Die Linke wurde hier, v.a. auf Betreiben der JU, außen vor gelassen, was einiges über das Demokratieverständnis im Lande sagt…)

(…) Derzeit stellen viele Verlage ihre Inhalte freiwillig kostenfrei und für jedermann zugänglich ins Netz. Sie tun dies, um öffentlich wahrgenommen zu werden und um Werbeeinnahmen zu generieren. Es gibt bereits jetzt die technischen Möglichkeiten, Inhalte im Netz dem Zugriff durch Suchmaschinen und News-Aggregatoren zu entziehen. Damit bleibt es den Verlagen unbenommen, den Zugriff und die Zugriffsbedingungen für ihre Inhalte zu steuern und auszugestalten. Eine Schutzlücke gibt es nicht. Es ist uns unbegreiflich, dass der Gesetzgeber der Argumentation der Verlegerverbände folgt, es müsse eine Lücke geschlossen werden.

Der Entwurf des Leistungsschutzrechts sieht die Pflicht zum Kauf von Lizenzen dann vor, wenn die Verlagsinhalte kommerziell genutzt werden. Unklar ist, wie mit den im Netz massenhaft vorhandenen Angeboten umgegangen werden soll, die nicht eindeutig als kommerziell oder privat zu werten sind – so etwa Blogs, die durch Werbung oder Micropayment-Dienste ebenfalls zu Erlösen führen können. Diese rechtliche Grauzone im Leistungsschutzrecht birgt für Bloggerinnen und Blogger sowie Nutzerinnen und Nutzer die Gefahr, von den Verlagen systematisch mit Klagen überzogen zu werden. Ein staatliches Eingreifen ist hier völlig unnötig und sogar schädlich.

Junge Union, Jusos, Grüne Jugend, Junge Liberale und Junge Piraten sind sich darin einig, dass dieser Eingriff in die freiheitliche Architektur des Internets nicht hinnehmbar ist. Es gibt keine Notwendigkeit für diese Innovationsbremse. Die Verlage müssen sich — wie andere Branchen auch — dem Strukturwandel stellen: Statt an analogen und nicht umsetzbaren Regelungen festzuhalten, sollten sie neue, an das Internet angepasste Geschäftsmodelle entwickeln. (…)

Traurig, dass die „gestandenen“ Politiker besagter Parteien oft so wenig Ahnung haben bzw. eben bewusst Wirtschaftsinteressen folgen. Was natürlich auch niemanden mehr wundert. Selbstredend hat es einen komischen Beigeschmack, dass man bei diesem Kampf gegen die Besitzstandswahrer in den Medienhäusern ausgerechnet mit Google in einem Boot sitzt, also einem Großkonzern, dessen Macht im Netz erklecklich ist und weidlich ausgenutzt wird. Die Zeit brachte vor  einiger Zeit einen höchst lesenswerten und erschreckenden Artikel über den Einfluss der vier großen Internetfirmen Apple, Google, Facebook und Amazon, die jede auf ihre Art für eine gefilterte Wahrnehmung der Welt sorgen – „Vier Sheriffs zensieren das Internet“. Lest Euch den Beitrag bitte in Gänze durch (geht über vier Seiten), es lohnt sich!

(…) Facebooks Schnüffelei ist nur ein Fall von vielen, in denen führende Konzerne den Internetnutzern mit fragwürdigen Methoden ihre Regeln aufzwingen. Etwa zeitgleich verweigerte Apple die Freigabe für ein satirisches Spiel, das Frederic Jacobs aus San Francisco für das iPhone programmiert hat. Es heißt Angry Syrians und kritisiert in bunter Comic-Optik das brutale Regime von Präsident Baschar al-Assad. Warum es bei Apple nicht erscheinen durfte? Weil es angeblich »diffamierend oder beleidigend« gewesen sei, berichtet der Programmierer.

Apple unterdrückt eine politische Meinungsäußerung. Wie oft wohl noch?

Oder Amazon: nahm Anfang Juni das Schwarzbuch WWF vorübergehend aus dem Programm. Der Autor Wilfried Huismann warf darin der Umweltorganisation große Nähe zur Industrie vor, ein juristischer Streit zeichnete sich ab. Amazon verbannte das Buch, noch bevor die Richter die Vorwürfe beurteilten. Aber bedeutet das angesichts der Marktmacht von Amazon nicht, dass faktisch ein einzelner Konzern im Wesentlichen entscheidet, was gelesen wird?

Oder Google: filtert die Ergebnisse seiner Suchmaschine weltweit mal nach politischen Vorgaben, mal nach unterstellten persönlichen Interessen der Nutzer. Jedenfalls nicht immer so neutral, wie es das schlichte Weiß der Internetseite suggeriert. (…)

Auch Jens Berger hatte sich auf den NachDenkSeiten gerade mit dem Thema befasst – „Facebook und die Zensur“:

Als die NachDenkSeiten-Unterstützerin Margareth Gorges vor wenigen Tagen Wolfgang Liebs Kommentar zur Wahl Katrin Göring-Eckardts auf die Facebook-Wall der Grünen postete, staunte sie nicht schlecht – kurze Zeit später war nicht nur ihr Post verschwunden, Frau Gorges wurde vielmehr von Facebook mitgeteilt, dass sie die nächsten 60 Tage nicht mehr auf die Walls anderer Nutzer schreiben darf und sie im Wiederholungsfall ganz vom Facebook-Angebot ausgesperrt wird. Man könnte dies als Lappalie abtun, schließlich besagt ein Facebook-Verbot „nur“, dass man die Seiten dieses Konzerns nicht mehr wie gewohnt nutzen kann. Wäre da nicht der Medienwandel – einige wenige große und gänzlich intransparente Konzerne beherrschen das Internet und bestimmen, welche Inhalte Nutzer zu sehen bekommen und welche Nutzer für andere sichtbar sind. Zensur gehört dabei nicht nur zur Tagesordnung, sondern auch zum Geschäftsmodell. (…)

Den Grünen kann man im konkreten Fall noch nicht einmal einen Vorwurf machen. Natürlich entscheidet jeder Facebook-Nutzer selbst, was auf „seiner“ Wall steht. Auch die NachDenkSeiten löschen (in seltenen Fällen) Nutzerkommentare auf ihrer Facebook-Seite, die beispielsweise einen fremdenfeindlichen Inhalt haben. Für die „Hygiene“ seiner Seite ist jeder Nutzer selbst verantwortlich. Facebook erlaubt seinen Nutzern sogar, anderen Nutzern das Posten auf der eigenen Seite generell zu verbieten. Wer dies wünscht, kann diese Option wählen. Nicht hinzunehmen ist jedoch, dass andere Nutzer vom Netzwerkbetreiber global gesperrt werden, wenn ein Nutzer der Ansicht ist, dass die betreffenden Kommentare inhaltlich „belanglos“ seien. Einem Redakteur einer Zeitung steht es beispielsweise frei, einen Leserbrief nicht zu veröffentlichen, wenn er den Inhalt für belanglos hält. Dies führt im analogen Leben jedoch nicht dazu, dass die Post 60 Tage lang keine Briefe des betreffenden Leserbriefschreibers mehr befördert. Im Netz gelten hier offenbar andere Regeln. (…)

Noch ein Nachtrag – Thomas Stadler schreibt auf Carta etwas über die erstaunliche Subjektivität der Medienberichterstattung über das Leistungsschutzrecht: „Beim Urheberrecht endet offenbar die redaktionelle Unabhängigkeit“:

(…) Aktuell lässt sich in den klassischen Zeitungsmedien erneut eine fast durchgehend einseitige Berichterstattung über das geplante Leistungsschutzrecht für Presseerzeugnisse feststellen. Zu einer ausgewogenen Berichterstattung würde es beispielsweise gehören, zumindest zu erwähnen, dass die Rechtswissenschaft das Leistungsschutzrecht – in seltener Einigkeit – ablehnt. Zu einer ausgewogenen Berichterstattung würde es zudem gehören, nicht nur den Lobbyismus von Google anzuprangern, sondern in gleichem Maße den Verlagslobbyismus zu hinterfragen, der dieses Gesetzgebungsvorhaben überhaupt erst auf den Weg gebracht hat. All das passiert aber nicht, oder bestenfalls unzureichend.

Man kann also ohne Weiteres konstatieren, dass bei diesem Thema eine objektive Berichterstattung schlicht nicht stattfindet. Stattdessen erleben wir Kampagnenjournalimus, der von Verlegerinteressen geleitet wird. Ob die Verlage unmittelbar Einfluss auf die Redaktionen nehmen, oder es sich um eine Form von vorauseilendem Gehorsam handelt, ist letztlich von untergeordneter Bedeutung, denn das Ergebnis bleibt dasselbe. (…)

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Nov
27
2012
2

Arztpraxen als Profitcenter

Es hat schon was Perverses, wenn man sieht, wie auch das Gesundheitssystem im Laufe der Jahre immer mehr den Gesetzen des sog. „freien Marktes“ unterworfen wurde und somit die gleichen Gesetzmäßigkeiten von Kostensenkungen und Profitoptimierung gelten. Vor einer Weile berichtete Plusminus über eine neue perfide Idee windiger Geschäftemacher – „Arztbesuch: Lukrative Patienten“. Kunden (früher hießen sie „Patienten“) werden also auf daraufhin durchleuchtet, wieviel Geld der Arzt aus ihnen herauspressen kann und dann dementsprechend behandelt (oder abgewiesen).

Wie viel Geld hat der Patient, der auf dem Behandlungsstuhl sitzt? Lohnt es sich, ihm teure IGeL-Leistungen zu verkaufen? plusminus ist auf Software gestoßen, die den Ärzten diese Fragen beantwortet.

Mit spezieller Software können Ärzte die Bonität ihrer Patienten abfragen. Offiziell soll sie helfen, Arztpraxen vor Zahlungsausfällen zu bewahren. Unbezahlte Rechnungen und Mahnverfahren können einen Praxisinhaber langfristig stark belasten.

plusminus konnte einige der Systeme testen. Das Ergebnis bei allen Systemen: Innerhalb von Sekunden kann die Bonität von Patienten abgefragt werden. Der Arzt benötigt dazu lediglich den Name, die Adresse und das Geburtsdatum des Patienten. Die Einstufung wird zum Beispiel durch Ampelsymbole dargestellt: rot heißt, der Patient hat eine schlechte Bonität und ist bei Geldgeschäften auffällig geworden, grün bedeutet, dass alles okay ist.

Für viele Praxen kann das eine gewinnbringende Auskunft sein, denn sie können Patienten mit guter Bonität intensiver und gezielter über sogenannte IGeL-Angebote beraten. Für solche individuellen Gesundheitsleistungen und Zusatzbehandlungen wurden im vergangenen Jahr immerhin rund 1,5 Milliarden Euro ausgegeben.

 

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Nov
23
2012
5

Starbucks, Google & Co. – die schmarotzenden Großkonzerne

So, bevor der Blutdruck zum Wochenende hin gar zu tief in den Keller sackt, hier ein kleiner Aufreger aus der ARD-Sendung Monitor, um das Blut wieder in Wallung zu bringen – „Google, Starbucks & Co.: Milliardengewinne fast steuerfrei“. Natürlich ist es für regelmäßige Leser meines Blogs nichts wirklich Neues, zu erfahren, dass die großen Unternehmen ihre Gewinne auf Kosten der Allgemeinheit machen und ihre Marktmacht durch politisches Zutun (oder zumindest politisches Nichtstun) weiter wächst, zum Schaden kleinerer Anbieter. Ich denke da nicht nur an die obskuren, ausschließlich der Steuervermeidung dienenden Firmenkonstruktionen bei Aldi & Lidl, sondern z.B. auch an Ikea.

Internationale Unternehmen wie Starbucks, Google, Facebook oder Apple machen in wohlhabenden Ländern wie Deutschland Milliardenumsätze – doch Steuern zahlen sie darauf kaum. Mit legalen Tricks verlagern sie ihre Gewinne statt dessen in Länder mit niedrigen Steuersätzen. So machte Google 2010 international einen Gewinn von 5,8 Mrd. Dollar und zahlte darauf nur 3% Steuern. Bei anderen Unternehmen sieht es ähnlich aus. Die EU könnte nur mit Zustimmung aller Mitgliedsstaaten dagegen vorgehen. Doch weil einige EU-Länder selbst von dem System profitieren, gilt das als sehr unwahrscheinlich. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hat trotzdem kämpferisch verkündet, gegen diese Steuertricks vorzugehen. Was er verschweigt: In Deutschland ermöglicht es die Regierung den Konzernen, ihre Steuerzahlungen geheim zu halten – so dass die Öffentlichkeit die schlechte Steuermoral vieler Konzerne in Deutschland nicht nachvollziehen kann

P.S.: Und denkt dran, dieses Wochenende ist Buy Nothing Day – der perfekte Anlass, von obigen Firmen schon mal nichts zu kaufen.

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Nov
04
2012
2

Irreführende Gütesiegel – Täuschen & Tricksen der Industrie

Mittlerweile sollten wir es ja gewohnt sein, dass uns die Lebensmittelindustrie mit immer neuen Tricks und Kniffen hinters Licht zu führen versucht. Da werden Inhaltsmengen bei gleicher äußerlicher Verpackungsgröße schrittweise verkleinert, da werde gute Zutaten durch billigere ersetzt, es wird mit künstlichen Aromastoffen, Geschmacksverstärkern und vielem mehr hantiert, immer auf der Suche nach dem Weg, den Verbraucher maximal auszunehmen. (Langfristige) gesundheitliche Aspekte spielen in den Überlegungen der Unternehmen offenbar keine Rolle, wie auch foodwatch immer wieder aufdeckt.

(Diesen Beitrag weiterlesen…)

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Okt
28
2012
1

Für eine plurale VWL

Ab und an stimme ich hier im Blog ja auch mein Klagelied darüber an, dass die sog. Wirtschafts„wissenschaften“ VWL & BWL letztlich nur eine einseitige ideologische Zurichtung junger Menschen auf den neoliberalen Marktkampf darstellen und keineswegs eine kritische Auseinandersetzung mit herrschenden Dogmen fördern. Das war bereits zu meiner Zeit an der Uni so, und das hat sich bis heute, „Dank“ Bachelor etc. nicht verbessert. Darum wundert es mich auch nicht, dass es inzwischen vermehrt Versuche gibt, VWL aus dieser Sackgasse herauszubringen. Wie die Aktion „Netzwerk Plurale Ökonomik“:

Das Netzwerk Plurale Ökonomik ist ein Zusammenschluss von Initiativen, die sich für eine Veränderung innerhalb der Volkswirtschaftslehre einsetzen. Der gemeinsame Nenner ist der offene Brief, der die Notwendigkeit einer Neugestaltung der Volkswirtschaftslehre unter den Vorzeichen von Theorien- und Methodenvielfalt sowie Selbstreflexion verdeutlicht.

Mittel zur Erreichung dieses Zieles

  • Offener Brief sowie systematische Überprüfung der Forderungen an einzelnen Universitäten
  • Multiplikation erfolgreicher Veranstaltungen der Netzwerkmitglieder, z.B.: Vorlesungen, Seminare, Vortragsreihen, Kongresse
  • Entwicklung alternativer Lehrmodule
  • Aufbau und einer gemeinsamen Literatur- und Materialsammlung
  • Ausbau der derzeitigen Homepage, z.B. Überblickskarte existierender Gruppen und plurale Studiengänge
  • Regelmäßige Treffen
  • Erweiterung des Netzwerkes durch neue Mitglieder

Der vorherrschende Modellplatonismus, mangelnde Selbstreflexion und fehlende Methoden- und Theorienvielfalt haben nicht nur unser Fach in eine Sackgasse geführt: die Einseitigkeit ökonomischen Denkens trägt auch zur anhaltenden Wirtschaftskrise und der damit einhergehenden Perspektivlosigkeit bei. Mit dem offenen Brief wollen wir, Studierende und Lehrende der Volkswirtschaftslehre, auf den alarmierenden Zustand unseres Faches aufmerksam machen und konstruktiv an der Neugestaltung der Volkswirtschaftslehre mitwirken.

Dazu passt auch der Beitrag von ZDF info über den beklagenswerten Zustand der VWL (man muss schon staunen, dass es wirklich Leute gibt, die glauben, eine komplexe Gesellschaft mit Hilfe von Formeln erfassen zu können). Inwieweit die Wirtschafts„wissenschaften“ zu retten sind und ob sie nicht Teil des Problems sind, das sie zu bekämofen vorgeben, ist eine spannende Frage:

 

Verwandte Beiträge:

Drucken Drucken
Kommentare: 1 | Gesellschaft,Wirtschaft | Schlagwörter: , , , , , |

Konsumpf 2008 - Powered by WordPress | Aeros Theme | TheBuckmaker.com WordPress Themes