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Fliegen heißt Siegen – die Deutsche Lufthansa

Eine Reihe großer deutscher Unternehmen, bevorzugt solche, die sich im Deutschen Aktienindex DAX tummeln, haben eine dunkle Vergangenheit – sie waren in der NS-Zeit direkt oder indirekt an Kriegstreibereien, Vertreibungen und Völkermord beteiligt. Sie profitierten wie Krupp von der Rüstung und dem 2. Weltkrieg, Konzerne wie die Deutsche und die Dresdner Bank legten ihren Nachkriegsgrundstock bereits in den Jahren davor und verwahrten Vermögen von jüdischen Bürgern, die enteignet und vertrieben (oder getötet) wurden. Dass also solche Unternehmen (auch Bayer, BASF u.a.) nach dem Krieg gleich weiter wirken durften, ist schwerlich zu verstehen. Dabei geht es mir nicht um das vielen Menschen (verständlicherweise) inzwischen schon zu den Ohren rauskommende permanente Bohren in alten Wunden, wie es ein Guido Knopp scheinbar genüsslich im Fernsehen zelebriert („Hitlers Frisösen“, „Hitlers Geistheiler“…) und das auch „Nachrichtensender“ wie n-tv oder N24 dazu bringt, „Die letzten Tage von Berlin“ u.ä. permanent über den Äther flimmern zu lassen. Es muss einem aber halt bewusst sein, dass manches von der Marktmacht und dem Reichtum, den diese Konzerne aufgehäuft haben und mit dem sie ihr Image medial hell erstrahlen lassen, auf wenig appetitlichem Wege erworben wurde. Die jahrzehntelange Hinhaltetaktik von Konzernen wie Siemens, Daimler, VW usw. in Bezug auf die Entschädigung von Zwangsarbeitern ist da nur ein weiteres unrühmliches Kapitel.

Weitgehend unbehelligt unterhalb des medialen Radars durfte sich bisher die Deutsche Lufthansa bewegen – Grund genug für mich, mal wieder „eine seriöse Firma in den Schmutz zu ziehen“ (Vorwurf eines auch sonst sehr schrägen Utopia-Users an die Adresse meines Blogs ;-). Die ARD brachte nämlich dieser Tage die erhellende Dokumentation „Fliegen heißt Siegen – Die verdrängte Geschichte der Deutschen Lufthansa“, die die Verstrickungen des Konzerns in die Verbrechen der Nazizeit offenlegt, die das Unternehmen selbst gerne von sich weist.

Die nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründete Deutsche Lufthansa gilt als Vorzeigeunternehmen der Bundesrepublik. Doch sie hat eine Vorgeschichte.

Zahlreichen deutschen Unternehmen fällt der Umgang mit der eigenen Rolle im Dritten Reich auch heute noch schwer – und immer noch sind viele Fälle nicht erzählt. Wie jener Fall der Deutschen Lufthansa. Sie verweist in der Regel darauf, dass sie als Unternehmen erst seit 1955 existiert, also seit der Wiederaufnahme des Flugbetriebs nach dem Zweiten Weltkrieg und so gar keine Vergangenheit im NS-Regime haben kann. Gegründet wurde sie aber in der Nachkriegszeit mit dem Namen, dem Emblem – und einem Teil des leitenden Personals – jener Lufthansa, die es zwischen 1926 und 1945 gab. Und zu deren Geschichte gehört auch, dass 1933, unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis, unter der Maske der zivilen Luftfahrt die Vorbereitungen für einen Angriffskrieg der völlig neuen Dimension beginnen. Die strengen Auflagen des Versailler Vertrags verbieten es dem Deutschen Reich, eine eigene Luftwaffe aufzubauen. Aus diesem Grund trifft Hitler ein Abkommen mit dem Vorstand der deutschen “Lufthansa”. Unter dem Vorwand der friedlichen Nutzung sollen Linienflugzeuge produziert werden, die später mit einfachen Mitteln zu Bombern umgerüstet werden können. Diese modernen Flugzeuge werden der “Lufthansa” zur Verfügung gestellt, die darauf ihre – zunächst noch zivilen – Piloten schult. Und noch eine zweite Aufgabe fällt der “Lufthansa” in Hitlers Eroberungsplänen zu. Sie soll im Falle des Kriegs hinter den Linien die Wartung und Reparatur der Flugzeuge übernehmen. Dafür werden in den besiegten und besetzten Gebieten in Osteuropa auch einheimische Arbeitskräfte rekrutiert – und in zunehmendem Maße Zwangsarbeiter eingesetzt.

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Fernsehtipp: Hauptsache billig

Morgen Abend, am Dienstag, den 17.8. um 22:35 Uhr (mal wieder schön spät…) läuft auf N3 in der NDR-Reihe „45 Minuten“ eine, wie ich hoffe, erhellende und interessante Dokumentation über den Billigwahn und die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft: „Hauptsache billig“:

Zucchini für 19 Cent das Stück, ein Damen-Jogginganzug für zwölf Euro, Badelatschen für einen Euro, der Billig-Laptop, man muss nur Schlange stehen! Wie kommen diese Preise zustande?

Ein Grund für diese Dumping-Angebote ist sicher die miserable Bezahlung der Beschäftigten bei der Herstellung. Bei einem Textildiscounter verdient man als ungelernter Neuling zwischen 3,80 und fünf Euro die Stunde brutto. Aber das ist nicht alles.

Wir machen uns auf den Weg zu den Produktionsorten der Billig-Angebote. In China werden die PCs für Löhne zwischen 80 und 100 Dollar im Monat hergestellt, in Bangladesch, wo fast alle europäischen Verkäufer ihre Kleiderwaren nähen lassen, werden noch geringere Löhne gezahlt, und in Almeria, Spanien, bauen marokkanische und lateinamerikanische Frauen für ein paar Cent unter Plastikplanen Gemüse an, das in Deutschland supergünstig zu haben ist.

Autor Mirko Tomic war mit einem Filmteam dort und hat sich die Arbeitsbedingungen angesehen, genauso wie Vertreter von Hilfsorganisationen und Gewerkschafter, die gegen die Gier nach dem Profit auf dem Rücken anderer kämpfen. Bisher vergeblich. Die kleinen Preise gewinnen am Ende immer. Auch, weil Verbraucher die Augen vor diesem Umstand fest verschließen, wenn der Preis für die Ware stimmt.

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Zehn Rappen – Die Protestaktion geht in die zweite Woche

Letzte Woche stellte ich Euch in „Die wahren Fashion-Victims“ die Schweizer Initiative Zehn Rappen vor (HIER), die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Konzerne der Modeindustrie zur Bezahlugn existenzsichernder Löhne in den (in der Regel armen) Produktionsländern zu gewährleisten. Als erste Firma hat Calida geantwortet und eine wohlformulierte PR-Mail verschickt, auf die Zehn Rappen eine passende Stellungnahme verfasst hat (die man sich HIER als pdf herunterladen kann).

In der zweiten Woche geht es nun um die Firmen S.Oliver, Esprit, Orsay und Street One, an die jeder sein personalisiertes Protestvideo schicken kann (und sollte!), um auch diesen Unternehmen zu zeigen, dass sie nicht unbemerkt mit ihrem Treiben sind. Also bitte alle mitmachen!

Hier noch einmal das Infovideo der Initiative:

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Die wahren Fashion Victims

„Fashion victim“, so nennt man in unseren wohlgenährten Gegenden Menschen, die sklavisch jeden Trend mitmachen und immer nach der aktuellsten Mode gekleidet sind, egal, ob diese zu ihnen passt oder nicht. Solche Modeopfer sind also abhängig von dem, was einem Designer und Label so alles vorsetzen – ein wahres Luxusproblem.

Die tatsächlichen Opfer der Modeindustrie sind natürlich andere – nämlich diejenigen, die in den Billiglohnländern unter teils menschenunwürdigen Bedingungen für möglichst geringe Kosten (zur Wahrung der erklecklichen Gewinnspanne der Modekonzerne) all das zusammen nähen, was wir am Leibe tragen und oft nach kurzer Zeit, nach dem Ende einer Modeperiode, wieder entsorgen. Die schweizerische Erklärung von Bern, die sich schon lange gegen die Ausbeutung in den Entwicklungsländern engagiert, hat nun ein neues Projekt gestartet – „10 Rappen für ein würdiges Leben“. Sie soll die Modefirmen, von denen die allermeisten sich nicht um existenzsichernde Löhne kümmern, dafür aber um ein schillerndes Image und hohle Reklamespots, zum Umdenken animieren. 10 Wochen lang wird jede wird ein anderer Teil der Konzerne aufs Korn genommen – in der ersten Woche sind es Dessous- und Bademodenproduzenten wie Calida oder Triumph. Wer also diesen Unternehmen Druck machen will, geht am besten auf die Kampagnenwebsite www.zehnrappen.ch und unterschreibt dort (online) seinen Protest. (10 Rappen entsprechen übrigens gerade einmal 7–8 Eurocent!)

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Theo „Aldi“ Albrecht ✝

Letzte Woche starb mit Theo Albrecht einer der reichsten Männer der Republik und Mitbegründer der Discounterkette Aldi. Statt der Nachrufe, wie man sie in vielen Medien und auch manchen Internetforen ertragen musste und in denen das Hohelied auf den „ehrbaren Kaufmann“ gesungen wurde, der zusammen mit seinem Bruder mit „bewundernswertem Fleiß“ und „Sparsamkeit“ sein Billigimperium aufgebaut hat, sollte man sich lieber einen der nachfolgenden Artikel durchlesen:

Theos Aldi“ (Ware Lüge):

[…] Allein die marktbeherrschende Stellung des Aldi-Konzerns konnte bisher wirkungsvoll verhindern, dass über Aldi genauso berichtet wurde wie über Lidl.
Zu den typischen Aldi-Praktiken gegenüber den eigenen Mitarbeitern gehören:
– Mobbing gegenüber Gewerkschaftern
– konzerneigene Betriebräte (wenn überhaupt)
– „freiwilliger Verzicht“ auf Bezahlung von Überstunden
– ebenso „freiwillig“ haben Aldi-Mitarbeiter auf Krankschreibungen, Mutterschaftsurlaub oder auch reguläre Frei-Tage zu verzichten […]

Aldi – System der Angst“ (Spiegel, Oktober 2009):

[…] Ver.di dagegen registriert eine steigende Nachfrage nach gewerkschaftlichem Rechtsschutz bei Arbeitsprozessen gegen Aldi. Und Autor Hamann berichtet, dass in großen Städten wie Berlin, Köln oder Hamburg “nahezu täglich” Prozesse geführt würden, an denen Aldi beteiligt sei. In Internetforen tauschen sich Beschäftigte über die schlechten Arbeitsbedingungen aus, viele der Betroffenen treffen sich regelmäßig, um sich über Vorkommnisse zu informieren. […]

Aldi brutal“ (Handelsblatt, 2008)

Aldi – gut oder nur billig?“ (ARD Monitor 2010)

Aldi-Aktionsware: Arbeits- und Frauenrechte bleiben auf der Strecke“ (Südwind Institut 2009)

Discounter und Billiglinien: ist Geiz wirklich geil?“ (PolitiKritik)

Und natürlich die vielen Artikel zu dem Themenkreis hier in meinem Blog, also z.B. „Lidl/Aldi/Discounter – Profite auf Kosten der Allgemeinheit, oder: Die Spirale abwärts. Teil 1“ und „Teil 2“, oder „Aldi, Mutter aller Discounter“.


Da es auch irgendwie zum Themoa Discount passt, möchte ich noch darauf hinweisen, dass heute um 21:45 Uhr in der ARD die NDR-Doku „Die KiK-Story – die miesen Methoden Des Textildiscounters“ läuft sowie anschließend um 22:35 Uhr auf N3 im Rahmen der Sendung Panorama – die Reporter ein Bericht über die aktuellen Entwicklungen dieses Falls. Denn KiK hatte nach der Erstaustrahlung im April eine einstweilige Verfügung erwirkt, nachdem der NDR seine Recherchen zunächst nicht mehr öffentlich machen durfte.

Nun jedoch darf der Sender nach erfolgtem Gerichtsbeschluss vier Arbeiterinnen aus Bangladesch weiterhin als “KiK-Näherinnen” bezeichnen. Diese Näherinnen spielen in der Reportage eine zentrale Rolle für die Beweisführung. Entscheidend für die Gerichtsentscheidung im Mai waren offenbar eidesstattliche Versicherungen von KiK-Mitarbeiterinnen aus Deutschland, wonach die Näherinnen angeblich nicht mehr für KiK arbeiteten. Diese Aussagen beruhten damals jedoch, so heißt es in einer NDR-Meldung, “I’m Wesentlichen auf Hörensagen”. Diesen KiK-“Etappensieg” habe der NDR zum Anlass genommen, weiter gegen den Textildiscounter zu recherchieren, was letztlich zu einer Umkehr der Gerichtsentscheidung geführt habe. Dem verantwortlichen Reporter Christoph Lütgert gelang es unter anderem sogar, die Näherinnen an ihrem Arbeitsplatz, einer Fertigungshalle in Dhaka, zu filmen. Dort wurden auch zahlreiche Produkte mit KiK-Label im Bild festgehalten. Das Landgericht nahm daraufhin das Ausstrahlungsverbot per Urteil zurück. (tvwunschliste)

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Surftipp: Thank You Third World!

Kritik an den herrschenden Zuständen, an unserem Wirtschaftssystem, bei dem am Ende nur eine kleine Anzahl von Menschen (primär in den westlichen Industriestaaten) auf dem Rücken der restlichen Welt lebt, konsumiert und Rohstoffe verprasst, kann man in vielerlei Hinsicht äußern. Sachlich, auf Argumenten und konkreten Fakten aufbauend, emotional und angriffslustig, polemisierend wie dozierend. Oder auch mit einem gewissen Humor, der im Falle von Thank You Third World manchen zunächst zynisch vorkommen mag. Doch was die Macher dieses Projekts auf ihrer Plattform und in ihren Infovideos bieten, ist letztlich eine besonders scharfe Abrechnung mit der westlichen Herangehensweise an die Verteilung von Ressourcen und Reichtum – indem Thank You Third World die Ignoranz angreift, die vielerorts darüber herrscht, wie Produkte entstehen, die man für wenig Geld im nächsten Geschäft kaufen kann und nach kurzer Benutzung wegschmeißt, um sie durch das Nachfolgemodell zu ersetzen (die Wirtschaft muss schließlich wachsen!). Als letztes Jahr einige Promo-Videos dazu gedreht wurden, in denen sich gutsituierte Leute dafür bedankten, dass andere Menschen in den Entwicklungsländern für sie schuften und für Nachschub an konsumierbaren Dingen sorgen, erregte dies einiges Aufsehen, da die Clips von vielen tatsächlich für bare Münze genommen wurden. Kein Wunder, denn wie man an nachfolgendem Video einer vermeintlichen Fernsehkochshow sehen kann, sind diese Spots hervorragend gemacht und offenbaren ihre doppelbödige Botschaft erst bei genauerem Hinsehen.

Auf der Website www.thank-you-third-world.com dürfen Benutzer ein Bild ihres Lieblingsprodukts hochladen und sich dann bei der Dritten Welt dafür bedanken – eine durchaus bissige und provokante Art und Weise, auf diese Missstände hinzuweisen. Aber sicherlich regt es den einen oder anderen ja zum Nachdenken an, was so alles in seinem Lieblingsgadget steckt, das er eigentlich für selbstverständlich hält.

Ohne euch, dritte Welt, könnten wir nicht täglich Fleisch essen, den großen, schicken Wagen fahren und unsere Kinder mit billigem Plastikspielzeug beschenken, das man auch ohne Gewissensbisse mal wegwerfen kann!

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Lesetipps: Arme Discounterkunden / Durchbruch für Stevia / Versuchskaninchenstall Dritte Welt

Es wird mal wieder Zeit, dass ich das Thema Discounter hier im Blog auf die Tagesordnung setze – und der Artikel „Arme Discounterkunden – Kasse dank Masse“ in der taz gibt mir eine gute Gelegenheit dazu. Waltraud Schwab beschreibt in seinem Text, wie der Billigwahn und das Geschäftsgebaren der Discounter sich die eigene Kundschaft erzeugt, denn natrülich sind vor allem viele Menschen mit geringem Einkommen auf diese Läden heutzutage angewiesen. Dass trotzdem ein großer Teil der Discountkunden in die Schicht der Normal- bis Besserverdiener gehört, ist natürlich auch leider trauriger Fakt und zeigt, dass die Ausrichtung des eigenen Handels an vermeintlichen persönlichen Vorteilen (egal, welche Nachteil dies für den Rest der Gesellschaft bringt), weit verbreitet ist…

[…] Ein Gewinner der Kürzungen im Sozialbereich steht fest: Es sind die Lebensmitteldiscounter. Je weniger Geld die Leute zur Verfügung haben und je mehr Menschen Angst haben, abzusteigen, desto sicherer kaufen sie bei Lidl, Aldi und Co. Einer Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung GfK zufolge kauft die Hälfte der Haushalte in Deutschland schon 65 Prozent ihres Bedarfs bei Discountern. Mit ihrem Geld alimentieren sie jene Unternehmen, die durch aggressive Geschäftspolitik ihren Angestellten, ihren Zulieferern und ihren Mitkonkurrenten gegenüber umgekehrt wieder Armut schaffen. Und die Politik spielt mit. […]

Damit gibt es für Menschen, die von Transferleistungen abhängig sind, eine doppelte Bindung an die Discounter. Die Ausgangssummen haben Discounterniveau. Weil davon noch etwas abgezogen wird, bleibt erst recht nur der billigste Anbieter. Und es gibt deshalb eine Komplizenschaft zwischen der Politik und den Unternehmen der reichsten Deutschen. Die Aldi-Brüder blicken auf einen jährlichen Umsatz von etwa 27 Milliarden Euro, Dieter Schwarz von der Lidl-Gruppe kommt auf 13,3 Milliarden Euro.

Die Lebensmittelbranche in Deutschland ist gekennzeichnet durch einen aggressiven, von den Discountern angetriebenen Preiskampf. Auf der Strecke geblieben sind die kleinen Lebensmittelläden, die auch eine soziale Funktion hatten. Forschungen über den Verbleib derer, die ihre Läden aufgeben mussten, liegen nicht vor. Die Verödung der Dörfer allerdings hat mittlerweile solche Ausmaße angenommen, dass mit öffentlichen Geldern die Reetablierung von Tante-Emma-Läden gefördert wird. […]

Apropos Ernährung – vor längerer Zeit berichtete ich in „Werbung gegen Realität, Teil 10: Zucker vs. Stevia“ über eine günstige und vor allem für die Gesundheit vermutlich deutlich weniger schädliche Alternative zum (Industrie-)Zucker, nämlich Stevia. Damals stellte sich die EU noch quer, was den Vertrieb von mit Stevia gesüßten Produkten angeht, obwohl man solche beispielsweise in der Schweiz oder auch den USA bereits kaufen konnte. Zum Vorteil für die Zuckerindustrie, zum Nachteil der Verbraucher. Jetzt ist Bewegung in die ganze Angelegenheit gekommen – Red Globe schreibt in „Durchbruch für Stevia?“, nachdem Frankreich als erstes EU-Land Stevia zugelassen hat. Dass ausgerechnet Danone (bekannt für ihre Industrienahrung und solche Betrügereien wie Actimel) das erste produkt auf den Markt bringt, ist ein weniger schöner Effekt…

Der französische Lebensmittelkonzern Danone will als erster europäischer Konzern den natürlichen Süßstoff Stevia für seine Produktpalette einführen. Im Juni komme in Frankreich ein neuer Fruchtjoghurt aus der Produktreihe »Taillefine« auf den Markt, der mit Stevia gesüßt werden solle, teilte das Unternehmen am Dienstag mit. Während in Deutschland das Süßkraut noch immer als Lebensmittel verboten und nur als Badezusatz (!) erlaubt ist, hatte Frankreich im Dezember als erstes EU-Land die Verwendung von Stevia erlaubt. Das nahezu kalorienfreie Kraut aus Südamerika ist rund dreihundertmal süßer als Zucker, weshalb zur Süßung von Backwaren und Süßspeisen oft nur ein halber Teelöffel des zum Beispiel als Pulver oder in Tropfenform angebotenen Stevia benötigt wird. Ausserdem beeinflusst es nicht den Blutzuckerspiegel und ist somit auch für Diabetiker geeignet.

Trotzdem kapituliert Danone vor der mächtigen Zuckerlobby. Weil Stevia angeblich einen »Nachgeschmack von Lakritze« habe, werde dem neuen Fruchtjoghurt weiterhin 2,5 Prozent Rohrzucker beigegeben, kündigte Danone die Verbrauchertäuschung an. […]

Wenn es darum geht, noch nicht erprobte Produkte voranzubringen und möglichst schnell auf den Endverbraucher loszulassen, ist die Pharmaindustrie traditionell ganz vorne mit dabei. Nicht immer mir besonders moralischen Methoden – Neues Deutschland zeigt in „Versuchskaninchenstall ‚Dritte Welt‘“, wie Pharmafirmen billig und ohne großartige Kontrolle in den ärmsten Regionen der Welt testen. Großartig verwundern dürfte einen dieses Gebaren nicht mehr, denn wenn es um die Sicherung von Profiten geht, darf man halt nicht zu kleinlich sein…

[…] Weltweit führt die Pharmalobby nach SOMO-Schätzungen pro Jahr ca. 60 000 Erprobungen durch. Vor der eigenen Haustür finden sich dafür kaum genug KandidatInnen. In den armen Staaten stehen ihnen ausreichend ProbandInnen zur Verfügung – noch dazu pflegeleichte. Sie sagen öfter zu und verabschieden sich auch nicht so häufig wieder aus den Kliniken wie ihre KollegInnen aus dem Westen. »Die Chinesen sind nicht so emanzipiert wie die US-Bürger. Sie zeigen sich eher bereit, Versuchskaninchen zu spielen«, heißt es in einer Studie der Beratungsfirma Centerwatch. […]

[…] Und all das hat Folgen: Immer wieder kommt es zu Zwischenfällen. So starben etwa bei den 42 Tests, welche die Kinderabteilung des »All India Institute of Medical Sciences« für diverse Firmen von 2006 bis 2008 durchführte, insgesamt 49 junge ProbandInnen. Trotzdem bekannte der Bayer-Konzern, der an dieser Testreihe nicht beteiligt war, sich auf der letzten Hauptversammlung weiter zur umstrittenen Praxis. Von der Coordination gegen Bayer-Gefahren zur Rede gestellt, antwortete Vorstand Werner Wenning nur knapp, das Unternehmen würde sich streng an regulatorische Auflagen halten. Und von Risiken und Nebenwirkungen der Tests will er ebenfalls nichts gewusst haben. […]

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Roiboos-Raub: Nestlé betreibt Biopiraterie

Es ist schon eine Weile her, dass Nestlé negativ von sich reden machte… bestimmt schon mehrere Wochen lang – seit dem Skandal um das Palmöl, das der Großkonzern für seine Schokoriegel einsetzt und damit den Lebensraum von z.B. Orang Utans zerstören lässt –  hat man gar nichts von dem Schweizer Schandunternehmen gehört. Der Verein Erklärung von Bern bleibt der Schweizer Krake aber glücklicherweise auf der Spur und hat nun eine weitere Ungeheuerlichkeit aufgespürt – Nestlé ist nämlich nicht nur im umstrittenen Bereich des Genfoods unterwegs, sondern mischt (natürlich, möchte man fast hinzufügen) auch bei der Biopiraterie mit. Passend zur WM geht es um den allseits beliebten Roiboos (Rotbusch). Hier die dazugehörige Pressemitteilung:

Zürich/ Kapstadt, 28.05.2010  – Nachforschungen der Erklärung von Bern und Natural Justice zeigen, dass Nestlé kürzlich fünf Patente auf die Verwendung von Rooibos und Honeybush angemeldet hat, die südafrikanisches Recht wie auch die Biodiversitätskonvention (CBD) verletzen. Dieser Fall von Biopiraterie in Südafrika beweist einmal mehr, dass Grossunternehmen ihre Verpflichtung, erst eine Zustimmung einzuholen und dann die Herkunftsländer an den Erträgen ihrer genetischen Ressourcen zu beteiligen, immer noch sträflich vernachlässigen – trotz klarer Vorgaben der CBD.

Für saubere Kosmetik macht Nestlé dreckige Geschäfte: Vier der fünf kritisierten Patente betreffen nämlich die Anwendung von Rooibos und Honeybush zur Behandlung bestimmter Haut- und Haarkrankheiten. Das andere Patent beansprucht die Verwendung von Rooibos zur Verhütung von Entzündungen. Die Ansprüche sind sehr umfassend und betreffen eine breite Produktepalette, die von Cappuccino über Salatsauce und Zahnpasta bis zu Lippenstift reicht. Antragssteller ist die Nestec AG, eine Nestlé-Tochter . Sowohl Rooibos wie auch Honeybush kommen endemisch in der westlichen und östlichen Kapprovinz in Südafrika vor. Beide Arten werden seit dort seit jeher als Medizinalpflanzen verwendet.

Gemäss dem südafrikanischen Gesetz zur Biodiversität (das die CBD in nationales Recht umsetzt) benötigt ein Unternehmen eine Regierungsbewilligung , um genetische Ressourcen aus Südafrika zu erforschen, falls eine Kommerzialisierung oder Patentierung beabsichtigt ist. Diese wird nur erteilt, falls zuvor ein Abkommen über die Aufteilung daraus entstehender Gewinne ausgehandelt wurde. Laut dem südafrikanischen Umweltministerium hat Nestlé eine solche Bewilligung aber weder beantragt noch erhalten. Die Patentanmeldungen von Nestlé stehen daher in krassem Widerspruch zum südafrikanischen Gesetz und zur CBD.

Nestlé beabsichtigt mit diesen Forschungen sein Kosmetikgeschäft zu erweitern. Der Nahrungsmittelkonzern hält über 30 Prozent an L’Oréal und 50% an Innéov, einem Joint-Venture mit L’Oréal. Innéov wird vermutlich die Produkte vertreiben, welche auf den fraglichen Patenten basieren. François Meienberg von der Erklärung von Bern betont: „Nestlé baut sein Kosmetikgeschäft auf illegal erworbenem genetischem Material auf und beraubt damit Südafrika seines rechtsmässigen Anspruchs auf Aufteilung der Gewinne. Das Patentsystem muss solchen Praktiken einen Riegel schieben und die Regierungen dürfen solches Verhalten nicht länger tolerieren.“

Seit Jahren verhandeln die CBD-Unterzeichnerstaaten ein neues Protokoll, um die Einhaltung der Regeln über den Zugang zu genetischen Ressourcen und die Aufteilung der Gewinne endlich zu gewährleisten. Kabir Bavikatte von Natural Justice meint: „Nur ein strenges Protokoll kann die Entwicklungsländer vor der widerrechtlichen Ausbeutung durch Unternehmen schützen. Der Nestlé-Fall unterstreicht die Dringlichkeit dieses Anliegens.“

Mehr Informationen (inkl. Report „Dirty Business for Clean Skin“) auf www.evb.ch/roiboos

Dazu gibt es auch ein englischsprachiges pdf mit weiteren Hintergründen: „Dirty business for clean skin: Nestlé’s roiboos robbery in South Africa

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Economic Hit Men

Wer den Film „Let’s make money“ gesehen hat, der wird sich vielleicht noch an eine Szene mit John Perkins erinnern, einem sog. economic hit man, also einem von Regierung oder anderen Stellen ausgesandten Agenten, der die Wirtschaft eines Landes destablisieren soll, um sie zu schwächen und reif für eine Übernahme durch multinationale Konzerne zu machen. In einem aktuellen kleinen Beitrag wird das Prinzip noch einmal konzentriert und pointiert dargestellt – es kann einem schon etwas blümerant werden, wenn man so etwas sieht… (Gefunden via Adbusters)

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Lesetipps: „Stumme Werbetafeln – Botschaft des totalen Versagens“ / Adidas verstößt gegen eigene Standards / „Alles gut eingeölt!“

Auch die Süddeutsche Zeitung widmete sich neulich mal den Thema Außenwerbung/Reklamewände – eine Thematik, die ich hier im Blog bereits einige Male angesprochen habe und die vor allem in den USA für rege Diskussionen sorgt und dort auch aktiven Widerstand hervorruft. Denn der Wildwuchs durch Reklameflächen, das Überhandnehmen von Werbebotschaften in den Stadtbildern der Vereinigten Staaten und auch an Schnellstraßen (wobei die Gefährdung der Verkehrsteilnehmer durch die Werbetreibenden billigend in Kauf genommen wird) hat dort erschreckende Ausmaße angenommen – und konnte erst einmal nur durch die Wirtschaftskrise gebremst werden. „Stumme Werbetafeln – Botschaft des totalen Versagens“ titelt die SZ und wirft die berechtigte Frage auf:

[…] ob die Menschen nicht das Recht auf einen freien Blick haben, wenn sie auf einem Highway unterwegs sind, den sie ja letztlich mit ihren Steuern bezahlt haben? Sind Werbetafeln nicht letztlich eine Form der Umweltverschmutzung, die man verbieten sollte, wie man es im Bundesstaat Vermont schon vor 42 Jahren getan hat?

Im Lichte der gegenwärtigen Wirtschaftskrise kann man sie allerdings auch als Metaphern für einen Aufruf verstehen, eben kein Geld mehr auszugeben. Das wäre ein radikaler Bruch mit den Grundlagen der amerikanischen Gesellschaft. In den USA betragen die Verbraucherausgaben 70 Prozent des Bruttosozialprodukts. Auch wenn das Gesundheitswesen einen großen Teil dieses Werts ausmachen, so zeigt das, dass die Wirtschaft nicht nur stagnieren würde, wenn die Bürger aufhören würden, Unmengen zu konsumieren. […]

Einige schöne Bilder angenehm leerer, dem Geist wieder Raum gebender Plakatwände in Brooklyn begleiten den Artikel.

Zwei weitere interessante Artikel, die mir in den letzten Tagen aufgefallen sind und die gut in meinen Blog passen, stammen aus der taz. Die beschäftigt sich in einer 12seitigen Sonderbeilage mit dem lieben Öl: „Alle gut eingeölt! Die tägliche Ölkatastrophe ist unsere Abhängigkeit von diesem Stoff. Können wir davon lassen?“:

[…] Dabei ging es uns nicht darum, das offensichtliche Versagen der Verantwortlichen zu beschreiben und zu kritisieren. Das haben wir getan und werden es weiter tun. Doch allein mit dem Finger auf andere zu zeigen, reicht nicht. Die Ölpest im Golf von Mexiko ist nur ein weiterer Kollateralschaden, den unsere vom Öl abhängige Wirtschaft in Kauf nimmt. […]

[…] Wir sind als Konsumenten Teil dieses Wirtschaftssystems. Wir hängen am Öl, egal ob wir mit dem Auto, dem Bus oder – geschützt von Mikrofasern und Plastikhelm – Fahrrad fahren. Und damit das weitergehen kann, muss das Öl aus immer tieferen Schichten herausgeholt werden – mit entsprechendem Risiko. So gesehen ist dieses Loch im Golf auch unser Loch, und wir sind nicht nur Opfer, sondern Teil einer jeden Ölpest.

Geht es auch anders? Es wird gehen müssen, denn schon jetzt ist Öl, global gerechnet, zu knapp und teuer, um weiterhin diese zentrale Rolle spielen zu können. […]

Im zweiten taz-Text, den ich hier empfehlen möchte, geht es, passend zur WM, um Adidas und die jüngst bekannt gewordenen Vorfälle hinsichtlich der Arbeitsbedingungen bei Zulieferern des Konzerns – „Adidas verstößt gegen eigene Standards“. Letztlich zeigt der Beitrag, dass Firmen, selbst wenn sie sich durchaus (in kleinem Rahmen) um fairere Verhältnisse bemühen, doch im Zuge dieser profitmaximierenden Globalisierung mitsamt ihrem immensen Kostendruck auf dem Rücken der Menschen prosperieren können. Wer seine ganzen Arbeitsplätze dorthin auslagert, wo man besonders billig und ohne störende Sozialstandardsproduzieren kann, hat bereits damit die Tür aufgestoßen zu solchen Bedingungen, wie sie in dem Artikel beschrieben werden.

Wie fair produziert der WM-Ausrüster Adidas? ArbeiterInnen eines Zulieferers in Südchina sagen, sie leisteten viel mehr Überstunden als der Konzern eigentlich zulassen möchte. […]

Zusätzlich zum Mindestlohn würden die ArbeiterInnen Akkordzuschläge und Überstundenbezahlung erhalten. „Die Mindestbedarfe der Beschäftigten in China sind durch den Lohn abgedeckt“, sagte Frank Henke, oberster adidas-Manager für soziale und ökologische Fragen. Mehr Lohn könne man den ArbeiterInnen in den Zulieferfirmen nicht zahlen, weil adidas seinen „Aktionären gegenüber verpflichtet“ sei, „eine Wertschöpfung zu erzielen“. […]

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