Sep
17
2013

Zeitbombe Steuerflucht – Wann kippt das System?

Vor einigen Monaten hatte ich hier in meinem Blog schon einmal eine Dokumentation empfohlen, in der es um das Thema Steuerflucht bzw., höflicher formuliert, „Steuervermeidung“ oder „Steuerminimierung“ insbesondere der großen international tätigen Konzerne ging („Flucht in die Karibik“). Denn während die Firmen von der Infrastruktur und allen anderen Vorteilen, die die Gesellschaften ihnen zur Verfügung stellen, profitieren, versuchen sie gleichzeitig alles, so wenig Geld wie möglich wieder zurückzugeben. Dieses Schmarotzer-Prinzip praktizieren nicht nur die Discounter wie Aldi oder Lidl seit Jahrzehnten, sondern vermehrt alle Unternehmen – vor allem börsennotierte, die ihren Aktionären und damit den Aktienkursen verpflichtet sind. Gleichzeitig – und das ist das Perfide, das mich selbst auch seit langem stört und was mit einer der Gründe war, diesen Blog hier ins Leben zu rufen – spielen sich die selben Firmen, die ihre Gelder minimal versteuert in irgendwelche sogenannten Steueroasen verschiffen, als große, tolle Gönner auf, gaukeln den Menschen in ihrer Reklame eine heile Welt vor und suggerieren, dass sie sich tatsächlich um die Menschen scheren würden. Am Arsch, wie man in gewissen Kreisen sagen würde.

Dass dieses System nicht ewig so weitergehen kann, sollte eigentlich jedem klar sein, der Eins und Eins zusammen zählen kann. Leider besteht die unbestechliche „Logik“ des neoliberalen, markthörigen Denkens in einer erschreckenden Kurzsichtigkeit und neigt dazu, davon auszugehen, dass alles immer so weitergehen könnte und würde. Die Optimierung des Eigennutzes der Konzerne wird früher oder später zu einem Ausbluten und Implodieren sozialer Systeme führen – wie ein Krebsgeschwür zerstören die Firmen damit aber am Ende auch sich selbst. Dass das keineswegs nur düstere Hirnegspinste meinerseits sind, sondern reale Gefahren, hat auch die aktuelle ARTE-Dokumentation „Zeitbombe Steuerflucht – Wann kippt das System?“ eindringlich gezeigt. An all das sollte man denken, bevor man das nächste Mal im Supermarkt wieder leichtfertig ein Produkt eines multinationalen Konzerns in seinen Einkaufskorb wandern lässt… Übrigens sind die Rundfunk- & Fernsehgebühren für solche Sendungen mal ausnahmsweise sehr gut angelegt!

Internationale Konzerne können Milliardengewinne erwirtschaften, ohne Steuern zahlen zu müssen. Wohlhabende Bürger wiederum bringen ihre Reichtümer mit Hilfe des Schweizer Bankgeheimnisses oder durch in Jersey ansässige Firmen vor dem Fiskus in Sicherheit. Finanzexperte und Journalist Xavier Harel bietet einen fesselnden Einblick in den Wirtschaftszweig Steuerflucht. Er enthüllt Steuersparmodelle, reist in Steuerparadiese und deckt den Zynismus der Banken auf.

WANN KIPPT DAS SYSTEM? Gerade erst mit dem Geld der Steuerzahler gerettet, erarbeiten die Banken neue Strategien, um ihren reichen Kunden die Steuerhinterziehung zu ermöglichen. Die Entlarvung von Steuerflüchtlingen wie Amazon und Total macht begreiflich, wie die tiefen Löcher in Europas Staatskassen entstehen konnten.

Man stelle sich vor, ein jeder könnte selbst entscheiden, ob er Steuern zahlen will, und trotzdem die von der Allgemeinheit finanzierten, sozialstaatlichen Dienstleistungen (Gesundheit, Bildung, Sicherheit, öffentlicher Nahverkehr usw.) in Anspruch nehmen. Das ist keine Utopie – es ist heute Realität.

Internationale Konzerne können Milliardengewinne erwirtschaften, ohne einen einzigen Euro Steuern zahlen zu müssen. Wohlhabende Steuerzahler wiederum bringen den Großteil ihrer Reichtümer mit Hilfe des Schweizer Bankgeheimnisses oder durch in Jersey ansässige Firmen vor dem Fiskus in Sicherheit.

Ganze Staaten drohen inzwischen aufgrund der immer umfangreicher werdenden Steuerflucht zusammenzubrechen. Schätzungsweise 20 bis 30 Billionen Dollar werden jedes Jahr in Steuerparadiesen versteckt. Dies entspricht zwei Dritteln der weltweiten Schulden.

Der französische Finanzexperte, Journalist und Autor Xavier Harel bietet einen faszinierenden, lehrreichen Einblick in den Wirtschaftszweig Steuerflucht. Er reist dafür auf die Cayman-Inseln, ins amerikanische Delaware, nach Jersey, in die Schweiz und nach Großbritannien.

Mit einer Prise Humor enthüllt Harel die meisterhaft erdachten Steuersparmodelle von Colgate, Amazon und Total und stellt auch die großen Beratungsfirmen wie KPMG, Ernst & Young sowie PricewaterhouseCoopers für ihre Mithilfe bei der Plünderung der Gesellschaft an den Pranger.

Zuletzt zeigt er den unglaublichen Zynismus von Banken wie UBS oder BNP auf. Gerade erst mit dem Geld der Steuerzahler gerettet, helfen sie ihren gut betuchten Kunden weiterhin dabei, ihre Reichtümer am Fiskus vorbeizuschleusen. Doch die Steuerflucht hat ihren Preis. In Griechenland zeigt Xavier Harel, wie ein europäisches Land Pleite ging, weil es nicht in der Lage war, Steuern einzutreiben. Und alle Länder sind vom Bankrott bedroht, wenn es nicht gelingt, den ungeheuerlichen Privilegien der Konzerne und reichen Steuersündern Einhalt zu gebieten.


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8 Kommentare »

  • Nun das kann ich ja nur hoffen, das “System” kippt bald. Daher meine freundliche Aufforderung, “vermeiden Sie Steuerzahlungen so gut Sie können”.

    Es wird Ihnen besser gehen wenn Sie nicht die Hälfte Ihre Einkommens gerade beim Staat abzuliefern haben… Also fragen Sie Ihren Steuerberater und lernen Sie nein zu sagen. Nein zu immer neuen Steuerforderungen.

    Schmarotzer sind nicht diejenigen die Ihre Eigentum behalten wollen sondern diejenigen die sich ungerechtfertigt daran vergreifen.

    Comment | 17. September 2013
  • die Doku wollte ich bereits letzte Woche gucken … diese Woche sollte ich’s schaffen

    hatte gestern zufällig was von attac zum Thema gelesen … dies wird hier zusammengefasst aber auch ausführlich erklärt:
    - http://www.attac.de/aktuell/konzernbesteuerung/startseite/
    sowie folgende Seite (rechte Navigations-Buttons)

    den Forderungen von Attac (z.B. unitary taxation etc.) kann ich mich nur anschließen

    Comment | 17. September 2013
  • Korrektur: “folgende Seiten (linke Navigations-Buttons)”

    Comment | 17. September 2013
  • Sempfer

    Vielen Dank für den Artikel. Die ARD hat übrigens dazu vor ein paar Wochen auch einen Bericht gesendet:

    http://www.youtube.com/watch?v=F2wXpur2EZ8

    Dort ist auch ein brisantes Detail ab Minute 41:03 zu sehen: Das Wirtschaftsministerium hat letztes Jahr eine transparentere EU-Steuerpolitik mit eindeutigen Weisungen verhindert.

    Comment | 17. September 2013
  • Alle Steuern abschaffen, dann gibs auch keine Steuerflüchtlinge mehr.

    Comment | 17. September 2013
  • Elke

    Was wir brauchen ist einen viel schlankeren Staat. Aber wie man heute wieder in den deutschen-wirtschafts-nachrichten.de lesen kann, soll das Gegenteil der Fall werden.

    Gerade wir in Deutschland haben die höchsten Steuereinnahmen aller Zeiten und das Geld reicht nicht. Warum wohl? Wir können es uns nicht leisten die zahlreichen Pleitestaaten der EU auf Dauer zu finanzieren. Der Euro ist der größte Fehler in der ökonomischen Geschichte der Menschheit.

    ALLEN Bürgern aller beteiligten Länder ginge es ohne Euro besser. One Size fits all funktioniert nicht. Eine Einheitswährung macht nur Sinn, wenn die beteiligten Länder auf dem gleichen Wirtschaftslevel sind. Das wird zwischen den Club Med Ländern und den Nordstaaten aber für die nächsten 50 Jahre nicht gelten.

    Um die Fehler nicht eingestehen zu müssen, versucht die Politik mit Neidsteuern die Leute an die Wahlurne zu bekommen. Eher spart ein Hund seinen Knochen auf, als das ein Politiker mit Geld umgehen kann.

    Unsere Politiker leben nur für eines – für sich selbt und sie wollen nur unser Bestes – nämlich unser Geld.
    Werden sie nicht wiedergewählt, verlieren sie ihren hoch dotierten Posten. Schaut man sich die “Karriere” der meisten an ist diese voll auf die Politik ausgerichtet. Die wenigsten haben ein wirklich gutes Auskommen ohne als Politdarsteller durch die Gegend zu reisen.

    Für diese Posten verkaufen sie uns und unser Land.

    Wir haben nur noch eine Möglichkeit, dem halbwegs zu entkommen. Wir müssen am Sonntag anders wählen als üblich.
    Die Alternative für Deutschland ist die einzige neue Partei mit der Chance auf den Einzug in den Bundestag. Diese Partei brauchen wir – so stark wie möglich dort vertreten.

    Jetzt wollen die Pleite-Franzosen nach der Bankenunion auch noch eine Union der Arbeitslosenhilfe. Das heißt nichts anderes, als das wir auch noch für die Franzosen das Arbeitslosengeld mitzahlen sollen. Anschließend dann natürlich auch für alle anderen Länder.

    Dafür gehen die Franzosen dann mit 60 in Rente und wir bald mit 70. Dafür bekommen unsere Rentner, welche unser Land nach dem Krieg wieder aufgebaut haben, 0,25% Rentenerhöhung.

    Ich empfinde es als Diebstahl, wenn man bereits versteuertes Einkommen nochmal versteuern soll. Ob bei der Erbschaftssteuer oder bei der von allen linken Parteien gewollten Vermögenssteuer.

    Deutschland kann weder die EU retten noch die ganze Welt!
    Dafür sind wir viel zu klein.

    Erst wenn die Kuh geschlachtet ist, die man doch jahrelang gemolken hat, werden diese Parteien merken, dass man anschließend verhungern wird.

    Wer den Mittelstand in so unverantwortlicher Weise angreift, hat bald keine Arbeitsplätze mehr im Land.
    Es macht keinen Spaß mehr, in Deutschland etwas auf die Beine zu stellen. Es sei denn, man gehört zur Hochfinanz oder zur Großindustrie.

    Denn das sind die einzigen, neben den partizipierenden Politikern, denen der Euro Wohlstand gebracht hat.
    Bezahlen soll der Bürger für deren Fettlebe!

    Auch mal hier den Film EUPOLY anschauen:

    http://www.iknews.de/2013/09/17/eupoly-ein-europaeischer-alptraum-bei-youtube/

    Comment | 18. September 2013
  • Sempfer

    @Eurotanic: Wer finanziert dann unser Bildungssystem, die Infrastruktur, Umweltkosten? Soll alles privatisiert werden? Mittlerweile haben viele Kommunen gemerkt, dass Privatisierung ein Rückschritt war und kaufen z.B. die Wasser- und Stromversorgung wieder zurück. Autofahren wird mit 88 Mrd. subventioniert (Mineralösteuereinnahmen nur 35 Mrd.): http://www.heise.de/autos/artikel/Studie-Autofahren-wird-mit-88-Milliarden-Euro-subventioniert-1810338.html

    @Elke: Deine Aussage ist nicht ganz korrekt. Absolut nahmen die Steuereinnahmen zu, sind aber z.T. inflationsbereinigt nicht gestiegen, die Ländereinnahmen sogar gesunken (lass Dich nicht mit absoluten Zahlen abspeisen :-) das wird häufig zur Manipulation genutzt):
    http://www.bundesfinanzministerium.de/Content/DE/Standardartikel/Themen/Steuern/Steuerschaetzungen_und_Steuereinnahmen/Steuereinnahmen/entwicklung-der-steuereinnahmen.html

    die Daten sind auf Wikipedia vereinfacht dargestellt:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Steuereinnahmen

    Auch ein Einbruch (wie 2008 auf 2009) muss abgefedert werden können.

    Die Kosten nehmen aber zu. Die wachsende Infrastruktur muss auch erhalten bleiben. Natürlich lassen sich einzelne Posten einsparen, da sind aber dann auch die Bürger gefordert, z.B. ihren Kommunen auf die Finger zu schauen.

    Comment | 18. September 2013
  • Nikita

    PS: Die Doku ist auch auf dokupia online:
    Link: http://dokupia.org/doku/zeitbombe-steuerflucht

    Die Dokus auf Youtube werden gerne mal gelöscht, somit dann auch das eingebettete Video.

    Liebe Grüße,
    Nikita

    Comment | 3. Dezember 2014

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