Jul
23
2010

Nie mehr Müll – Leben ohne Abfall

Eines der vielen Problem unseres auf Verschwendung und Konsum aufbauenden Wirtschaftssystems liegt bekanntlich im Ressourcenverbrauch und dem Anfallk von Müll und Gift als Beiwerk der Produktion. Darüber, wie dies auch anders gehen muss, macht sich Prof. Dr. Michael Braungart im Rahmen seines Cradle-to-Cradle-Konzepts seit vielen Jahren Gedanken. Er plädiert für einen grundlegend anderen Ansatz beim Umgang mit Rohstoffen – es gibt keinen Abfall mehr,  sondern alles wird einer Wiederverwertung, einer Kreislaufwirtschaft zugeführt. Teppiche, die die Luft reinigen statt sie mit Giften zu belasten, Häuser, die ihre eigene Energie erzeugen und CO2 aus der Atmosphäre binden, dies alles sind Teile seiner Vision, die mittlerweile von immer mehr Firmen umgesetzt wird. Neben dem Umweltaspekt ist für diese Unternehmen vor allem der wirtschaftlcihe Aspekt von Belang, da diese neuen Materialien und Produktionsprozesse letztlich günstiger sind, weil man sich keine Gedanken mehr über Müll- und Schadstoffentsorgung machen muss. Siehe dazu z.B. meinen Beitrag aus dem Jahre 2009: „Prof. Dr. Michael Braungart über Nachhaltigkeit und Cradle-to-Cradle“ bzw. die Erläuterungen von Braungarts EPEA GmbH:

Cradle to Cradle® kennt – wie die Natur – keinen Abfall, keinen Verzicht und keine Einschränkungen. Über biologische und technische Nährstoffkreisläufe werden die richtigen Materialien zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort eingesetzt. Am Ende steht immer eine bessere Qualität.

Die Produktionsweise „Von der Wiege zur Wiege“ (Cradle to Cradle) steht hierbei im direkten Gegensatz zu dem Modell „Von der Wiege zur Bahre“ (Cradle to Grave), in dem Materialströme häufig ohne Rücksicht auf Ressourcenerhaltung errichtet werden. Anstatt die linearen Stoffströme heutiger Produkte und Produktionsweisen zu verringern, sieht das Cradle to Cradle®-Design Konzept deren Umgestaltung in zyklische Nährstoffkreisläufe vor, so dass einmal geschöpfte Werte für Mensch und Umwelt erhalten bleiben.

Der WDR brachte im Februar eine hochinteressante Dokumentation mit dem Titel „Nie mehr Müll – leben ohne Abfall“, die Cradle-to-Cradle und den aktuellen Stand der Umsetzung dieser Ideen darstellt [via Lilly Green]:

Teppiche, Möbel, Kleidung, Farben, Kühlschränke, Elektro-Geräte und sogar Fenster sind nach den neuen Herstellungsmethoden in den letzten Jahren entstanden. Michael Braungart ist in der Industrie ein gefragter Berater. Gerade weil dort gesehen wird, wie sehr sich die Rohstoffpreise verteuern und wie groß die Abhängigkeit von Staaten wie China und Indien ist. Sie wollen möglichst viele Rohstoffe, wie z.B. Kupfer wiederverwerten. Bisher verschwindet davon immer noch ein großer Teil in den Müllverbrennungsanlagen.

die story zeigt, was cradle to cradle will. Sie folgt den Spuren von Michael Braungart, der weltweit bei vielen Projekten engagiert ist, und sie beschreibt die Schwierigkeiten auf die cradle to cradle bei deutschen Politikern trifft.

Nie mehr Müll – Leben ohne Abfall from Lilli Green on Vimeo.

So faszinierend dieses Konzept auch ist, so verdeutlicht die Doku jedoch nicht zuletzt aber auch ein Problem, das wohl nicht nur ich mit Braungarts Auftreten habe: er wirkt so wie all jene Ingenieure, die seit Jahrzehnten daran glauben, dass man mit technischem Fortschritt alleine alle Probleme der Welt lösen könne. Denn Rohstoffverschwendung und Gifterzeugung sind nur ein Teil des Sorgenpakets, dass der Kapitalismus uns allen aufbürdet. Die soziale Komponente, die Gefahren, die durch die stetig wachsende Marktmacht einiger weniger Unternehmen ausgelöst werden, ebenso die psychologischen/monetären Nachteile des Konsumismus, all dies wird bei Braungart scheinbar ausgeblendet – solange die Produktionsmaterialien nur einen Kreislauf bilden, sei alles gut. Natürlich ist das etwas verkürzt und auch etwas gemein von mir formuliert, aber dennoch denke ich, dass C2C nur ein Teil von möglichen Zukunftskonzepten sein kann – die Überwindung des auf Kommerz und Profitmaximierung ausgerichteten wirtschaftlichen Strebens und Lebens ist aber nicht minder wichtig. So sieht es auch ein Kommentator im eben erwähnten Lilly Green-Blog:

[...] Die Aussage, dass eine Beschränkung des Konsums durch Cardle to Cradle unnötig sei, ist zudem schlicht falsch. Auf einem begrenzten Planeten ist per Definition auch die Menge der in Kreisläufen nutzbaren Ressourcen begrenzt.

Darüber hinaus vernachlässigt Braungart bei seinen Vorzeigeprojekten oft die Rohstoffgewinnung und fokussiert dafür auf die Nachnutzungsphase. Ein verlustfrei recyclingfähiger Erdöl-Kunststoff stellt bei der Erdölförderung noch immer eine starke Umweltbeeinträchtigung dar und sollte daher nicht in größeren Mengen als unbedingt nötig hergestellt werden. [...]

[...] Dass “Cradle to Cradle” in Deutschland nicht unhinterfragt gehypt wird, finde ich sehr beruhigend. Durch die von Braungart gerne als miesepetrig und rückwertsgewand gescholtene Umweltbewegung ist hier einfach bei vielen Akteuren ein Wissen vorhanden, dass die blinden Flecken in Braungarts Darstellungen entlarvt und den Neuheitswert seines Konzepts relativiert. [...]

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8 Kommentare »

  • Jacob

    Sehr guter Beitrag. Hab die Doku auch gesehen und teile Deine Bedenken. Finde den Herrn auch nicht so sympathisch. Cradle2Cradle kann nur ein Baustein und nicht die Lösung eines Systemwechsels sein.

    Comment | 23. Juli 2010
  • Konsum in der heutigen Form ist immer schädlich…..

    Comment | 24. Juli 2010
  • merci, dass du meinen Kommentar mitpostest :)

    Hatte ja gehofft, dass bei lilli ne Diskussion zu meiner Kritik entsteht, aber leider ist niemand drauf eingestiegen. Vielleicht jetzt hier? Ich würde mich freuen!

    Braungart gelingt es leider super LOHASen und andere Neo-Grüne von der technischen Lösbarkeit aller negativen ökologischen Folgen des Wachstumszwangs und Hochkonsums unserer Wirtschaftsordnung zu überzeugen. Die Notwendigkeit einer anderen Wirtschaftsstruktur ist ja sonst gerade privilegierten Bildungsbürgern oft eher über die Öko-Schiene als über die soziale Problematik nahezubringen. Doch Braungarts Verschwendungsbegeisterung und Umweltbewegungsbashing verschleiern die eigentlichen Ursachen der ökologischen Krisen.

    Comment | 25. Juli 2010
  • @ Lars: ja, danke für Deinen Kommentar bei lilli – ich dachte schon, dass ich mit meiner etwas skeptischen Haltung zu dem, was Braungart da vollmundig propagiert, ganz alleine dastehe. Ich finde seine Ideen ja wirklich faszinierend und sicherlich würde die Umstellung der Produktion auf Cradle-to-Cradle Umweltverschmutzung und Ressourcenausbeutung bremsen. Aber dennoch ist es schon so, wie Du auch schreibst, dass er letztlich den LOHAS das Wort redet, die denken, dass man eigentlich einfach so weitermachen könne wie bisher, wenn man eben nur den Konsum und die Produktion etwas verträglicher macht. Gerade das im Film auch genannte Beispiel von Nike macht ja eins deutlich: auch mit C2C wird sich an den miesen Produktionsbedingungen, der Ausbeutung ärmerer Länder usw. nichts ändern, denn Nike steht ja nun sinnbildlich für die Produktionsverlagerung in Sweatshops und dem Aufbau eines bloßen Images bzw. dem Verkauf überteuerter Markenklamotten, deren Herstellung kaum einen Dollar fuffzich gekostet hat. Wenn Braungart mit seiner Firma so einem Unternehmen wie Nike hilft, sich ein grünes Feigenblatt umzuhängen oder eben auch Rohstoffe zu sparen, wird das die grundlegenden Probleme nicht beheben…

    Comment | 25. Juli 2010
  • Tine

    Ich habe mich schon eine ganze Weile mit dem Cradle to Cradle-Prinzip auseinandergesetzt und kann euer Bedenken und Einwände nicht teilen. Ich muss allerdings dazu sagen, dass der Film sicherlich nur einen kleinen Einblick in die Thematik gibt, aber liest man beispielsweise das Buch “Einfach intelligent produzieren” oder “Die nächste industielle Revolution”, wird schnell deutlich, dass Cardle to Cradle nicht nur darauf abzielt, Produkte zu verbessern – und zwar dahingehend, dass Sie für den Menschen nicht gesunheitsschädlich sind und Alternativen zu den endlichen Ressourcen gefunden werden. Außerdem sollen natürlich die Menschen, die für die Produktfertigung zuständig sind ebenso keinerlei negativen bzw. gesundheitsschädlichen oder menschenunwürdigen Bedingungen gegenüberstehen! Die drei Säulen des Cradle to Cradle-Prinzips sind: Abfall=Nahrung, Ausschließliche Nutzung erneuerbarer Energien, Förderung der Diversität.
    Das was die Menschen heute unter “Nachhaltigkeit” verstehen, ist lediglich ökoeffizient. Dinge werden richtig gemacht, aber das ist keine Lösung, die sich zukünftig halten kann, denn irgendwann sind die endlichen Ressourcen aufgebraucht, auch wenn wir dies durch effizienten Einsatz herauszögern. Die Lösung ist, die richtigen Dinge zu tun! Die Lösung ist Effektivität! Die Lösung ist Cradle to Cradle!

    Comment | 26. Juli 2010
  • Hm, also wenn ich “… DIE Lösung ist…” lese, werde ich schon mal skeptisch. Die Vielzahl an Problemen, die unser System mit sich bringt, lässt sich kaum nur durch eine “Lösung” angehen, und Effektivität ist sicher nicht der einzig wahre Ausweg. Wie schon gesagt wird die soziale Komponente und die von Marktmacht, Ausbeutung usw. hier komplett ausgeblendet.

    Comment | 26. Juli 2010
  • @Tine: Ich kritisiere ja auch nicht das Konzept der Öko-Effektivität. Tatsächlich ist ein wirklich nachhaltiges Produkt zwangsläufig Öko-Effektiv, also so produziert, dass es nach der Nutzung in einen natürlichen oder technischen Kreislauf überführt werden kann.

    Was ich kritisiere ist Braungarts schlicht falsche Behauptung, dass es bei Produktion nach Cradle to Cradle keinen Bedarf an Effizienz und Suffizienz (Besinnung auf das Grundlegende/Verzicht auf Überfluss) gäbe sowie Verschwendung möglich sei.
    Wie oben zitiert: “Auf einem begrenzten Planeten ist per Definition auch die Menge der in Kreisläufen (also öko-effektiv) nutzbaren Ressourcen begrenzt.”

    Ich habe “Einfach intelligent Produzieren” und auch andere Veröffentlichung von Braungart gelesen und diverse Vorträge von ihm im Netz angeschaut. Er negiert Wachstumskritik, kann an Konkurrenzwirtschaft nichts schlechtes finden und um soziale Gerechtigkeit ist er auch nicht bemüht. Da ist es auch kein Wunder, dass er glaubt mit “seinem” Konzept seien alle Nachhaltigkeits-Probleme gelöst.

    Wenn die Menschen im globalen Süden zu anständigen Löhnen und Bedingungen arbeiten würden und dann auch anfangen schön verschwenderisch massenhaft auch noch so öko-effektive Produkte nachzufragen, dann geht seine Vision von unbegrenztem Konsum nicht auf. Der funktioniert nur, wenn er sich auf eine kleine globale Elite beschränkt.

    Was mich auch stört ist, dass Herr Braungart den Anschein erweckt, Cradle to Cradle wäre seine Erfindung. Er hat nur ein neues Wort für etwas erfunden, was es schon gab bevor er sich überhaupt mir Industrieökologie beschäftigt hat. Seine abfälligen Bemerkungen zu anderen Umweltwissenschaftlern und Umweltaktivisten, die einen Dreiklang auf Öko-Effektivität, Öko-Effizienz und Suffizienz vertreten, sind einfach nur daneben.

    Comment | 26. Juli 2010
  • tordis

    was mir auch ein bisschen fehlt ist: woher kommt die energie, die zum recycling und zur herstellung gebraucht wird? was passiert mit
    den geräten zur energieherstellung?
    bei verrottbaren sachen denk ich sofort an “plastik” aus maisstärke. verrottbar heißt für mich, dass nahrungsmittelressourcen angezapft werden. ausbeuterische landwirtschaft wird um der plastikflaschen willen fortgeführt?

    und ich sehe ja in energie und mobilität die größte herausforderung – auch und vor allem in bezug zu konsum und warenproduktion.

    es ist schon klar, dass man durch das recyclen deutlich weniger herstellen muss, aber das würde durch die von braungart gepredigte verschwendung mit links wieder wettgemacht.

    dieses cradle to cradle finde ich im grunde ein gutes konzept, aber ich bin genauso wie ihr vorposter der meinung, dass es zu kurz greift und noch weiterentwickelt werden muss. so dass es auch tatsächlich nachhaltig ist.

    Comment | 27. Juli 2010

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