Kategorie: Nachhaltigkeit Seite 4 von 24

Tauschen ist das neue Kaufen | wellYunit

So kurz vor Jahresende will ich doch auch noch einmal einen positiven Akzent setzen, nachdem es 2012 wieder so viel Scheltenswertes gab. Die taz berichtet in „Tauschen ist das neue Kaufen“ über einen sehr erfreulichen Trend in den Niederlanden, der dem Wirtschaftswachstums- und Konsumwahnsinn entgegentritt:

Ob Auto oder Kochkünste – über vieles muss man nicht selbst verfügen, um es zu nutzen. Aus der Krise entwickeln sich unterschiedliche Mini-Ökonomien.

(…) Es gibt einige Initiativen dieser Art. Kleider tauschen, selbst Gemüse anbauen, Kreditunionen von Betrieben, Crowdfunding und Ähnliches erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Und nicht nur in den Niederlanden. Spullendelen.nl beispielsweise, wo man Gebrauchsgegenstände leihen kann, operiert grenzübergreifend auch in Belgien und Deutschland. Bisher haben 5.667 Menschen 4.434 Gegenstände wie Rasenmäher, Leitern, Spaten, Motorsägen, Bohrmaschinen, Kameras, Staubsauger, Autos an Nachbarn, Freunde, Bekannte, Kollegen ausgeliehen. In den Städten Amsterdam, Rotterdam, Den Haag, Nijmegen arbeitet außerdem das neue digitale und bereits preisgekrönte Nachbarschaftsprojekt Peerby.nl. Wer dort Mitglied wird, kann meist teurere Gegenstände (ver)leihen oder (ver)mieten und kommt zudem noch mit Fremden in Kontakt.

Die neue Bewegung sei eine Reaktion auf die finanzielle Krise und die Habgier, erklärt Christine Boland, Inhaberin des Büros Christine Boland Trends & Mindsets, Amsterdam. Die Trendanalystin gehört zu einem Thinktank von zwölf niederländischen Trendbeobachtern, die kürzlich ihre Einschätzung der Zukunft veröffentlicht haben. „Nicht nur die Rezession ist der Grund, worum die Bewegung ein großer Trend wird“, sagt sie, „sondern Menschen sind außerdem enttäuscht, dass Habgier überall so manifest geworden ist.“

Thuisafgehaald.nl ist für die Analystin ein gutes Beispiel für die überall entstehenden alternativen Ökonomien. Denn „so kreiert man eine Mini-Ökonomie, in der Menschen eine Bedeutung für einander haben. Handeln in kleinem Stil, auf lokalem Niveau, dieser Trend wird stets größer. Teilen und tauschen ist kein Hype, sondern eine echte nachhaltige Bewegung“, ist Christine Boland überzeugt. Teilen und tauschen als Reaktion auf eine komplexe, komplizierte Welt, die stets schneller dreht und in der Geld und Gewinn die zentralen Werte waren. (…)

Von einer ähnlichen Idee beseelt ist auch das neue soziale Netzwerk wellYunit, das ebenfalls dem Konsumwahn entgegentritt:

Die Vision von wellYunit

wellYunit möchte als Social Network dazu beitragen, Freude und Glück in das Leben der Menschen und damit in die Welt zu tragen. Auf wellYunit können die Menschen Freude und den eigenen, inneren Wert dadurch entdecken und erleben, dass sie schenken und beschenkt werden. Die Plattform bietet den Raum, die Mitmenschlichkeit auszuleben, die in uns allen steckt und so unser eigenes und das Leben anderer zu beflügeln

Was passiert konkret auf wellYunit?

Die Mitglieder auf der Plattform wellYunit geben oder empfangen Gutes. Das Gute können geliebte und wertvolle Dinge, Tipps und Informationen, kostbare Zeit und Taten sein, die wir in suchende Hände gegeben oder aus wohlwollenden Händen empfangen.
Dieses Geben und Nehmen geschieht vollkommen freiwillig, frei von konsumorientierten und monetären Werten und frei von Erwartungen und Zwängen – einfach, weil wir Spaß daran haben, anderen Freude zu bereiten und weil wir es gut miteinander meinen.

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KiK – Der Menschenrechts-Diskont

Dass ich von Discountern, den Pestbeulen des kapitalistischen Systems, nichts halte, ist bekannt. Zu stark befeuern sie die Spirale abwärts aus Qualitätsschwund, Ressourcenverschwendung, Preisverfall und Arbeitsdruck. Zu den ganz besonders schlimmen Exemplaren gehört natürlich KiK, der sog. „Textil-Diskont“, für dessen Billigklamotten sich eine Verona Pooth nicht zu blöd ist, Reklame zu machen. Geld schlägt Moral, wie so oft. Bereits vor zwei Jahren berichtete der NDR ausführlich in der KiK-Story über die desaströsen Verhältnisse der Arbeiter in den asiatischen Fabriken, die für KiK schuften, und auch die entsprechenden Ausbeutungstendenzen in Europa. Wo jeder Cent aus dem Produktionsprozess gequetscht werden muss, da ist kein Platz für Rücksichtnahme oder Menschlichkeit.

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© Marcus Sümnick, Wikipedia

Wirtschaftswachstum gilt in unserem System bekanntlich als sakrosankt – wer dieses und damit die dahinterstehende Wirtschaftsideologie kritisiert, sieht sich in der Regel sofort den Vorwürfen ausgesetzt, „zurück in die Steinzeit“ zu wollen. Dass ein materielles Wachstum diesen Planeten und die menschlichen Gesellschaften auf eine Katastrophe zusteuert, versuchen die arbeitsplatzfixierten Ökonomen und Politiker krampfhaft zu verdrängen. Was nur nichts nutzen wird. Es ist also Zeit für ein Umdenken. Der Oldenburger Wirtschaftswissenschaftler Niko Paech ist seit längerem einer dieser unbequemen Mahner, und er hat dem Tagesspiegel nun ein interessantes Interview gegeben – „Sehe ich aus wie ein Hippie?“:

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Futurzwei – Plattform für zukunftsfähige Ideen und nachhaltige Konzepte

Nach den ganzen negativen und bedrückenden Nachrichten hier wird es mal wieder Zeit für etwas Zukunftsweisendes und Konstruktives – Harald Welzer, seines Zeichen Sozialpsychologe und in den letzten Jahren immer wieder positiv durch seine Kritik am Wachstumswahn und der Wegwerfgesellschaft aufgefallen (siehe z.B. meinen Blogbeitrag „Was bringt die Zukunft?“ von 2009) hat sich von der Theorie in die Praxis gewagt und mit Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit eine Plattform geschaffen, die Ideen, Geschichten und Anregungen für eine lebenswertere Zukunft versammelt und Mut machen soll, den Wandel selbst in die Hand zu nehmen. Auf der originell gestalteten Website von Futurzwei kann man schon jetzt viele positive Beispiele für Bürgerengagement finden, wie z.B. über den „Leihladen“ Leila in Berlin:

Austeilen und Einstecken

100 kleine Dinge lagern im Berliner Leihladen *Leila und warten auf Nutzer. „Nicht Besitz, sondern Zugang“ lautet der Ansatz des ehrenamtlichen Teams.

Wer etwas besitzen will, streift durch die Geschäfte des Prenzlauer Bergs und kauft sein Glück in Tüten. Einen Sinn dafür, wann es genug ist, und einen Mechanismus, der anzeigt „Schluss, jetzt reicht es“ – beides ist weder von der Wirtschaft vorgesehen noch im Gehirn eingebaut. Und obwohl wir mehr als genug konsumieren, obwohl wir von allem mehr haben, als wir jemals ver- und gebrauchen können, trotzdem kaufen, bestellen, ersteigern und ergattern wir besinnungslos weiter. „Ich shoppe, also bin ich“, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman und warnt, dass der Konsum eine höchst einsame Angelegenheit ist.

Wer hingegen nur hin und wieder etwas benutzen und dabei nicht sozial isoliert sein möchte, geht zu *Leila. Diesen Laden hat Nikolai Wolfert – ein viel jüngerer und weit weniger bekannter Soziologe als Zygmunt Bauman – zusammen mit einer bunten Transition-Town-Truppe in drei Souterrain-Räumen im südlichen Prenzlauer Berg eröffnet.

Hier wird nicht gekauft, sondern ausgeliehen und geborgt. Es geht nicht um Besitz, sondern um Zugang: Ob Spielzeug, Freizeit- oder Campingartikel, ob bestimmte Küchenutensilien oder Heimwerker- und Gartenzubehör – hier gibt es viel Nutzbringendes, das man ein- oder mehrmals gebrauchen kann, ohne es gleich sein Eigen nennen zu müssen. Bollerwagen, Leiter, Wok, Keimapparat, Einrad, Frisbee, Isomatte, Lastenrad oder Krücken – alles Dinge, die man nicht permanent benötigt. Sogar ein blaues Mountainbike wurde hier geparkt und wartet auf einen neuen Nutzer. Der Clou: Diese wunderbaren Gegenstände, diese prächtigen Ressourcen, gehören der Allgemeinheit. Denn bei *Leila wird gemeinschaftlich und sozial konsumiert.

Im Leihladen *Leila sitzt Nikolai Wolfert mit einem Glas Holunder-Limonade in der Hand. „Lei“ steht für Leihen und „La“ für Laden, erklärt Wolfert, aber *Leila sei noch mehr, ein sozialer Treffpunkt nämlich. Wolfert und die anderen Initiatoren haben *Leila ganz eindeutig nicht als Geschäft, sondern als einen angesagten Ort des „anderen“ Berlins konzipiert. Umsonstläden und Giveboxes, wo Gegenstände ihre Besitzer wechseln, ohne dass Geld fließt, gibt es schon mehrfach in der Hauptstadt. Doch dort werden die freien Gaben schnell wieder zu Eigentum, nur eben von jemand anderem. Im Leihladen *Leila hingegen wird privates Eigentum in ein Gemeingut überführt. Das ist neu. Und ein Versuch.

„Kein Laden, sondern eine Mitmach-Aktion“, beschreibt Wolfert den Grundgedanken, „Ich bringe etwas, was ein anderer holt und im besten Fall auch wiederbringt, damit ein weiterer es erneut abholen und wiederbringen kann. Die Dinge haben hier eine feste Bleibe, sie kursieren nur kurzzeitig in der Welt, kehren aber wieder in ihre Heimat zurück. Hier im Leihladen schaffen es Menschen, miteinander zu kooperieren.“ Das *Leila-Prinzip ist simpel: Ein jeder kann Mitglied werden. Die Höhe des Beitrages bestimmt man selbst. Indem man mindestens einen Gegenstand in den *Leila-Pool gibt, erhält man die Berechtigung, andere Dinge zu entleihen.

Nicht-Habenwollen, Nicht-Besitzen und Teilen gehören für die Initiatoren zum größeren politischen und ökologischen Projekt des Ausstiegs aus der Überflussgesellschaft: Bei *Leila wird das Privateigentum als universelles Prinzip des Kapitalismus in Frage gestellt. Deswegen führt das Team auch keinen Laden mit herkömmlichem Geschäftsgebaren, sondern „mit Gemeinsinn und so“. Der Soziologe Nikolai Wolfert ist, wie es scheint, bei *Leila für den geistigen Überbau verantwortlich.

Deswegen hat er die Kleine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll an den Eingang gepinnt. Darin wird die Begegnung eines Touristen mit einem Fischer geschildert. Der Fischer, am Hafen entspannt auf das Meer blickend, erhält vom Touristen die Empfehlung, sich doch eine Flotte mit mehreren Booten anzuschaffen. Denn mit solch einer Flotte könne er beruhigt im Hafen sitzen und die Sonne genießen, sagt der Tourist. Aber das könne er doch heute auch schon, lautet die Antwort des Fischers. Und wie der Fischer am Ufer sitzt Wolfert auf seinem Sofa und schaut auf sein Meer von ausleihbaren Gegenständen. In drei Räumen horten sich die Sachwerte zum Teil bis zur Decke und erinnern jeden Gast daran, dass im eigenen Keller ebenfalls zahlreiche Besitztümer auf die Befreiung aus der Bedeutungs- und Verwertungslosigkeit warten.

Wer glaubt, diese Idee sei sentimentaler Sozialkitsch, und Räume mit einem Haufen Kram könnten keine Interessenten anziehen, der irrt. Nach Kundschaft muss hier niemand Ausschau halten. Erst kommt jemand, der was bringt, dann einer, der nur guckt, ein dritter, der zwei Gartenstühle ausleiht, und ein vierter, der sich mal kurz aufs Sofa setzen oder mit Wolfert eine Partie Tischtennis spielen will. Und schon schaut wieder jemand zur Tür herein. Es ist eine Dame vom Stadtteilhaus, die das Sorgentelefon für Senioren betreut: „Nikolai, wir haben da noch so ein kleines Schränkchen, braucht ihr das vielleicht?“ Wolfert ist dankbar für jede Art von Unterstützung: ganz egal, ob materielle oder finanzielle Spenden. Außerdem sucht er ehrenamtliche Mitstreiter und braucht noch einen Telefonanschluss. Telekommunikationsfirmen haben das Teilen wohl noch nicht für sich entdecken können.

Weil hier permanenter Betrieb herrscht, ist der erste Raum des Leihladens – Küche, Büro und Bibliothek in einem – auch mehr ein kommunikatives Zentrum als ein Geschäft. Wer sich mit gesellschaftlichem Wandel, der Transition-Town-Initiative oder mit Permakultur beschäftigen möchte, kann hier eine Auswahl an Büchern einsehen und natürlich sofort mit Wolfert losdiskutieren.

Fünf weitere Ehrenamtliche betreuen neben Wolfert den Leihladen; ein Strauß ihrer gemeinsamen Ideen harrt der Umsetzung. Man möchte künftig Lesungen veranstalten, sich mit dem Thema der Gemeingüter, oder englisch Commons, auseinandersetzen und die Internet-Präsenz zu einem virtuellen Leih-Ring ausbauen. „Es bewegt sich was!“, stellt Wolfert fest und verweist auf die vielen neuen gesellschaftlichen Sharing-Modelle wie Couchsurfing, Carsharing oder Bookcrossing, die vielerorts Anhänger finden.

„Besitz macht besessen“, sagt Nikolai Wolfert, „wir stellen uns unsere Welt mit Kram voll und sind nur noch mit dessen Unterhaltung und Instandsetzung beschäftigt.“ Ja, Besitz belastet. Deshalb bestätigt sich bei *Leila nicht die Tragik der Allmende, sondern hier zeichnet sich der Luxus der Zukunft ab: Gegenseitigkeit und Solidarität.

Und während die Prenzlauer-Berg-Bohème darüber diskutiert, welcher Wohlstand wohl auch künftig Bestand haben könnte, hält Nikolai Wolfert an seiner Holunder-Limo aus dem Mauerpark und seiner Gemeinschaftsutopie des öffentlichen Eigentums fest. Dafür hat er sein soziologisches Beobachtungszentrum für Entprivatisierungsstudien verlegt. In seinen Leihladen.

Dana Giesecke
02. August 2012

Auch die Zeit berichtete über Futurzwei und interviewte Harald Welzer — „Wir sind nicht nett“:

(…) Welzer: Die Akteure, von denen wir erzählen, tun etwas Unerwartbares. Dass wir zu viel Dreck, Mobilität, Emissionen, Ungerechtigkeit hervorbringen, finden wir ja alle bedenklich. Aber in der Regel erschöpft sich das Unzufriedensein darin, dass man mit anderen darüber spricht. Futurzwei interessiert sich für die Leute, die sagen: Ich mache das jetzt anders. Und das ist ja alles andere als leicht. Erwartbar ist, dass man tut, was alle tun, und nicht, davon abzuweichen, wie es etwa das Ehepaar Sladek aus Schönau gemacht hat. Da fingen ein Mediziner und eine Grundschullehrerin eines Tages damit an, ein grünes Energieunternehmen aufzubauen. (…)

Welzer: Bisher sind es nur Storys, die wir sammeln, aber die Hoffnung ist, dass sie sich zu einer anderen Geschichte fügen. Wir wollen die Gegengeschichte zu der unerhört starken Konsum-, Wachstums- und Wohlstands-Geschichte erkennbar machen, die westliche, kapitalistische Gesellschaften über sich erzählen. Unsere Utopie ist, dass wir eine Promotionsagentur für eine soziale Bewegung in Richtung Zukunftsfähigkeit werden, die noch nicht weiß, dass sie existiert. Wir werden glücklich gewesen sein, wenn uns das gelungen ist. (…)

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Affluenza – das Konsum-Virus – „Der Markt ist unser Gott“

Über das Kritische Netzwerk bin ich auf das folgende Interview aufmerksam gemacht worden, das auf Franz Alts Sonnenseite erschien und in dem Prof. Thomas Naylor, der Autor des Buches „Affluenza – Zeitkrankheit Konsum“ (eins der wichtigsten Bücher zum Thema, wenn Ihr mich fragt) interviewt wird. Sehr interessant!

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“Affluenza – Zeitkrankheit Konsum”: Das neue Buch von John de Graaf, Prof. Thomas Naylor und David Wann entlarvt die herrschende Konsumorientierung als Krankheit mit verheerenden Nebenwirkungen für Gesellschaft und Mitwelt. ÖkologiePolitik-Redakteur Raphael Mankau im Gespräch mit Thomas Naylor. Das Interview wird in der Juli-2002-Ausgabe von ÖkologiePolitik in einer Kurzfassung veröffentlicht.
öp: Was ist “Affluenza”?
Prof. Naylor: Wer von “Affluenza” befallen wird, ist wie besessen vom Materialismus – Konsumgütern und dienstleistungen -, angefangen bei Bier und Kosmetik, über Kleidung, Zigaretten, Soft Drinks, Fast Food, Freizeitdrogen, Videospiele und Rock-Musik bis hin zu Automobilen, Computern, elektronischen Geräten, teuren Villen, unbezahlbaren Kunstwerken, Hightech-Gesundheitsversorgung und Weltreisen. Wer sich mit dieser Krankheit angesteckt hat, leidet unter Überarbeitung und Stress, aber auch lebensgefährlichem Konsumwahn. Sie macht weder vor den Reichen noch den Armen Halt. Je mehr man hat, desto mehr will man noch dazu.öp: Worin liegt die Ursache für dieses “Virus”, das inzwischen unsere gesamte Gesellschaft infiziert hat?
Prof. Naylor: Wir fürchten uns vor Sinn- und Nutzlosigkeit – darum verbringen wir unser ganzes Leben damit, uns einzureden, wie unbezwingbar wir doch sind. Einer der Tricks, mit denen wir uns des ewigen Lebens versichern wollen, ist der Konsum. Die Konsumwelt gaukelt uns vor, dass wir absolute Sicherheit in einer ansonsten unsicheren, sinnlosen Welt finden können. Wir glauben, dass wir unser ganzes Leben in einem Zustand nicht enden wollender Selbstverwirklichung verbringen können, ohne aber auf der anderen Seite einen psychischen Preis für das Leben in hemmungsloser Vergnügungssucht zahlen zu müssen. Unser Selbstwertgefühl beruht vollständig auf dem, was wir selbst besitzen und konsumieren, und nicht auf dem, was wir wirklich sind.

Um die Auswirkungen des Schmerzes und des Leids zu betäuben, die mit der Sinnlosigkeit einhergehen, suchen viele ein Leben, das sich gründet auf Besitz, Konsum und Macht über Menschen, Dinge, Maschinen und Reichtümer. Als Antwort auf ihre unersättlichen psychischen und sinnlichen Bedürfnisse legen diejenigen, die vom “Haben” abhängen, oft ein aggressives, feindseliges Wettbewerbsverhalten an den Tag. Etwas zu besitzen ist gleichbedeutend mit Machtübernahme oder Bezwingung. Raub, Zerstörung, Überlastung und Konsumieren sind alles Formen des Habens. Wer vom Haben besessen ist, fürchtet sich vor dem Verlust an jemand anderen, den Staat oder letztlich durch den Tod. Als Nation sind wir so verrückt nach dem Haben, dass wir die Fähigkeit, als Menschen zu handeln und denken, verloren haben. Unser Glück machen wir meist abhängig von der Überlegenheit über andere, unserer Macht und unserem Geschick, andere zu manipulieren. Das kapitalistische Amerika ist die effizienteste und produktivste Nation der Welt, aber auf Kosten der Menschlichkeit.

Unsere gesamte Wirtschaft wird angetrieben von unserem ausgeprägten psychischen Bedürfnis, unser geistiges und emotionales Vakuum mit immer mehr Kram aufzufüllen und von unserer Illusion, dass die Anhäufung von Reichtum und materiellem Besitz dem Leben einen Sinn gibt. Wenn wir uns mies fühlen und uns aufbauen wollen, kaufen wir ein neues Kleid, essen in einem schicken Restaurant oder leihen uns ein Video aus. Je weniger Sinn wir im Leben finden, desto eher werden wir von diesem materialistischen Ansatz verführt, der da sagt: “Arbeite hart, amüsier dich gut” – ein Ansatz, der auf einer Lüge beruht.

Obwohl Drogenabhängigkeit illegal ist, wird die Abhängigkeit von Konsumgütern, Warenkatalogen, Einkaufszentren, Internetshopping und Kreditkarten durch die Werbung geradezu aufgezwungen. Sowohl aus Washington wie von Seiten der Wirtschaft ist die Botschaft immer dieselbe: “Kauf jetzt, spare später für den Ruhestand.” Wenn wir dieses Spiel nicht spielen, könnte das ganze Kartenhaus in sich zusammenkrachen. Wir haben die patriotische Pflicht zu konsumieren. Ein guter Amerikaner – oder guter Deutscher – zu sein, heißt, viel zu konsumieren. Wer mit dem meisten Krimskrams um sich herum das Zeitliche segnet, gewinnt das Spiel.

Die Weltwirtschaft ist ein Altar, auf dem Konsumenten wie Investoren ihre Opfer bringen. Der Markt ist unser Gott. Dabei ist die Sinnentleerung so wichtig für unsere Wirtschaft, dass der Chikagoer Ökonom David Hale einmal sagte: “Der einzige Weg, die Weltwirtschaft zu retten, ist durch verschwenderischen Konsum der Amerikaner.”

öp: Wodurch manifestiert sich die Affluenza in unserer Gesellschaft – neben den verheerenden Auswirkungen des Konsums auf unsere natürliche Mitwelt?
Prof. Naylor: Damit der Kapitalismus reibungslos funktioniert, müssen die Menschen daran glauben, dass der Weg zur Glückseligkeit die Anhäufung von genug Geld und Guthaben erfordert. Dadurch sind wir im Stande, ein schick eingerichtetes Häuschen, ein paar Autos, einen Computer, ein Boot und die Universitätsausbildung unserer Kinder zu finanzieren. Um uns all jene Dinge leisten zu können, müssen wir hart arbeiten, bis wir in den Ruhestand gehen oder sterben. Je härter wir arbeiten, desto mehr Geld haben wir, desto mehr können wir kaufen und umso glücklicher werden wir sein – das will man uns weismachen.

Aber wenn das wirklich wahr wäre, warum sind so viele Menschen in den USA oder in Deutschland so wütend, so unglücklich, zynisch, ausgebrannt? Woher kommt die hohe Zahl der Scheidungen und Selbstmorde, woher die Depressionen, Abtreibungen, der Drogenmissbrauch und die hohe Zahl der Häftlinge, wenn doch der amerikanische Traum so funktioniert, wie es immer heißt? Obwohl sich die Pro-Kopf-Ausgaben für Konsumgüter im letzten halben Jahrhundert beinahe verdreifacht haben, ist der Anteil der Menschen, die sich für “sehr glücklich” halten, tatsächlich um 5% gefallen. Der Sozialindex ist seit 1973 um fast 50% gefallen.

Wir leben in einer Zeit noch nie dagewesenen Wohlstands, aber dennoch ist es auch die Zeit der “lebenden Toten”. Viele Amerikaner, die sich praktisch nichts an materieller Befriedigung vorenthalten, wirken eher tot denn lebendig. Wie der Romancier Walter Percy sagte: “Es gibt etwas Schlimmeres als des Lebens beraubt zu werden, und zwar des Lebens beraubt zu werden, ohne es zu wissen.”

Viele von uns, die von Affluenza befallen sind, benehmen sich, als wären sie spirituell, emotional und intellektuell tot. Die lebenden Toten befinden sich überall – sie surfen im Internet, überprüfen ihre eMails, besuchen Internet-Chatrooms, befassen sich mit Aktienhandel, kleben an CNN in der Hoffnung, irgendein Ereignis mitzubekommen, das ihren ansonsten ereignislosen Alltag belebt, fahren allein durch die Stadt, um auf der anderen Seite im Wal-Mart weiteren Plastikmist zu suchen, halten bei McDonald´s für ein schnelles und geschmacksfreies Essen, geben vor, sich für ihren stupiden Bürojob erwärmen zu können und schauen “Wer wird Millionär?” im Fernsehen. Unsere Regierung, unsere Politiker und die Hohepriester der Wirtschaftswelt betätigen sich dabei als Strippenzieher.

öp: Was schlagen Sie zur Heilung vom Konsum-Virus vor?
Prof. Naylor: Nach meiner Meinung ist die Affluenza fest in der Conditio Humana begründet – bedingt durch Sinnlosigkeit, Isolation, Machtlosigkeit und Verdrängung des Todes. Wie bei Drogen- und Alkoholmissbrauch gibt es keine schnellen Allzweckwaffen gegen Affluenza. Man muss an die Wurzeln gehen! Entsagen, Entschlüsseln, Zurückfahren, Dezentralisieren – das ist die Aufgabe.

Entsage dem Getümmel, zieh’ den Fernsehstecker, kündige deinem Internetprovider, stell’ das Radio aus, reduziere deine Zeitschriften- und Zeitungsabos, fahr’ weniger, reise weniger, kauf’ weniger Plunder, meide das Einkaufszentrum, schalte den Anrufbeantworter ab, wirf dein Handy weg, vereinfache dein Leben, setz’ dich damit auseinander, was es heißt, ein Mensch zu sein, der lebt, liebt, arbeitet, spielt, leidet und stirbt, anstatt manipuliert zu werden.

Entschlüssle die Bedeutung, die bestimmte Begriffe auf dein Leben haben – Technologie, Märkte, Medien, Bildung, Gesundheitsfürsorge, Religion, Regierung, Globalisierung, Außenpolitik, Verteidigung. Was lösen diese Begriffe bei dir aus? Wie beeinflussen sie dich und andere? Wie stehst du zu ihnen? Ist deine Beteiligung aktiv, passiv oder nichtexistent? Welchen Sinn können sie in deinem Leben stiften?
Fahre deinen Aktionsradius zurück – begnüge dich mit einem kleineren Land, einer kleineren Stadt, einem kleineren Haus, einem kleineren Arbeitgeber, einer kleineren Schule, Universität, Kirche, einem kleineren Einkaufszentrum, Krankenhaus, Auto. Die umgekehrte Annahme besagt, dass alles Große schlecht ist.

Dezentralisiere und delegiere in jeder Einrichtung alle Entscheidungen auf die niedrigst-mögliche Ebene.

Affluenza wird niemals durch bloßen passiven Widerstand ausgerottet werden – es bedarf schon offener Rebellion gegen das System.

John de Graaf / David Wann / Thomas Naylor
Affluenza – Zeitkrankheit Konsum

Riemann Verlag 2002, Euro 22,90
ISBN 3-570-50026-8

Quelle:
ÖkologiePolitik

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Ananas – bittere Frucht – Del Monte und die Umweltzerstörung in Costa Rica

Natürlich hat niemand, der sich ein wenig mit den Mechanismen der modernen marktwirtschaftlichen Globalisierung auskennt und ihre Auswirkungen auf Menschen und Umwelt ahnt, sich wirklich der Illusion hingeben dürfen, dass die so leckere Ananas, die man hierzulande in Supermärkten zu Spottpreisen erhält, in irgendeiner Weise sozialverträglich erzeugt wird. Wie schon bei anderen Südfrüchten und sonstigen landwirtschaftlichen Erzeugnissen, die in großen Mengen billig nach Deutschland geschafft werden müssen, ist es sowohl den Verbrauchern wie auch den Konzernen ziemlich egal, wie der Anbau vonstatten geht und ob er in den betroffenen, in der Regel armen Ländern verbrannte Erde hinterlässt. Von daher sollte einen der nachfolgende Beitrag von Plusminus nicht überraschen – wodurch die darin geschilderten Zustände aber nicht tolerierbarer werden! „Ananas – Südfrucht mit Nebenwirkungen?

Derzeit werden Ananas für weniger als einen Euro verkauft. Der größte Teil kommt aus Costa Rica. Wie kann ein Land so billig produzieren? plusminus stößt auf eine Region, die kein eigenes Trinkwasser mehr hat.

(…) Costa Rica ist mit geschätzten 52 Kilogramm pro Hektar das Land mit dem weltweit höchsten Pestizideinsatz, zeigen Studien des „Instituto Regional de Estudios en Sustancias Tóxicas“ (IRET) der Nationaluniversität Costa Ricas.

Die Monokulturen stellen die Farmer vor ein Problem: Die Pflanzen sind anfällig für Schädlinge und Pflanzenkrankheiten. Natürliche Feinde fehlen. Stattdessen werden intensiv Chemikalien wie Pestizide gesprüht. Und wenn die im Boden versickern, ist auch das Grundwasser gefährdet. Außerdem wäscht sie der subtropische Regen auch in umliegende Bäche und Flüsse.

Die Orte Milano, Cairo, Francia und Lousiana sind umgeben von Ananasplantagen. Erst kürzlich warnte das Gesundheitsministerium die Bewohner auf Flugblättern erneut, „kein Wasser aus der Wasserleitung zu trinken, da es kontaminiert ist. Es darf nur zum Waschen der Kleidung und für die Sanitäranlagen genutzt werden“.

Für Trinkwasser sorgt schon seit 2007 ein Tankwagen, der die Menschen zweimal pro Woche mit Trinkwasser beliefert. Das Problem des verunreinigten Trinkwassers ist aber schon seit 2003 bekannt. (…)

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Gastbeitrag „Wer Energiepflanzen sät, erntet Hunger“

Heute möchte ich Euch, nach längerer Zeit, mal wieder einen Gastbeitrag in meinem Blog vorstellen – er stammt von Daniel Koch und Wolfgang Waltgenbach und befasst sich mit dem Thema Biogas bzw. Anbau von Pflanzen zur Energieherstellung, auf deren negative Auswirkungen ich im Konsumpf ja auch schon ein paar Mal hingewiesen habe. Die Autoren haben dabei konkret einen Neubau in Göllheim (zwischen Kaiserslautern und Mannheim) im Blick. (Danke ans Kritische Netzwerk für den Tipp!)

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Ein Beitrag zur Verquickung Profitstreben Agromethangaslobby und Hunger in Entwickungs- und Schwellenländern

Wer Energiepflanzen sät, erntet Hunger

Stoppt die Göllheimer NawaRo-Agromethangasanlage!

Unsere Nahrungsmittel vom Feld dienen längst nicht mehr unserer Ernährung. Immer mehr Nahrungsmittel vom Acker wandern als Energiepflanzen in „Bio“gasanlagen oder auch in Autotanks – das zynische an dieser Sache ist, dass wir uns in Deutschland und weiten Teilen von Europa diesen verschwenderischen Umgang von Nahrungsmitteln glauben „leisten“ zu können.

Eines sollte uns jedoch klar sein, wir leisten uns diese Recourcenverschwendung nur auf Kosten von Hunger und Leid in der Welt, da sich die Menschen, gerade in den Entwicklungsländern, diese Nahrungsmittel nun nicht mehr leisten können. Allzu oft hört man als Entgegnung von unseren Bundespolitikern, auch unseren Kommunalpolitikern, sowie den Profiteuren und Lobbyistengruppen aus Wirtschaft und Agrarbereich, dass diese Sachlage so nicht richtig wäre – mit Stammtischfloskeln, wie folgender, wird der Welthunger allzu gerne abgetan, überspielt und verharmlost: “Diese Anlagen sind politisch gewollt”, “Wir brauchen speicherbare Energie”, “Wir brauchen den Energiemix”, „Es gibt genug Ackerland“ – „das ist ein Verteilungsproblem“, deutsche „Bio“gasanlagen sind nicht für den Welthunger verantwortlich…“ …nur um einige dieser Entgegnungen vom Sinn her wiederzugeben…

Doch sind diese Argumente richtig?

Unsere Bundespolitiker fördern durch die EEG-Umlage, d.h. unsere Steuergelder, den Anbau von Energiepflanzen (NawaRo) und deren anschließender Vergärung in so genannten „Bio“gasanlagen *. Die Ackerflächen zum Anbau von Grundnahrungsmitteln werden aber durch diese Maßnahme künstlich verknappt. Gleichzeitig nimmt jedoch die Zahl der Menschen auf unserem Planeten stetig zu – ALLE MENSCHEN BRAUCHEN NAHRUNGSMITTEL !

Die Größe der weltweiten Ackerflächen ist jedoch begrenzt. Wenn durch staatliche Politik dieser Anbau von Energiepflanzen gefördert wird, dann werden Flächen für Brot- und Futtergetreide künstlich verknappt. Steigende Nachfrage und schwindendes Angebot sind die Folge und das wiederum führt zwangsläufig zu steigenden Preisen. Seit gut einem Jahrzehnt folgen die Lebensmittelpreise einem einzigen Trend: Sie gehen nach oben. Jedem dürfte klar sein, dass hierdurch Flächen für Brot- und Futtergetreide künstlich verknappt werden und demzufolge nicht mehr auseichen eine stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Steigende Kosten für Grundnahrungsmittel, vor allem in den Entwicklungsländern, sind zu beobachten. Hungersnöte, Hungertode in Entwicklungsländern sind die Folge – doch die sieht man ja nicht und diese haben auch nichts mit deutschen Agromethangasanlagen zu tun!?!

Unlängst mahnte unser Bundespräsident Joachim Gauck und rief zur Solidarität mit den Hungernden und zur Hilfe auf. “870 Milionen Menschen leiden weltweit Hunger, jeden Tag sterben 6.000 Kinder an Hunger”,so Gauck, in seiner Funktion als Schirmherr der Welthungerhilfe.

Selbst unsere Anbauflächen in Deutschland reichen nicht mehr aus, um unabhängig von Nahrungsmittelimporten auszukommen. Diese Nahrungsmittelimporte stammen meist aus Entwicklungsländern, eben dort, wo man günstig „einkaufen“ kann. Die Folge ist, dass zwar die Produzenten (Landwirte) in diesen Ländern mehr Geld für den Verkauf ihrer Nahrungsmittel an ausländische Unternehmen erhalten, doch der dortigen Bevölkerung wird der Einkauf von Grundnahrungsmitteln durch die steigenden Preise immer mehr erschwert oder unmöglich gemacht.

2007 kam es in Mexiko zu der so genannten Tortillakrise als durch die Flächenversiegelung für die “Bio”spritproduktion in den Vereinigten Staaten die Preise für Maismehl derartig explodierten, dass es zu Hungeraufständen der Bevölkerung kam. Erschreckend ist nur, dass so viele Menschen, selbst viele der geistlichen Vertreter, davon nichts wissen oder wissen wollen?

Die Folge, deutscher Agromethangasanlagen, ist somit eine nicht zu leugnende Verschärfung des Welthungerproblems und eine Verknappung der Ernährungsgrundlage! Vor allem wenn man zusätzlich die Vorbildfunktion Deutschlands und den “Domino” bzw. “Nachzieheffekt” durch andere “entwickelte” Industrieländer berücksichtigt.

Um die Weltbevölkerung mit Nahrung zu versorgen und unser Klima, unsere Umwelt, unser Trinkwasser zu schützen, muss unsere heutige Energiepolitik sowie die damit einhergehende Subventionspolitik grundlegend überarbeitet werden. Satt ineffiziente und „flächenversiegelnde“ Agromethangasanlagen zu subventionieren muss anstatt dessen auf intelligentere Lösungen gesetzt werden.

Etliche Wissenschaftler haben sich mit der Thematik „Energiepflanzenanbau“ befasst, unlängst erschien eine Studie der alterwürdigen Leopoldina Universität in Halle. Sie haben die Folgen für die Umwelt, die Wasserhaushalte, das Klima, das soziale Umfeld und die Preise von Energie und von Lebensmitteln untersucht. Die Ergebnisse gehen fast alle in die gleiche Richtung: Energiepflanzen leisten keinen Beitrag zur Abmilderung des Klimawandels, sie verbrauchen wahnsinnig viel Wasser, sie schaden der natürlichen Vielfalt, und sie tragen zur Verknappung von Lebensmitteln bei.

Nichts rechtfertigt staatliche Unterstützung von Energiemais, unsere ethischen und moralischen Grundsätze verbieten es!

Deshalb fordern wir (Progoellheim):

  • Der Nahrungsmittelanbau muss uneingeschränkten Vorrang vor der Energieerzeugung haben, d.h. die Erzeugung von Methangas aus ‘nachwachsenden Rohstoffen’ muss gestoppt werden! Die globale Versorgung mit Lebensmitteln muss Vorrang haben!
  • Bundesumweltminister Altmaier muss den weiteren Ausbau von Agromethangasanlagen sofort stoppen!
  • Der Bau der Göllheimer Agromethangasanlage muss zum Schutz unserer Heimat gestoppt werden
  • Deshalb global denken – lokal handeln! Stoppt die „Bio“gasanlage in Göllheim – wer jetzt nichts tut, baut mit…!

*  Biogasanlagen haben nichts mit „bio-“ gemein. Sachlich richtig ist der Begriff NawarAgromethangasanlage, da hier speziell angebaute Rohstoffe (Energiepflanzen) zur Energieerzeugung vergärt werden; der Begriff „Bio“ gibt keine Auskunft darüber, ob diese Anlagen mit NawaRo oder mit biologischen Abfallstoffen betrieben werden und suggerieren dem Leser eine Verharmlosung dieser Thematik.

Daniel Koch und Wolfgang Waltgenbach, Progoellheim,  http://www.progoellheim.eu

Infobroschüre “Was Sie schon immer über Biogas wissen wollten”  – hier bitte klicken und weiterlesen

 

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Lesetipps: FDP-Firmengeflecht | Euro-Tode | Hände weg von News | Wasserverschwendung

Ist es nicht wunderbar, wenn man die derzeitige Posse der Politiker sieht, wie sie sich über Steinbrücks (fürwahr fragwürdige) Nebeneinkünfte echauffieren und Transparenz fordern. Naürlich nur bei den anderen Parteien, sonst müsste man am Ende noch offenbaren, aus welchen Kanälen Leute von CDU oder FDP so ihr Geld erhalten. Für mich ist es schon reichlich rätselhaft, wieso es gestattet ist, dass gut bezahlte Bundestagsabgeordnete noch so viel Zeit aufwenden, um „nebenbei“ stattliche Summen zu verdienen. Aber gleichwie – gerade aus den Reihen der FDP sind natürlich jegliche Vorwürfe an Mitglieder anderer Parteien bezüglich undurchsichtiger Einkünfte besonders lächerlich, sind die „Liberalen“ doch DIE Klientelpartei schlechthin. Das ARD-Magazin Panorama ist der Sache mal etwas näher auf den Grund gegangen und hat dabei das Firmengeflecht der FDP unter die Lupe genommen. „Verdeckte Geldflüsse“ Unglaublich, obwohl man nichts anderes erwarten konnte…

Nach den großen Parteispendenskandalen der letzten Jahrzehnte hatten die Parteien Besserung gelobt. Mehr Transparenz, schärfere Kontrollen. Schluss mit dubiosen Geldflüssen durch dunkle Kanäle. Seitdem hat sich viel geändert. Das Geld fließt allerdings nach wie vor. Nur über noch verschlungenere Wege. Eine Partei hat es dabei zur Meisterschaft gebracht. Achim Pollmeier, Matthew D. Rose und Kim Otto haben versucht, den Überblick zu behalten im schier undurchdringlichen Firmengeflecht der FDP.

Zum Thema „Abgeordnete und ihre Nebentätigkeiten“ hat die Deutsche Welle auch noch ein bisschen was Gehaltvolles geschrieben.

(…) Die UN-Konvention gegen Korruption (UNCAC) hat Deutschland zwar im Jahr 2003 unterzeichnet, aber seit neun Jahren nicht in eigenen Gesetzen verankert. Die Beeinflussung von Abgeordneten über Geldzahlungen, Beraterverträge oder lukrative Nebenjobs ohne tatsächliche Gegenleistungen bleibe daher nahezu folgenlos, meint der Geschäftsführer von Transparency International in Deutschland, Christian Humborg: “Das ist eine Schande für einen demokratischen Staat wie die Bundesrepublik.” Deutschland verhalte sich damit nicht anders als Staaten wie Sudan, Somalia oder Syrien. (…)

Apropos Geld – der Euro ist ja nun sowas von tot. Seit langem schon, jedenfalls wenn man den Alarmisten beim ehemaligen Nachrichtenmagazin Spiegel Glauben schenken will. Meedia.de hat sich den Spaß gemacht, ein wenig in den Spiegel-Titelseiten der vergangenen Jahre zu blättern und dabei beachtliche Parallelen festgestellt – „Der Spiegel und die vielen Euro-Tode“. (Gleiches lässt sich natürlich auch bei anderen Magazinen zu anderen Themen finden – da werden Sachen gerne im Ein-/Zwei-Jahresrhythmus leicht verändert wieder auf die Bühne gezerrt. Qualitätsjournalismus eben.)

Wenn es nach dem Hamburger Nachrichtenmagazin Spiegel ginge, dann müsste der Euro schon längst weg sein. Untergegangen, verbrannt, zerbrochen, zerbombt, vernichtet. Viele Male hat der Spiegel den Euro auf seinem Titelbild schon sterben lassen und dabei fleißig Welt- und Gelduntergangsstimmung geschürt. Auch auf dem Spiegel-Titel dieser Woche zerfließt der Euro mal wieder. Wir haben die Euro-Untergangs-Titel der vergangenen drei Jahre des Spiegel mal zusammengefasst.

Bei all solchen Nachrichten frage ich mich ja bekanntlich schon zuweilen, ob es nicht besser ist, den Zustrom von solchen Informationen zu bremsen. Vor allem die normalen Nachrichten wie Tagesschau etc. meide ich tatsächlich schon seit langem, weil hier oft profanen Ereignen eine Pseudo-Wichtigkeit zuerkannt wird, die den Blick aufs große Ganze verstellt. Dieser Meinung ist auch Rolf Dobelli in Der Zeit – „Klarer Denken: Hände weg von News“:

(…) Wir sind so gut informiert und wissen doch so wenig. Warum? Weil wir vor zweihundert Jahren eine giftige Wissensform namens »News« erfunden haben, Nachrichten aus aller Welt. News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist. News sind appetitlich, leicht verdaulich – und langfristig schädlich.

Vor drei Jahren startete ich ein Experiment. Ich beschloss, keine News mehr zu konsumieren. Ich kündigte sämtliche Tageszeitungsabos. Fernseher und Radio wurden entsorgt. Ich löschte die News-Apps vom iPhone. Ich berührte keine einzige Gratiszeitung mehr und schaute bewusst weg, wenn im Flieger vor mir jemand die Zeitung aufspannte. Die ersten Wochen waren hart. Sehr hart. Ständig hatte ich Angst, etwas zu verpassen. Doch nach einer Weile stellte sich ein neues Lebensgefühl ein. Das Ergebnis nach drei Jahren: klareres Denken, wertvollere Einsichten, bessere Entscheidungen und viel mehr Zeit. (…)

Zum Abschluss noch zwei Artikel, die thematisch nicht direkt zu dem bisherigen passen, deshalb führe ich sie einfach mal so auf. Das Klimaschutzkochmobil hat eine anschauliche Grafik veröffentlicht, die den Wasserverbrauch unterschiedlicher Nahrungsmittel zeigt und verdeutlicht, was für eine Umweltsünde Fleischkonsum darstellt (einfach auf das Bild klicken, um es in lesbarer Größe zu sehen):

Der Eifelphilosph macht sich in „Der Maschinengott des Todes und die Menschen: Anleitungen zum Widerstand“ seine Gedanken über unsere moderne Wirtschaftsgesellschaft. Etwas längerer, aber lohnenswerter, da durchaus streitbarer Artikel:

Sonntag, 7.10. 2012. Ein Tag, an dem man eigentlich dankbar sein sollte, dass es die Kirche gibt. Warum? Ganz einfach: ohne Kirche kein Sonntag. Wird gerne vergessen, aber ist halt so. Sonntagsarbeit galt als “Sonntagsfrevel”: die Seele drohte Schaden zu nehmen (siehe Wikipedia).  Nun – die Maschinenwelt hat keinen Sinn für solch’ romantischen Unsinn, der Sonntag wird zunehmend zu einem ganz normalen Tag, an dem der Bürger seinen Produktionsdienst abzuleisten hat. Dieser Produktionsdienst ist in unserer Kultur elementar wichtig – so wichtig wie das Gebet für die Kirche. Rational ist er nicht mehr zu begreifen – eher im Gegenteil. Wird die moderne kapitalistische Kultur nicht gestoppt, dann wird sich die Erde in einen leblosen  Müllplaneten verwandeln, dessen Werte als elektronische Informationen auf einer Riesenfestplatte gespeichert sind, die sicherheitshalber in einem Satelliten die Erde umkreist. Vielleicht werden wir in einer Million Jahre dann von Teleskopen von der Venus beobachtet, von Leuten, die sich fragen, warum es wohl auf der Erde gar kein Leben gibt – und warum sie dem Mars so ähnlich ist. Manche Romantiker werden davon träumen, das es vielleicht dereinst Leben auf der Erde gegeben hat  – so wie dann auf der Venus. Sie werden ausgelacht werden, während sie durch ihre Teleskope starren und die Zukunft ihres eigenen Planeten direkt vor Augen haben.

Viele werden nun denken: hier wird übertrieben.

Schön, wenn man noch so naiv sein kann.

Das geht wohl nur mit ganz viel privaten Verblödungsfunk und öffentlichen Wohlfühlmedien, deren Aufgabe vor allem darin besteht, den WAHREN GLAUBEN zu vermitteln, der besagt, das unser Gott der einzig wahre ist, das alle anderen Götter gar nicht existieren und das jemand fürchterliche Frevel begeht (dem Sonntagsfrevel gar nicht so unähnlich), wenn er an nicht so lebt wie wir. Unser Gott? Nun – öffentlich wahrnehmbar ist es der “Gibt-kein-Gott”- Gott, der Atheismus, der eine der stärksten und ignorantesten Formen von Glauben darstellt. Das aber ist nur ein Eckpfeiler jener neuen Religion, die uns alle in ihren Dienst zwingt. Ein anderer Eckpfeiler ist “der Markt”, der als Hand des neuen Gottes auf Erden wahrnehmbar ist. Jeder zittert vor ihm, jeder fürchtet sich vor ihm und wirft sich ehrfürchtig und demütig in den Staub, sobald er naht.

Ist natürlich irrationaler Mumpitz wie jede Religion. Und wie so oft: die Priester wissen das. Sie verdienen gut an diesem Glauben. Der Spiegel demonstriert das gerade sehr gut: in einer Infografik wird erläutert, wie Hedgefonds automatisch Bürger enteignen. Die Enteignung geht inzwischen sogar soweit, das sogar Marineschiffe beschlagnahmt werden (siehe ebenfalls Spiegel) – der erste Schritt zu Auflösung auch der militärischen Souveränität der Staaten scheint getan. Sollte man sich merken, wird irgendwann ein historischer Tag, vielleicht sogar ein Feiertag der neuen Religion. (…)

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Givebox – Ein Geben und Nehmen

Heute will ich Euch mal wieder etwas aus der Rubrik „Alternativen zum kapitalistischen Warenverkehr“ präsentieren – an vielen Ecken gibt es nämlich Initiativen von Bürgern, um dem Diktat des Marktes, des Kaufens und Verschwendens entgegenzutreten und der industriellen Marketingmaschinerie ein Schnippchen zu schlagen. Seit einiger Zeit tauchen immer mehr sog. „Giveboxes“ in diversne Städten auf, die eine Ergänzung zu den Bücherschränken sind, in die jedermann etwas reinstellen und wieder rausnehmen darf. Die WDR-Sendung markt brachte in „Givebox: Geben ohne Bedingungen“ einen kleinen Bericht zum Stand der Dinge:

Wer kennt das nicht: Da lagern irgendwo noch ausrangierte Kleidungsstücke, gelesene Bücher und vieles mehr. Was hier nutzlos verstaubt, kann aber woanders vielleicht noch sinnvoll genutzt werden.

Die Idee ist einfach: Was noch gut ist, man aber selbst nicht mehr braucht, kommt in die Givebox. Das ist ein einfacher Holzverschlag irgendwo am Straßenrand oder auf einem Platz. Man kann sich ein anderes Stück herausnehmen oder auch nicht. Einfach spenden ist erlaubt, wie auch einfach mitnehmen.

Am Düsseldorfer Hermannplatz zum Beispiel ist die Givebox so ein schlichter Holzverschlag mit Dach und einem Duschvorhang als Tür. An drei weiteren Stellen in der Stadt sowie in Münster, Siegen, Frankfurt, Hamburg und Berlin haben Bürger inzwischen solche Tauschcontainer aufgestellt. Da können Tauschwillige auch schon mal einen Markenanzug, Brettspiele, Spielzeug und Bücher finden. Eine Givebox ist also kein Müllabladeplatz, sondern eher eine Mischung aus permanentem Flohmarkt und Tauschbörse.

Bürger für Bürger

Entstanden sind alle Boxen auf Eigeninitiative engagierter Menschen. Gebaut wurde mit möglichst bescheidenen Mitteln, gefragt wurde niemand, oft nicht einmal die Behörden. Haftung bei Unfällen und Vandalismus stellen jedoch ernste Probleme dar. In Düsseldorf wurde eine Givebox angezündet und brannte ab. Einige Monate später stand jedoch schon wieder Ersatz an der gleichen Stelle. Lokale Paten schauen sich regelmäßig die Box an, sortieren Unbrauchbares aus und sind Ansprechpartner für Mitbürger und Behörden.

Doch die Lösungen sind bei fast jeder Givebox anders. Mal wurde vorher doch mit den Behörden gesprochen, mal sich der Hilfe einer Kirchengemeinde versichert. Wie viel Verantwortung einer übernehmen will und wie viel Engagement jeder zeigen will, ist ihm selbst überlassen.

Organisiert wird übers Internet

Zur Organisation werden häufig die lokalen Givebox-Gruppen auf Facebook genutzt. Dort werden Termine und Pläne ausgetauscht und auch größere Gegenstände wie Kühlschränke direkt zum Verschenken angeboten. Entscheidend ist jedoch, dass sich genug Unterstützer für den Bau und die Arbeitstreffen zusammenfinden.

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Lesetipps: Propaganda für Agro-Konzerne | Konzerne sind Plünderer | Occupy Apple | Mann ohne Geld

© Goat_girl, stock.xchng

Immer mal wieder – so auch neulich in der ARD-Doku „Wie billig kann Bio sein?“ – werden in den Medien ja großangelegte „Enthüllungen“ präsentiert, die beweisen (sollen), dass Bio ja doch gar nicht gesünder sei als konventionelle Lebensmittel, dass man also getrost weiterhin den Dreck kaufen kann, den einem die Industrie in Supermärkten und Discountern als „Lebensmittel“ unterjubeln will. Dass ein Bio-Apfel nicht mehr Vitamine hat als einer aus konventionellem Anbau, sollte eigentlich auch so klar sein, hängt der Vitamingehalt doch eher von der Sorte ab. Meistens werden aber die eigentlich wichtigen Punkte im Zusammenhang mit biologischem Anbau bei solchen Berichten gerne unterschlagen (statt dessen konzentriert man sich auf einige schwarzen Schafe der Branche) – dass weniger Pestizide verwendet werden, dass schonender mit den Ressourcen (wie den Böden) umgegangen wird etc. Natürlich läuft auch im Bioanbau einiges schief, wie immer in diesem auf Profit ausgerichteten System springen Konzerne auf alles, was Geld verspricht, und „optimieren“ die Kostenstrukturen anschließend. Autorin Kathrin Hartmann beleuchtet in ihrem Das Ende der Märchenstunde-Blog nun mal die Gegenargumente – „Stanford Anti-Bio-Studie: Propaganda für Agro-Konzerne“:

Schon erstaunlich, wie dieeinschlägige Journailleüberschnappt vor Glück, wenn sie, gefühlt einmal im Jahr,verkünden darf: “Bio ist gar nicht gesünder!”Ätschbätsch! Der Vorwurf, Bio habe nicht mehr Nährstoffe als konventionelles Obst und Gemüse, ist so alt wie dumm, schon seit Jahren trompeten die Anti-Bio-Propagandisten und Achse-des-Guten-Provokateure Dirk Maxeiner und Michael Miersch diese scheinbar “unbequeme Wahrheit” in die Welt. Aktuell sorgt aber eine haarsträubende Studie der US-amerikanischen Elite-Universität Stanford mit exakt dieser Botschaft für Aufsehen in den Mainstream-Medien. Großdenker des Springer-Blatts “Die Welt” erklärten Bio gar zum “kulturellen Placebo”. Dabei ist völlig klar: Ein Bio-Apfel hat nicht mehr Vitamine oder Mineralstoffe, es ist ja immer noch ein Apfel. Bio ist gesünder für Mensch und Welt, weil es keine Gentechnik enthält, keine Pestizide und keine Antibiotika. Pestizide und Mineraldünger vergiften Böden und Wasser, zerstören die Biodiversität und tragen zum Klimawandel bei. 40 000 Menschen sterben jedes Jahr an Pestizidvergiftung. Gerne führen Bio-Kritiker (so auch die Wissenschaftler von Stanford) an, dass die Pestizidrückstände auf Obst und Gemüse rückläufig seien. Stimmt. Doch dafür hat die Mehrfachbelastung zugenommen: um gesetzliche Grenzwerte zu unterschreiten, setzen Hersteller viele verschiedene Wirkstoffe ein. Welche Wirkung diese Giftcocktails haben weiß kein Mensch. (…)

(…) Stanford ist die reichste Universität der Welt, sie steht an der Spitze der Fundraising-Aktivitäten US-amerikanischer Universitäten. Allein in der fünfjährigen Kampagne “The Stanford Challenge” hat die kalifornische Elite-Uni 6,2 Milliarden Dollar Spenden eingesammelt. Diese Spenden stammen auch aus der Industrie oder von industrienahen Stiftungen. Stanford ist mit der Industrie eng verbandelt. Besonders innig verbunden ist Stanford mit dem umstrittenen Agrar-Konzern Cargill, weltgrößter Getriedehändler, Gentechnik-Befüworter (Cargill arbeitete mit Monsanto am umstrittenen Gen-Mais), Großimporteur von Futtersoja aus Brasilien und Palmöl aus Sumatra. Seit 25 Jahren ist Cargill Partner der Universität und hat während der vergangen zehn Jahre mindestens fünf Millionen US-Dollar an das Standford Center of Food Security and Environment Program (FSE) gespendet. Das FSE gehört zum (konzern-)spendenfinanziertenFreeman Spogli Institute for International Studies at Stanford Universtity (FSI), zu dem auch das Center for Health Policy gehört, das die Bio-Studie durchgeführt hat. Die Bill & Melinda Gates-Stiftung, die sich für konventionelle Landwirtschaft und Gentechnik stark macht und in die Konzerne Monsanto und Cargill investiert, unterstützt ein Programm des FSE und steht als Spender auf der FSI-Liste (Kategorie 5 Millione US-Dollar und mehr). Darüber hinaus gehört Jeffrey Raikes, CEO der Bill & Melinda Gates-Stiftung zum Board of Trustees der Stanford University. George H. Post wiederum, angehöriger des Board of Directors vonMonsanto, ist “Distinguished Fellow” im Stanford-Thinktank “Hoover Institution”, das großen Einfluss auf die US-amerikanische Politik hat.  (…)

Jean Ziegler, seines Zeichens Mitglied im beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats der UN, ist ja bekannt dafür, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, wenn es um die Umtriebe der großen Unternehmen weltweit geht, die (nicht nur) seiner Meinung nach mit- oder sogar hauptverantwortlich für den Hunger auf der Welt sind. Anlässlich seines neuen Buches „Wir lassen sie verhungern“ hat ihn das Magazin Profil (durchaus kritisch) interviewt: „Konzerne sind Piraten und Plünderer“:

(…) profil: Die Schuld ­daran geben Sie dem Neoliberalismus, der Globalisierung, den Spekulanten. Warum blenden Sie alle anderen Gründe aus?
Ziegler: Die Haupttäter sind die Konzerne, und wir sind die Komplizen.

profil: Wer ist „wir“?
Ziegler: Wir Bürger, die nicht aufstehen und unsere Regierungen zwingen, die Konzerne zu kontrollieren. Es gibt zehn transkontinentale, unglaublich mächtige Gesellschaften wie Cargill, Archer Midland, Bunge oder Nes­tlé, die 85 Prozent des Nahrungsmittelhandels auf der Welt beherrschen. Die Konzerne funktionieren nur nach dem Prinzip der Profitmaximierung, das ist auch ganz normal. Wenn der Nestlé-Chef den Shareholder-Value nicht jedes Jahr steigert, ist er nach drei Monaten weg – ob er ein netter Mensch ist oder nicht. (…)

Na, und habt Ihr Euch auch schon alle brav das neue iPhone geholt? Ohne das man als moderner Mensch nicht überleben kann. Und das iPhone 5 ist natürlich so viel besser als das völlig veraltete, aus heutiger Sicht eigentlich unbenutzbare Vorgängermodell aus dem letzten Jahr! Wenn man so die Berichte in der Presse gesehen hat, die einen unglaublichen Wirbel um das neue Gadget gemacht hat, kann man eigentlich nur den Kopf schütteln. Spiegel Online hat, als das Ding vorgestellt wurde, auf der Startseite oben groß einen eigenen „News-Ticker“ zu diesem „Event“ geschaltet. Apple freut sich über solch kostenlose Reklame und kann sich die Hände reiben – in punkto Marketing macht ihnen niemand was vor. Das führt dann zu so grotesken Situationen wie „Occupy Apple“, wie Pressetext.com berichtet: „Occupy Apple verkauft Plätze in iPhone-5-Schlange – Hardcore-Fans werden im Netz durch den Kakao gezogen“:

“iSchafe” nennt Cnet jene unerschrockenen Apple-Fans, die weltweit vor ausgesuchten Apple-Stores übernachten, um sich die ersten neuen iPhones zu sichern. Überall im Netz machen sich Kommentatoren über die eifrigen Erstkäufer lustig. Aktivisten von Occupy Wallstreet haben derweilen eine produktivere Art von Kritik am Hype um den Hightechkonzern gefunden. Sie stellen sich unter dem Motto “Occupy Apple” selbst in die Schlange, um ihre Plätze kurz vor Ladenöffnung an wohlhabende Geschäftsleute zu verkaufen. Die Einnahmen werden anschließend gespendet. (…)

Damit es aber nicht immer nur die armen Apple-Leute trifft – Samsung macht Apple inzwischen ja einiges nach, auch die unwürdigen Arbeitsbedingungen bei der Produktion ihrer Unterhaltungselektronik – „Miese Arbeitsbedingungen: Scharfe Kritik an Samsung und Apple“:

Mit der Verleihung des Public Eye-Awards ist Samsung eine zweifelhafte Ehre zuteilgeworden. Wegen der Arbeitsbedingungen in seinen Fabriken wurde das Unternehmen in einer Online-Abstimmung unter den “schlimmsten Unternehmen” weltweit auf Platz 3 gewählt. (…)

Samsung wird vorgeworfen, bei der Produktion seiner Elektronikprodukte die Gesundheit von Arbeitern bewusst zu gefährden und sogar deren Tod in Kauf zu nehmen.

Laut den Initiatoren des Negativpreises setzt Samsung in der Herstellung hochgiftige Chemikalien ein, ohne die Angestellten über die Gefahr zu informieren. Dadurch seien bereits 50 Mitarbeiter gestorben und circa 140 ernstlich erkrankt. Samsung selbst bestreitet dies, wurde aber mittlerweile dazu verurteilt, zwei an Leukämie erkrankte Mitarbeiter zu entschädigen. Ein südkoreanisches Gericht sah es als erwiesen an, dass die Krankheit mit der Arbeit mit krebserregenden Stoffen in Zusammenhang steht, obwohl die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte nicht überschritten worden waren. (…)

Am besten, man versucht ohne all dieses Spielzeug auszukommen – den Versuch hat Mark Boyle unternommen, der ein ganzes Jahr ohne Geld auskam, und uns darüber in einem Buch berichtet. Utopia stellt das Werk kurz vor (und nimmt mir damit dankenswerter Weise die Arbeit einer eigenen Rezension ab :-) – „Der Mann ohne Geld“:

Be the change you want to see in the world. Inspiriert durch diese Worte Mahatma Gandhis stand im Jahr 2008 für den damals 29-Jährigen Wirtschaftswissenschaftler, und Gründer der Freeconomy-Bewegung, Mark Boyle fest, sein Leben von Grund auf umzukrempeln. Ab sofort wollte er auf jeglichen Konsum verzichten und zwölf Monate ohne Geld verbringen. Begonnen hat Boyle dieses Jahr passender Weise am Internationalen Kauf-nix-Tag.
Doch wie kommt man bloß auf die Idee, eine so lange Zeit ohne Geld auskommen zu wollen? Für Boyle war es die Feststellung, dass die Menschen viel zu distanziert von den Gütern sind, die sie konsumieren. Das Geld wird auf den Tisch gelegt, aber wofür genau, weiß man meist nicht. Die direkten Auswirkungen unseres Kaufverhaltens auf Mensch, Tier und Umwelt können (oder wollen) wir nicht mehr sehen. Denn müssten wir unser Gemüse selbst anbauen, würden wir es niemals so unachtsam wegwerfen. Müssten wir sehen, unter welchen Bedingungen Tiere geschlachtet werden, würden wir vielleicht aufs Wurstbrot verzichten. Müssten wir unser Trinkwasser selbst reinigen, würden wir es nicht so verschwenden. Die Reihe lässt sich unendlich fortsetzen. Doch wer macht sich heutzutage noch Gedanken um die Herkunft seiner Einkaufswaren? Geld stellt für die Menschen eine Sicherheit dar. Es hat die Macht über die Welt ergriffen. Doch Boyle selbst sagt, “dass Freundschaft und nicht Geld wahre Sicherheit bringt. Und dass die größte Armut hier im Westen spiritueller Art ist. Dass Unabhängigkeit in Wahrheit der wechselseitigen Abhängigkeit bedarf. Und dass, wenn du keinen Plasma-Bildschirm-Fernseher besitzt, die Leute denken, dass du ein Extremist bist.” (…)

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