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L.A. Law – Wie Hollywood unser Rechtssystem formt, Teil 1/2

business_lawDass Fernsehen mehr ist als nur bloße Unterhaltung und Zerstreuung, sondern massiven Einfluss auf das gesellschaftliche Leben ausübt, sollte inzwischen jedem klar sein. Nicht nur werden politische Meinungen und Diskurse beeinflusst, Themen aufgebauscht oder unter der Decke gehalten, auch sorgen Reklame oder unsägliche Shows wie Germany’s Next Top Model für das Verbreiten und Aufrechterhalten stupider Klischees und kranker Schönheitsideale im Zeitalter von zu Tode gephotoshoppten Models. Gewisse Lebens- und Konsumstile oder auch Lebensentwürfe werden als Vorbild und nachahmenswert dargestellt, andere wieder diffamiert und der Lächerlichkeit preisgegeben. Dass aber die Rechtssprechung durch Serien wie L.A. Law nicht unberührt bleibt, war mir bis zur Lektüre des Artikels „L.A. Law: How Hollywood is shaping our legal system“ von Julie Scelfo (erschienen in McLaren/Torchinsky: „Ad Nauseam: A Survivor’s Guide to American Consumer Culture“) auch nicht bewusst – das Ganze klingt teilweise ganz schön kränk und auch reichlich bedenklich. Ich möchte Euch den Text, der ursprünglich im Stay Free Magazine #18 (2001) unter dem Titel „When law goes Pop“ erschien, deshalb als Übersetzung präsentieren.

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L.A. Law: Wie Hollywood unser Rechtssystem formt

Interview mit Richard Sherwin

Auf seinem Bürosofa unter einem Poster von Andy Warhols Tomatensuppe sitzend, wirkt Richard Sherwin ganz ruhig. Trotz der Tatsache, dass sein aktuelles Buch When Law Goes Pop: The Vanishing Line Between Law and Popular Culture (The University of Chicago Press) die Auflösung des amerikanischen Rechtssystem beschreibt, ist Sherwin überzeugt, dass es eine Lösung gibt. An einem trüben Novemberabend traf ich den Jura-Professor in der New Yorker Law School, um mit ihm die Verbindung zwischen Wahrheit, Gerechtigkeit und dem Kino zu diskutieren.

Julie Scelfo (J.S.:): Gab es ein spezielles Ereignis, das Sie dazu inspirierte, das Buch zu schreiben?

Richard Sherwin (R.S.): Ich zeigte meinen Studenten Erroi Morris Film The Thin Blue Line, welcher als Dokumentation eingestuft ist. Er benutzt reale Parteien in einem realen schweren Mordfall. Sie sehen den Angeklagten Rendal Dale Adams, den realen Richter, die realen Anwälte und die realen Zeugen. Es sind direkte Einzelinterviews mit all diesen Personen.

Randal Dale Adams war ein Sündenbock, der in einem korrupten Rechtssystem von Dallas, welches der Film enttarnt, gefangen ist. Bevor ich ihn meinen Studenten zeigte, bat ich sie darum, all die Formfehler zu finden, die wir zusammen erarbeitet hatten. Sie liebten es und es ergab sich tatsächlich ein guter Überblick über verschiedene Fehler, die in dem Gerichtssaal stattfanden. Aber als ich den Film einige weitere Male betrachtete, begann ich all das fiktionale Material zu bemerken, das Morris benutzte: alle möglichen Formen von Wiederholungen, Überblendungen und nicht zuletzt der hypnotische Soundtrack von Philip Glass… Und das ist vor allem deshalb interessant, wenn man sich bewusst macht, dass Morris’ Film eine Revision des Falles bewirkte. Randal Dale Adams wurde am Ende aus dem Gefängnis entlassen.

J.S.: Der Film bewirkte seine Freilassung?

R.S.: Nun, der Film war der Impulsgeber dafür, den Fall wieder aufzurollen. Wenn Errol Morris diesen Film nicht gedreht  hätte, säße Randal Dale Adams vermutlich immer noch in einem Gefängnis in Dallas. Und vielleicht war es auch im Sinne der Justiz, dass dieser Film damit am Ende zu Adams Freilassung führte. Was ich auf jeden Fall spannend fand, war, dass in Morris’ Film jede Menge manipulativer Techniken, fiktionaler Kunstgriffe vorkommen, die dazu benutzt wurden, einen Rechtsspruch zu machen.

J.S.: Etwas, das mich in Ihren Buch erstaunt hat, war das Ausmaß, in dem Rechtssprechung in die Populär-Kultur eingesickert ist. Juristische Geschichten haben lange Zeit, nicht nur das Fernsehen sondern davor auch Film und Theater dominiert. Wie kommt das? Was macht Rechtssprechung so passend für populäre Kultur und fürs Geschichtenerzählen?

R.S.: Nun, zum einen ist es dramatisch. Die grundlgende Struktur zweier gegnerischer Parteien bewirkt eine natürliche Spannung, wie die Perry Mason-Formel, der große Höhepunkt der Entdeckung im Gerichtsstand – „Aha! DAS ist der Schuldige! Nicht mein Klient!“ Außerdem befasst sich Recht mit den brutalsten und extremsten Verhaltensweisen. Dies spricht natürlich unsere niederen Gelüste und unseren Voyeurismus an.

J.S.: Nicht jeden Tag gibt es einen O.J. Simpson-Prozess. Denken Sie, dass Richter in den Gerichtsaal gehen und dort das gleiche Niveau an Drama erwarten, das sie vom Fernsehen und den Medien geliefert bekommen?

R.S.: Ich habe keine wissenschaftliche Studie, aber was Menschen von der Rechtssprechung durch die ihnen zur Verfügung stehenden Informationswege erfahren, ist stark verzerrt. Wenn Sie beispielsweise Court TV einschalten, so behaupten sie, dies sei „Rechtssprechung ohne Drehbuch“. Sie stellen sich selbst als ein Fenster zur realen Rechtssprechung dar. Aber natürlich ist es das nicht, es ist Fernsehen. Wenn Sie die Art der Fälle, die in Court TV erscheinen, betrachten, folgen sie den selben dramatischen Mustern, die auch sonst im TV erfolgreich sind. Sie sind unverhältnismäßig gewalttätig, in der Regel handelt es sich um Mordfälle oder grausame Sexualverbrechen.

J.S.: Wie Law and Order: Special Victims Unit. Es beschleunigte den Kitzel der ursprünglichen Show.

R.S.: Ja. Sobald Sie auf der Basis dieses Strickmusters drehen, haben Sie keine andere Wahl als regelmäßig die Stärke des Reizes zu erhöhen. Sogar in Russland – ich las heute über Nachrichtensendungen, in denen die Interviewer nackt sind. Ich denke, Fernsehen neigt dazu, die Zuschauer davon abzubringen, sich großartig Gedanken über das zu machen, was sie sehen, oder überhaupt viel Inhalt aufzunehmen. Und die Gefahr, die ich sehe, liegt darin, dass Sie, wenn Sie die Ästhetik der Fernsehunterhaltung in den Gerichtssaal bringen,  die gleichen Muster an emotionaler Provokation und Gefühl und Belohnung nehmen, die man sonst auf dem Bildschirm sieht. Und das ist eine Form der Überzeugung die dazu neigt, Abwägungen einzuebnen.

Ich habe nichts gegen Unterhaltung und ich mag Popkultur, aber ich mache mir Sorgen, wenn die Rechtssprechung ein Synonym für Unterhaltung wird, so dass man nur überzeugen kann, wenn man gleichzeitig unterhält.

J.S.: Könnten Sie uns den Gedanken der Rechtssprechung, die Pop wird („The Law going Pop“), erläutern?

hammerscheR.S.: Der Titel funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Auf der einen Seite spreche ich an, was es heißt, dass Rechtssprechung und Popkultur sich annähern. Popkultur hilft dabei, Rechtsvorstellungen zu erschaffen. Das führt zu etwas, was man vielleicht „Pop Law“ nennen könnte. Man sollte es sehr skeptisch sehen, was passiert, wenn das Recht zu sehr von der Popkultur angezogen wird, wenn es zu sehr wie Fernsehen und Reklame wirkt. Dann gibt es die Assoziation zur Pop Art. Andy Warhol und die Pop-Art-Bewegung waren ihrer Zeit weit voraus, wenn sie davon sprachen, wie die Kultur zu einer Ware geworden ist und was es heißt, Bilder über Massenmedien zu verbreiten, die sich dann komplett von der Lebensrealität abkoppeln. Und schließlich spiele ich auch auf das an, was passiert, wenn man mit einer Nadel in einen Ballon sticht – es macht „pop“. Die größte Bedrohung für die Rechtssprechung ist der Verlust ihrer Legitimation, öffentliche Enttäuschung.

J.S.: Denken Sie, dass die Rechtssprechung zu einer Handelsware geworden ist?

R.S.: Fraglos ist es so. Juristisches war immer schon im Fernsehen und in Filmen präsent, aber nun haben wir zusätzlich noch Sachen wie Court TV, Divorce Court und Power of Attorney, wo reale Anwälte zu Stars werden. Diese Schilderung des Rechtssystems durch das so genannte „Reality“-Fernsehen wird noch heimtückischer dadurch, dass diejenigen, die sich diese Sendungen anschauen, ein bestimmtes Gefühl dafür verinnerlichen, was Recht wirklich ist.

J.S.: Heißt dass, dass die Eindrücke, die Zuschauer durch das Fernsehen darüber bekommen, wie die Rechtspechung läuft, einen Einfluss auf die Urteile haben, die sie machen, wenn sie als Geschworene tätig werden?

R.S.: Absolut. Es ist wie eine Feedbackschleife: Menschen, die ihr juristisches Wissen durch die Medien erlangen, bilden gewisse Erwartungen, wie Recht funktioniert und bringen diese Erwartungen in den Gerichtssaal. Strafverteidiger müssen die Erwartungen der Leute erfüllen, und deshalb neigen sie dazu, die Form der Kommunikation, die die Menschen (aus dem TV) gewohnt sind, nachzuahmen.

J.S.: Haben Sie ein paar Beispiele dafür, wie Anwälte ihre Tätigkeit verändert haben, um sie an die Erwartungen der Geschworenen anzupassen?

R.S.: Eine der wichtigsten Änderungen ist die Einführung von visuellen Medien in den Gerichtssaal. Der typische Gerichtssaal ist heutzutage oft mit Fernsehmonitoren bestückt. Es ist ein normaler Teil unseres Lebens, Informationen vom Bildschirm zu bekommen. Avi Stachenfeld in Oakland, Kalifornien, war einer der frühesten Anwalts-Filmemacher, der visuelle Medien für Anwälte bereit stellte. Er sagte, er wusste, dass er etwas Großem auf der Spur war, als er bemerkte, dass die meisten Leute in einem Gerichtssaal, vor die Wahl gestellt, das Geschehen live zu verfolgen oder auf einem Monitor sich für den Monitor entschieden.

J.S.: Genauso wie einige Leute Fernseher zu einem Fußballspiel mitnehmen?

R.S.: Das stimmt. Und Geschworene haben in modernen Gerichtssälen mittlerweile oft ihre eigenen Bildschirme. Eidliche Aussagen werden auf dem Monitor verfolgt. Aussagen von Personen via Übertragung werden immer üblicher. Und wenn sie auf dem Bildschirm erscheinen, müssen sie den Verhaltensnormen gehorchen, an die wir uns alle gewöhnt haben.

J.S.: In Ihrem Buch nennen Sie dies „Medien-Logik“.

R.S.: Denken Sie an heutige Politik. Sie ist ein gutes Beispiel dafür, wohin unsere Rechtssprechung steuert. Was sehen wir? Sehr schnelle Bilder, die die gleichen Überzeugungstechniken benutzen wie wir dies von Werbetreibenden kennen. Das kurze Soundfragment. Die schnell geschnittenen Bilder. Denken Sie an Ronald Reagans Kampagnen-Video aus dem Jahre 1980. Seitdem hat sich jeder Präsidentschaftskandidat gezwungen gesehen, eine eigene Version zu erstellen.

J.S.: In einem Wall Street Journal-Artikel erklärt ein Anwalt, wie er seine Anwälte Stimmtraining durchlaufen lässt, so dass sie Aussagen im gleichen Tonfall wie ein Nachrichtensprecher vortragen können.

R.S.: Richtig. Mir haben Richter erzählt, dass zu der Zeit, als L.A. Law auf dem Popularitätshöhepunkt war, sie nicht nur erwarteten, dass sich Anwälte so kleideten, sondern sie erwarteten auch Zweieinhalbminuten-Zusammenfassungen. Sie wissen schon: „Lasst uns das peppig rüberbringen.“ Aber was geschieht, wenn Sie Sachen auf den Bildschirm bringen? Sie unterwerfen sich der Bildschirmästhetik, Sie müssen Dinge unter Zuhilfenahme visueller Produktionsverfahren darbieten, und das verändert alles. Es verändert die Politik, es verändert den Journalismus, es verändert die Rechtssprechung.

J.S.: Ein paar gute Beispiele?

R.S.: Es gab da einen wirklich großen Prozess in Texas, in dem es um den Vorwurf von Insiderhandel ging. Eine texanische Firma verklagte Kidder-Peabody, eine New Yorker Investmentbank, weil sie glaubte, dass jedes Mal, wenn ein Analyst die Firma in Texas besuchte, er mit Informationen zurückkehrte, die in einem plötzlichen Anstieg von Aktienkursen resultierten. Aus diesem Grund hatte das texanische Unternehmen den Eindruck, dass es erheblich mehr Geld für eine Übernahme zahlen musste als wenn sie diese Informationen nicht preisgegeben hätten.

Die Frage war: „Wie macht man solch einen detaillreichen Fall den Schöffen begreiflich?“ Avi Stachenfeld kam mit einigen sehr überzeugenden visuellen Gimmicks daher. Er benutze eine digitale Landkarte der USA, in der Texas überproportional groß dargestellt war. Es war mit einer texanischen Flagge geschmückt, welche in Texas, wo der Fall verhandelt wurde, über alle Maßen geliebt wird. Also haben Sie diese große Staatsflagge in der Mitte der Karte, und dann gibt es dort diesen kleinen Staat am nordöstlichen Ende: New York. Plötzlich kamen die Gesichter des Kidder-Peabody-Teams aus New York herausgeflogen, mit Mike Milken in der Mitte, so dass er wir der Anführer wirkte.

Anschließend sehen wir etwas, das aussieht wie die texanische Flagge, die um New York herumfegt, wie ein Lasso. Und wissen Sie was? Das war genau wie in dem populären Salsa-Werbespot, der damals überall im Fernsehen lief. Sie erinnern sich vielleicht – es ist der, wo diese Cowboys um ein Lagerfeuer sitzen und dieser Koch versucht, ihnen nicht authentische New York Salsa unterzujubeln, und als sie hören, dass es aus New York stammt, rufen die Cowboys „New York City?!? Holt das Seil!“ Und am Ende sieht man, wie der arme Koch am Lagerfeuer gefesselt sitzt.

Was Avi hier getan hatte, war eine Assoziation zu erzeugen – zu dem bekannten „wir/sie“-Gegensatz Texas gegen New York. Aber dieser wird nur indirekt angesprochen.

J.S.: Also benutze Avi diese Bilder, um eine emotionale Reaktion zu bewirken?

R.S.: Ja, das Video ruft unausweichlich eine emotionale Reaktion hervor, die auf der unterbewussten Ebene wirkt. Es gibt ein sehr berühmtes Video, das statt einer mündlichen Zusammenfassung in einem Prozess mit Price-Waterhouse (Anm. PM: eine große amerikanische Investmentbank) angeboten wurde. Das Video wurde vom Kläger eingesetzt, der Price-Waterhouse wegen Sorgfaltspflichverletzung verklagte. Das Video versuchte zu sagen: „Wir verloren viel Geld, weil Price-Waterhouse es versäumte, auf Warnsignale bei der Bank, die sie verfolgten, zu achten.“

In dem Video zeigten sie zunächst das Bild der Titanic, wie sie den Hafen verlässt, unter Rückgriff auf Originalmaterial. Die Titanic – das größte Schiff seiner Klasse, Sie kennen den Ruf des unsinkbaren, des größten, des besten Schiffs. Nun, es sank, nicht wahr? Es sank auf Grund von Sorgfaltspflichtverletzung. Während des gesamten Videos schnitten die Anwälte des Klägers zwischen den Bildern der Titanic und denen der Warnsignale, die die Price-Waterhouse-Buchprüfer übersahen, hin und her. Interessanter Weise begann diese Zusammenfassung mit dokumentarischem Material, dann schnitt sie zu einem englischen Film aus dem Jahre 1957 mit dem Titel A Night to Remember. Nun sehen Sie also den Kapitän Warnungen in den Wind schlagen, Sie sehen Wasser in die Unterdecks einbrechen und an einem Punkt sagt der ernste Erzähler „unerfahrene Wirtschaftsprüfer wurden eingesetzt, genau wie bei der Titanic“. Und sie zeigten Matrosen, die aus den Unterdecks hasteten. Dies geschah in Arizona. (also fernab jeder Küste)

J.S.: Und der Richter erlaubte den Einsatz dieses Bandes vor Gericht?

R.S.: Er tat es, obwohl sie dadurch bei der Revision in Schwierigkeiten gerieten. Aber während des Prozess sagte der Richter zu den Anwälten, dass, weil dieser Fall so viele Zahlen beinhaltete, er sie dazu einlade, etwas zu bieten, dass die Geschworenen wach halte. Deshalb konnte er das Video nicht so recht ablehnen, weil es genau das erreichte, was er wollte. Tatsächlich war die Summe, die per Urteil zugesprochen wurde, um die 350 Millionen $. Dies sind also sehr mächtige Werkzeuge.

>> Morgen geht es weiter mit dem zweiten Teil!

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Radiotipps für den März

radio_isolated_on_white_with_clipping_pathKaum hat man sich’s versehen ist auch schon wieder ein neuer Monat da – und wieder einmal bringt er einige spannende Radiosendungen auf Deutschlandradio Kultur bzw. im Deutschlandfunk, die ich Euch heute schon mal vorstellen will. Wie üblich kann man die meisten Features nach der offiziellen Ausstrahlung (hoffentlich) auch auf den Websites der Sender als mp3 herunterladen oder zumindest dort nachhören.

DLR-K
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Zeitfragen
“Kratzer an einem deutschen Statussymbol”
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DLF
Di. 02.03.2010 · 19:15 Uhr

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In 40 Jahren werden zehn Millionen weniger Menschen in Deutschland leben; der Osten Deutschlands hat schon seit dem Mauerfall über zwei Millionen Menschen verloren. Leerwerdende Regionen, verlassene Dörfer in Vorpommern, in Brandenburg, ebenso wie in Südost-Niedersachsen oder Nordhessen: In den Zeiten des Abschieds vom Wachstum entstehen hierzulande immer ungleichere Lebensverhältnisse in immer disparateren Räumen.
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DLF
Fr. 05.03.2010 · 19:15 Uhr
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In der Volkswirtschaftslehre gibt es keine Theorie des Schrumpfens. Wachstum ist erwünscht und soll der Normalfall sein, Schrumpfen gilt als Störung. Aber was passierte eigentlich also, wenn wir die Konsequenz aus der Klimakrise und den Verwerfungen der globalen Ökonomie, aus der Kritik an Konsumismus, Naturzerstörung, Beschleunigung ziehen?
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DLR-K
Mo. 15.3. – 19:30 Uhr
Zeitfragen
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Das Konjunkturpaket und seine Folgen
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Fr. 19.03.2010 · 20:10 Uhr
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1972 gründet Theo Pinkus die Utopisten-Begegnungsstätte Salecina. Hier diskutieren Herbert Marcuse, Carola Bloch, Max Frisch, hier treffen sich Lehrlinge aus Mailand mit Spontis aus West-Berlin.
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DLR-K
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Forschung und Gesellschaft
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PR-Berater: Geschäfte und Machenschaften

Das NDR-Magazin Zapp berichtet in „PR-Berater: Geschäfte und Machenschaften“ aktuell über den Verlust an Seriösität und Objektivität in den Medien und den Einfluss der PR-Berater auf das, was uns tagtäglich so als „Nachricht“ und „Information“ dargereicht wird. Wie immer, wenn ich solch einen Einblick hinter die Kulissen der PR-Branche erhalte, wird mir ganz mulmig zumute, da es zeigt, wie wenig wir von dem, was wir so sehen und lesen, ungeprüft glauben können:

Es geht um ein kleines Gerücht und darum wie es zu einer großen Geschichte wird. Sie kennen das aus dem Job: Man sagt was zu einem Kollegen, der sagt es einem anderen. Manchmal stimmt das, was geredet wird, manchmal nicht. Manchmal fördert und manchmal zerstört es Karrieren. In Wirtschaft und Politik werden solche Gerüchte gezielt von Spezialisten und mit Hilfe der Medien plaziert. Mal mehr, mal weniger freiwillig. Zapp über die perfiden und manipulativen Methoden der PR-Branche. (…)

(…) Sie sind oft hochbezahlte Spezialisten, die aus dem Hintergrund ihre Auftraggeber in Wirtschaft und Politik gut aussehen lassen und den Gegner niedermachen wollen. Thomas Leif vom Netzwerk Recherche meint: “Es geht nicht, wie es der Journalismus als Aufgabe hat, um die ganze Wahrheit, sondern immer um Teilwahrheiten, um geschönte Wahrheiten und um gestellte Wahrheiten. Von daher ist PR strukturell eigentlich der Gegner und der Feind eines seriösen Journalismus.” (…)

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Ein paar Lesetipps zum Wochenende: „Sie können nur billig“, „Facebook weiß alles über uns“ und „Wann stehen die Deutschen auf?“

Das Wochenende naht und wie könnte man es besser verbringen als mit der Lektüre einiger interessanter, aufschlussreicher Artikel? Eben. Deshalb empfehle ich hier wieder einige Texte, die mir im Laufe der letzten Tage besonders aufgefallen sind.

colorful_price_labelBeispielsweise hat Die Zeit den lesenswerten Bericht „Einzelhandel: Sie können nur billig“ veröffentlicht, in dem es – man ahnt es schon – natürlich zum einen um meine speziellen „Freunde“, die Discounter, geht. Zwar werden, wie so oft in den Medien, nur einige der Folgen, die die Billigmasche für die Gesellschaft hat, angesprochen und insbesondere auf die Ausbeutung der Mitarbeiter abgestellt, aber immerhin zeigt der Artikel auch, dass durch den permanenten, durch die Discounter ausgelösten Preiskampf inzwischen auch die anderen Einzelhandelsketten, also Rewe, Edeka etc., voll einsteigen und ebenfalls Preise und Kosten zu drücken beginnen. Ich habe an dieser Stelle ja schon des öfteren gepredigt, die großen Ketten (und allen voran die Discounter) zu meiden; der Artikel bestätigt mich da wieder mal.

(…) Alle wissen um die verheerende Wirkung – und tun es trotzdem immer wieder: Sie senken die Preise. Die mächtigen Chefs der großen Handelskonzerne können es nicht lassen, weil die Deutschen Schnäppchenjäger sind und selbst für gute Lebensmittel angeblich kein Geld übrig haben. Manche Waren werden geradezu verramscht. Doch auch das hat seinen Preis. Den zahlen häufig jene, die in den Läden hinter der Theke stehen, Regale einräumen oder an der Kasse sitzen. Wer im Handel beschäftigt ist, muss mit Lohndrückerei, Schikanen oder Schnüffeleien rechnen. (…)

(…) Ein Mitarbeiter wagte es zu Beginn des Jahres allerdings, vor Gericht zu ziehen. Er war als sogenannte Pauschalkraft bei Netto beschäftigt und fordert eine Lohnnachzahlung. Das Verfahren läuft noch. Textilhändler KiK hat einen solchen Prozess schon hinter sich. Ende März vergangenen Jahres wurde das Unternehmen wegen der Zahlung sittenwidriger Löhne verurteilt. (…)

In einigen weiteren Artikeln zu dieser Problematik legt Die Zeit noch nach, so mit „Billiger geht’s nicht“:

(…) Für die Händler bedeutet das empfindlich schrumpfende Geschäfte. Sie sparen deshalb, wo sie können. Zum einen nutzen die Großen unter den Händlern ihre Nachfragemacht, um Lieferanten zu pressen. So beklagt die Ernährungsindustrie einen Umsatzrückgang von vier Prozent. Das sei der stärkste Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik gewesen, so die Hersteller. Die Entwicklung hat nichts damit zu tun, dass die Verbraucher weniger essen und trinken. Mengenmäßig sind die Produktion und der Absatz von Lebensmitteln und Getränken nämlich konstant geblieben. Die Konsumenten zahlten einfach nur weniger für die Nahrungsmittel.

Gespart wird aber auch woanders. Selbst wenn man in vielen Läden inzwischen vergeblich nach Beratung sucht, zählt der Einzelhandel nach wie vor zu den personalintensiven Branchen. Was liegt da näher, als den Kostenfaktor Mensch zu reduzieren. Wie das geht, hat gerade die Drogeriemarktkette Schlecker vorgemacht: Verkäuferinnen entlassen und über eine Leiharbeitsfirma wieder einstellen. Zu viel geringerem Gehalt natürlich, Urlaubs- und Weihnachtsgeld werden bei der Gelegenheit gestrichen. Wer das nicht akzeptiert, dem droht Hartz IV. Zwar wird immer wieder behauptet, dass Schlecker ein Einzelfall sei. Seltsam ist nur, dass es keine hinreichenden Zahlen über den Einsatz von Leiharbeitern im Einzelhandel gibt. (…)

Und in „Gericht begrenzt Expansionsdrang der Discounter“ wird darüber berichtet, dass der Widerstand gegen diese Entwicklung auch von politischer und juristischer Seite zumindest sporadisch vorhanden ist:

(…) In Köln befindet sich rund 500 Meter vom anvisierten Standort entfernt eine Ansammlung von Geschäften und Dienstleistern, die bisher die Versorgung der Anwohner sicherten. Die Stadt befürchtete den Niedergang des gesamten Nahversorgungsbereiches, wenn der Discounter mit knapp 700 Quadratmeter Fläche dazukäme. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte diese Auffassung. (…)

Apropos Überwachung – die neuen Internetdienste wie Facebook erweisen sich ja als grandiose Datensammler. Nicht nur das, was die User bereitwillig in Massen von sich preisgeben, kursiert durchs Netz, nein, Facebook weiß noch viel mehr von unsereins, selbst wenn man gar keinen Facebook-Account hat. Die FAZ schreibt in „Soziale Netzwerke: Facebook weiß alles über uns“:

Wer Facebook nutzt, schenkt dem Unternehmen hinter dem sozialen Netzwerk viele private Informationen über sich. Und wer es nicht nutzt, behält seine Informationen für sich – könnte man meinen. Dass die Realität inzwischen anders aussieht, belegen immer mehr Erfahrungsberichte von Nichtmitgliedern, die sich von Facebook seltsam durchleuchtet fühlen. (…)

(…) Hendrik Speck, Professor für Digitale Medien an der FH Kaiserslautern, findet das sehr problematisch, aber ganz und gar nicht überraschend. „Facebook hat sich darauf spezialisiert, solche Verknüpfungen auszuwerten“, sagt er. Dabei mache es sich die Naivität und Faulheit derjenigen zunutze, die nur die Vorteile allumfassender Synchronisierung sähen. Gerade die „weichen Faktoren“, über die sich die Menschen definierten – wie Vorlieben und Kontakte –, seien für Facebook bares Geld wert und würden mit Hilfe von Algorithmen eingesammelt, „egal, ob der Betroffene seine Einwilligung gibt oder nicht“. Daraus macht Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kein Geheimnis: Erst im Januar sagte er in einem Interview, Privatsphäre sei nicht mehr zeitgemäß. Mit deutschen Datenschutzgesetzen kann man dem kaum beikommen – für das amerikanische Unternehmen Facebook gelten sie nicht. (…)

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© asifthebes, stock.xchng

Der wohl wichtigste und tiefgreifendste Artikel wird diese Woche von Egon W. Kreutzer in seinem neuesten Paukenschlag geliefert – er analysiert die derzeitige Situation der Gesellschaft in Deutschland und stellt die Frage „Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle: Wann stehen die Deutschen auf?“. Kreutzer entwirft – basierend auf Naomi Kleins Schock-Strategien, drei mögliche Szenarien für die zukünftige Entwicklung im Land, die allesamt nicht übermäßig rosig, zum Teil auch sehr gefährlich klingen. Unbedingt lesen, auch die dazugehörige Diskussion!

(…) Die organisatorische Basis, die eine Revolte braucht, um wirkungsvoll und erfolgreich agieren zu können, ist also bundesweit nicht vorhanden.

Doch ist anzunehmen, dass sie bereits im Entstehen ist.

Wir werden, so meine Prognose, mit der Zunahme des Drucks im Kessel eine Entwicklung erleben, die auch in Deutschland nach dem Vorbildern in Nordirland, im Baskenland, in Kurdistan und Palästina, ein Zwitterwesen – halb offizielle Partei, halb Kampftruppe im Untergrund – hervorbringt, das sich – anders als die “Alten Kameraden”, ohne Rassismus, ohne Führerkult, ohne jede Anlehnung an das Dritte Reich, offen – und in verdeckten Aktionen – für die Wahrnehmung nationaler Interessen gegen die Übermacht der Global Player und für den Wiederaufbau des Sozialstaats einsetzen wird.

Massive Unterstützung aus der breiten Masse der Bevölkerung wird es dann geben, wenn die Kaufkraft der Hartz-IV-Empfänger nicht mehr ausreicht, um das Körpergewicht zu halten – und sich – neben den rund 10 Millionen Menschen, die heute schon zum Prekariat gezählt werden müssen, weitere 10 bis 15 Millionen in wirtschaftlichen Verhältnissen wiederfinden, die trotz fleißiger Arbeit kein menschenwürdiges Leben mehr ermöglichen.

Wenn die Bundesregierung dabei bleibt, die vollkommen unsinnige, neu ins Grundgesetz geschriebene Schuldenbremse und die EU-Vorgaben zur Neuverschuldung einzuhalten, ohne gleichzeitig die Steuern auf Kapitaleinkünfte und Vermögen und den Spitzensatz der Einkommensteuer massiv zu erhöhen, wofür es derzeit keinerlei Anzeichen gibt, wird dieser Zustand 2012 zwangsläufig erreicht und 2013 zu gewalttätigen Auseinandersetzung in ganz Deutschland führen.

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Zwei Podcast-Tipps: „Go Shopping!“ und „Freizeit nach Feierabend“

Ich bin doch immer wieder positiv überrascht, welch kritische Themen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk immer wieder mal angesprochen und diskutiert werden; ganz anders als im immer mehr ins Boulevard-eske abrutschenden Fernsehen (trotz natürlich einiger guter Ansätze in den 3. Programmen etc.). Diesen Sonntag liefen gleich zwei spannende Sendungen, die es beide noch als Podcast/mp3 gibt, und beide passen perfekt zum Thema meines Blogs.

Bayern 2 Zündfunk Generator vom 14.2.2010

Freizeit nach Feierabend? Über die Zukunft von Arbeit, Freizeit und die graue Zone dazwischen.
Was vor einigen Jahren als idealisierte Arbeitsweise der sogenannten Digitalen Bohème galt, ist längst Alltag geworden: “Arbeit” ist oft eine Mischung aus freiwilliger Selbstausbeutung, ökonomischer Intelligenz und finanzieller Instabilität. Die Zeit der arbeitsfreien Freizeit ist vorbei. Nicht nur Autoren oder Designer leben in einer Grauzone aus Arbeit, Freizeit und ständiger Verfügbarkeit. Für immer mehr Menschen gilt: Das Handy bleibt am Wochenende an – und der Chef hat die Nummer. Die Aus- und Weiterbildung zahlt man selbst und absolviert sie nach Feierabend. So ist Freizeit zu einer Art Tafelsilber geworden, das man in schlechten Zeiten eben verkaufen muss: Und weil die Zeiten schlecht sind, boomt der Markt. Der Onlineversand Amazon etwa betreibt einen Marktplatz für ausbeuterisch bezahlte Mikroarbeit. Dort kann jeder für ein paar Dollar pro Tag digitale Fließbandarbeit verrichten. Denn mal ehrlich: Ist die Zeit beim Telefonieren oder zwischen zwei Terminen nicht eigentlich zu kostbar, um nicht ein paar Cents dazu zu verdienen? Wer profitiert davon, wenn Freizeit und Arbeit verschwimmen, Zeitarbeit zur Jederzeitarbeit wird, und welche Kritik an diesem Konzept sollte man beachten?

>> Podcast (mp3)

Und als zweites:

SR2 KulturRadio 14.2.2010

Dr. Eva Tenzer: Go Shopping!
Warum wir es einfach nicht lassen können.

Das Vertrauen in die „unsichtbare Hand des Marktes“ unterstellt, die Akteure der Wirtschaft würden sich vernünftig verhalten – zumindest vernünftig im Sinne ihrer eigenen Interessen.

Dass dies oft nicht stimmt, zeigt nicht nur die Finanzkrise, das zeigt auch ein Blick in eine beliebige Einkaufsstraße. Warum kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen oder die uns sogar schaden?

Warum fällt es so schwer, Instinkte zu zügeln, die einmal nützlich waren, inzwischen aber in den Ruin führen? Wie wehren wir uns dagegen, dass unsere Schwächen gezielt ausgenutzt werden?

>> Podcast (mp3)

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Surftipp: Utopia Watchblog

baum-asteAls vor längerer Zeit auf das Utopia-Portal stieß, fand ich die Grundidee, nämlich Menschen mit kritischem Bewusstsein und ökologischer Grundeinstellung zusammenzuführen, ihnen eine Web 2.0-Plattform zu bieten, auf der sie sich austauschen könnten, wo man über Sünden von Konzernen, aber auch positive Beispiele erfahren sollte, eigentlich prima. Wurde ja auch Zeit, dass die wachsende Zahl kritisch-politischer Konsumenten sich auf diese Weise vernetzt. Obwohl ich mich gleich angemeldet hatte, ließ meine Utopia-Aktivität durchaus zu wünschen übrig und diese Community geriet bei mir wieder ein wenig in Vergessenheit – allerdings nicht sehr lange, denn alsbald erreichten mich die E-Mail-Newsletter, in denen immer öfter unglaubliche Kooperationen mit Konzernen wie Schummelstromanbieter Entega (gehört teilweise zu E.ON!) oder der Deutschen Telekom bejubelt wurden und der Fokus also ganz eindeutig vermehrt auf die krampfhafte Begrünung des Konsums gelegt wurde. Hier ging es mitnichten mehr um wirkliche Änderungen der Strukturen, die die ganzen Msisstände zwangsläufig produzieren, sondern nur ums Beruhigen des Gewissens und darum, auch Großkonzernen die Gelegenheit zu geben, sich grünzuwaschen. Natürlich gibt es nachwievor auch viele gute Ideen und Projekte dort zu finden, das ist klar, nur ist mir persönlich das Ganze inzwischen doch vom ganzen Drumherum her zu LOHAS-esk.

Dass ich mit meiner kritischen Meinung nicht alleine dastehe, zeigen nicht nur diverse Diskussionen in der Blogosphäre, sondern auch der Utopia Watchblog von Andre Henze, den ich Euch als heutigen Surftipp empfehlen möchte. In seinem Blog befasst er sich mit  den vielen Dingen, die bei Utopia inzwischen komplett schief laufen und zeigt auf, wo die Widersprüche dieser Community liegen und wie sich das dahinterstehende Unternehmen (die Utopia AG (!)) unangemessen aufführt, wenn es um Kritik an ihrer Firmenpolitik geht.

So wird in „Da freut sich der Ökokapitalist“ das Utopia-Top 10-Ranking der „10 größten Abnehmer von Bio-Baumwolle“ seziert und deutlich gemacht, dass viele der Konzerne, die dort auftauchen, vielleicht beim Anbau der Baumwolle etwas weniger zerstören, als bei rein industriellem Baumwollanbau, aber hinterher wird das meiste dann doch mit ordentlich Chemie zugekleistert, und faire Arbeitsbedingungen o.ä. sind gar nicht erst in dieses dubiose Ranking eingeflossen (aus gutem Grund, man will ja keine potentiellen Werbepartner verprellen (sag ich mal so frech)):

(…) Wal-Mart, laut utopistischer Bestenliste auf Platz 1. der Biobaumwoll-Käufer, bezahlt z.B. keine Überstunden und sackt so »hunderte von Millionen Dollar jährlich« zusätzlich ein. Mithin hat man sich nach Sammelklagen auf einen 650-Millionen-Dollar-Vergleich eingelassen, aus Angst das mit dem diesjährigen Regierungswechsel alles noch teurer für den Ausbeuter werden könnte.
Von den 6000 Angestellten arbeiten 4800 in chinesischen Zulieferbetrieben, unter gefängnisähnliche Bedingungen.
Neuigkeiten über Wal-Mart lassen sich bei Labour-Net nachlesen.

C&A, der Zweitplatzierte, ist auch kein Saubermann. »Ausbeutung, sexuelle Belästigung und andere Missstände in Zulieferbetrieben« heißt es zusammenfassend im Neuen Schwarzbuch Markenfirmen und wird im Buch im Detail ausgeführt.

Der dritte im Utopia-Ranking, Nike, hat dermaßen viel Dreck am Stecken, dass gleich mehrere Organisationen ein Auge auf den Konzern haben. Als Einstieg darf der Abschnitt »Kritik« bei Wikipedia gelten.
Natürlich versucht Nike sich reinzuwaschen und hat sich u.a. bei der Initiative The Girl Effect eingekauft. Eine Replik auf die Ernsthaftigkeit derartiger Avancen kannst Du im Nike-Watch-Blog von Oxfam lesen Nike loves girls? Realy?.
(Derweil muss ich Verluste feststellen, www.sweatshopwatch.org scheint offline gegangen zu sein. Nach dem, noch existenten My-Space Profil zu urteilen, sogar schon vor zwei Jahren!)
Dass Nike nur handelt, wenn man der Firma ordentlich den Hintern versohlt und die Handlung dann weit hinter dem Erwarteten und Notwendigem zurückbleibt, kannst Du bei Fashioncheck im Nike-Artikel im Abschnitt »Violations of labour rights and public conflicts« nachlesen.

H&M beutet aus, billigt Missstände und engagiert sich mit Lippenbekenntnis. Dieser Eindruck entsteht jedenfalls, wenn man die kurzen Beiträge Kritik und Kontroversen auf Wikipedia ließt und mit dem Neuen Schwarzbuch Markenfirmen abgleicht. Eigentlich ist man schon gewillt sich zu bessern, bloß kosten darf es nichts. Das scheinheilige Marketing arbeitet schneller als die Produktion. Man wird bei vielen Organisationen Mitglied, nur die Lebensumstände z.B. der ArbeiterInnen in China wollen sich einfach nicht bessern.
Noch 2007 berichtete ein Schwedischer Fernsehsender darüber wie Hennes & Mauritz von Kinderarbeit profitiert.
Der Artikel Bekleidung hautnah (auf OneWorld, etwa aus dem Jahr 2006) beschreibt die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen in Bangladesch recht eindrücklich, und dürfte leider weitestgehend aktuell sein. (…)

Schon allein das Auftauchen von Konzernen wie Nike oder Wal-Mart auf so einer Liste, die dem unbedarften Betrachter ja vermutlich schon suggerieren soll, dass hier „irgendwie ökologisch korrekte Klamotten“ angeboten werden, führt das Ganze natürlich ad absurdum.

Schade, dass der Utopia-Watchblog keinen RSS-Feed besitzt, das würde es noch etwas bequemer machen, dort regelmäßig vorbeizuschauen, denn das scharfe Auge des Autors ist, wie man an obigem Beitrag schon sieht, nicht nur auf Utopias Gebaren gerichtet, sondern auch auf viele andere Fehlentwicklungen in der globalisierten Wirtschafts- und Konsumwelt.

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Wie Käufer manipuliert werden

Einen spannenden Podcast des Bayerischen Rundfunks, der perfekt zum Thema meines blogs passt, möchte Euch heute ans Herz legen: „Wie Käufer manipuliert werden“, in dem es um die neuesten „Errungenschaften“ und Erkenntnisse auf dem Feld der Konsumforschung und dem Beeinflussen der potentiellen Käufer geht. „Manipulieren“ erscheint mir in dem Zusammenhang zwar ein wenig hoch gegriffen, weil man natürlich durch bloße Reklame und Beschallung niemanden dazu bringen kann, gegen seinen Willen irgendwas zu kaufen (außer, man steht mit einer gezogenen und entsicherten Waffe hinter demjenigen :-), aber es geht um die tiefer liegenden, langfristig wirkenden Mechanismen von Imageaufbau etc.

Wir werden mit Werbung regelrecht überflutet: Kauf mich! Und vielleicht werden wir in Zukunft sogar immer öfter kaufen, weil die Industrie uns mit “Neuro”-Marketing konsequent manipuliert. Eine Sendung von Martin Schramm

>> mp3

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Fehlende Transparenz bei Spenden – und die BILD-„Zeitung“

Da ich diese Woche ja schon ein paar kritische Worte zur BILD-„Zeitung“ hier im Blog geäußert habe, will ich diesen kleinen Zyklus mit einem weiteren Beitrag beenden, der zeigt, wie sehr die BILD Meinungsmache betreibt und wie weit sie des öfteren von Wahrheit und journalistischer Integrität entfernt ist. Im Beitrag „Fehlende Transparenz bei Spenden“ im NDR-Medienmagazin ZAPP geht es um die unsaubere Verquickung von Promi-Selbstdarstellung und der Reklame für halbseidene Projekte:

Wenn es ums Spendensammeln geht, scheuen Medien keine Schlagzeile und Promis keinen Auftritt. Wenn es allerdings darum geht, wo die Gelder bleiben, sind die Auskünfte meist spärlich.

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Kleine Presseschau: „Konsum hat sich seit 1960 versechsfacht“ & mehr

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© modish, stock.xchng

Wieder mal bin ich im Netz über ein paar interessante Artikel gestolpert, wie man so schön sagt, deren Lektüre ich hiermit anregen möchte. Da ist zum einen die Studie „Konsum hat sich seit 1960 versechsfacht“ vom Washingtoner Worldwatch-Institut (kommentiert auf Wir Klimaretter), die verdeutlicht, dass unser westlicher Lebensstil, der auf Konsum und Verschwendung basiert, eine tödliche und törichte Sackgasse darstellt:

Das Washingtoner “Worldwatch”-Institut hat einen grundlegenden Wandel unseres Konsumverhaltens gefordert. Wie die Nachrichtenagentur epd berichtet, müsse im Kampf gegen Klimawandel und Umweltzerstörung in Zukunft deutlich werden, dass Kaufen nicht zu Glück, Zufriedenheit und gesellschaftliche Akzeptanz führe, heißt es in einem am Dienstag in Washington veröffentlichten Bericht der US-amerikanischen Umweltinstitutes. (…)

(…) Angetrieben werde das unverantwortliche Kaufverhalten von massiven Werbeschlachten der Wirtschaft: 2008 hätten Unternehmen weltweit 643 Milliarden Dollar für Kampagnen ausgegeben. In China und Indien steigen den Angaben zufolge die Ausgaben für Werbung jährlich um mehr als zehn Prozent. (…)

Was kann dagegen getan werden? Nun, US-Psychologen meinen nun, man sollte die Umwelt-Appelle beenden und statt dessen eher menschliches Streben nach Anerkennung nutzen. So geschildert von Meredith Haaf in der Süddeutschen Zeitung – „Argumente? Wen kümmern Argumente?  Wer den Klimawandel bekämpfen will, muss die Menschen nicht überzeugen, sondern erziehen: zu Eitelkeit und Neid“. Ein interessanter Ansatz, der allerdings auch recht neoliberal klingt. Dennoch sollte man wohl beim Versuch, die Menschen zum Umdenken zu bewegen, auch solche psychologischen Effekte nicht außer Acht lassen:

(…) Sollen wir wirklich verinnerlichen, dass Klimaschutz notwendig ist, sollte man uns besser manipulieren als aufklären, dazu hat die American Psychological Association (APA) gerade eine Studie [1] veröffentlicht. Sie erklärt, wie durch ein paar Tricks jeder von uns zum Klimaschützer gemacht werden kann, indem unser Hang zu Eitelkeit, Neid und Selbstdarstellung angestachelt wird. Anders gesagt: Wir tun alles, um die Umwelt zu schützen, solange wir es nicht merken und dabei gut aussehen. Junge Menschen reagieren nun mal eher auf Lifestyle-Argumente als auf Ökomoral.  (…)

(…) Sollen wir wirklich verinnerlichen, dass Klimaschutz notwendig ist, sollte man uns besser manipulieren als aufklären, dazu hat die American Psychological Association (APA) gerade eine Studie veröffentlicht. Sie erklärt, wie durch ein paar Tricks jeder von uns zum Klimaschützer gemacht werden kann, indem unser Hang zu Eitelkeit, Neid und Selbstdarstellung angestachelt wird. Anders gesagt: Wir tun alles, um die Umwelt zu schützen, solange wir es nicht merken und dabei gut aussehen. Junge Menschen reagieren nun mal eher auf Lifestyle-Argumente als auf Ökomoral. (…)

(…)  Es ist ein bisschen wie in der Schule – Wettbewerb, Wissensdurst und der Hunger nach Anerkennung müssen nur richtig stimuliert werden, schon verbessern sich die Noten. Und wenn wir schon in sozialen Netzwerken wie Twitter und Facebook freiwillig intimste Details preisgeben, warum nicht auch unsere Ökobilanz ins Netz stellen, um ein bisschen damit zu prahlen? (…)

bloedDie Dummdreistigkeit der Woche kommt mal wieder von der BILD-„Zeitung“. Druckte diese Postille doch neulich groß in ihrer „Gewinner/Verlierer“-Rubrik die deutschen Discounter Aldi & Lidl als Gewinner ab, weil sie in England die dortigen Ketten überholen. Der unfassbar ignorante und fast schon zynische Kommentar der BILD dazu „Sorry, das ist eben deutsche Wertarbeit“ (siehe HIER)! Wer so etwas schreibt und abdruckt, scheint die letzten Jahre irgendwo im Wolkenkuckucksheim oder unter einem Stein in den Bergen verbracht zu haben (bzw. verdient, wie die BILD, bestens an den Reklameaufträgen von Lidl) – die vielen schlimmen Folgen für die Gesellschaft, die durch diesen deprimierenden „Erfolg“ der Discounter ausgelöst werden bleiben hier ebenso unberücksichtigt wie auch die Tatsache, dass der Großteil der Aldi/Lidl-Waren sicherlich weder Wertarbeit noch überhaupt in Deutschland hergestellt wurde (die Aktionsware stammt aus Asien und viele der Lebensmittel von sonstwoher). Natürlich kann man von so einem Blatt wie der BILD auch nichts anderes erwarten…

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Surftipp: Fossil-of-the-Day Awards

fossil-of-the-day-logoEs gibt Auszeichnungen, die von den Preisträgern nicht wirklich gerne entgegengenommen werden. Die Grüne Tomate ist so einer, oder Der Goldene Windbeutel für die dreisteste Werbelüge. Ebenfalls eher unbeliebt bei den „Gewinnern“ dürfte der Fossil of the Day-Award sein, der bereits seit 1999 vom Climate Action Network vergeben wird, und sich besonders um Sünden in der Klima- und Umweltpolitik kümmert bzw. um die Regierungen, die die UN-Klimaschutzverhandlungen am stärksten behindern. Ende letzten Jahres durfte sich beispielsweise Angela Merkel über den Preis freuen (als „Anerkennung“ für ihr Umkippen in der Klimapolitik), George W. Bush gehörte ebenfalls schon zu den Gewinnern (ihm gebührt der Spezialpreis „Fossil of the century”), und zuletzt traf der „Fossil of the Year-Award“ Ende Dezember Kanada für seine rückständige Haltung auf der Kopenhagener Klimakonferenz:

“Fossil of the Year goes to CANADA, for bringing a totally unacceptable position into Copenhagen and refusing to strengthen it one bit. Canada’s 2020 target is among the worst in the industrialized world, and leaked cabinet documents revealed that the governments is contemplating a cap-and-trade plan so weak that it would put even that target out of reach.

“Canada has made zero progress here on financing, offering nothing for the short term or the long term beyond vague platitudes. And in last night’s high-level segment, Canada’s environment minister gave a speech so lame that it didn’t include a single target, number or reference to the science.

“Canada’s performance here in Copenhagen builds on two years of delay, obstruction and total inaction. This government thinks there’s a choice between environment and economy, and for them, tar sands beats climate every time. Canada’s emissions are headed nowhere but up. For all this and more, we name Canada the Colossal Fossil.”

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