Jan
29
2009

Werbung gegen Realität, Teil 10: Zucker (vs. Stevia) und die Zucker-Mafia

zuckerWer kennt sie nicht, die immer mal wieder geschalteten großflächig angelegten Imagekampagnen der Zuckerindustrie, die uns suggerieren, dass Zucker ein ganz natürliches und folglich also gesundes „Lebensmittel“ sei. Okay, zum Schutz der Zähne sollte man vielleicht nicht allzuviel davon essen bzw. sich ausreichend oft die Zähne putzen, aber im Prinzip spricht ja wohl nichts gegen diese süße Versuchung, oder? Schön wär’s. Wie so oft bei derart aufgeblasenem PR-Gedöns wird hier versucht, mit viel Einsatz von Geld und medialer Aufmerksamkeit ein schädliches Produkt in einem besserem Licht dastehen zu lassen als es das verdient.

Das ist eigentlich nichts Neues. Tatsächlich berichtete DIE ZEIT bereits 1991 in „Die Zucker-Mafia“ von den unerfreulichen Methoden, mit denen uns Industriezucker ins Essen gemischt wird:

Überflüssig und ungesund: weil es keinen guten Grund gibt, ihre Produkte zu konsumieren, drückt die Zuckerindustrie ihre Erzeugnisse mit vielen Tricks in den Markt. Die süße Droge versteckt sich in ungezählten Lebensmitteln: Fischkonserven und Senf, Milchgetränken, Tütensuppen und Tomatenketchup.

(…) Glaubt man aber der Süß-Werbung, dann ist Zucker pure Natur. „Zucker ist Sonne zum Essen”, preist eine Werbebroschüre. Doch zwischen Sonne und Essen muß viel Arbeit, Chemie, Energie und Geld aufgewandt werden, um zu dem chemisch reinen süßen Kristall zu kommen, das wir in solchen Massen konsumieren.

(…) Zucker ist selbst in Massen billig, deshalb dient er nicht nur zum Süßen. Wenn der Göttinger Ernährungspsychologe Volker Pudel den Herstellern von Mischmilch zum Beispiel empfiehlt, etwas weniger Zucker in ihre Produkte zu tun, erfährt er mitunter Verblüffendes: „Ich höre dann immer von den Herren, daß der Zucker, wie sie sich ausdrücken, der Körper ist, also eine gewisse Masse bringt.” So wird schon mal das Volumen des Milch-Mischgetränks mit der Füllmasse Zucker vergrößert, weil man, so Pudel, „sonst was anderes reintun müßte, was möglicherweise teurer wäre”.

Wer weiß schon, daß Tomatenketchup zu fast einem Drittel aus Zucker bestehen kann: zehn Würfel in hundert Gramm, fünfzig in einer Flasche? Zucker findet sich in Tütensuppen, aber auch in dem Stoff, der unseren Speisen eigentlich die Schärfe geben soll: im Senf. Wer Zucker vermeiden will, müßte auf Fischkonserven verzichten. Und auch die sauren Gurken sind süßer, als ihr Name glauben macht.

Auf oe24.at fand sich unlängst die (ebenfalls nicht so neue) Erkenntnis: „Droge Zucker: Süßigkeiten können süchtig machen“.

Beim Konsum von Süßem wird in der Region des Nucleus Accumbens der Botenstoff Dopamin freigesetzt. Er gilt als chemisches Signal, das erst Motivation und im Laufe der Zeit Sucht auslöst. Ähnliche Veränderungen hatten die Forscher zuvor bei Ratten beobachtet, die nach Kokain oder Heroin süchtig waren.

Forschungsleiter Bart Hoebel sieht hier eine mögliche Erklärung für diverse Esssüchte. Was auch erklärt, warum der Kampf gegen Übergewicht so oft verloren wird.

In Großbritannien ist die Werbung für zucker- und fettreiche Produkte im Kinderfernsehen seit letztem Jahr verboten, was man sicherlich als kleinen Sieg gegen die Zucker-Mafia werten kann. Ob so etwas viel hilft, ist eine andere Frage, zumal wenn die Eltern sich selbst nur von Cola, Chips und Fertiggerichten ernähren, aber es ist immerhin ein Signal.

Nach einer Entscheidung eines Hamburger Gerichts darf Zucker seit 1992 offiziell sogar als Schadstoff bezeichnet werden… Um so erstaunlicher, dass Unternehmen nach wie vor ihre bis zur Halskrause gesüßten Produkte (man denke da nur an das Nestlé-Zeugs, Fruchtzwerge oder zuckrige „Frühstückscerealien“) als vermeintlich „gesund“ anpreisen dürfen.

Vor allem, da es seit einer Weile auch gesündere Alternativen gibt. Nein, natürlich nicht die industriell gefertigten Süßstoffe, die z.B. aus einer Cola light einen Giftcocktail machen. Sondern Stevia, eine Pflanze aus Paraguay, die auch Süß- oder Honigkraut genannt wird, deutlich körperverträglichere Eigenschaften besitzt und in vielen Ländern der Welt schon verwendet wird – nur in der EU nicht. Über diesen verbraucherfeindlichen und industriefreundlichen Fakt berichtete vorgestern auch die ARD-Sendung Plusminus:

Heute kann man bereits in vielen Ländern Stevia-Produkte kaufen, nur in der Europäischen Union nicht. Kein Stevia-Kraut, kein Pulver und keine flüssigen Auszüge dürfen als Lebensmittel auf den europäischen Markt gelangen – trotz nachgewiesener hervorragender Eigenschaften. Dr. Michael Bolz vom Klinikum Südstadt Rostock: „Diese süßmachenden Substanzen haben den Vorteil, dass sie keine Kalorien haben, dass sie den Blutzucker nicht erhöhen, möglicherweise auch blutdrucksenkend wirken.“ In anderen Ländern wurde das schon längst erkannt. In Japan, Australien, den USA oder der Schweiz stehen Stevia-Produkte in den Supermärkten im Regal.

Die Lobby der Zuckerindustrie verhindert die Zulassung durch die EU. Professor Jan Geuns von der Katholischen Universität in Leuven (Belgien) hat schon zig Anträge auf Zulassung von Stevia gestellt. Alle wurden abgelehnt. „Ich spreche das Wort Korruption nicht aus, aber vielleicht ist es so“, so der Professor, der die Süßpflanze erforscht.

Für die Zulassung dieser offensichtlich sehr sinnvollen Pflanze setzt sich derzeit auch das Projekt FreeStevia ein.

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13 Kommentare »

  • Vielen Dank für den Blog und diesen Artikel.
    Ich habe schon Stevia angepflanzt und es ist zudem auch noch eine sehr pflegeleichte Pflanze die nicht sehr viel Aufmerksamkeit bedarf. Sehr ergiebig ist diese Pflanze durch ihr schnelles Wachstum.
    Auch mag ich hier gerade noch bemerken das die Stevia sogar heilende Eigenschaften hat und u.a. eine heilende Wirkung auf die Zähne hat.

    Für jede Krankheit ist ein Kraut gewachsen, was jedem immer mehr bewusst gemacht werden muss, für jede Krankheit.

    Sehr schön passt auch dieser Artikel über einem Heidelberger Professor der sich mit Grünen Tee vom Krebs geheilt hat:
    http://info.kopp-verlag.de/news/gruener-tee-gegen-krebs-und-andere-lebensbedrohliche-krankheiten.html

    Schönen Tag noch
    Ich gehe in die Natur und mache Himmelsfotos beim Kräutersammeln

    Comment | 29. Januar 2009
  • m.ro

    Ja, Stevia ist wirklich sehr pflegeleicht und schmeckt irre süß.

    Zu Stevia gibt’s ne Masse an Material im Netz. Grad die EU-Regelung, die den Verkauf von Stevia-Produkten in Europa untersagt ist interessant mal anzuschauen.

    DIE ZEIT hatte am 13.11.2008 (Nr. 47) ein ganzes Dossier über Stevia gebracht: Das große Süßen.
    http://www.zeit.de/2008/47/DOS-Stevia

    Zum Zucker kann ich nur mal Dr. Bruker empfehlen. Sein Buch “Zucker, Zucker” läßt einen wirklich nachdenklich werden. Historisch dürfte das Urteil genannte werden, nach dem Zucker als SCHADSTOFF (!!) bezeichnet werden darf.
    http://www.scroogle.org/cgi-bin/nbbw.cgi?Gw=bruker+zucker&n=1&l=de

    Comment | 29. Januar 2009
  • Toller Artikel ist das, vor allem der Abschnitt über das Stevia. Hab schon einiges im Fernsehen und Internet gesehn. Leider ist das meiner Meinung nach – wie bei so vielem – ein typischer Fall von Lobbyismus bis in höchste Regierungskreise. Dabei könnte man mit dem Anbau von Stevia in Ländern der Dritten Welt, für die Menschen sichere Einkommen schaffen und ihnen so einen bescheidenen Wohlstand bescheren. Aber es ist wohl so, dass man lieber mit der großen Gießkanne Milliardenbeträge über den jeweiligen korrupten Regierungen “abregnen” lässt, in der dämliche hoffnung, der ein oder andere Euro würde vielleicht bis ganz nach unten, zu den einfachen Menschen durchs sickern.

    Liebe Grüße sendet Thialfi

    Comment | 11. Februar 2009
  • Joaho

    Stevia ist mit Sicherheit 1000x weniger schädlich als Aspartam, und 100x weniger als die anderen Süßstoffe.

    Das heisst aber nicht, daß es gut ist! Das generelle Süßstoffproblem ist doch das:
    Wenn der Körper süsses schmeckt, schüttet er Insulin aus. Findet das Insulin keinen Zucker vor, weil es ja Süßstoff war, bekommt man davon einen Heisshunger.
    Die gesparten Zuckerkalorien werden dann durch das Nachfuttern weit übertroffen.

    Das ist bei allen Süßstoffen bestätigt und dürfte auch auf Stevia zutreffen.

    Deshalb ist meine Empfehlung, keinen, oder nur wenig, aber dann den bestmöglichen Zucker (Roh-Rohrzucker) zu verwenden.

    Tip für die Suchtopfer: stellen Sie Ihr Naschen auf Zartbitter-Schokolade (70% Kakao) um. Das befriedigt den Hunger auf Süsses vollkommen, aber man braucht nur ein, zwei Stücke, und nicht eine Tafel.

    Comment | 12. Februar 2009
  • Thialfi

    Das sagst Du so einfach Joaho, ich “fress” seit Jahren nur zartbitter Schockolade, weil ich einfach drauf steh. Trotzdem hab ich mittlerweile auch Diabetes II. So ist das nun mal. Da scheint mir Stevia doch ne gute Alternative zu sein ;)
    Gruß Thialfi

    Comment | 12. Februar 2009
  • “Zuckermafia” ist ja geil! Aber vielleicht ist was dran. Irgendwann dieses Jahr gab’s in Freiburg übrigens eine Polizeieinsatz gegen einen Typen, der Stevia im garten hatte, und die Jungs in Grün dachten, es wäre Hanf.

    Comment | 1. Dezember 2009
  • BAReFOOt

    Also für alle, die mal etwas auf die Fakten schauen wollen… also was nach der Disinformation übrigbleibt, wenn ein Chefarzt 30 Jahre lang und mit 30000 Patienten schaut was Zucker bewirkt, dem empfehle ich „Zucker, Zucker“ von Dr. Max Otto Bruker (oft abgekürzt M.O. Bruker).
    Fazit: Was wir schon immer dachten: Massive Mengen hochkonzentrierter purer Extrakte sind nicht grad das, für das unser Körper gemacht wurde. (Nee, wer hätte das gedacht? ^^) Und sie bringen unseren Körper *massivst* aus dem Gleichgewicht.
    Interessant war für mich vor allem, dass das dickmachen nicht der einzige hochrelevante Faktor ist. Der andere ist dass Zucker das Vitamin B verbraucht, das es eigentlich hätte mitliefern sollen. Und das brauchen wir für unsere Hirne.
    De-facto verblödet man beim Konsum unnatürlicher Mengen vorverdauter Kohlenhydratextrakte (=Zucker) also.

    Comment | 10. Juli 2010
  • BAReFOOt

    @Joaho: Ja, da hast du natürlich recht. Doch ich bin schlau und nutze den Effekt zum Abnehmen. Denn ich futter einfach Zeug, das großvolumig ist, lange zum verdauen braucht, und fast keine Energie enthält. Mein Magen signalisiert also „satt“, und so fühle ich mich auch. Da mein Körper aber geil auf massives Verbrennen ist, verheizt er einfach mein Fett. Etwas bewegung dazu. Mann, es ist einfach zu geil. Ich esse nicht wenig. Ich verzichte nicht auf viel. (Mein Eis oder sowas esse ich trotzdem im Sommer.) Und ich nehme ab. Ich sollte das als Kur anbieten. Es ist zu geil. *Jeder* kann so abnehmen. Weil das *Leid*, also der Schlüsselfaktor Psychologie, nicht aufkommt! Und DAS ist der Hauptgrund warum abnehmen so schwer ist. Die Leute wissen alle ganz ganz genau *wie* man gesund isst. Was sie nicht wissen, ist wie man das macht, ohne zu leiden.
    „Ernährungsberater“ und „Ärzte“ leben in der Hinsicht leider noch im finstersten Mittelalter. :/

    Comment | 10. Juli 2010
  • [...] Weil Zucker und seine Folgen für Mensch und Natur hier grad Dauerthema ist will ich an dieser Stelle nochmals auf eine schöne Zusammenfassung von Peter über die Zucker-Mafia verlinken: Zucker (vs. Stevia) und die Zucker-Mafia [...]

    Pingback | 11. November 2010
  • Kalk Schutz

    Kann Stevia in Tablettenform nur empfehlen… schmeckt wie echter Zucker…

    Comment | 26. Juli 2011
  • Immerhin ist mir aufgefallen, dass des öfteren auch in Sportnahrung verwendet. Damit wird endlich dieses schlechte Aspartam ersetzt. Hier gibt nun endlich paar Fortschritte.

    Comment | 17. August 2012
  • Ich hoffe, dass bald auch mal Stevia in Backwaren angeboten werden darf. Wie ich erfahren habe ist dies derzeit immernoch verboten. Da fragt man sich wer daran Interesse haben könnte…

    Comment | 17. August 2012
  • Danke für diesen informativen Beitrag. LG, Andrea

    Comment | 4. Februar 2013

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