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Sollte Shoppen patriotische Bürgerpflicht sein? Teil 2/2

2-frauen-ladenDies ist Teil 2 meiner gestern begonnenen Übersetzung des BBC-Artikels „Should shopping be a patriotic duty?“ aus dem November 2008.

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DIE EINKAUFS-AUTORIN

Amanda Ford, Autorin des Buches „Retail Therapy: Life Lessons Learned While Shopping“ („Einkaufs-Therapie: Lektionen fürs Leben, die man beim Shopping lernt“) hegt viel Sympathie für die Anti-Konsum-Aktivisten.

„Wenn wir Geld ausgeben für Dinge, die wir nicht benötigen oder sogar gar nicht wirklich wollen, tragen wir zu einem System bei, das negativen Einfluss auf unser physikalische Umgebung hat, auf unser politisches und soziales Umfeld, und – am wichtigsten, wie ich finde – unsere geistige Entwicklung.“

Aber die Antwort liegt in intelligenterem Einkaufen, schlägt sie vor. „Man findet absolut keine Freude darin, sinnlos Shoppen zu gehen. Weniger ist wirklich mehr. Wenn es um den Konsum geht, ist größer nicht besser. Bedeutet das, dass wir unser Geld unter der Matratze lagern und in Klamotten herumlaufen sollen, die aus Ästen und Zweigen aus unserem Hinterhof gebastelt sind? Nein. Ich glaube nicht, dass wir das Shoppen komplett einstellen müssen, um unsere Konsumkultur zu heilen, aber wir müssen anders einkaufen.“

Die Idee eines Lebens, das von Konsum und der Liebe zu Dingen bestimmt wird, muss beendet werden, schlägt Ford vor.

„Wir müssen damit aufhören, Dinge zukaufen, weil wir gelangweilt, einsam, gestresst sind oder uns einfach daran gewöhnt haben und durch das Räderwerk von Verpflichtung und Routine gehen. Wir sollten kleine, lokale Geschäfte, Handwerker und Bauern unterstützen. Wir sollten Sachen kaufen, die in unserem Leben einen gewissen Zweck für mehrere Jahre erfüllen und uns nicht nur für eine Saison unterhalten.“

Die Menschen sollten weiterhin einkaufen, aber mit dem Zustand der Welt im Hinterkopf. „Wir müssen keine Angst haben, unser Geld auszugeben. Geld ist eine gewaltige Kraft und selbst eine kleine Menge hat die Macht, eine Veränderung zum Positiven zu bewirken. Fragen Sie sich einfach bei jedem Einkauf selbst: ‚Hilft oder schadet dieser Kauf der Art von Änderung, die ich in der Welt sehen möchte? Ist dieser Kauf lebensunterstützend oder seelenzerstörend?‘ Dann atmen Sie einmal tief durch, gehen in sich und lauschen. Ich denke, Sie werden Ihre Antwort wissen.“

DER PSYCHOLOGE

Für Michael Gutteridge, einen Wirtschafts- und Sozialpsychologen, kann Shoppen als motivierende Aktivität dienen.

In England, wo die Menschen lange Stunden arbeiten und ein stressiges Leben führen, kann Shoppen ein Weg sein, sich selbst zu belohnen.

„Wenn Leute nicht von ihren Kollegen oder dem Chef belohnt werden, geben sie sich selbst eine Belohnung. Es geht darum, das Selbstvertrauen zu steigern und sich selbst zu belohnen. Wir wollen unsere Stimmung heben“, sagt Gutteridge.

Und in diesen Zeiten der atomisierten Familien ist Shoppen zu einem wichtigen sozialen Ereignis geworden. „Es verstärkt gemeinsames soziales Verhalten. Sie sehen Familien in Shopping-Centern – es ist wie ein Ausflug. Sie verbringen den Tag dort und essen dort.“

DER ÖKONOM

Und das gewaltigste Argument dagegen, Shoppen zu stoppen, kommt von Prof. John Sloman, Direktor des Economics Network, der Wirtschaftsbereich der Higher Eductaion Academy an der Universität von Bristol.

Die Folgen dessen, wenn wir komplett aufhören würden, nicht wichtige Güter zu kaufen, würde bedeuten, dass die menschen, die sie produzieren, keinen Job mehr hätten und nicht mehr in der Lage wären, selbst wichtige Dinge zu kaufen.

Selbst wenn man einen Anti-Konsum-Standpunkt einnimmt, wäre ein kurzer scharfer Systemschock ein katastrophaler Weg, das Ziel zu erreichen, meint er.

„Es ist ein bisschen wie bei einer Droge. Wenn Sie plötzlich von einer Droge loskommen, haben Sie einen kalten Entzug. Sie müssen die Leute nach und nach, über Jahre entwöhnen. Wenn Sie einen plötzlichen Schock erleiden, bekommen Sie ernsthafte Probleme – hohe Arbeitslosigkeit, einige Wirtschaftsbereiche stürzen ab.“

Her eine Auswahl Ihrer Kommentare zu dem Artikel:

Vor sieben Jahren hatte ich eine Überschwemmung aufgrund eines Rohrbruchs und verlor ungefähr 80% meiner Habseligkeiten und Einrichtungsgegenstände. Die Aufräumarbeiten und Versicherungsquerelen machten mir klar, dass es nur eine begrenzte Zahl an Sachen gibt, die man wirklich braucht. Vor zwei Jahren war ich ernsthaft krank, was mich dazu brachte, mich auf die wichtigeren Aspekte des Lebens zu konzentrieren. Ich fühle mich nun glücklich, nur das zu kaufen, was ich brauche, was keine Dinge wie Flachbildschirme, iPods oder Luxusgüter umfasst. So lange ich meine Ausgaben decken und mir gelegentliche  Leckereien leisten kann ist in meiner welt alles in Ordnung. Gute Gesundheit, Familie und Freundschaften sind erheblich wertvoller.
Linda, Kirkcaldy

„Es geht darum, das Selbstvertrauen zu steigern und sich selbst zu belohnen. Wir wollen unsere Stimmung heben.“
Der Himmel möge verhüten, dass wir dies erreichen, indem wir Zeit mit unseren Familien, Nachbarn und Freunden verbringen, an sozialen Netzwerken teilnehmen, freiwillige Arbeit in der Gemeinde ausführen oder Zeit mit unseren Partnern verbringen. Schließlich ist der Besitz von Sachen so viel befriedigender…
Kaz, Macclesfield, UK

Ist uns noch nicht bewusst geworden, dass wir in einer Welt der begrenzten Ressourcen leben? An einem Punkt werden wir gezwungen werden, unseren übertriebenen Konsum zu beenden, ob nun die Weltordnung, wie wir sie kennen, daran zerbricht oder nicht. Der „credit crunch“ ist eine kleine Demonstration dieses Prinzips; es schien alles super zu laufen, solange wir uns immer mehr leihen konnten, aber sobald das Geld knapp wird, bricht alles zusammen.

Wir schieben ein wachsendes Ressourcen-Defizit vor uns her – und eines Tages wird unser Kredit am Ende sein. Ist es in Irdnung, dieses Problem unseren Kindern und Enkeln zu überlassen? Noch haben wir Zeit, auf die Bremse zu treten; wenn wir damit beginnen, wird es hart sein, aber es wird kein Vergleich zu dem Schlamassel sein, das wir heraufbeschwören, wenn wir nichts tun. Aber wer hat den dafür notwendigen Mut?
Jan, Swindon, UK

Es ist keine einfache Aufgabe, aber unsere Sorge ist es, dass einzigartige und unabhängige Geschäfte überleben. Viele Studien haben gezeigt, dass Geld, das in der Region ausgegeben wird, drei Mal so viel zur Stärkung der lokalen Wirtschaft beiträgt und dabei hilft, Jobs in der Region zu sichern. Es ist immer sinnvoll, mit Bedacht einkaufen zu gehen und sicher zu stellen, dass ein Teil der Ausgaben in der Region bleibt.
Sue Korman, Brighton

Ich liebe es, zu shoppen. Ich bin behindert, habe chronische Schmerzen und bin oft ans Bett gefesselt. Wenn ich nach draußen gehen kann, liebe ich es, durch die Geschäfte zu streifen, ich finde, dass mir Shoppen viel Freude bereitet. Man muss nur wählerisch sein. Kauft Dinge, die Ihr mögt und denkt daran, Freude an ihnen zu finden – und nicht Schulden dafür zu machen. Meine letzte „Prasserei“ war ein Paar toller rosafarbener Lederhandschuhe. Sie machen mich jedes Mal glücklich, wenn ich sie trage. Geld sind nur Papierschnitzel oder Daten im Computer. Es existiert nur deshalb, damit wir es für Dinge eintauschen, die Spaß machen und interessanter sind.
Mallory, Reading, UK

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Sollte Shoppen patriotische Bürgerpflicht sein? Teil 1/2

discarted_09-einkaufswagenNoch recht zu Beginn des offiziellen Ausbruchs der aktuellen Wirtschafts- und „Finanzkrise“, nämlich im November 2008, als alle Regierungen die Bürger, besser gesagt die Konsumenten dazu aufriefen, ordentlich shoppen zu gehen, um die Wirtschaft mit frischem Geld zu fluten, brachte die BBC einen interessanten Beitrag nebst Diskussion über Sinn und Unsinn solcher Appelle und die Fundamente unserer Konsumgesellschaft – „Should shopping be a patriotic duty?“. Zu Wort kamen u.a. der Konsumkritiker Neil Boorman, aber auch Psychologen und eine Tante, die für ein Hochglanz-Shoppingmagazin schreibt. Die Aussagen letzterer, vor allem ihr reflexartiger Vergleich des Verzichts auf sinnlosen Konsum mit den Zuständen in Kambodscha oder Afghanistan ist ausgesprochen lächerlich bis peinlich, wie ich finde, aber bildet Euch doch einfach selbst eine Meinung – hier meine Übersetzung des Textes:

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Sollte Shoppen patriotische Bürgerpflicht sein?

Politiker und Zentralbanker in England und der ganzen Welt kämpfen darum, Sie dazu zu bringen, mehr Geld für nicht (lebens-)wichtige Dinge auszugeben, so dass der Nachfragemangel die globale Wirtschaft nicht in den freien Fall führt.

Aber sogar in diesen momentanen harten Zeiten gibt es abweichende Stimmen, die diese Gelegenheit dazu nutzen wollen, den Konsumismus ein für alle Mal zu Fall zu bringen. Sie sagen, dass unsere Liebe zu Dingen, die wir oft gar nicht wirklich brauchen und uns nicht leisten können das ist, was uns mit in diese Bredouille geführt hat. Einkaufen ist zu unserem Gott geworden und muss entthront werden, sagen sie.

Am anderen Ende des Spektrums gibt es Leute, die Shopping verteidigen – als etwas, das uns aufmuntert, wenn wir bedrückt sind, als eine soziale Aktivität, als ein Ausduck von Freiheit und als das „Laster“, das uns retten könnte.

DER ANTI-KONSUMISMUS-AKTIVIST

Neil Boorman, Autor von „Good-bye Logo“, ein Tagebuch seiner Ablehnung eines Lebensstils, der von Markengütern dominiert wird, hat einen Kurzfilm („The Good Consumer“) gedreht, um den Buy Nothing Day zu unterstützen, einen jährlich stattfindenden Protest gegen Konsumismus.

„Es gibt Millionen von Auswahlmöglichkeiten für uns Konsumenten. Aber die eine Wahl, die wir vergessen zu haben scheinen, ist die Entscheidung, nicht zu kaufen“, sagt Boorman, der glaubt, dass es „ökonomische Gotteslästerung“ geworden ist, nicht shoppen zu gehen.

„Das Konsumentenvertrauen, so sagt uns die Regierung, ist lebenswichtig für die Erholung der Wirtschaft. Ein Sprung zu dem Ein-Tages-Sonderverkauf bei Marks & Spencer ist DAS sozial verantwortliche Verhalten, so wie der Kauf von Staatsanleihen im Krieg.“

Boorman glaubt, dass wir ein absolutes Recht darauf haben, zu sparen statt auszugeben. Schließlich haben wir hart gearbeitet, das Geld zu verdienen.

„Ich möchte klarstellen, was Ökonomen mit dem Ausdruck ‚Konsumentenvertrauen‘ meinen – es ist die Bereitschaft der Öffentlichkeit, Geld für Luxusgüter auszugeben – insbesondere für Produkte, die wir nicht benötigen.“

Und während Konsumenten 1.5 Billionen £ an persönlichen Schulden aufgehäuft haben, haben sie wenig an Gegenwert dafür erhalten, legt er dar.

„Der Wert eines neuen Autos halbiert sich in dem Moment, wo wir den Händler verlassen, die meisten technischen Spielereien sind veraltet oder gehen kaputt, sobald die Garantie ausläuft, und Kleidung ist praktisch wertlos, sobald man sie getragen hat. Diese Luxusgüter sind alle sehr aufregend, wenn wir sie aus den Geschäften nach Hause tragen, aber als Investments sind sie schlechtere Wetten als Woolworth-Aktien. Im Grunde werden wir über den Tisch gezogen.“

Boorman möchte, dass wir alle Urlaub vom Shoppen machen an diesem internationalen Buy Nothing Day („Kaufnix-Tag“ in Dtl.).

„Stellen Sie sich vor, dass wir alle ein nachhaltiges Bekenntnis ablegen, weniger zu konsumieren – wir könnten Kreditkartenschulden begleichen, sogar weniger Zeit auf der Arbeit verbringen. Vor die Wahl gestellt: ein neues Auto oder eine 4-Tages-Arbeitswoche, wüsste ich, wofür ich mich entscheide. Als Anti-Konsumismus-Aktivist werde ich oft als unverantwortlich gebrandmarkt, wenn ich Menschen dazu ermuntere, mit dem Kaufen aufzuhören. Aber die Regierung ist erheblich rücksichtsloser, wenn sie uns dazu ermuntert, uns aus der Krise durch Shoppen zu befreien.“

Übertriebener Konsum ist außerdem die Wurzel für Umweltzerstörung, sagt Neil Boorman.

„Wenn es jemals einen geeigneten Zeitpunkt gegeben hat, unsere Abhängigkeit vom Konsumismus zu überdenken, wenn die wirtschaftlichen Regeln neu geschrieben werden, dann ist er jetzt gekommen. Und wir sollten uns daran erinnern, dass wir früher einen ‚Buy Nothing Day‘ in jeder Woche des Jahres genossen. Er hieß Sonntag.“

DER (DIE) SHOPPING-GURU

Lucia van der Post gründete das Financial Times Hochglanzmagazin How To Spend It (Wie man es ausgibt) vor mehr als einem Jahrzehnt. In einem zukünftigen Heft wird eine Verteidigung des Shoppens von ihr abgedruckt werden. Als inzwischen Selbständige hat sie Menschen seit den 1970ern beraten, wie sie ihr Geld mit Spaß ausgeben können.

„Ich habe niemals über Dinge geschrieben, von denen ich dachte, sie wären lediglich sinnloser Luxus“, sagt sie. „Und ich war niemals jemand, der Menschen davon überzeugen wollte, Geld auszugeben, das sie nicht hatten. Macawber hat Recht. Es ist erbärmlich, Schulden zu machen.“

Aber die Tatsache bleibt, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft die Leute in der Lage sein sollten, ihr Geld, das sie verdient und versteuert haben auszugeben wofür sie möchten.

„Spaß ist grundlegend für alle von uns – so grundlegend wie Essen und Wasser“, merkt sie an.

„Ich bin grundsätzlich libertär. Ich werde es mir nie eine Jacht leisten können, aber ich mag es in einer Welt zu leben, in der einige Leute Jachten besitzen. Wollen wir in einer Welt leben, in der niemand weiß, wie man eine Jacht baut oder eine edle Uhr?“

Großbritannien ist ein Land, das einen erheblichen Anteil an Menschen aufweist, die die Nase rümpfen in Bezug auf die Vorstellung, Nicht-Wesentliches einzukaufen und große Summen an Geld dafür auszugeben.

„Prestigekäufe / Geltungskonsum? Das ist, wenn der andere mehr ausgibt als du.“ Aber während das Kaufen von nicht-lebensnotwendigen Gütern als frivole Aktivität gesehen werden kann, gibt es dennoch das Argument, dass es uns mit den Plätzen/Orten verbindet, an denen wir sind.

„Wenn Sie in ein Land wie Indien fahren und dort nicht shoppen gehen, lassen sie sich nicht auf die örtliche Kultur ein“, sagt van der Post.

Und für einige kann Einkaufen auch als Ausdruck von Freiheit in einer kapitalistischen liberalen Demokratie angesehen werden.

„Der Weg der selbstauferlegten Sparsamkeit und nur Dinge zu kaufen, die wir wirklich benötigen, führt zu den Verhältnissen in Kambodscha unter Pol Pot, Afghanistan unter den Taliban oder China unter Mao“, beschließt sie.

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Kurzer Einschub von mir: diese letzte Aussage ist, wie ich oben schon erwähnte, unfassbar ignorant, dreist und auch dämlich. Wenn die Leute keinen überflüssigen Konsum betreiben (freiwillig, wohlgemerkt!), dann entspricht das dem Leben in einer blutigen Diktatur, in der Andersdenkende verfolgt und getötet werden? Wie kann jemand einen derartigen Bullshit ablassen? Mal abgesehen von der auch sehr diskutablen Aussage, dass man unbedingt (überflüssigen Kram) einkaufen gehen muss, um an der örtlichen Kultur teilzuhaben. Mit den Äußerungen hat sich die Dame eigentlich selbst disqualifiziert, wie ich finde, aber was soll man von einer Autorin erwarten, die solch ein Magazin für „Luxus, Lebensart und Lifestyle” gegründet hat… So, Wutmodus aus, weiter geht es dann morgen mit Teil 2 des Artikels.

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Korruption der Presse durch Werbung & PR – Nachtrag

zeitung_pressMein Artikel „Wie der Druck durch Werbung die freie Presse korrumpieren kann“ sorgte ja doch für einige Diskussionen und wurde sogar auf der Website des Nachrichten-Magazins Hintergrund verwendet, in deren neuen Ausgabe es übrigens in gewisser Weise auch um dieses Thema geht – „Medien, Macht, Manipulation“.

Zwei Leser meines Blogs waren so freundlich, mich mit weiteren entsprechenden Informationen zu versorgen, die verdeutlichen, wie sumpfig das Verhältnis von (Reklame-)Industrie zu der „freien“ Presse heutzutage ist. Da ich davon ausgehe, dass nicht jeder auch die Kommentare hier verfolgt, hieve ich diese Infos einfach mal in den „offiziellen“ Bereich des Konsumpfs. Da wäre zunächst ein aktuelles Beispiel aus der Schweiz, über das die Zeitschrift Werbewoche berichtete – „Müller Martini – Thurgauer Zeitung mit Anzeigenboykott bedroht“:

Müller Martini hat Anzeigenaufträge bei der Thurgauer Zeitung zurückgezogen, weil diese einen kritischen Artikel über die Thurgauer Firma geschrieben hat. Hintergrund des Streits ist ein Bericht über die krisengeschüttelte Müller Martini, die im Frühjahr angekündigt hatte, insgesamt 200 Stellen abzubauen, davon 60 in Felben-Wellhausen. Gleichzeitig investiert die Firma in die Restaurierung eines Oldtimers. Die Zeitung hatte die Restaurierung als Luxus in der Krise kritisiert, von dem sich die betroffenen Mitarbeiter vor den Kopf gestossen fühlen.

Tja, dieses Beispiel zeigt, dass mitnichten nur die Reklame der großen Konzerne problematisch ist, sondern auch der Druck der lokalen Wirtschaft auf die lokale Presse dementsprechend hoch ist. Die Glaubwürdigkeit von Berichterstattung jeglicher werbefinanzierter Medien stellt das zusätzlich in ein entsprechend fahles Zwielicht.

Das Netzwerk Recherche ist ein Netzwerk für investigativen Journalismus, das sehr löbliche Ziele verfolgt:

Der Verein Netzwerk Recherche soll eine Lobby für den in Deutschland vernachlässigten investigativen Journalismus sein. Er vertritt die Interessen jener Kollegen, die oft gegen Widerstände in Verlagen und Sendern intensive Recherche durchsetzen wollen. Der Verein sieht sich in der Pflicht, wenn Funktionsträger den freien Fluss von Informationen behindern, wenn kein Geld für Recherchen zur Verfügung gestellt wird, wenn Kollegen für korrekte, kritische Arbeit angegriffen oder zum Teil sogar juristisch verfolgt werden.

Einen umfangreichen Bericht (168 Seiten!) über kritischen Wirtschaftsjournalismus, den das Netzwerk herausgegeben hat und bei dessen Lektüre man schon ab und an kräftig schlucken muss, könnt Ihr Euch HIER als pdf herunterzuladen – insbesondere lohnen sich zwei Artikel des Autors Nils Klawitter, der sich bereits mehrfach intensiv und kritisch mit der alles wie ein Krebsgeschwür durchziehenden Krake namens Public Relations (PR) auseinandergesetzt hat (siehe „Saubere Namen für dreckige Zwecke“ bei Spiegel Online) – „Public Relations – Meister der Verdrehung“ und „Lobbyismus in der EU“. Ebenfalls spannend „Was macht die Qualität … Defizite des Wirtschaftsjournalismus“ von Christian Nürnberger:

(…) Eines Tages hatte sich ein Leser am Telefon über schlechte Behandlung im Kaufhof beklagt, zufällig zu einem Zeitpunkt, zu dem ich selbst gerade vom Kaufhof schlecht behandelt worden war. Man wünscht sich ja, wenn man in einem Laden schlecht behandelt wird, ein paar Millionen auf dem Konto, damit man diesen Laden kaufen und den Chef feuern kann. Die Millionen hatte ich nicht, wohl aber einen Job bei der Zeitung und nun einen Anlass, den Laden mit 60 Zeilen zu vernichten.

Leider wurde die Vernichtung nie gedruckt.

Horst Wolf, einer der damaligen leitenden Redakteure der Zeitung kam zu mir und redete mir die schönsten Pointen, die geschliffensten Formulierungen und die gehässigsten Bemerkungen aus. Anfangs wollte ich widersprechen, wir diskutierten eine Weile, aber dann beendete er die Diskussion mit einem Satz, den ich nie mehr vergaß, und das war nun der eigentliche, der wahre Praxisschock. Der Satz lautete: ‘Die Pressefreiheit endet da, wo der Selbstmord beginnt (…)

(…) Dieser Zensor aus dem Geist des Kapitalismus ist viel geschickter und viel subtiler als die Zensoren in den Diktaturen gewesen sind. Dieser Zensor verbietet nichts, steckt niemanden ins Gefängnis, foltert nicht, droht kaum, dieser Zensor etabliert nur neue, harmlos klingende Kriterien für die Presse. Diese Kriterien werden noch nicht einmal öffentlich oder heimlich ausgesprochen oder gar schriftlich fixiert. Sie werden einfach nur angewendet. Der Zensor belohnt diejenigen mit Geld, sprich Werbung, die sich seinen Kriterien fügen. Wer sich nicht fügt, wird nicht etwa bestraft, sondern kriegt halt nur kein Geld. Das hat im Lauf der Jahre dazu geführt, dass immer größere Teile des Werbekuchens in den der Werbung genehmen Sendern, Verlagen und Redaktionen gelandet sind. (…)

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Buchbesprechung: Kalle Lasn „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“

„Werbung ist das am weitesten verbreitete und stärkste aller mentalen Umweltgifte.“
– Kalle Lasn, „Culture Jamming“

cover_culturejamming_groEine Rezension für dieses Buch zu schreiben fällt mir nicht ganz leicht. Normalerweise regen einen gute Bücher ja zum Nachdenken an, vielleicht sogar mal zum UMdenken in dem einen oder anderen Detail. Dass ein Buch jedoch einen so großen „Impact“ hat, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, es hätte mein Leben verändert, ist extrem selten. Kalle Lasns „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“ ist solch ein Buch. Schon seit Jahren trieb mich ein wachsendes Unbehagen über die Entwicklung um mich herum um, was die zunehmende Ausbreitung von Reklame und Kommerz angeht, ohne dass ich genau den Finger auf diese schwelende Wunde legen konnte. Aber nach nur wenigen Seiten Lektüre von „Culture Jamming“ wurde mir bewusst, dass hier jemand genau die Gedanken zu Ende gedacht hatte, die mich so lange bedrängten und (oft unbewusst) beschäftigten – meine Abscheu gegenüber der immer aufdringlicheren Dummbräsigkeit von Werbung übler Firmen, mein wachsender Unmut gegenüber den nur noch auf kommerziell verwertbare „Events“ ausgelegten Medien – der „Welt des Spektakels“ –, mein Unwohlsein angesichts der voranschreitenden Uniformität der (Waren-)Welt, all dies thematisiert Lasn in seinem bahnbrechenden Buch scharfsinnig und pointiert, fundiert und unterhaltsam.

„Culture Jamming“ ist in vier Bereiche aufgeteilt, die nach den Jahreszeiten Herbst Winter, Frühling und Sommer benannt sind und in der entsprechenden Logik auch den Zustand unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems beschreiben. Zu Beginn umreißt Lasn den Ist-Zustand („eine Bilanz des Schadens“, wie er schreibt), der in einer alle Lebensbereiche durchziehenden Kommerzialisierung besteht, in einer wachsenden Macht von immer größer werdenden Unternehmen und einer siechenden Natur. „Winter“ ist eine noch zugespitztere Darstellung – „Amerika in einer Konsumtrance“. Lasn verwendet America™ nur noch mit dem Trademarksymbol, um zu zeigen, dass die Konzerne es sind, die das Geschick des Landes leiten und dass der amerikanische „way of life“ wie ein (sehr erfolgreiches) Produkt den Globus überzieht und überall den gleichen Schaden beim Menschen wie der Umwelt anrichtet.

Ist also alles schon zu spät? Nein, in „Frühling“ erwachen die Menschen allmählich wieder zum Leben – es regt sich Widerstand. Ausgehend von den Situationisten in den 60er Jahren in Frankreich, die eine der geistigen Grundlagen für Culture Jamming und Adbusting gelegt haben (kleine Erklärung dieser Begriffe hier), zeigt Lasn, dass es schon immer Widerstand gegen die Vereinnahmung des Lebens durch die Wirtschaft gegeben hat, vor allem in der Kunst- und Musikszene. In den letzten Jahren und Jahrzehnten entsteht aber auch Widerstand konkret gegen Kampagnen und Reklame, Menschen fangen an, die „bequemen und abstumpfenden Muster zu durchbrechen, denen wir verfallen sind“. Im Culture Jamming geht es laut Lasn darum, „den Strom des Spektakels so lange anzuhalten, bis man sein System neu eingestellt hat. Debord nannte das ‚die alte Syntax durchbrechen‘ und durch eine neue ersetzen.“ Tatsächlich hörte ich in diesem Buch zum ersten mal von solch konkretem und teils „organisiertem“ Widerstand gegen die Ansinnen der Konzerne und der Reklame und war selbst von dieser Vorstellung sofort elektrisiert. Im weiteren Verlauf des Buches stellt Lasn dann das Adbusting, also das Karikieren, Ins-Gegenteil-Verkehren von Anzeigen und Werbespots vor und zeigt, dass sich hier eine vitale „Szene“ entwickelt hat.

„Sommer“ ist schließlich der Aufruf, selbst aktiv zu werden, etwas zu unternehmen und mit Änderungen auch im eigenen kleinen Bereich zu beginnen – und zu versuchen, auch andere Menschen „zu wecken“. Kalle Lasn spricht sich dafür aus, die Wut, die viele Menschen angesichts der momentanen Situation befällt, zu nutzen, um sich zu wehren und die Macht der Konzerne anzugreifen. Er regt zu Akten des zivilen Ungehorsams an und dazu, sich von Firmen nicht alles bieten zu lassen (bei ungebetenen Werbeanrufen soll man beispielsweise das Gegenüber um seine private Telefonnummer bitten, man werde dann später zurückrufen). Es geht ihm auch darum, vieles von dem, was uns die Reklameindustrie als „cool“ einzureden versucht, nicht mehr als „cool“ dastehen zu lassen – Dinge wie Fastfood oder überteuerte, unter üblen Bedingungen hergestellte Sportschuhe von Nike sind nicht „cool“, sondern schädlich und peinlich. Von daher verfolgt der Autor durchaus auch ein idealistisches Ziel, nämlich, das Bewusstsein der Leute für diese Missstände zu wecken und sie so zu einer Verhaltensänderungen anzuregen.

kalle-lasn-adbusters_rsDas größte Plus von Lasns Buch ist für mein Empfinden der latent anarchische und vor allem proaktive Ansatz – hier wird also nicht nur abgehoben in theoretischen Sphären über Phänomene diskutiert, sondern es findet eine unmittelbare Aktivierung des Lesers statt – zumindest war dies bei mir der Fall. Sofort hat man Lust, mal sein Einkaufsverhalten zu überdenken und den ganzen überflüssigen und meist auch noch ungesunden Quatsch der großen Konzerne von seinem Einkaufszettel zu streichen. Oder Reklame so weit wie möglich aus dem eigenen Leben zu verbannen. Den Fernsehkonsum zu reduzieren, insbesondere den privater Sendeanstalten (deren Programm eh nur eine Dauerwerbesendung mit kurzen Anmoderationen darstellt). Rauszugehen und die Kommerzbotschaften der Firmen lächerlich zu machen. Widerstand zu leisten gegen die scheinbar unaufhaltsame Kommerzialisierung des gesamten Lebens. Oder auch einen Blog wie diesen hier ins Leben zu rufen. :-) Es gäbe noch viel mehr zu diesem Werk zu sagen, aber ich empfehle einfach, es mal selbst zu lesen, um den Kopf ein wenig frei zu bekommen, und sich auch mal die Website des kanadischen, von Lasn herausgegebenen Adbusters Magazine anzuschauen.

Fazit: „Culture Jamming“ ist ein wichtiges Buch, das jeder, der am aktuellen (Konsum-)Leben teilnimmt, gelesen haben sollte. Es schärft den Blick und motiviert zum selbstständigen, kritischen Denken, hilft bei der Befreiung von Konzernverkleisterung via Werbung und Imagekampagnen – und es animiert zum Aktivwerden und Widerstand leisten und macht Mut. Was will man mehr?

Kalle Lasn: „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“, orange press, 3. Aufl. 2008, 224 S. + 16 Farbseiten, 20,– €

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Heidi Klum, Germany’s Next Top Model und der 100%-Kommerz

Darf man eine Person, deren gesamtes öffentliches Leben sich nach der maximalen kommerziellen Verwertbarkeit des eigenen Tuns, des Gesichts, des Images ausrichtet und die ihren Namen für jede beliebige (gut zahlende) Marke als Werbeaushängeschild hergibt, als „Werbeschlampe“ bezeichnen? Hm. Keine Ahnung, wie das juristisch aussieht.

Egal, in meinem heutigen Beitrag soll es um natürlich etwas ganz anderes gehen, und zwar um „everybody’s darling“ Heidi Klum. Nicht, dass „unsere“ Heidi etwa zu wenig Publicity genösse und nun auch noch meiner bescheidenen bloggenden Aufmerksamkeit bedürfe, nein nein. Aber zufällig sah ich in der ARD vor wenigen Tagen einen sehr gelungenen Beitrag über die totale Durchkommerzialisierung von Frau Klum & ihrer „Top Model“-Show, die mir sowieso seit jeher ein Dorn im Auge ist. Wieso sollte man sich freiwillig anschauen, wie sich ein paar junge, naive Mädchen durchs Räderwerk der Reklameindustrie drehen und nach einem bestimmten (kranken) Schönheitsideal formen/deformieren lassen? Letztlich geht es ja ausschließlich darum, dass die Models anschließend ihren Körper meistbietend an Konzerne und ihre Imagekampagnen verkaufen, um deren Absatz zu steigern. Also im Prinzip eine abartige Prostitutions-Show, die mir nach dem Beitrag „Bye Bye Heidi Klum – die dünne Model-Modelliererin und das Geschäft mit den dicken Klöpsen“ bei Titel Thesen Temperamente NOCH unsympathischer geworden ist, denn dass das ganze ohnehin nur eine einzige, gut geölte Verkaufsmaschinerie darstellt, hatte ich mir ohnehin schon gedacht, aber DIESES Ausmaß löst dann doch Brechreiz aus. Noch ungeschminkter können Sender ihre ausschließlich kommerziellen Absichten kaum präsentieren als hier, und dass die Menschen sich so etwas anschauen, bestätigt sie in ihrem Treiben natürlich zusätzlich. Der Beitrag macht jedenfalls sehr schön deutlich, was ich am Privatfernsehen so abstoßend finde – die untrennbare Vermengung von „Information“ (Unterhaltung) mit Produktpropaganda.

(…) Roger Willemsen: “Man kann ja Heidi Klum gar nicht mehr angucken, ohne ja eigentlich an all die Produkte zu denken, für die sie steht. Im Grunde ist Heidi Klum selber der Inbegriff dieser Produkte und insofern betet man ein Produkt an. Und man betet die Waren-Eigenschaften eines Produktes an und sagt jungen Frauen: Werdet genau so. Kalkulierbar, käuflich und unter Abwesenheit jeder Persönlichkeitsregung beobachtbar.”

Die Show als Werbefestival, wie gut das funktioniert! Die Siegerin bekommt ein Auto! Und wen regt’s noch auf, dass dieser Wagen als integrierter Werbespot ständig durch die Show fährt? Auch dass eine Frauenzeitschrift allgegenwärtig ist – perfekt! So geht das! Das frisch gekürte Topmodel auf der Titelseite – die wiederum im Fernsehen. Auch jetzt bei uns – das nehmen wir in Kauf. Denn Heidi Klum setzt noch einen drauf: Der Renner auf YouTube: Ihr Video mit der “Luftgitarre”. Ganz zum Schluss erst wird klar: Auch dies ist Werbung, für ein Videospiel! Und was für ein Zufall: In der Casting-Show mussten die Mädchen genau diesen Clip nachstellen.

EDIT: Das Video musste ich von YouTube entfernen, nachdem „der Rechteinhaber“ sich beschwert hat… Immerhin hat es bis zu dem Zeitpunkt an die 5.000 Aufrufe erreicht, und vielleicht stellt es ja mal jemand anderer wieder online. ;)

EDIT2: Nun kann man das Video auf einem anderen Portal wieder betrachten:


Heidi Klum – Kommerz bei Germany’s Next Topmodel

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The Culture of Commercialism, Nachtrag

Dem gestern von mir übersetzten Artikel „The culture of commercialism“ hat das Media Awareness Network eine unglaublich geschönte und unterschwellig manipulative Einleitung „spendiert“, die ich nicht unkommentiert stehen lassen möchte – man lese sich nur mal diesen Absatz hier durch:

Of course, no one would advocate a ban on marketing. Ads provide information that can be helpful to us as consumers. Ads increase our understanding of the product choices available to us. And in an economy based on free enterprise, ads play a vital role for the business community. Ads are a valid part of modern life.

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© rcsmith, stock.xchng

Kleines Suchspiel: wieviele Halb- und Unwahrheiten sowie Verzerrungen und Verharmlosungen hat der Autor dieser Zeilen in dem kurzen Absatz untergebracht? Schon der erste Satz – „no one…“ – ist schlicht falsch, und das vorangestellte „of course“ eine Frechheit. Es gibt glücklicherweise viele Menschen, die Reklame in größerem Umfange aus den öffentlichen Räumen etc. verbannen wollen. Das fängt mit den Adbusters an, geht aber auch über eine Reihe von Initiativen wie Ban Billboard Blight und der IG Plakat | Raum | Gesellschaft bis hin zu der von mir neulich erwähnten schwedischen Partei, die sich für ein Werbeverbot in Radio & Fernsehen ausspricht. Vermutlich will wirklich kaum jemand JEDE Form der Werbung abschaffen, denn ein gewisses Anpreisen von Waren & Dienstleistungen gehört selbstredend auch dazu, um auf sich/seine Firma aufmerksam zu machen, nur in der Form, wie es heutzutage betrieben wird, überwiegen die Nachteile „of course“ bei weitem.

Dass Werbung tatsächliche Informationen zur Verfügung stellt, wie der Autor behauptet, ist auch eine sehr naive Sichtweise. Klar enthalten die meisten Anzeigen etc. AUCH Informationen, nur sind diese natürlich durch die jeweilige Konzernbrille gefiltert, es wird viel weggelassen und oft ja auch einfach die Unwahrheit erzählt. Diese paar Produktinformationen kann sich also jeder auch aus anderen (objektiveren) Quellen holen.

Reklame verdeutlicht uns die Wahlmöglichkeiten der verfügbaren Produkte? Soso. Vor allem in den teuren Medien (TV, Radio, überregionale Zeitungen) können auf Grund der hohen Preise nur die großen Unternehmen werben, so dass nur die immergleichen Marken angepriesen werden und uns eine Wahlmöglichkeit vorgegaukelt wird, die de facto gar nicht existiert. Man denke da nur an die vielen Marken, die Nestlé oder Coca Cola oder Unilever vertreiben – man unterstützt also oft den gleichen Konzern, egal welchen beworbenen Schokoriegel man nun kauft. Echte Alternativen finden kaum statt. Und, nein, die Wahl zwischen Coca Cola und Pepsi Cola ist KEINE wirkliche Alternative. ;-)

„Ads play a vital role for the business community“ – das ist die m.E. einzig zutreffende Aussage. Für die Wirtschaft, vor allem natürlich die Reklameindustrie selbst, ist Werbung wichtig. Jedoch nur in einer Wirtschaft, in der immer mehr Kram unter die Leute gebracht werden muss und ein großer Verdrängungswettkampf den sog. „freien Markt“ ad absurdum führt. Und dass Wirtschaftswachstum nichts ist, was man noch weiter anstacheln sollte durch Reklame, hat ja auch schon „The Story of Stuff“ klar gemacht. Von daher ist Reklame in der heutigen Form also nur „vital“ für ein System, das den Planeten schrittweise zugrunde richtet.

„Ads are a valid part of modern life.“ Das ist so einfach nur eine schlichte Behauptung ohne Substanz. Die Art, wie Reklame bzw. die Kommerzialisierung sich durch alle Bereiche des Lebens gefressen hat, ist kein „valid part“ mehr, wie ich finde. Und der Artikel „The Culture of Commercialism“ belegt dies ja dann auch dementsprechend. Man muss dem Media Awareness Network, das obige Einleitung geschrieben hat, immerhin zugute halten, dass es den kritischen Artikel über die Kommerzkultur überhaupt anbietet.

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The Culture of Commercialism

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© clix, stock.xchng

Bei meinen Recherchen stieß ich in der letzten Zeit auch auf einige interessante amerikanische Quellen, die sich mit Konsum- und Werbekritik auseinandersetzen. So entstand in den 90er Jahren in Washington das Center for the Study of Commercialism, das sich intensiv mit dem Themenfeld befasst(e) und auch einige Studien herausgab. Leider existiert keine Website dieser Initiative und das letzte Lebenszeichen einiger der Initiatoren habe ich in einem Buch von 2005 gefunden. Deshalb muss ich auf eine Sekundärquelle ausweichen – das Media Awareness Network (offenbar ein Lernmaterialpool für Eltern und Lehrer) hat immerhin eine Zusammenfassung des Artikels „The Culture of Commercialism: A Critique” des CfoSoC online gestellt, als Diskussionspapier für Schüler und Studenten. Diesen komprimierten Text, den man vielleicht auch als eine Art Ultrakurzfassung meiner Serie „Werbung schadet“ betrachten kann, möchte ich Euch heute übersetzt vorstellen.

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Was sind die Auswirkungen von Werbung und Kommerzialismus?

  1. Kommerzialismus verzerrt unsere Kultur, indem jedes Ereignis in einen Anlass zum Konsumieren verwandelt wird. Anthropologen sagen, dass Ferien die Werte einer Kultur widerspiegeln. In Amerika ist jeder Urlaub ein Verkaufsereignis.
  2. Werbung projiziert falsche Bilder/Images. Zum Beispiel suggerieren Anzeigen, dass du nicht cool bist, wenn du kein teures Auto fährst, dass Rauchen bedeutet, dass du ein Freigeist bist oder dass Reife heißt, Alkohol zu trinken.
  3. Kommerzialismus trägt zu Umweltproblemen bei, indem es zu verschwenderischem Umgang mit natürlichen Ressourcen ermutigt. Ein Übermaß an Verpackung, Wegwerfgüter und Dinge zu kaufen, die wir gar nicht wirklich brauchen, trägt zum unnötigen Verbrauch von begrenzten Ressourcen bei. Die Produktion und Entsorgung der Dinge, die wir kaufen, führt zu weiteren Umweltproblemen, zu denen der Verlust von Lebensraum und erhöhte Luft- und Wasserverschmutzung gehören. Plakatwände erzeugen visuelle Verschmutzung.
  4. Werbung erhält Stereotype/Klischees aufrecht. Zu den Beispielen zählen Stereotypen im Zusammenhang mit der Rasse (Afro-Amerikaner als Musiker und Sportler), des Geschlechts (Frauen als Sexobjekt, Männer als Geschäftsleute) und der Klasse (der Mittelklasse-Weiße als soziale Norm).
  5. Werbetreibende beeinflussen den Inhalt von Zeitschriften und Sendungen. Die Zensur der Medien durch die Regierung ist illegal. Dennoch gibt es eine Fülle von dokumentierten Fällen, dass Zeitungen und andere Medien durch Werbetreibende zensiert werden. Beispielsweise kann ein Bierproduzent Druck auf ein Magazin, in dem es Werbefläche kauft, ausüben, damit keine Artikel über die Gefahren des Trinkens erscheinen.
  6. Das Sponsoring von gesellschaftlichen, Umwelt- oder anderen Non-Profit-Gruppen durch Konzerne kann diese Gruppen beeinflussen. Zum Beispiel kann die Unterstützung durch die Tabakindustrie eine Organisation davon abhalten, Anti-Raucher-Kampagnen zu unterstützen.
  7. Kommerzialismus hat unsere Politik beeinflusst. Viele Politiker versuchen Stimmen zu gewinnen mit Hilfe eines Images, das durch Werbung und Medienberichte erzeugt wurde. In der Vergangenheit versuchten Kandidaten Stimmen durch ihre politischen Standpunkte zu erlangen.
  8. Die öffentliche Wahrnehmung der Aktivitäten und Prioritäten eines Unternehmens kann durch Werbung verzerrt werden. Beispielsweise können Anzeigenkampagnen große Umweltverschmutzer als ökologisch bewusste Firmen darstellen, die für eine gute Sache spenden.
  9. Werbung kostet uns Geld. Die Wirtschaft wälzt den Großteil ihrer Werbekosten auf uns ab. Außerdem steigt der Preis eines Produkts, wenn es der Reklame gelingt, die Idee zu etablieren, dass ein bestimmtes Produkt uns Status oder ein cooles Image verschafft.
  10. Werbung kostet uns auch vieles an Steuern. Werbung stellt voll absetzbare Geschäftskosten dar. Aus diesem Grund erhalten kommunale und nationale Kassen Jahr für Jahr Milliarden von Dollar weniger an Steuern. Die Steuerquoten der Bürger müssen dies ausgleichen, so dass der einzelne Steuerzahler indirekt Werbung bezuschusst.
  11. Werbung kann irreführend sein. Sie fokussiert auf die Vorteile eines Produkts oder einer Dienstleistung und ignoriert die Nachteile.
  12. Werbung ermuntert zu einer Markenmentalität oder dazu, weniger auf der Basis der Qualität oder des Preises zu entscheiden, sondern mehr aufgrund des Namens/Herstellers.
  13. Werbung fördert Unzufriedenheit, Neid und Unsicherheit. Sie kann uns unattraktiv, uncool und unglücklich mit dem, was wir haben oder nicht haben, fühlen lassen.
  14. Unsere kommerzialisierte Gesellschaft legt hohen Wert auf die Erscheinung und ermutigt uns somit, mehr Wert auf unser Aussehen und das von anderen zu legen als auf den Charakter, Talente oder die Persönlichkeit.
  15. Konstantes Werbungs-Ausgesetztsein kann Materialismus und Egoismus fördern. Dies kann dazu führen, dass Menschen weniger dazu geneigt sind, anderen zu helfen. Statistiken zeigen, dass die Spendenbereitschaft in den letzten Jahren zurückgegangen ist. Gleichzeitig gab es einen Rückgang in der öffentlichen Unterstützung von Regierungsprogrammen, die denjenigen helfen sollen, die vom Leben benachteiligt sind.
  16. Das Sponsoring von Wissenschaftsausstellungen und Kunstmuseen durch Unternehmen kann deren Inhalt beeinflussen und die Objektivität untergraben. Ist es zum Beispiel wahrscheinlich, dass eine von einer Firma, die Insektizide herstellt, gesponsorte Ausstellung die Beziehung von Menschen und Insekten in einer fairen und ausgewogenen Art und Weise behandelt?
  17. Werbung kostet viel Zeit. Der durchschnittliche Mensch verbringt fast eine Stunde am Tag damit, Werbung zu lesen, zu sehen der zu hören, im Fernsehen, Radio, Theater, auf Video, in Zeitungen und Zeitschriften, Mails, Briefen oder am Telefon. Wenn der durchschnittliche Amerikaner 75 Jahre alt ist, wird Werbung ihn 4 Jahre seines Lebens gekostet haben.
  18. Bezahltes Product Placement beeinflusst den Inhalt von Filmen, Fernsehshows, Büchern und Spielen. Das gefährdet künstlerische Integrität.
  19. Werbung preist Alkohol- und Tabakkonsum an, welcher jedes Jahr eine halbe Million Amerikaner das Leben kostet. Probleme, die mit Alkohol in Zusammenhang stehen, verletzen das Leben von mehr Menschen und kosten die Gesellschaft mehr Geld als alle illegalen Drogen zusammen genommen.
  20. Marketingleute stellen detaillierte elektronische Käuferprofile zusammen. Firmen verkaufen Mailinglisten für alles mögliche, vom Besitz ausländischer Autos bis hin zu sexuellen Vorlieben. Diese Computerdatenbanken stellen ein gefährliches Missbrauchspotential dar.
  21. Kommerzialismus hat sich in nahezu jeden Winkel unseres Lebens ausgebreitet. Viele Menschen stört es, diesem nicht entfliehen zu können.
  22. Werbung, die auf junge Kinder abzielt, dringt in die Eltern-Kind-Beziehung ein, kann die Autorität der Eltern untergraben und zu Spannungen führen.
  23. Kommerzialismus kann Werte wie Teilen, Zusammenarbeit und Genügsamkeit aushöhlen, die durch Familien, religiöse Institutionen und Schulen gefördert werden.
  24. Industrienahrung und die Reklame für diese neigen dazu, zu ungesunden Ernährungsgewohnheiten zu ermutigen.
  25. Die Kommerzialisierung von Schulmaterial und -ausrüstung kann unabhängige, ungestörte Ausbildung torpedieren.
  26. Das intensive Anpreisen von Shoppen und Kaufen hält uns von anderen Aktivitäten wie Lesen, Denken und Spielen ab. All die Werbung, der wir ausgesetzt sind, macht es leicht zu vergessen, wie viele (andere) Arten von Aktivitäten wir genießen können.
  27. Unsere kommerzialisierte Kultur ermuntert Menschen, Geld auszugeben, das sie gar nicht haben. Die Zahl der Amerikaner mit finanziellen Problemen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. (Anm. PM: Spätestens seit Ausbruch der „Finanzkrise“ wissen wir, dass dies in den vergangenen Jahren erst recht der Fall ist.)
  28. Werbung suggeriert, dass es eine einfache Lösung für alles gibt, vom Gesundsein bis hin dazu, Freunde zu haben.
  29. Viele Anzeigen implizieren, selbst wenn sie es nicht offen aussprechen, dass Glück etwas ist, das wir kaufen können. Wenn wir uns so verhalten, als wenn dies wahr wäre, begrenzen wir unseren persönlichen Horizont und unsere Fähigkeit, Erfüllung im Leben zu finden.
  30. Kommerzialismus preist nicht nur einzelne Produkte an. Er predigt Konsum als Lebensstil.

Was ist der kumulierte Effekt von all dieser Kommerzialisierung?

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© sufinawaz, stock.xchng

Kommerzialismus hat klare Parallelen zur industriellen Verschmutzung. So wie eine gemäßigte Menge an Müll von der natürlichen Umgebung absorbiert werden kann, können auch moderate Mengen an Kommerzialisierung von unserer kulturellen Umgebung verarbeitet werden. Große Mengen können jedoch beide Umgebungen überfordern, und dies ist heutzutage der Fall.

Jahrzehnte lang haben wir den Schaden, den industrielle Praktiken erzeugen, nicht erkannt, geschweige denn kontrolliert. In einigen Fällen wie der Luftverschmutzung durch kohleverbrennende Hochöfen, waren die Probleme offensichtlich, aber wir ignorierten sie oder rechtfertigten sie auf der Basis kurzfristiger wirtschaftlicher Gewinne. In anderen Fällen, so wie giftigen Chemikalien, die Luft und Wasser verschmutzen, wurden die Gefahren nicht einmal erkannt. So sieht es auch beim Kommerzialismus aus: wir entschuldigen seine offensichtlichen Defekte im Namen des wirtschaftlichen Fortschritts; wir versuchen nicht einmal, die subtileren Auswirkungen zu identifizieren.

Genauso wie mit der Verschmutzung vor mehreren Jahrzehnten bleiben die Folgen exzessiven Kommerzialismus schwach untersucht und unbewiesen. Unser Verstehen beruht auf einer Handvoll oft vorläufiger oder nicht beweiskräftiger akademischer Studien. Tatsache ist, dass Soziologen/Wissenschaftler trotz der Dominanz des Kommerzialismus in unserer Kultur kaum damit begonnen haben, die Konsequenzen und das Wesen des Kommerz zu erforschen. Zudem sind politische Regulierungen nicht angemessen ausgestattet, um Kommerzialismus zu bearbeiten. Agenturen, die sich mit den Täuschungen durch Werbung beschäftigen, haben nur sehr kleine Budgets – insgesamt nur ein Tausendstel von dem, was für Werbung ausgegeben wird –, so dass nur die aller offensichtlichsten Lügen in der Werbung gestoppt werden können. Andere Formen des Kommerzialismus bleiben komplett unerforscht.

Was sind also die Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, wenn, wie Advertising Age (eine Fachzeitschrift für Leute, die in der Werbeindustrie arbeiten) schrieb, „Werbung in Massenmedien wie aus einer Schrotflinte kommt und jeden in ihrem Weg, auch Kinder, trifft“? Und was sind, jenseits der Werbung, die Folgen, in einer Kultur zu leben, wo selbst Schulen, Museen, Sport und nicht-kommerzielle Sender kommerzialisiert wurden? Verwandelt Kommerzialismus engagierte Bürger in bloße Konsumenten?

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Flughäfen = Konsumismus in seiner reinen Form

Ich fliege ziemlich selten und auch eher ungern. Letztes Wochenende „musste” ich aber nach London, um mir das Abschiedskonzert einer der großartigsten Bands der Neuzeit, Carter USM, anzuschauen (siehe HIER). Mein Rückflug ging von London Luton aus, und als ich dort einige Stunden auf meinen Flieger wartete, wurde mir die unglaubliche Künstlichkeit dieses Ortes bewusst. In der Abflughalle sitzen die Passagiere in der Mitte eines riesigen Saales, wie verloren, rundum umzingelt von glänzenden, blinkenden, bunten, prall gefüllten Geschäften und Verköstigungsstationen (wie bspw. Starkacks u.ä.), auf die man fortan stundenlang blicken muss. Aus reiner Langeweile kaufen denn auch viele Leute irgendeinen überteuerten Kram, den sie normalerweise vermutlich nicht erworben hätten. Es scheint, dass Konsumieren das einzige ist, was man den Wartenden zutraut – ein Flughafen, in dem es beispielsweise kostenlose Bibliotheken, Ausstellungen, Vorträge, Aufführungen oder etwas anderes den Geist Anregendes gibt, erscheint in unserer Gesellschaft irgendwie utopisch, fast schon deplatziert (und schwer finanzierbar), jedenfalls bei den „kleineren” Flughäfen der Billiglinien. Dann doch lieber kaufenkaufenkaufen und sich von bunten Reklamebotschaften beschallen lassen, bis das Flugzeug kommt und einen (für eine Weile) rettet. Zum Glück gibt es während des Fluges ja auch noch ein paar Konsummöglichkeiten, wo kämen wir da hin, wenn Mensch mal eine Stunde lang kein Geld ausgeben könnte!

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Nestlé – Die Krake von Vevey

Nachdem meine Auflistung über all die Zeitschriften, Sender und sonstige Firmen, die Bertelsmann mittlerweile besitzt, auf großes Interesse stieß, möchte ich heute einen weiteren Weltkonzern unter die Lupe nehmen, der für seine teils rüden Geschäftspraktiken des öfteren weltweit Kritik erntet: Nestlé, dessen Hauptsitz im idyllischen Schweizer Ort Vevey liegt.

Hier zunächst eine kleine Auflistung einiger der bekannten Marken, die sich Nestlé inzwischen in Deutschland einverleibt hat (weltweit sind es mehrere tausend!) (Quellen: Wer zu wem?, Nestlé Dtl.):

Alete
Perrier
San Pellegrino
Vittel
Aquarell
Fürst Bismarck
Contrex
Klosterquelle
Limonata
Neuselters
Reinbeker
Schöller
Mövenpick
Janny’s Eis
Maggi
Herta
Thomy
Engelfrost
Chef
After Eight
Baci (Italienische Schokolade)
Choco Crossies
Rolo
Nuts
Kit Kat (Riegel)
Lion (Riegel)
Nescafe
Nespresso
Nesquik
Quality Street (Konfekt)
Smarties
Yes
Beba
Bübchen
Milasan
Gaucho
Dörffler
Nestlé Clusters
Nestlé Fitness
Cini Minis
Frubetto
Nestlé LC1
The Body Shop (gehört 2/3 zu L’Oréal, 1/3 zu Nestlé!! Hat sich also was mit „alternativer Kosmetik”…)

(Eine beeindruckende Auflistung der Nestlé-Wassersorten sowie den interessanten Artikel „Die Quellenschlucker vom Genfersee” findet Ihr im Gedankenbörse-Blog. Von R. Wiedenmeier stammt übrigens auch obige schöne Nestlé-Logo-Parodie.)

Bereits in meiner Buchrezension zu Jean Zieglers „Imperium der Schande” hatte ich einige Beispiele für Nestlés zweifelhaften Ruf angeführt, so insb. ihr Gebahren, Milchpulver an stillende Mütter in Afrika zu verkaufen, deren Kinder dann aufgrund schmutzigen Wassers erkranken oder sogar sterben. Nicht zuletzt die Praktiken des Unternehmens im Bereich Babynahrung und Milchpulver haben Nestlé auch schon eine Reihe von Protest- und Boykottaktionen eingehandelt. Aktuell gibt es beispielsweise eine sehr kritische Diskussion über diese Produkte im österreichischen Parents & more Elternforum. Die Aktionsgruppe Babynahrung e.V. ruft wegen der Umtriebe der Firma in Pakistan zum Boykott aller Nestlé-Produkte auf.

Ende letzten Jahres erhielt der Konzern den „Black Planet”-Schmähpreis von Ethecon verliehen:

In Kooperation mit internationalen Nicht-Regierungsorganisationen wie Attac, MultiWatch und IBFAN übergab die Stiftung ethecon den internationalen Schmähpreis „Black Planet Award 2007“ an den NESTLÉ-Konzern. Der Preis prangert die Verantwortung der AktionärInnen und des Managements für Ruin und Zerstörung des Blauen Planeten an, was mit vielen Beispielen für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für Umweltzerstörungen und für Ausbeutung belegt wird.

Der Einsatz von Gentechnik ist für Nestlé auch durchaus kein Fremdwort, sondern gehört zur Unternehmenspolitik und wird durch Lobbyarbeit bspw. in der EU forciert. (Siehe auch: „Nestlé-Chef fordert Einsatz von Gentechnik” (Spiegel), „Nestlé: Lobbying the EU for change”, „Nestlé fordert EU zu großzügigeren Gentechnikauflagen auf”, „Nestlé, Nescafé, Gentechnik-Kaffee”.) In einem bezeichnenden Stern-Interview aus dem Jahre 1996 äußerte sich der damalige Nestlé-Chef Maucher: „Gentechnologie, dazu stehen wir”, und er zeigt sich auch gleich von der extrem unsympathischen Seite, indem er Menschen als Wohlstandsmüll bezeichnet:

„Wir haben mittlerweile, provozierend gesagt, einen gewissen Prozentsatz an Wohlstandsmüll in unserer Gesellschaft. Leute, die entweder keinen Antrieb haben zu arbeiten, halb krank oder müde sind, die das System einfach ausnutzen. Daß Sie mich richtig verstehen: Ich bin der Meinung, daß wir genügend Geld haben, diejenigen zu unterstützen die wirklich alt, krank oder arbeitslos sind. Aber es gibt zuviel Mißbrauch und Auswüchse.”

Das Greenpeace Magazin setzte sich in der Ausgabe 01/07 „Klüger essen” gleich mit mehreren Artikeln mit dem Nestlé-Imperium auseinander. In „Konzerne mit Problemzonen” lesen wir eine Zusammenfassung der Aktivitäten des Unternehmens, mit all seinen auch kritisch zu sehenden Entwicklungen (für mich ist hier vor allem die wachsende Marktmacht/-konzentration sehr bedenklich!)

Zehn Lebensmittel-Giganten beherrschen den Weltmarkt und verkaufen die gleiche uniforme Nahrung in Moskau, München und Mumbai. Das Greenpeace Magazin nimmt die Unternehmenspolitik von Nestlé, Kraft, Unilever und Danone unter die Lupe.

Wasser: International monieren Kritiker (ActionAid, Polaris Institute), dass die Wasserkonzerne das Gemeingut Wasser kommerziell ausbeuten, in Flaschen aus umweltschädlichem Plastik abfüllen und dann zu einem tausend- bis hunderttausendfachen Preis weiterverkaufen. Zudem hat das Abpumpen von großen Mengen Grundwasser gravierende ökologische Folgen.

Und der Artikel „Auf der Roten Liste – aus für Borschtsch, Blinis und Pelmenis: Wie Nestlé den Markt in Russland aufrollt” macht klar, wie das unersättliche Engagements des Multis Russland verändert und „verwestlicht” hat. Es lebe die Eintönigkeit der normierten Industriekost!

Für Nestlé ist Russland der größte Markt in der Region und der größte Markt für löslichen Kaffee weltweit – bevor Nestlé kam, wurde in Russland Tee getrunken, heute verbinden die Russen Genuss mit Nescafé. Während in Konzerthäusern weltweit in der Pause Sekt getrunken wird, nippen die Moskauer im Konservatorium an Nescafé aus Plastiktassen – dank des Masterplans von Nestlé. (…)

Den Jüngsten wird sicherheitshalber schon in der Schule eingebläut, was künftig auf dem Kinderteller liegen soll. Am ersten Schultag von Sergej, dem sechsjährigen Sohn von Natascha und Alexej, war der Dino von Danone zu Besuch, damit auch die Erstklässler des Riesenreichs die gleichen Joghurts, die gleichen „Cerealien“ und gleichen Schokoriegel wollen wie der Rest der Welt. (…)

Rosalija fällt harsche Urteile. Natürlich lässt sie an der abgepackten Nestlé-Ware kein gutes Haar, aber vor allem ihre Landsleute, die ungerührt ihre eigene Küche untergehen lassen, provozieren wütende Kommentare: „Leider mögen die Russen ihr Land nicht, ihre Traditionen nicht und nicht ihre Küche.“ „Man kann von jeder Kultur das Beste nehmen, aber das Eigene soll auch bleiben“, pflichtet ihre Tochter ihr bei. Mit ihrem Protest gegen die kulinarische Bevormundung stehen sie weitgehend alleine

Das globalisierungskritische Netzwerk Attac veröffentlichte im Jahr 2004 sogar ein eigenes Buch über Nestlé – „Nestlé – Anatomie eines Weltkonzerns” (siehe Berliner Literaturkritik). Der Weltkonzern ließ sich während der Recherchearbeiten dazu hinreißen, die Autoren bespitzeln zu lassen (siehe Scienceblogs, Frankfurter Rundschau, Attac Schweiz), um über die Inhalte informiert zu sein – die Veröffentlichung des Werkes konnte von Nestlé dennoch nicht verhindert werden (ein kleiner Sieg für die Demokratie!). Mehr Infos zur Nestlé-Kampagne von Attac findet Ihr HIER.

EDIT: Weitere Links zu Nestlé hier im Blog: HIER, HIER, HIER, HIER oder HIER.

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Culture Jamming vs. Kommerzialisierung

(Auch an dieser Stelle noch mal der Beitrag, den ich gerade als „Worum geht’s?” erstellt habe und der dort zukünftig als Einführung in die Absicht meines Bloggens dienen soll.)

Wir leben heute in einer Gesellschaft, die sowohl von permanentem Wachstumsglauben, aber auch vom Glauben an den Segen des Konsums durchdrungen ist. Begleitet werden wir dabei auf Schritt und Tritt von Werbung für Produkte und Marken, von sündhaft teuren, einschleimenden Imagekampagnen, die aus zerstörerischen Großunternehmen harmlose Klimaschützer machen sollen. Von Zeitschriften und anderen Medien, in denen, bedingt auch durch die Konzentrationstendenzen in dieser Branche, die Trennlinie zwischen (redaktioneller) Information, gekaufter Meinung, Produktplacement und direkter Reklame immer schwerer auszumachen ist (wenn nicht ohnehin gleich komplette Verdummung angesagt ist). Öffentlicher Raum wird immer mehr, immer unverhohlener von Konzernen und Markenfetischen beansprucht, Kommerzialisierung durchzieht bald all unsere Lebensbereiche – Einkaufszentren werden zu den neuen Mittelpunkten ehemals öffentlichen Lebens.

In Nordamerika, das uns in dieser Beziehung immer schon ein bis zwei Jahrzehnte voraus war, erlebt man erschreckende Entwicklungen, die deutlich machen, dass Reklame & Marketing nicht nur nervig und störend sind, sondern einen massiven Eingriff in unsere Gesellschaft darstellen. Das geht über die bloße Überrepräsentation großer Marken und Logos weit hinaus – unerreichbare Schönheitsidelae werden produziert, latente Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem Leben geschürt und Kaufen (und Schulden machen) als Weg zum Glück propagiert. Natürlich läuft niemand, der irgendwo einen Werbespot sieht, sofort los und kauft das entsprechende Produkt, aber das Gift wirkt schleichend und gerade deshalb so gut, weil wir alle gerne glauben, dass Reklame UNS ja nun wirklich nicht beeinflusst. (Dies wird im sehr empfehlenswerten Buch „Good bye logo” von Neil Boorman treffend beschrieben.)

In den USA sehen wir zudem, dass die zunehmende Marktmacht der großen Konzerne auch die Demokratie und Meinungsfreiheit beeinträchtigt. Weltbekannt wurde bereits 1998 der Fall eines Schülers der Greenbrier High School, der am „Coke Day” an seiner Schule ein Pepsi-T-Shirt trug und deshalb an dem Tag von der Schule verwiesen wurde. Genauso bedenklich: an einer von Coca Cola gesponsorten Universität wollte eine Studentengruppe eine Informationsveranstaltung über die schlimmen Bedingungen, unter denen Arbeiter dieser Firma in Lateinamerika zum Teil tätig sind, abhalten, doch die Verwaltung wollte ihnen dafür keinen Raum zuteilen, da sie ja negativ über ihren Sponsor berichten würden. (Beides nachzulesen in Naomi Kleins Globalisierungsbestseller „No Logo!”, in Kalle Lasns „Culture Jamming” oder auch in de Graafs „Affluenza: Zeitkrankheit Konsum”.) Wenn die Wirtschaft und die Markenkonzerne bereits so früh in der Entwicklung des politischen Verständnisses der Menschen eingreifen, steht viel mehr auf dem Spiel als nur der Verkauf oder das Verbot von brauner Blubberbrause oder fettigen Burgern – die Freiheit des Zusammenlebens wird massiv aufs Spiel gesetzt.

Vor diesem Hintergrund ist in den letzten 20 Jahren der Widerstand gegen die Überkommerzialisierung bzw. das Bewusstsein für diese Entwicklung in der Gesellschaft gewachsen, und durch den Kanadier Kalle Lasn und seine Adbusters Foundation hat diese Bewegung auch eine bekannte (und nicht immer ganz unumstrittene) Gallionsfigur. Lasn und Culture Jammer weltweit bekämpfen die Werbebotschaften, die tagtäglich auf uns einprasseln, sie versuchen sie zu parodieren, in ihr Gegenteil zu verkehren, sie kapern Werbetafeln, um damit in den alltäglichen Diskurs, aber auch die alltägliche Wahrnehmung und die Hirne der einzelnen Menschen Informationen einsickern zu lassen, die über die Hintergründe der glänzenden Markenfassenden aufklären. Auch soll der Konsum seinen Status als goldenes Kalb, um das sich unser aller Leben zu drehen hat und der als das Allheilmittel für all unsere Probleme angepriesen wird, endlich wieder verlieren.

An diesem noblen und dringend notwendigen Quest möchte ich mich auch mit meinem Blogprojekt Konsumpf beteiligen. Ursprünglich war er als reiner Culture Jamming/Anti-Werbung- und Konsumkritik-Blog geplant, doch wie das halt so ist, wenn man sich einmal mit diesem Thema beschäftigt, stellt man schnell fest, dass viele dieser Probleme auf unserer Welt miteinander verbunden sind und monokausale Erklärungsversuche fehl schlagen. Von daher werde ich immer auch Überlegungen und Fundstücke aus den Bereichen Globalisierungskritik, Konzernkritik, Umweltpolitik/Ökologie, Nachhaltigkeit, Mediendemokratie und komplementäre/alternative Währungssysteme mit einfließen lassen.

Kurz gesagt soll Konsumpf (m)eine Stimme gegen die Wurstigkeit im real existierenden Dasein sein.

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