Dez
27
2010

Selbst schuld! Der Discount-Wahn

© salsoul, stock.xchng

Die Zeit „zwischen den Jahren“ gehört ja traditionll den Jahresrückblicken. Würde ich einen solchen auch in meinem Konsumpf-Blog tätigen und dabei die wichtigsten Themen der vergangenen 12 Monate Revue passieren lassen, so wären die Discounter (wie schon in den Jahren zuvor) sicherlich vorne mit dabei. Denn nach wie vor schlagen die Discount- und Billigketten eine Schneise der Verwüstung in die Einzelhandelslandschaft und fachen unnötigen und weltweit schädlichen Konsum an; vom Herumtrampeln auf Sozialstandards und Lohnniveaus hierzulande und anderswo gar nicht erst zu reden.

Nun ist es ja üblich, bei solchen Entwicklungen immer auf die „bösen Unternehmen“ zu schimpfen oder auf die „gierigen Politiker“, die solches Treiben nicht ausreichend sanktionieren. Dies ist zum Teil sicherlich richtig – und man kann sich bequem zurücklehnen und auf „die da oben“ schimpfen, ohne etwas am eigenen Verhalten ändern zu müssen. Dass man es sich als Konsument aber nicht immer ganz so einfach machen kann, thematisierte bereits vor einiger Zeit Sven Hillenkamp in Der ZEIT – im ausgesprochen lesenswerten Artikel „Selbst schuld! Ob Niedriglöhne, Stellenabbau oder Umweltzerstörung: Was uns als Bürger empört, fördern wir als Kunden“ legt er den Finger an eine schwelende Wunde. Denn die Schizophrenie des Konsumenten ist vielerorts kaum zu übersehen – da strömen Abermillionen von Leuten in den Hollywood-Film „Avatar“ und beweinen miteinander das Schicksal des „edlen Wilden“, während sie im klimatisierten Multiplex-Kino sitzend Coca Cola-schlürfend und Nestlé-Eis-essend mit ihren Eintrittsgeldern genau jene Prozesse alimentieren, die in dem Film als „böse“ dargestellt werden, also die Ausbeutung der Natur für den Wohlstand der westlichen Welt. So hat man sich mal für 2, 3 Stunden als mitfühlender Mensch vorkommen können, um anschließend wieder wie gewohnt an den (um)weltzerstörerischen Prozessen mitzuwirken.

(…) Doch scheint es, als täten wir nun das Gegenteil dessen, was wir eigentlich wollten: Wir buchen Flüge zu Preisen, von denen wir wissen, dass sie auf Niedriglöhnen und Stellenabbau beruhen. Wir kaufen ein in Supermärkten, deren Preise angemessene Gewinne für die Produzenten ausschließen – ebenso wie eine umwelt- und tiergerechte Produktion. Wir haben gelesen, dass den Angestellten hinter der Kasse landesübliche Rechte vorenthalten werden. Wir wissen, dass Hosen und Pullover, Computer und DVD-Player, die wir zu Spottpreisen kaufen, nicht in Deutschland, sondern im Ausland gefertigt werden, in so genannten Niedriglohnländern.

Sozialdumping, Stellenabbau, Verlagerung der Produktion ins Ausland – als Kunde fördern wir alles, was uns als Bürger empört. Wir tun genau das, was wir Politikern und Managern vorwerfen. Wie die Manager an der Spitze der Konzerne treiben wir Globalisierung und Deregulierung voran. Die Manager schauen auf jeden Cent und nehmen nur das Billigste? Genau das tun wir, als fortwährend rechnende und vergleichende Kunden, als knallharte Manager unserer Lebenshaltung. Wir drücken die Preise, bis als Produktionsstandort unserer Waren nur noch Fernost infrage kommt. Wir selbst sind die globalen Heuschrecken. Volk und Elite sind sich einig in ihrem radikalen Ökonomismus. Und wie die Elite sind wir teils getrieben, teils Treibende. Arbeitslose und Geringverdiener müssen auf jeden Cent schauen. Der Rest hat aus seinem Portemonnaie einen Fetisch gemacht wie die Manager aus dem Shareholder-Value.

(…) Wir sind Schizophrene. Die Diagnose trifft die Völker aller westlichen Demokratien. Als Bürger sind wir Sozialisten – Verfechter der alten sozialen Errungenschaften. Als Kunden sind wir Neoliberale. Marktradikale. Uns ist Recht, was billig ist. »Für 19 Euro nach Barcelona.« Noch nie war Doppelmoral so preiswert. (…)

(…) Einen einfachen Weg gibt es nicht. Einerseits brauchen wir eine globale Bewegung für eine globale Zivilisierung des Kapitalismus. Andererseits sollte man das Licht in der Küche ausmachen, wenn man nicht in der Küche sitzt. Wir müssen einen anderen, einfacheren Lebensstil entwickeln. Doch geht es nicht um die quasireligiöse Wandlung des Einzelnen zum guten Konsumenten, zum Rad fahrenden Vegetarier mit Heiligenschein. So, wie im 19. Jahrhundert keine private Hilfsbereitschaft die Bismarcksche Sozialgesetzgebung überflüssig gemacht hätte, macht heute kein Konsumverhalten eine globale Umwelt- und Sozialgesetzgebung überflüssig. Ein Einkaufszettel ersetzt kein Regierungsprogramm.

Ins gleiche Horn stößt übrigens auch Sebastian Wolff in der Berliner Zeitung im Interview mit dem Konsumsoziologen Kai-Uwe Hellmann – „Ein Fall von Doppelmoral“:

(…) Jeder, der bei Discountern einkauft – und damit meine ich nicht nur Lidl oder Schlecker, sondern alle Anbieter -, trägt dazu bei, diesen Handelszweig zu stärken. Dessen müssen sich die Verbraucher bewusst sein. Wer sich daher über die Arbeitsbedingungen bei den Discountern empört und trotzdem dort einkauft, obwohl er oder sie nicht darauf angewiesen ist, wird mit dem Vorwurf der Doppelmoral rechnen müssen.

(…) Wird sich die Neigung der Verbraucher, alles mögliche möglichst billig haben zu wollen, irgendwann nicht zwangsläufig auf die Qualität der Produkte auswirken?

Ja, langfristig ist das eine echte Gefahr, auch wenn die Discounter heute immer betonen, dass die Qualität ihrer Waren einwandfrei sei. In Deutschland sind die Gewinnmargen im Handel die geringsten in Europa. Die Branche sieht sich deshalb gezwungen, einen immer stärkeren Preisdruck auf die Hersteller auszuüben. Das kann auf Dauer zu Lasten der Qualität der Produkte gehen. Die zahlreichen Skandale im Fleischbereich liefern dafür einen Vorgeschmack. (…)

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9 Kommentare »

  • Jan

    Das alte Henne-Ei-Problem: Was ist zuerst da? Der Niedriglohn oder der böse Konsument, der Billigware konsumiert?

    Ich als Angehöriger der unteren Einkommensschichten kann mir den nachhaltigen Bioladen um die Ecke leider nur selten leisten. Wenn Unternehmen legislativ gezwungen würden, anständige Löhne zu bezahlen, dann wären die Leute auch in der Lage, verantwortungsbewusster einzukaufen. Die Spirale gibts auch umgekehrt.

    Comment | 27. Dezember 2010
  • natürlich ist es (leider) so, dass sich heutzutage mittlerweile viele Menschen nur noch den Discounter leisten können – allerdings ist ein großer Teil der Aldi-/Lidl-Kunden durchaus finanziell in der Lage, auch anderswo einzukaufen. Die egozentrische “Geiz ist geil”-Mentalität, die weite Teiel der Bevölkerung erfasst hat, sorgt dann aber dafür, dass sich die Billiläden immer weiter ausbreiten und ihre negativen Auswirkungen auf Gesellschaft und Wirtschaft immer stärker werden. Diese Spirale muss gestoppt werden, will man die Verödung nicht immer weiter vorantreiben.

    Comment | 27. Dezember 2010
  • Ja

    “Das kann auf Dauer zu Lasten der Qualität der Produkte gehen.”

    Als wieder im Berufsleben angekommener Kaufmann mit Hartz4-Erfahrung sage ich: Das KANN es nicht, das WIRD es.

    Nicht nur bei Lebensmitteln, sondern quer durch alle Produktarten und Dienstleistungen bis zur Krankenversorgung.

    Alles eine Frage der Zeit.

    Comment | 27. Dezember 2010
  • Man liest doch immer wieder, dass selbst in der Union Stimmen laut werden, die sich gegen diese Spirale des Dumpings, der Ausbeutung und des Stellenabbaus wehren. Und würde man einen repräsentativen Querschnitt der Bürger befragen, es gäbe auch eine hohe Ablehnung dieser Entwicklungen. So haben die meisten eine hehre Meinung, aber alle legen die Hände in den Schoß. Jedermann wartet, dass jemand anders mit einer sanften Revolution beginnt, deren Auswirkungen tunlichst nur positiv spürbar sind. Aber Veränderungen lassen sich nicht mit der Entschlossenheit eines Teekränzchens herbeiführen. Solange Geiz nicht als das Privileg derer angesehen wird, die wenig haben, sondern auch von Unternehmen, die LCD-Fernseher oder Laptops verkaufen, als Werbeslogan benutzt wird, wenn also Geiz fast alle Gesellschaftsschichten durchdringt, wird der Egoismus über den Altruismus siegen – und damit erst recht früher oder später allen schaden.

    Comment | 28. Dezember 2010
  • pacificus

    Wir sind keine Kunden. Wir sind unter Zwang. Das ist eine Diktatur.
    Resultierend auf Preisdiktatur zum Nachteil der Erzeuger, das Kontrollorgan wird be”einflußt”, der Gesetzgeber versagt. Die Kleinen in der Kette werden zu Hochpreisen getrieben und damit vernichtet.Die s absichtliche Verarmung des Volkes spielt die Hauptrolle. Dazu zählen nicht nur die Bürger ohne Einkommen. Schuld sind die Wähler, deren Druck ist vergleichbar mit einem Tier. Es nennt sich Schaf.

    Comment | 28. Dezember 2010
  • pacificus

    Die Bürger, die Einsicht haben und den Aldi ect. meiden können, sind nicht die ausreichende Masse an Gegenkraft. Im Gegenteil, diese werden immer weniger und können auf diese Art nichts ändern, denn die Verarmung wird gesteuert.Der Aldi ist nicht unter Preisdruck. Man gehört zu den Reichsten auf kosten der ,die die Sklaven dafür sind.

    Comment | 28. Dezember 2010
  • Desmond

    Ernst gemeinte Frage: Welcher Supermarkt ist kein Discounter? Wo kaufe ich am besten ein (vom Bio-Laden abgesehen)?

    Comment | 29. Dezember 2010
  • Düdum

    Der springende Punkt bei dem Ganzen ist doch einfach
    (Zitat von oben):

    Arbeitslose und Geringverdiener müssen auf jeden Cent schauen. Der Rest hat aus seinem Portemonnaie einen Fetisch gemacht wie die Manager aus dem Shareholder-Value

    Dass heisst doch, dass man nur dann mit dem Portemonnaie Politik betreiben kann, wenn man auch über die entsprechenden Mittel verfügt. Wenn jeder das täte, innerhalb seiner Möglichkeiten und auch seiner Grenzen, hätten wir das Problem garnicht.

    Deshalb gilt nach wie vor, und wahrscheinlich solange es Menschen gibt: Ein Einkaufszettel ersetzt kein Regierungsprogramm (Zitat von oben).

    Der Druck ein solches Programm auflegen zu müssen, kommt immer von unten. Gefragt sind hier auch oder gerade jene Mittelschichtler, die sich den nachhaltigen Konsum eben noch leisten können, denn sie sind die nächsten Opfer dieser Wirtschaftsweise, vielleicht schon morgen. Dann werden sie genügend Zeit und Muse haben, selbst zu testen worüber sie heute so großspurig reden, nämlich wie man sich sein Hartz-4-Geld so einteilt, dass es 3-mal reicht.
    Ich selbst hatte vor Jahren wiederholt das “Vergnügen” mit Hartz-4 und weniger auskommen zu müssen. Das geht wirklich – ca. ein halbes Jahr. Danach sind alle vorher gekauften Vorräte erschöpft, Kleidung und Schuhe müssen ersetzt werden…. und schon säuft man hoffnungslos ab.

    Es bleibt also dabei, dass es der regierungseitigen Regulierung im venünftigen Rahmen bedarf. Hier muss man aktiv werden! Ganz so hoffnungslos, wie manche das Aktivwerden reden, ist es garnicht. Die Masse Macht`s! Wenn nur ca. 1 (!!!!) Prozent der Bevölkerung auf die Strasse geht, reicht das schon, um Grundlegendes anzustossen. Treffen wir uns also auf der Strasse! Das ist auch etwas für Geringverdiener! Mitfahrgelegenheiten nutzen: Dann kostest es nichts außer der Zeit, die man dranhängt.

    Comment | 30. Dezember 2010
  • Da sprichst Du auf jeden Fall einen wichtigen Punkt an – der Konsument alleine kann es natürlich nicht richten. Gleichzeitig ersetzt politisches Engagement aber eben auch keinen bewussteren Konsum, denn wieso sollte man (wenn man es sich leisten kann, was aber derzeit schon (noch) für die Merheit der Leute zutrifft) ausgerechnet die Unternehmen mit seinem Geld unterstützen, die am Abbau der gesellschaftlichen Grundlage arbeiten (wie die Discounter) und die man also eigentlich bekämpft? Globalisierungskritiker, die Coca Cola trinken und zu McDoof gehen (statt mit ihrem Geld echte Alternativen zu fördern), haben nicht bis zu Ende gedacht…

    Comment | 30. Dezember 2010

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