Jul
18
2011

Lesetipps: Manipulative Reklame | Hedonistische Internationale | Kranke Medien | Verstümmelte Interviews

© svilen001, stock.xchng

Dass die Reklame- und Marketingindustrie darauf fußt, zu versuchen, unsere Gefühle und Meinungen zu manipulieren bzw. zu beeinflussen, an gewisse Instinkte zu appelieren und den Verstand auszuschalten (so dass man bereit ist, auch Produkte zu kaufen, die überteuert sind oder unter unmoralischen Bedingungen produziert wurden – Hauptsache cool!) ist ja nun wahrlich kein Geheimnis – oft genug war dies auch schon Thema in meinem Blog, zuletzt erst vor einigen Tagen. Aber ich freue mich natürlich immer wieder, wenn dieses wichtige Thema auch anderswo aufgegriffen und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird. Sei es von Egon W. Kreutzer („Werbung ist Krieg“), vom NDR in ihrer Reihe 45 Min („Verführer Supermarkt“) oder ganz aktuell von Michael Greiner in Der Freitag „Kaufe mich ganz unbemerkt“. Er geht der Frage nach, wieviel Macht das Reklamegedröhne eigentlich auf unsere Gedanken und Empfindungen hat und berichtet von neuen Entwicklungen im Bereich des Neuromarketing, also noch perfideren Strategien, um die Konsumenten bei Kauflaune zu halten:

Auf der Suche nach dem Kaufreiz im Menschen bedient sich die Werbebranche bei der Hirnforschung. Aber wie weit kann Manipulation wirklich gehen? (…)

Heute geht die Werbebranche einen Schritt weiter als zu Vicary’s Zeiten und arbeitet direkt mit Neurowissenschaftlern zusammen. In den vergangenen Jahren ist daraus ein neuer Forschungszweig entstanden, das so genannte Neuromarketing. Seit Kurzem geht es dabei auch nicht mehr nur um Werbung für Bier, Waschpulver oder Autos, sondern um Delikateres wie die unbewusste Wirkung von Wahlwerbung. (…)

(…) Noch mehr als damals werden heute Produkte von der Werbung gezielt mit einem Image von Macht, Ansehen oder Sex verknüpft, das wir als Konsumenten während unserer Kaufentscheidung unbewusst mit dem Produkt verbinden sollen. Die Imageproduktion lassen sich die Unternehmen einiges kosten. So wurden im Jahr 2010 laut Zentralverband der deutschen Werbewirtschaft 29,53 Milliarden Euro in den deutschen Werbemarkt gesteckt. Aus diesem Topf wird auch die junge Disziplin des Neuromarketings finanziert.(…)

(…) Bislang nutzt die Werbebranche noch vorwiegend offenkundige Identifikationsangebote für ihre Produkte. Meister Proper als anpackender Saubermann oder der charmante George Clooney, der für eine Kaffeemarke wirbt, sind dafür klassische Beispiele. Auch hier könnte die Neuroforschung noch helfen: Wie solche Marken-Gefühlsverknüpfungen im Gehirn angenommen werden, untersuchten Forscher vor fünf Jahren. Heraus kam, dass Marken nur selten solche Reaktionen im Hirn auslösen wie die Emotionen, mit denen sie über die Werbung assoziiert sind. (…)

Um schnellen Konsum geht es heutzutage leider auch in zunehmenden Maße im Bereich der Medien – der Kampf um Marktanteile bei den Zeitschriften und Zeitungen tobt unerbittlich, Redaktionen dünnen ihre Mitarbeiterzahl aus, immer weniger Journalisten müssen die Arbeit schultern, was dazu führt, dass immer weniger recherchiert wird und „Fakten“ und „Tatsachen“ von anderen sogenannten Leitmedien abgeschrieben werden, oft, ohne sie wirklich gegengecheckt zu haben. Mit den unerfreulichen Folgen, dass nicht nur eine Art Einebnung der Vielfalt stattfindet, sondern auch einfach unheimlich viel Bullshit verbreitet wird. Das ist anchvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die BILD-„Zeitung“ zu besagten Leitmedien gehört, deren Meldungen allein dadurch, dass BILD sie bringt, auch für andere Medien interessant werden. Der Bildblog hat dies in „Die Medien sind krank“ einmal exemplarisch an Hand eines Beispiels einer Meldung von Arbeitsmarktzahlen aufgedröselt:

Wie wird aus einer interessanten Information eine Nachricht, die viele Medien und damit viele Menschen erreicht? Die Geschichte der Meldung, dass die Deutschen 2010 wieder häufiger krank feierten, die in dieser Woche durch die Medien ging, ist ein gutes Lehrstück. (…)

(…) Und wir lernen:

  • Nachrichten müssen in der “Bild”-Zeitung stehen, damit Nachrichtenagenturen sie wahrnehmen.
  • Wenn sie in der “Bild”-Zeitung stehen, sind sie für Nachrichtenagenturen immer ein Thema, selbst dann, wenn sie sie bereits Monate zuvor schon vermeldet haben.
  • Was Nachrichtenagenturen melden, ist für andere Medien eine Nachricht, selbst wenn es alt, bekannt oder falsch ist.

Falsch auch? Ja. Vermutlich hat der Krankenstand im vergangenen Jahr gar nicht zugenommen. Die IAB-Studie beruht auf Stichproben, die solche Schlüsse, wie sie das Institut und die Medien ziehen, gar nicht zulässt. (…)

Übrigens wirft auch der nachfolgende Beitrag „Die veränderten Interview-Zitate“ des taz-Blogs ein Schlaglicht auf den Zustand der „freien“ und „unzensierten“ Medien in diesem Lande – das Interview mit einer Spielerin der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft durfte nämlich erst, nachdem das Management es rigoros umgeschrieben, geglättet hatte, in Druck gehen… (Übrigens konnte man an der Frauen-WM gut sehen, wie verzweifelt die Medien versuchen, die Eventkultur am Köcheln zu halten und den Menschen, getreu dem Motto „Brot und Spiele“, jedes Jahr wenigstens mit einem Großereignis vom wirklichen Leben abzulenken. Zu dumm, dass trotz aller „Sommermärchen“-Bemühungen diesmal keine wirkliche Massenhysterie aufkommen wollte.)

Wir machen normal nicht viel daran, sagte der Manager von Lira Bajramaj am Telefon. Alles klar, sagte ich, wir schicken das Interview dann am Dienstag. (…)

Zwei Tage später kam die E-Mail von Bajramajs Management. Sie seien mit dem Inhalt des Interviews überhaupt nicht zufrieden. Sie hätten es neu geschrieben.

Aha. Neu geschrieben. Interessant.

Gut die Hälfte des Gespräches hatten Bajramajs Manager gestrichen. Laut dem Interview, das wir zurückbekamen, soll Bajramaj mehrmals gesagt haben, wie wichtig es ihr ist, mit „attraktivem Fußball“ zu begeistern. Sie soll gesagt haben, dass Fußball doch „ein Spiel mit Emotionen“ sei und wie dankbar sie ist für ihre Bundeswehrförderung. Bajramaj spricht, geht es nach ihren Managern, sogar in Smileys. (…)

(…) Es schien fast so, als wollten sie Bajramaj nicht so haben, wie sie uns im Gespräch vorkam: Witzig, temperamentvoll und durchaus eine Meinung vertretend.

Sie hätten wohl lieber eine Bajramaj, die in Fußball-Werbefloskeln brav das wiederholt, was man ohnehin schon über sie weiß. Bajramaj selbst wurde wohl zu keinem Zeitpunkt zu den Verhandlungen hinzugezogen.

Klar, das Gegenlesen und Autorisieren von Interviews ist üblich. Nicht jedoch, Antworten neu zu erfinden und ganze Absätze zu streichen, weil es nun nicht mehr zu dem makellosen Image einer Profi-Fußballerin passt. (…)

Ich weiß ja nicht, wem von Euch die Hedonistische Internationale ein Begriff ist – zuletzt erlangte sie eine gewisse Bekanntheit, als sie bei den Demonstrationen „Pro Guttenberg“ (erinnert sich noch jemand an den gegelten Pseudo-Doktor? Vermutlich wird irgendwo bereits sein Comeback in ein oder zwei Jahren vorbereitet…) mit total abstrusen Forderungen und offensichtlich lächerlichen Plakaten die Demos zu einer Farce werden ließ. Ich zitiere mal Wikipedia:

Die Hedonistische Internationale (auch Hedonist International) ist ein loses internationales Netzwerk aktionsorientierter linker Gruppen und Einzelpersonen. Es besteht seit 2006 und hat mehr als 30 Sektionen in Deutschland, Österreich, Italien, USA und der Schweiz. In den Aktionen des Netzwerkes wird Freude am Protest betont.

Es bestehen also durchaus Überschneidungen zu Culture Jamming und Adbustig. Dieses Jahr fand der 2. Weltkongress der Hedonistischen Internationale in Riebau (Altmark) statt, und es existiert ein schön obskures Internetradiofeature dazu, das uns das Treiben ein wenig näher bringt.

The Holy Shit – 2. WeltKongress HI by ichund_nichtdu

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2 Kommentare »

  • Lars

    Also der Zusammenhang zwischen manipulativer Reklame und der HI krieg ich gerade nicht wirklich zusammen.

    Comment | 18. Juli 2011
  • Da gibt’s auch keinen :-) Die Lesetipps hängen nicht unbedingt thematisch zusammen sondern sind nur ein paar interessante Quellen, die ich in der letzten Zeit so gefunden habe.

    Comment | 18. Juli 2011

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