Weniger Demokratie wagen

Heute mal ein kurzer Lesetipp, den ich eigentlich schon seit längerem an den Mann bringen sollte – Jan Pehrke schrieb im letzten November auf Telepolis „Weniger Demokratie wagen – von der Demokratie zur Postdemokratie“ über den Zustand unserer Demokratie und die gefährlichen Zerfallserscheinungen einer auf mediale Präsentation bauenden Staatsform:

(…) Der Wähler als Konsument

Die Politik ist in Zeiten der Postdemokratie ein Produkt und der Wähler ein Konsument, dessen Gunst errungen werden will. Dafür müssen sich die Kandidaten und ihre Partner mächtig ins Zeug legen. So zwangen Wahlkampf-Manager die arme Hillary Clinton einst an den heimischen Herd zum Kuchenbacken zurück, um mit der Hausfrauen-Rolle gegen ihr Intellektuellen-Image anzukämpfen. Besonders viel dramaturgischen Aufwand erfordern dabei die TV-Duelle, bei denen sich die Bewerber zumeist exakt an ihre Drehbücher halten und – zumindest bei CNN – eine Focus-Gruppe ihre Aussagen in Echtzeit bewertet. (…)

Unerbittlich straft die Öffentlichkeit Fehler ab. Auf Respekt können die Politiker in der Zuschauer-Demokratie nicht mehr zählen, wenn sie um sich und ihre Programme werben. Aber ein Machtzuwachs für den Konsumenten ist damit nur scheinbar verbunden, denn: “Auf Werbung kann man nicht antworten”, wie Colin Crouch in einem anderen Zusammenhang schreibt. Der Staatsbürger bleibt immer ein zur Passivität verurteilter Zuschauer. Je näher ihm die Politik zu kommen scheint, desto ferner rückt sie ihm in Wirklichkeit. (…)

Aber nicht nur die Parteien weisen zunehmend Demokratie-Defizite auf, auch das politische Handeln selbst wird autokratischer. So erfreut sich das Regieren per Dekret, also unter Ausschaltung des Parlaments, weltweit zunehmender Beliebtheit. Der “Sozialismus des 21 Jahrhunderts greift ebenso gerne darauf zurück wie George W. Bush, der seine Sicherheitsgesetze so am Kongress vorbeischmuggelte, oder Berlusconi. Wenn diesem die Demokratie mal zu lange dauert und deshalb ein “Parlament von Deprimierten” zu schaffen droht, macht er ihr mit Dekreten Dampf oder stellt einfach die Vertrauensfrage.

Zudem öffnet sich die Politik in erhöhtem Maße irgendwelchen Nebenregierungen. Die rot-grüne Koalition hatte es sich beispielsweise zur Gewohnheit gemacht, einen Gutteil des Tagesgeschäftes durch Outsourcing diversen Gremien zu übertragen. Sie rief unter anderem die Hartz-Kommission, die Föderalismus-Kommission, die Rürup-Kommission und den nationalen Ethikrat ins Leben. (…)

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Der gläserne Deutsche – wie wir Bürger ausgespäht werden

bildschirmfoto-2010-04-04-um-202155Fast ein Jahr ist es her, dass das ZDF die interessante Dokumentation „Der gläserne Deutsche – wie wir Bürger ausgespäht werden“ sendete. Daraus ist zweierlei zu folgern – ich bin ganz schön spät dran, diesen Film hier zu empfehlen :-), und vermutlich wird er bald aus der Mediathek des ZDF verschwinden ist inzwischen verschwunden. Zum Glück gibt es die Doku im Internet Archive auch als Download, entweder als WMV oder MPEG4.

Die Deutschen haben ein Recht darauf zu erfahren, “wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß”, urteilte das Bundesverfassungsgericht 1983. Ist das immer noch so? Mehr als ein Vierteljahrhundert später beschäftigt sich das ZDF mit der Frage: Haben wir unsere Daten tatsächlich noch im Griff?

Verbraucherschützer, Datenschützer, Politiker – immer wieder wird gewarnt: Passt auf eure Daten auf! Doch dass immer mehr persönliche Daten kursieren, diese verkauft, verloren und missbraucht werden, ist längst nicht immer nur auf fahrlässigen Umgang zurückzuführen. (…)

(…) Wie sehr Staat und Privatwirtschaft bereits gegen den Datenschutz miteinander kooperieren, wenn es um die “innere Sicherheit” geht, zeigt sich an einem besonderen Fall von zwei Berliner Wissenschaftlern. Andrej Holm und Matthias B. gerieten unter Terrorverdacht und damit unter monatelange Dauerüberwachung – jede Bewegung wurde protokolliert, Telefongespräche abgehört, Treffen mit Freunden belauscht. Dabei fanden die Ermittlungsbehörden tatkräftige Helfer unter Mitarbeitern der Deutschen Bahn, eines Reiseveranstalters und einer großen Bank, die bereitwillig sehr persönliche Informationen preisgaben. Einer der beiden Überwachten, Matthias B., erzählt zum ersten Mal seine Geschichte. Er will nicht erkannt werden, damit er nicht im Internet als “Verdächtigter” gespeichert wird. “Das Internet vergisst nichts”, erklärt er uns, “jeder der nach mir googelt, sähe meinen Namen in Verbindung mit “Terrorismus” und “Tatverdacht”, das wird man dann nie wieder los.”

Die Mehrheit der Deutschen sammelt Payback-Punkte und surft im Internet. Sie fährt mit der Bahn, zahlt mit Kreditkarte und bestellt beim Versandhändler. Sie kommuniziert viel und gerne und freut sich, dass das digitale Zeitalter das Leben in vielerlei Hinsicht leichter macht. Wie leicht wir dabei aber auch den Überblick verlieren über den Verbleib unserer Daten ist Thema der Dokumentation – was passiert – “Wenn Bürger gläsern werden”.

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Weise Worte (19)

advertising-tumblr_kz06w7epfd1qa2c3vo1_400[via v for velleity]

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OpenCola statt Coca Cola

Wie wär’s, statt der industriell hergestellten braunen Blubberbrause zu kaufen und damit die Umtriebe von Konzernen wie Coca Cola zu unterstützen, sich Cola selbst zuzsammenzumixen? Tatsächlich gibt es ein „Open Cola“-Rezept, das ganz im Geiste der Open Source-Bewegung frei verfügbar ist und von jedem nach Belieben ausprobiert und variiert werden darf. Ich denke, auf Dauer ist es auch günstiger, sich sowas selbst zusammenzumischen (wenn man schon unbedingt Cola trinken will) – also ein wenig Basteln fürs Osterfest. :-)

>> Hier geht’s zum (englischsprachigen) Rezept bei Wikipedia und hier zur „offiziellen“, humorvoll geschriebenen Homepage derjenigen, die das entwickelt haben.

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The Corporation – Konzerne sind wie Psychopathen

Da ich nicht weiß, ob ich über Ostern viel Zeit zum Blogschreiben haben werde, möchte ich Euch über die Tage den Film „The Corporation“ empfehlen, der bereits vor einigen Jahren herauskam und sich angemessen kritisch mit unserem Wirtschaftssystem, insbesondere mit den Hauptakteuren, den Unternehmen, beschäftigt. Tatsächlich kann man sich den Film sogar komplett online anschauen!

Zweitausendeins (bei denen es die DVD gibt) schreibt zu dem Werk:

Das pathologische Streben der Konzerne nach Geld und Macht” gibt Aufschluss über den Charakter und den kometenhaften Aufstieg der wichtigsten Institution unserer Zeit, des Konzerns. Ausschnitte aus Popkultur, Fernsehnachrichten und Firmenpropaganda dokumentieren, in welchem Maße die Konzerne Einfluss auf unser Leben nehmen. Der Film zieht die logische Schlussfolgerung aus der Tatsache, dass der Konzern juristische Person ist, indem er ihn auf die Couch des Psychiaters legt und fragt: “Was für eine Person ist das eigentlich!”

“The Corporation” stellt die Frage nach der geistigen Gesundheit einer Institution, die im Geschäftsverkehr die Rechte eines Menschen genießt, ohne sich im mindesten um menschliche Werte zu kümmern. Der Film führt den psychopathischen Charakter der Institution “Unternehmen” anhand von haarsträubenden Fallstudien vor, die zeigen, wie Unternehmen uns beeinflussen, unsere Umwelt, unsere Kinder, unsere Gesundheit, die Medien, die Demokratie und selbst unsere Gene – und wie sich die Menschen dagegen wehren.

Unter den 40 im Film Interviewten sind Konzernchefs und leitende Manager aus verschiedenen Wirtschaftsbereichen: Öl- und Pharmaindustrie, Reifenherstellung, Schwerindustrie, PR, Branding, Werbung und verdecktes Marketing. Darüber hinaus stehen ein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Ökonom, der erste Managementguru, ein Industriespion sowie eine Reihe von Wirtschaftswissenschaftlern, Kritikern, Historikern und Intellektuellen Rede und Antwort.

Hier der erste Teil, die anderen gibt es auch alle bei YouTube:

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The Artvertiser – Kunst statt Reklame

Werbetreibende begreifen sich selbst ja gerne auch als (verhinderte) Künstler. Nur schade, dass ihre Endprodukte in der Regel nichts mit Kunst oder Kultur zu tun haben, sondern eben doch nur Gebrauchsdesign darstellen, das dem Abverkauf von Produkten dient oder schäbige Firmen mit einem schillernden Imagemäntelchen versehen soll. So erscheint der Gedanke der Mannen von The Artvertiser durchaus logisch – die Idee des vom Internetbrowser bekannten Adblockers auf das reale Leben zu übertragen und dafür zu sorgen, dass überall dort, wo einem Reklame ins Gesicht springt, Kunst zu sehen ist. Wie das funktioniert? So:

The Artvertiser is an urban, hand-held Augmented Reality Improved Reality project that re-purposes street advertisements as a surface for exhibiting art. The project was initiated by Julian Oliver in February 2008 and is being developed in collaboration with Clara Boj, Diego Diaz and Damian Stewart.

The Artvertiser considers Puerta del Sol Madrid, Times Square New York, Shibuya Tokyo and other sites dense with advertisements as potential exhibition space. An instrument of conversion and reclamation, The Artvertiser situates the ‘read-only’, proprietary imagery of our public spaces as a ‘read-write’ platform for the presentation of non-proprietary, critically engaging content.

Product Re-Placement

The Artvertiser software is trained to recognise individual advertisements, each of which become a virtual ‘canvas’ on which an artist can exhibit images or video when viewed through the hand-held device.

After training, when ever the advertisement is exposed to the device, the chosen art will appear instead. It doesn’t matter whether the advertisement is on a building, in a magazine or on the side of a vehicle.

Schön wär’s, wenn solch ein Apparat tatsächlich, über den reinen Rahmen als Kunstaktion hinaus, in unser Leben träte… (Danke an den Blog von Michael Wenzl für den Tipp!)

Artvertising Berlin, Transmediale 2010 from Julian Oliver on Vimeo.

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Die Geschichte des abgefüllten Wassers

Letztes Jahr machte der Film „The Story of Stuff“ der amerikanischen Aktivisten Annie Leonard im Netz die Runde – ein schön animierter Kurzfilm, der den Wahnsinn unseres Wirtschaftssystems mit seinen Mechanismen von Reklame, Marketing und rücksichtsloser Produktion, leicht verständlich und unterhaltsam skizzierte. Nun hat sich das Team der Free Range Studios wieder an ein kritisches Thema gewagt, nämlich die Tendenz, dass eine kleine Zahl von Großkonzernen, darunter Nestlé und Coca Cola, dabei sind, sich die Wasserquellen dieser Welt unter den Nagel zu reißen und das Naturgut völlig überteuert in Flaschen weiterzuverkaufen; oft zum Nachteil der Menschen, die in der Nähe der Quellen wohnen. „The Story of Bottled Water“ könnte wiederum ein prägnanter Augenöffner für alle jene Menschen sein, die diese Firmen bei ihrer Privatisierung der Allgemeingüter gewähren lassen oder durch den Kauf des Wassers noch unterstützen. Der Film ist auch ein Lehrstück dafür, dass Werbung schadet, denn via Marketing wird einem Flaschenwasser als das alleinig sinnvolle angepriesen und Wasser aus dem Wasserhahn diffamiert.

… to tell the story of manufactured demand—how you get Americans to buy more than half a billion bottles of water every week when it already flows from the tap. Over seven minutes, the film explores the bottled water industry’s attacks on tap water and its use of seductive, environmental-themed advertising to cover up the mountains of plastic waste it produces. The film concludes with a call to ‘take back the tap,’ not only by making a personal commitment to avoid bottled water, but by supporting investments in clean, available tap water for all.

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Die dreisteste Werbelüge – Der Goldene Windbeutel 2010

Dass Werbung lügt ist eine tautologische Aussage, wie etwa „weißer Schimmel“ oder „dunkle Nacht“. Einige Reklametreibende aus dem Lebensmittelbereich sind allerdings besonders dreist bei ihren Imagekampagnen und täuschen und tricksen, was das Zeug hält. Deshalb hat sich Foodwatch bereits letztes Jahr daran gemacht, die dreisteste Werbelüge mit dem „Goldenen Windbeutel“ auszuzeichnen. Preisträger 2009 war übrigens Danone mit Actimel, einem überteuerten Industriejoghurt mit (wenn man der Reklame mit Kachelmann & Co. Glauben schenken würde) geradezu magischen Kräften.

Natürlich reißt der Strom an irreführender Werbung nicht ab und so gibt es auch dieses Jahr für eine der fünf nominierten Unternehmen den Goldenen Windbeutel zu „gewinnen“. Man kann nicht behaupten, dass die Frechheit der Konzerne geringer geworden wäre, im Gegenteil, wie man an diesem kleinen Informationsbeitrag sehen kann:

Noch bis zum 22. April kann man auf abgespeist – Etiketten lügen wie gedruckt noch für seinen Favoriten abstimmen. Verdient hätten diesen Preis natürlich alle vorgestellten Industrieprodukte („Lebensmittel“ kann man zu so einem gepanschten Zeug eigentlich ruhigen Gewissens nicht mehr sagen). Übrigens soll es dabei keineswegs darum gehen, nur ein paar „bedauerliche Einzelfälle“ anzuprangern, sondern vielmehr, das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass der Konsument im Supermarkt grundsätzlich und systematisch durch Verpackungen und Reklame hinters Licht geführt werden soll und Firmen versuchen, uns vorzugaukeln, ihr billiger Industriemüll wäre etwa hochwertige gesunde Kost.

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Web 2.0 Suicide Machine

bildschirmfoto-2010-03-23-um-150649Frühlingszeit – Selbstmordzeit! Kleiner Scherz. Aber nun gibt es etwas für alle, denen das Web 2.0-Gedöns und das Herumwaten in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Myspce auf den Geist geht, weil es ihnen zu viel Zeit raubt, die sie sonst mit dem eigentlichen Leben ihres Lebens verbringen könnten: eine Website, die den „Selbstmord“ des virtuellen Ichs bei besagten Diensten übernimmt und so zeitraubendes händisches Abmelden erspart, ganz im Sinne des „digital detox“, das von Adbusters angeregt wird – „say goodbye with dignity“. Voilà, hier ist die Suicide Machine!

Tired of your Social Network?

Liberate your newbie friends with a Web2.0 suicide! This machine lets you delete all your energy sucking social-networking profiles, kill your fake virtual friends, and completely do away with your Web2.0 alterego. The machine is just a metaphor for the website which moddr_ is hosting; the belly of the beast where the web2.0 suicide scripts are maintained. Our service currently runs with Facebook, Myspace, Twitter and LinkedIn! Commit NOW!

Feel free like a real bird again and untwitter yourself.

web 2.0 suicide machine promotion from moddr_ on Vimeo.

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Logorama – Die Welt aus Logos

Reklamefritzen arbeiten ja weltweit daran, unseren Alltag so weit wie möglich mit Kommerzbotschaften, Logos und Slogans zu überschwemmen. Ganz so weit wie in dem Oscar-prämierten Kurzfilm von François Alaux, Hervé de Crécy und Ludovic Houplain sind sie dabei zum Glück noch nicht gekommen – „Logorama“ stellt eine bei aller Buntheit albtraumhafte Szenerie dar, die aus über 2000 Markenlogos produziert wurde. Noch omnipräsenter als hier können Konzerne nicht mehr sein… Auf Vimeo gibt es derzeit (noch) den ganzen Film zu bewundern, ansonsten kann man sich bei Adbusters den Trailer anschauen.

Logorama from Marc Altshuler – Human Music on Vimeo.

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