Sep
03
2010

Lesetipps: I Can Stalk U / Leihen statt kaufen (Nachbarschaftshilfe im Netz) / Arbeit macht das Leben süß?

Das Wochenende naht, da wird es Zeit für ein wenig Lesestoff, den man gemütlich im Strandkorb schmökernd zu sich nehmen kann. Eine sehr schöne Aktion machte unlängst im Internet die Runde – die Website „I can stalk you“. Wie Pressetext.de zu berichten weiß, „schockt I can stalk you Twitter-User“. Wer also bisher naiv in seiner Facebook- und Twitter-Web 2.0-Welt sein digitales Dasein auslebte, unbeleckt von möglichen Konsequenzen der eigenen großzügigkeit mit seinen persönlichen Daten, der dürfte nun vielleicht ins Grübeln kommen:

Das Veröffentlichen von persönlichen Fotos auf Internetportalen wie Facebook oder Twitter kann für die betreffenden Nutzer böse Konsequenzen haben. Neben dem Bildinhalt selbst gefährdet vor allem der zunehmende Trend des sogenannten “Geotaggings” die Privatsphäre der User. Um auf diese Problematik aufmerksam zu machen, haben US-Sicherheitsexperten nun eine eigene Webseite gestartet, die den Twitter-Feed kontinuierlich nach Fotomaterial durchforstet, das mit Geo-Daten bestückt ist. Unter dem Titel “I Can Stalk You” http://icanstalku.com wird den Besuchern dann unverblümt vor Augen geführt, wie leicht es ist, ihnen mithilfe dieser Informationen nachzustellen. (…)

Ebenfalls auf Pressetext fand sich ein erfreulicherer Artikel, in dem es um einen zunehmenden Trend geht, Dinge nicht mehr zu kaufen, sondern via Internetplattformen zu leihen. Dieser Gedanke, nicht jede Sache selbst besitzen zu müssen, sondern – ressourcen- und geldbeutelschonend – nur zeitweise zu leihen, ist natürlich sehr begrüßenswert und vielleicht ein erster Schritt hin zum Umdenken und weg vom Besitzdenken. „Leihen statt kaufen – Nachbarschaftshilfe im Netz“:

Produkte verleihen und ausborgen anstatt zu verkaufen oder zu kaufen – auf dieser Idee basiert das Geschäftsmodell einer Reihe von neuen Start-up-Firmen wie SnapGoods http://snapgoods.com. Über den Online-Dienst können User Gegenstände anbieten und gegen eine Gebühr verleihen, beziehungsweise Dinge gegen Bezahlung ausborgen, berichtet die New York Times. Auch andere Webfirmen wie NeighborGoods http://neighborgoods.net oder ShareSomeSugar http://www.sharesomesugar.com arbeiten mit dieser Idee: Menschen, die im Idealfall nicht weit voneinander entfernt wohnen, sollen im Internet zusammenfinden und so voneinander profitieren. Das gemeinsame Prinzip der Dienste ist es, dass alleine der Zugang zu Dingen den Kauf obsolet machen soll. So bekomme man die Möglichkeit zu teilen, anstatt sich jeder ein eigenes Exemplar anzuschaffen. (…)

Für eine gewisse Verwunderung sorgte bei mir (und anderen Lesern) sicherlich der Artikel „Eine Umfrage zeigt: Die Deutschen zweifeln am Kapitalismus“, der in der ZEIT erschien und eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung vorstellt. Wie kann das sein, fragt man sich, dass ausgerechnet die Bertelsmänner so eine Studie in Auftrag geben bzw. durchführen? Denn wie bei allen Untersuchungen (nicht nur von Bertelsmann!) muss man sich immer fragen, mit welcher Intention solche Umfragen in die Welt gesetzt werden. Telepolis und gegen-stimmen haken da kritisch nach, und ich denke auch, dass Bertelsmann die zunehmende Unzufriedenheit der Menschen an einem Wirtschaftsystem, das nur auf (quantitatives) Wachstum ausgerichtet ist, sehr wohl erkennt – und dann in ihm genehme Bahnen lenken will. Das heißt, statt tiefgreifender grundlegender Änderungen doch nur eine begrünte „soziale“ Marktwirtschaft, also einem gezähmten Kapitalismus. Dieser wird so leider nicht funktionieren, fürchte ich…

(…) Zudem ist die Wachstumsskepsis nicht mehr nur Teil der politischen Debatten. Sie ist – zumindest als Idee – auch im Privaten angekommen. Immerhin vier von fünf Deutschen finden, dass »jeder seine Lebensweise dahingehend überdenken sollte, ob wirtschaftliches Wachstum für ihn alles ist«. (…)

In ihrer Sendung Zeitfragen ging Deutschlandradio Kultur der mehr als berechtigten Frage nach: „Arbeit macht das Leben süß? Über den Druck auf Angestellte und Freischaffende“ (Download als mp3):

Die Urgroßmütter haben es noch gewusst: Arbeit macht das Leben süß. Dahinter verbarg sich die romantische Umschreibung, dass der Mensch gefälligst hart arbeiten müsse – weil er es eben muss – basta. Eine Pflicht, die man nicht zu hinterfragen hat. (…)

(…) Werden die Leistungen nicht mehr erbracht, findet man Wege, langjährige Mitarbeiter vor die Tür zu setzen. In Einzelhandels-Unternehmen spricht man dann gar von “Aufarbeiten”: Unliebsamen Mitarbeitern, die den Anforderungen nicht mehr gewachsen, aber nur schwer kündbar sind, werden Aufgaben zugewiesen, von denen klar ist, dass sie deren Pensum nicht schaffen können. Gerade im Bereich der Arbeiten, für die nur eine geringe Qualifikation nötig ist, können sich Unternehmen das leisten – die “Reservearmee” auf dem Arbeitsmarkt ist groß genug.

Aber auch in anderen Bereichen ist der Druck auf diejenigen, die durch Arbeit ihr Geld verdienen, deutlich gewachsen. Von wegen Ausbeutung – das muss man jetzt schon selber machen: Selbstausbeutung heißt der Trend. Und wer sich ohne Festanstellung durchs Leben kämpft, kann schnell merken, dass es nicht nur schön ist, sein eigener Herr zu sein, denn notgedrungen ist man ein strenger Herr zu sich selbst.

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9 Kommentare »

  • Martin W.

    Zum ersten Absatz möchte ich folgenden Link beisteuern.
    http://eu.ixquick.com/deu/protect-privacy.html

    Man beachte den Punkt “Was passieren könnte?”

    Diese Daten-Kraken sind ein Graus, gut, dass es Alternativen gibt.

    Comment | 3. September 2010
  • Danke für den ixquick-Link, die Suchmaschine habe ich gleich mal in meinem Browser installiert. :-)

    Comment | 3. September 2010
  • Idealistin

    Hallo Peter,

    NACHBARSCHAFTSHILFE IM NETZ

    Diese Form von Nachbarschaftshilfe findet immer mehrFreunde. Seit Jahren gibt es in Westfalen Tauschringe. Es können sogar PKW´s, geteilt werden, Fahrgemeinschaften werden gebildet und Dienstleistungen werden nach einen Punktsystem angeboten, Arbeit gegen Arbeit- jeder bietet an was er kann und kann dafür eine andere Leistung einfordern. Die möglichen Einsparpotentiale sind breit gefächert. Vom Rasenmähen, über Kinderbetreuung bis zum Fußbodenverlegen– und solange dafür keine Sachwerte oder Geldwerte ausgetauscht werden, kann man eine Klage wegen Schwarzarbeit bisher umgehen. Das können auch Gegenstände sein, wie Kinderfahrräder die –je nach Wachstumsphase- hin- und her getauscht werden, ebenso wie gut erhaltene Kinderbekleidung (sofern die Kinder noch mitmachen). In einem Fall wird sogar eine Waschmaschine gemeinsam genutzt.

    Eine tolle Idee die Geld einspart oder finanziell nicht so gut ausgestatteten Haushalten erst etwas ermöglicht, wie z. B eine Reparatur . Beim Tausch von Dingen schont man die Umwelt und den Geldbeutel.
    Wirtschaftsbetriebe die mitbekommen hatten, dass sich ein Tauschring gebildet hat, haben dagegen geklagt- wegen angeblicher Schwarzarbeit. Die Klage wurde abgewiesen, weil man im Vorfeld festlegte, dass regional begrenzt tätige Tauschringe eine Form der Selbsthilfeökonomie sind und als Form von Nachbarschafthilfe angesehen werden müssen.
    Im Zeitalter der Hartz 4ler, könnte man gerade in Ballungsgebieten vieles auf die Beine stellen und der Wirtschaft zeigen, dass ihre Sparnummer langfristig nach hinten losgeht….

    ARBEIT MACHT DAS LEBEN SÜSS

    Ach ja, wie du weißt bin ich auch Verkäuferin- daher habe ich ein wenig allergisch auf deine Passage reagiert- wegen geringfügig Qualifizierter und daher leicht austauschbar…. Letzteres hat nicht in allen Bereichen Gültigkeit- dies gilt wohl eher im Lebensmittelbereich, da man dort in aller Regel Ungelernte ( die Edekawerbung mit dem Ei – geht vollkommen an der Realität vorbei) nimmt, um so Personalkosten einzusparen. Vorneweg natürlich die gehassten Discounter – leider noch nicht bei den Kunden angekommen. In der hiesigen Discountfiliale arbeiteten Kindergärtnerin, einen Elektriker, einen Abiturienten, eine Friseuse, ein paar Einzelhandelskaufleute, aber auch Sonderschüler- also buntgemischt. Jedoch sieht es in einer Metzgerei, oder in einem Elektronikfachladen schon wieder ganz anders aus- gerade in den Fachgeschäften gibt es hervorragend ausgebildete junge Menschen mit umfassenden ständig immer wieder den (technischen) Neuerungen angepassten Wissen. Sorry, aber da sollte man schon ein wenig differenzieren.
    Aber ansonsten pflichte ich dir in Allem bei.

    KAPITALISMUS

    Sie zweifeln zu Recht. Der Kapitalismus hat Formen angenommen die den Menschen als Mittel zum Zweck benutzen, nicht umgekehrt, wie es sein sollte. Nur wenige profitieren noch von dieser Wirtschaftsform. Zu viele haben alles verloren, Arbeit, Hoffnung und Menschenwürde, oder arbeiten unter katastrophalen Bedingungen. Die Politiker tragen mit polemisierenden Reden dazu, sodass sich die Gesellschaft immer mehr spaltet.

    Dagegen versucht man den Linken-Chef,Klaus Ernst, der Reden abliefert die ich persönlich klasse finde,abzusägen. Ob an den Vorwürfen etwas dran ist weiß niemand so genau. Allerdings, obwohl ich niemals einen Porsche fahren wollte, sehe ich darin keinen Makel- so ein alter 911er kostet doch nicht mehr, als ein neuer VW der gehobenen Mittelklasse- da würde sich auch niemand drüber aufregen…..außerdem muss er nicht in Sack und Asche herumlaufen, nur weil für soziale Gerechtigkeit in Deutschland plädiert. Wer sich für Obdachlose einsetzt, muss ja auch nicht auf der Straße schlafen…
    Ich denke das Hauptproblem ist sein energisches und provokantes Auftreten, gegenüber Kontrahenten.

    http://dieaktuelleantimobbingrundschau.wordpress.com/2010/08/14/linkenchef-ernst-wird-mehr-und-mehr-zum-mobbing-fall/

    http://www.klaus-ernst-mdb.de/

    Wie schätzt du das ein? Viele Grüße
    Idealistin

    Comment | 3. September 2010
  • Hallo Idealistin,

    danke für Deinen wieder langen und ausführlichen Kommentar – freut mich ja immer, wenn sich meine Leser nicht nur intensiver mit den Lesetipps beschäftigen, sondern auch eine Diskussion anregen. :-)

    Das mit der Nachbarschaftshilfe finde ich hervorragend, denn wozu muss sich jeder jedes Werkzeug etc. selbst kaufen, wenn er es sich auch vom Nachbarn mal kurz ausborgen kann. Je weniger Plunder in die Welt gesetzt wird, desto besser – Besitz belastet ja auch oft genug nur.

    In Bezug auf die Arbeit/Discounter/Einzelhandel – das, was da steht, also die von Dir kritisierte Passage, stammt ja nicht von mir, habe ich also nicht geschrieben, es ist nur ein Zitat ;-) . Sicher hast Du Recht, dass man da differenzieren muss und selbstredend ist nicht jede(r) einfach austauschbar!

    Das mit Herrn Ernst finde ich auch etwas absonderlich, also dass man ihm vorwirft, ein etwas teureres Auto zu fahren. ich kann es zwar nicht verstehen, wieso jemand sein Herz an einen Wagen hängt, aber das muss ja jeder selbst wissen. Und klar kann man auch links sein und sich für Ärmere einsetzen, wenn man selbst über Hartz-4-Niveau lebt. Von daher ist das Geschrei der Medien zumTeil auch sehr scheinheilig.

    Comment | 4. September 2010
  • Hallo Peter,

    dass es ein Zitat war habe ich übersehen.Allerdings denken leider viele so.
    meine Kommentare werden meistens länger – irgendwie komme ich von einem Thema in ein anders- ergibt sich so beim schreiben :-)

    LG
    Idealistin

    Comment | 5. September 2010
  • Vogel

    Zum Thema Bertelsmann:

    Es wird von der Presse ein Item zitiert, das mich stutzen macht, die Aussage:
    “Wohlstand ist für mich weniger wichtig als Umweltschutz und der Abbau von Schulden“, der knapp drei Viertel der Befragten wohl zustimmen.
    Wer läßt sich solche Fragen einfallen? Sind mir Kugelschreiber weniger wichtig als Feuerzeuge und Nagelscheren?

    Zitat aus Feysinn

    Comment | 22. September 2010
  • Vogel

    @Martin W.
    Hab’ ixquick auch installiert (Ubuntu) funst nich? Hast Du Info, Idee? Was hab’ ich falsch gemacht?

    Comment | 22. September 2010
  • @ Vogel – hm, was will Feynsinn uns damit sagen? Dass Wohlstand in der heutigen Form (verstanden als möglichst großer Konsum von Gütern) und Umweltschutz und Schuldenabbau gleichzeitig auf Dauer möglich sind? Das wäre ja doch ziemlicher Unsinn. Denn es besteht (anders als bei den von ihm genannte Beispielen Kugelschreiber etc.) ein gewisser Zusammenhang zwischen den einzelnen Punkten – Konsum („Wohlstand“ in der bisherigen Lesart) geht zu Lasten der Umwelt und des eigenen Kontos.

    Comment | 23. September 2010
  • Vogel

    @Peter
    Du hast den Post “Knoten in der Propaganda” vllt. anders rum verstanden. Das Zitat iss pure Ironie (mit gleicher, falscher Münze an den Fragesteller/Autor [Bertelsmann-Stiftung] zurückgezahlt), schon eher Sarkasmus – und kein Versuch Feuer mit Wasser zu Eis zu vermählen.

    Auch mM: Wenn von Bertelsmann-Stiftung – äußerste Vorsicht, jedes Wort dreimal umdrehen.

    Comment | 24. September 2010

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