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Fake TV – Reklame statt Recherche

Ein Grund mehr, kein Fernsehen zu sehen, insbesondere die dortigen „News“ nicht… das N3-Medienmagazin ZAPP berichtete über PR-Beiträge in Nachrichtensendungen in „Fake TV: Reklame statt Recherche“:

Ein leidiges Thema ist Schleichwerbung. Die ist leider längst nicht mehr nur ein Problem von Unterhaltung im Fernsehen. Der Sender RTL II wurde gerade gerügt, weil in einem Nachrichtenbeitrag über die Kölner Möbelmesse vor allem die eigene RTL II Möbelkollektion in höchsten Tönen gelobt wurde. Mit seriöser Information hat das wenig zu tun. Werbung wäre wohl der passendere Begriff. Solche gefakten Informationen kommen offenbar in fast allen Sendern vor. Zapp hat Nachrichten der vergangenen Jahre auf Fake-TV untersucht.

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Information overkill – wie verändert das Internet unser Leben?

Zuerst die schlechte Nachricht: „ARD löschen zehntausende Dokumente“, als Folge des aktuellen Rundfunkvertrages, in dem es die Privatsender verstanden haben, dafür zu sorgen, dass die relevanten Informationen, die es im Fernsehen hin und wieder gibt (natürlich nicht im Privat-TV!) möglichst schnell wieder aus dem Internet verschwinden müssen. Bei der ARD wird es derzeit dann wohl gerade ernst:

Als Folge des 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag hat die ARD ihre Onlineangebote deutlich reduziert und weitere Löschungen von Inhalten stehen an. Um dem neuen Regelwerk für Telemedien zu entsprechen, löschen die ARD-Sender derzeit bei vielen Angeboten Inhalte, die künftig vor allem aufgrund der begrenzten gesetzlichen Verweildauerregelungen wegfallen müssen. […]

[…] “Beliebte Inhalte der ARD im Internet müssen von uns aus dem Netz genommen werden. Und die Möglichkeit, unsere Sendungen zeitlich unbegrenzt abzurufen, ist bereits jetzt vielfach eingeschränkt. Das ist schade, da unsere Angebote vor allem wegen der vielen Audios und Videos für die Gebührenzahler einen deutlichen Mehrwert im Netz bieten. […]

Deshalb gilt es, die paar interessanten Sendungen, die im Fernsehen ausgestrahlt werden und die man vielleicht verpasst hat, möglichst zeitnah online zu schauen – wie beispielsweise die letzte Diskussionsrunde des ZDF Nachtstudios mit dem Thema „Information Overkill – wie verändert das Internet unser Leben?“, dass HIER (noch) in der Mediathek abrufbar ist.

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Adbusting: Der Axt-Faktor

gord-2298549953_0e01fbb676Heute nur ein kurzer Lesetipp, auf den ich aufmerksam gemacht wurde – das einestages-Magazin auf Spiegel Online hat sich in dieser Woche dem Phänomen des Adbusting, also des Verfremden von Reklame mit dem Ziel, die hinter der schillernden Werbefassade liegende Aussage deutlich oder auf die Abgründe der Konzerne aufmerksam zu machen, gewidmet: „Der Axt-Faktor“. In dem Artikel gibt Danny Kringiel einen Überblick über die Geschichte dieser Widerstandsaktionen gegen den Kommerz sowie die Entwicklung der letzten Jahre und die Versuche der Vereinnahmung durch die Reklameindustrie selbst. Besonders schön ist die Bildergalerie mit gelungenen Adbust-Beispielen. Wollen wir mal hoffen, dass Adbusting weiterhin subversiv und gegen die Durchkommerzialisierung des Lebens gerichtet bleibt und nicht zum bloßen Spaß oder zum Kunstgag verkommt (was der Autor gegen Ende seines Textes befürchtet)…

Ecstasy von McDonald’s, Charles Manson als Jeansmodel: Seit den siebziger Jahren bekämpfen sogenannte Adbuster mit satirisch verfremdeten Werbeplakaten die Konsumkultur. einestages erzählt, wie aus der Reklame-Guerilla eine Massenbewegung wider Willen wurde (…)

In Sydney gründete 1980 eine Schar australischer Sprayer die Organisation B.U.G.A U.P, Billboard Utilising Graffitists Against Unhealthy Promotions, also: Reklametafeln verwendende Graffitikünstler gegen ungesunde Werbung. Frustriert über die nachsichtige Haltung der australischen Regierung gegenüber der Tabak- und Alkoholindustrie richteten sie ihre Angriffe ausschließlich gegen Zigaretten- und Alkoholwerbung. B.U.G.A U.P kooperierte sogar mit einer Bürgerinitiative, die sich für ein Verbot von Tabak- und Alkoholwerbung stark machte. Die gesundheitsbewussten Sprayer trafen den Nerv der Zeit.

Schnell schlossen sich Hunderte von Studenten, Lehrern, Kindergärtnern, Designern, Ärzten, zum Teil ganze Familien der Gruppe an. Anders als die Billboard Liberation Front war dies keine Gruppierung abenteuerlustiger Freigeister, sondern eine Art Bürgerrechtsbewegung aus allen Schichten der Bevölkerung. Überall in und um Sydney fand man plötzlich auf Zigaretten- und Bierwerbungen Kommentare wie “Viel Spaß mit dem Krebs!” oder “Die letzte Nachricht an deine Leber”. Allein 1983 betrug der durch B.U.G.A U.P verursachte Schaden eine Million Dollar. Als die australische Regierung schließlich 1994 ein Verbot gegen Tabak-Plakatwerbung erließ, hatte B.U.G.A U.P den Beweis angetreten, dass sich die Welt durch Adbusting tatsächlich ändern lässt. (…)

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So funktionieren Nachrichtenbeiträge

Nachrichtensendungen im Fernsehen – bei den Privatstationen ja gerne als „News“ bezeichnet, weil das in den vernebelten Hirnen von Marketingsprechfuzzis vermutlich viel „cooler“ klingt – haben sich über die Jahre immer weiter angeglichen. Viele Beiträge müssen einem pseudo-unterhaltsamen und spannungsbogen-simulierenden Muster folgen, das zumindest mir immer mehr auf den Geist geht (weswegen ich auch keine Fernsehnachrichten mehr sehe). Nun hat sich Charlie Brooker von der BBC-Sendung Newswipe einmal den Spaß gemacht und dieses Schema F heutiger Nachrichtenbeiträge gnadenlos seziert und in seiner ganzen Leere inszeniert. Sozuagen als Blaupause für jeden angehenden Nachrichtenmacher… Weitere Infos findet Ihr auf kannnichtsein.

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Adblocking

logo-adblock-plusLustig – angeregt durch die Zuschrift eines Lesers habe ich in meinem Firefox-Browser auch endlich das grandiose Adblock Plus-Plugin installiert, das mittlerweile eine Qualität erreicht hat, wie man sie sich wünscht. Wurde die Performance des Rechners durch den Adblocker früher eher noch verringert und manches an eigentlichem Inhalt weggeblockt, so kann man mit der Erweiterung in der Version 1.1.3 inzwischen wirklich ganz entspannt durchs Netz surfen, ohne dass einen nervige, bunte, blinkende Reklame den Blick verbaut (Ausnahme: die besonders lästigen Layer-Ads). Selbst Websites wie Myspace, die sonst zu 2/3 aus Kommerzpropaganda für McDoof und ähnliche Konzerne bestehen, werden nun plötzlich wieder halbwegs ansehnlich. Großartige Sache – hier gibt es das Plugin, natürlich kostenlos: https://addons.mozilla.org/de/firefox/addon/1865

Ich empfehle das Abonennement für Deutschland auszuwählen, dann werden die wichtigsten Websites hierzulande gleich richtig von den Reklameeinblendungen entkernt.

Das Lustige? Nun, ich hatte gerade vor, diesen Beitrag über das Add-on zu schreiben, da erreicht mich ein Hinweis einer Blogleserin, die mich auf einen Artikel im österreichischen Der Standard aufmerksam macht – „Werbeblocker gefährden Arbeitsplätze“ heißt es da. Bekanntermaßen kann man mit dem Erhalt von Arbeitsplätzen heutzutage ja alles rechtfertigen, also auch die visuelle Zumüllung des Gesichtsfeldes der Benutzer, und die omnipräsente Gegenwart von Kaufpropaganda und Dauerkommerz, an die wir uns mittlerweile fast schon gewöhnt haben, die aber nicht wirkungslos an uns vorüber geht, da sich gewisse Marken und Logos tief in uns einbrennen, wenn wir sie dauernd zu Gesicht bekommen. Okay, ich klicke sowieso nie auf einen Werbebanner, somit ist es für die Firmen eher von Vorteil ist, wenn ich sie nicht negativ mit Reklame in Verbindung bringe… :-)

Die Diskussion, die der Standard da anfacht, ist aus zweierlei Hinsicht aber nicht so einfach zu ignorieren – zum einen wegen der von mir schon angesprochenen einseitigen Präferierung des Kommerzgedankens gegenüber der Unbeschadetheit des eigenen Geistes durch Weglassung von Reklame. Gerade, weil Der Standard eine eher linke Zeitung ist, finde ich es schon bemerkenswert, dass dieser Adblocking-Trend nicht etwa als Anlass genommen wird, sich vielleicht zu überlegen, ob Geschäftsmodelle, die darauf aufbauen, Menschen mit etwas zu nerven was diese nicht wollen, was sie stört und ärgert, eventuell nicht nachhaltig und kontraproduktiv sind. Auf der anderen Seite muss man natürlich auch ganz klar sehen, dass in unserem heutigen System die Werbefinanzierung viele Angebote, die wir im Internet gerne und umsonst annehmen, erst ermöglicht und tatsächlich also Menschen davon leben. Eine zweischneidige Sache also, wenn man Reklame automatisch wegblockt. Der Preis für die kostenlosen Netzangebote ist aber  eben sehr hoch, nämlich die permanente Berieselung mit Reklame und das Weichkochen und allmähliche Einsickern ds Kommerz in jede Ritze des Lebens – man muss sich fragen, ob dieser Preis, den die Gesellschaft zahlt, letztlich nicht zu hoch ist. Die meisten User, die etwas zu dem Standard-Artikel schrieben, befürworteten die Adblocker und bekräftigten ihre Genervtheit von den Reklameeinblendungen, die ja teilweise in Richtung Nötigung gehen (gerade bei den von mri schon erwähnten Layer-Ads).

Diese Diskussion entbrannte unlängst auch im Blog von Brian Carper – sein Beitrag mit dem sympathischen Titel „Advertising is devastating  to my well-being“ spricht sich eindeutig für Adblocker aus, und in der anschließenden Debatte in den Kommentaren ging es dann wiederum hoch her! Carper verfolgt einen durchaus radikalen Ansatz:

(…) Here’s the state of the world today: I can’t drive down the street without seeing billboards everywhere. The radio is literally 25 to 50% ads, which is why I don’t listen to the radio. Television is what, 20 minutes of commercials per hour? Which is why I haven’t had television in 6 years. Newspapers and magazines are saturated with ads, and of course I don’t read them either. Even then, ads are nearly unavoidable. (…)

(…) Businesses are not your friends. Businesses are not ethical entities. Businesses do not deserve the benefit of the doubt. Businesses exist to milk you of as much of your money as possible. The only sane reaction for the average person is a similar one: I want to deprive businesses of my money. I want to get as much from them as I can, while giving up as little as possible.

If I politely suggested that it’s “unfair” for a business to have such a huge profit margin, and “if they cared about their customers, they would lower all their prices”, I’d be laughed at. Why would a company do anything less than the absolute most they can do to bleed money out of me, after all? I laugh at any business which says the same thing to me. I will bleed you of product, as far as it’s legal to do so. It so happens that advertisements are devastating to my well-being. (…)

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10 Strategien für den Info-Aktivismus

Das ist wirklich mal eine tolle Inititative – die amerikanische Website informationactivism.org zeigt uns „10 tactics for turning information into action“. Wie oft hat sich unsereins schon gefragt, wie man es schaffen kann, die kritischen und wichtigen Informationen, die im kakophonischen und gleichzeitig einlullenden Konzert der Mainstreammedien- und Kommerzbeschallung unterzugehen drohen, an andere weiterzugeben, ihnen Gehör zu verschaffen und so dem Widerstand mehr Durchschlagskraft und Relevanz zu geben. Informationactivism hat 10 Schritte in einem „Trainingsvideo“ zusammengefasst, die dabei helfen können, dass kreative Ideen nicht verpuffen. Für das Video gibt es zwar Untertitel in 11 Sprachen, Deutsch ist bislang noch nicht dabei, aber das sollte einen nicht gar zu sehr abschrecken.

Das Wort “Aktivismus” klingt immer so vereinnahmend. Allerdings ist unter dem Begriff “Info-Aktivismus” eine durch und durch praktische Sammlung von 10 Strategien zusammengefasst worden, die auch dafür genutzt werden können, um Leute anzuschieben, wenn die eine Sache gut finden aber dann doch nicht so recht wollen. Alltagstauglich.

Für den passenden Dokumentationfilm wurden 50 Aktivisten auf der ganzen Welt nach ihren Stragien befragt, vor allem wenn es darum geht, aktuelle Technologien zu nutzen. Daraus hat das Tactical Technology Collective 10 Strategien geformt.

[via ggrow]

10 tactics for turning information into action (Trailer) from Tactical Technology Collective on Vimeo.

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Web 2.0 Suicide Machine

bildschirmfoto-2010-03-23-um-150649Frühlingszeit – Selbstmordzeit! Kleiner Scherz. Aber nun gibt es etwas für alle, denen das Web 2.0-Gedöns und das Herumwaten in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Myspce auf den Geist geht, weil es ihnen zu viel Zeit raubt, die sie sonst mit dem eigentlichen Leben ihres Lebens verbringen könnten: eine Website, die den „Selbstmord“ des virtuellen Ichs bei besagten Diensten übernimmt und so zeitraubendes händisches Abmelden erspart, ganz im Sinne des „digital detox“, das von Adbusters angeregt wird – „say goodbye with dignity“. Voilà, hier ist die Suicide Machine!

Tired of your Social Network?

Liberate your newbie friends with a Web2.0 suicide! This machine lets you delete all your energy sucking social-networking profiles, kill your fake virtual friends, and completely do away with your Web2.0 alterego. The machine is just a metaphor for the website which moddr_ is hosting; the belly of the beast where the web2.0 suicide scripts are maintained. Our service currently runs with Facebook, Myspace, Twitter and LinkedIn! Commit NOW!

Feel free like a real bird again and untwitter yourself.

web 2.0 suicide machine promotion from moddr_ on Vimeo.

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BRIMBORIA Kongress Leipzig – Die subversive Strategie des Fake

bildschirmfoto-2010-03-13-um-140115Na, das ist doch mal was – ein Kongress, der sich nur mit Subversion und Fake beschäftigt! Genau das richtige für alle, die sich mit Culture Jamming und Adbusting beschäftigen und versuchen, der allesverschlingenden Kommerzmaschine entgegenzutreten. Der Fake Brimboria Kongress wird vom 16. bis 18. April in Leipzig über die Bühne gehen und klingt thematisch schon mal wirklich spannend:

Der Fake ist parasitär. Er bedient sich gewohnter Muster und Vorstellungen um sie in seinem Sinne zur Täuschung zu verwenden. Verwirrung ist das Mittel des Fake. Eingriffe in die Lebenswelt, Störungen von Automatismen werden möglich und wirklich.

Der BRIMBORIA Kongress hat das Ziel die zeitgenössische Formen des Fake in seinen so verschiedenen Ausprägungen zu absorbieren und gesammelt wieder abzugeben, an jene Menschen, die mithilfe dieses Wissens eigene Projekte aufziehen wollen oder subversive Kunst generell als interessant und inspirierend befinden. Um den Begriff des Fake zu verstehen und nutzbar zu machen, werden Diskussionen und Vorträge, Workshops und Aktionen angeboten. Der Fake setzt Wissen über die Gegebenheiten voraus die er imitieren will. Die theoretisch zu leistende Vorarbeit und die anschliessende Umsetzung lassen sich an vielen guten Fakes verdeutlichen. Dazu sind diverse ReferentenInnen und KünstlerInnen eingeladen, um über Theorie und daraus resultierende Praxis zu sprechen.

Hintergrund

Das INSTITUT FÜR BRIMBORIAFORSCHUNG befasst sich mit Methoden und Strategien subversiver Aktionsformen. Unser Ziel ist es einerseits bestehende Projekte zu dokumentieren und andererseits ebendiese einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen. Subversive Aktionsformen sind für uns deswegen so interessant, weil sie eine Schnittstelle zwischen Kunst und Politik, zwischen Theorie und Praxis verkörpern und so die Rezipienten zu einer aktiven Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen anregen können. Wir möchten das Thema theoretisch und auch praktisch einer breiten Zuschauerschaft näher bringen und sie dazu motivieren, die vorgestellten Mittel selbst zu verwenden bzw. ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln.

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Ausgezeichnet…

bildschirmfoto-2010-03-16-um-212751… wurde mein Konsumpf-Blog zwar noch nicht, aber zumindest wurde er für die Blog-Awards The BOBs im Bereich „Best Weblog Deutsch“ der Deutschen Welle nominiert, zu meiner eigenen Überraschung. Bis zum 14. April dürfen die User noch über ihre Favoriten abstimmen – und zwar unter diesem Link. Wer also mein kleines Projekt ein wenig unterstützen möchte… :-) Ansonsten gibt es auch einige andere Kandidaten, die stimmwürdig sind, vor allem natürlich Bleib Passiv, aber auch FIXMBR!, Ad Sinistram und der „Platzhirsch“ NachDenkSeiten, die vermutlich das Rennen machen werden…

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L.A. Law – Wie Hollywood unser Rechtssystem formt, Teil 2/2

exekutDies ist die Fortsetzung meiner gestern begonnenen Übersetzung des Artikels „L.A. Law: How Hollywood is shaping our legal system“ von Julie Scelfo, der unter dem Titel „When law goes Pop“ im Stay Free Magazin #18 erschien. Es ist ein sehr interessantes und in Bezug auf den Einfluss, den das Fernsehen mittlerweile auch auf unsere Rechtssprechung hat, enthüllendes Interview mit dem Juraprofessor Richard Sherwin.

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Julie Scelfo (J.S.): Im amerikanischen Rechtssystem sollen Anwälte sich auf Rechts-Argumente stützen, nicht auf Gefühle. Was passiert mit Verhandlungen, die auf dieser Art von nicht greifbaren – und in manchen Fällen unterbewussten – Methoden basieren, im Gegensatz zu den traditionellen mündlichen Argumenten, die auf Fakten beruhen?

Richard Sherwin (R.S.): Die größte Angst, die mit visuellen Überzeugungsmethoden verbunden ist, ist die Vorstellung, dass das Ideal der rationalen Überzeugung kurzgeschlossen wird mit einer eher emotionalen Form der Beurteilung. Die Furcht ist, dass einige Formen von Vorurteilen, die bei einer mündlichen Präsentation nicht zum Tragen kommen, auf der visuellen Ebene funktionieren können, weil visuelle Bilder so überbestimmt sind. Irgendwo dort in den unbewussten Tiefen des Bildes schweben einige nützliche Assoziationen herum. Eine der Sachen, de ich mit meinem Buch erreichen möchte, ist, Richter über die Komplexität der visuellen Bilder aufzuklären, so dass sie mit diesen Gefahren der Vorurteile effektiver umgehen können.

J.S.: Lesen Richter das Buch?

R.S.: Ich stehe in Kontakt zu Richtern, und sie sind begierig darauf, solchen Input zu bekommen, weil sie mehr und mehr visuelle Medien im Gerichtssaal sehen, wie z.B. Überwachungsvideos, die bearbeitet wurden. Denken Sie an den Fall von Rodney King, wo Sie einen Staatsanwalt hatten, der absolut überzeugt davon war, dass es ein klarer Fall war, der auf dem George Holliday-Video fußte, das King zeigte, wie er von der Polizei verprügelt wurde. Er machte sich nicht bewusst, dass die Anwälte, die die L.A. Polizeibeamten verteidigten, durch Editierung der Bilder die ganze Geschichte geändert hatten.

J.S.: Wie haben sie das Video bearbeitet?

R.S.: Die Verteidiger verlangsamten es enorm, so dass man Bild-für-Bild-Sequenzen sah, die die Gewalt abmilderten. Aber noch viel schlimmer für die Anklage war eine Veränderung der Geschwindigkeit der Bilder im Zusammenhang mit der Verteidigungs-Theorie. Die Verteidigungs-Theorie war, das Rodney King alles unter Kontrolle hatte und dass er, wenn er die vorgeschriebene Bauchlage eingenommen hätte, nichts weiter passiert wäre. Der einzige Grund, weshalb er geschlagen wurde, so ging die Argumentation, war, dass er sich der Festnahme widersetzte. Und was die Bilder in der verlangsamten Form zeigten, war Rodney King, wie er sich nach oben bewegte, und ein Schlagstock, der niedersauste.

S.J.: In der Reihenfolge?

R.S.: In der Reihenfolge. Als Kings Gliedmaßen nach unten gingen, ging der Knüppel nach oben und ein anderes Körperteil ging nach oben und ein anderer Schlagstock sauste nieder. Und genau das haben die Geschworenen gesehen. Mit anderen Worten, sie lasen Kausalzusammenhänge in die Bilder. Die Verteidigung orchestrierte das Video so, dass die Geschworenen Kausalität ableiteten.

S.J.: Was gegen die Intuition ist. Man würde denken, dass das Videoband die Geschworenen zu dem Schluss bringen würde, dass die Beamten, die King schlugen, schuldig waren.

hallwR.S.: Der Staatsanwalt forderte die Geschworenen unablässig dazu auf, sich das Band anzuschauen, ohne mehr zu sagen. „Sehen Sie sich nur das Band an.“ Aber was ihm nicht klar war: die andere Seite hatte die Bedeutung der Bilder okkupiert, indem sie die Geschichte in einer anderen Weise erzählten, so dass, wenn die Leute das Videoband sahen, sie es durch die Augen der Verteigungs-Geschichte betrachteten. Der Staatsanwalt bot keine eigene Erzählung an, und deshalb war dies die einzige Geschichte, die die Geschworenen hatten. Sie benutzen sie, um die Informationen, die sie auf dem Video sahen, zu ordnen. Kognitive Psychologen haben gezeigt, dass die Art, wie Menschen zu Beurteilungen in Rechtsfällen gelangen, ist, indem sie eine Geschichte erzählen, wie alles geschah. Anwälte gewinnen Prozesse, indem sie die beste Geschichte erzählen – diejenige, die die meiste Glaubwürdigkeit versammelt, diejenige, die am meisten Sinn ergibt, diejenige, die am anziehendsten wirkt. Und wenn man selbst keine Geschichte erzählt, und die Gegenseite eine eigene Story bietet und man selbst nur Bruchstücke von Argumenten, wird man es bedeutend schwerer haben, die Geschworenen zu überzeugen.

J.S.: Ich weiß nicht, wie Sie in Bezug auf den King-Prozess fühlen, aber würden Sie den Einsatz visueller Technologie als Erfolg werten?

R.S.: Ich bin ein unbedingter Verteidiger des Systems der Prozessgegner, aber nur, wenn es wirklich funktioniert. Wenn ein Anwalt oder ein Richter nicht ausreichend in einem Medium geschult ist, wie z.B. in den visiuellen Medien, dann sollte dieses Medium nicht für das Kreuzverhör verwendet werden. Und wenn es nicht in dieser Weise angewendet wird, ist das System der Prozesgegner nicht wirklich funktionsfähig. Das Problem, das ich mit dem King-Fall habe, ist, dass es die Verteidigung zu einfach hatte. Wenn ein Staatsanwalt mit der selben Fähigkeit, Geschichten zu erzählen und der selben Medienkompetenz um das Urteil der Geschworenen gekämpft hätte, dann hätten wir meiner Ansicht nach einen anderen Prozessausgang erlebt.

J.S.: In anderen Ländern, vor allem in Kanada, ist Medienkompetenz bereits seit langer Zeit Teil der Ausbildung. Medienkritiker in diesem Lande haben sich längst dafür stark gemacht. Wann werden wir dies also auch in den USA sehen?

R.S.: Die USA hinkten der Welt in punkto Medienkompetenz schon immer hinterher. Leute mit paranoiden Fantasien mögen hier Erklärungen anbringen, wieso dies der Fall ist und wer hier die Kontrolle besitzt. Ich weiß es nicht. Für mich ist eine der Zielvorstellungen, dass, wenn man in einer Demokratie lebt, man einen sinnstiftenden Informationsfluss benötigt. Einen bedeutungsvollen Austausch. Dies war seit jeher einer der Grundsätze der Regierung seit der Staatsgründung. Sie können keine florierende Demokratie haben, wenn die Menschen nicht ausreichend informiert sind. Insbesondere wenn man den verzerrenden Einfluss des Fernsehens berücksichtigt, denke ich, dass Medienkompetenz grundlegend für eine informierte Wählerschaft ist, und informierte Geschworene. Und wenn Sie auf Bilder reagieren, weil sie Sie an einen Film erinnern oder sie eine gefühlsmäßige Reaktion hervorrufen, die auf einer Werbung basiert, die Ihnen gefällt, dann steht das nicht im Einklang mit dem Ideal eines abwägenden Diskurses, den wir anstreben sollten.

J.S.: Damit haben Sie einen weiteren Grund angeführt, wieso Medienkompetenz unterstützt werden sollte: sie befähigt Bürger, besser zur Rechtssprechung beizutragen.

R.S.: Das stimmt. Ich denke, dass der Konsum von Informationen der wichtigste Konsumakt ist, den es gibt. Und wenn wir ihn nicht in einer kritischen Art und Weise durchführen, ist unser politisches Schicksal völlig offen – und in Gefahr.

J.S.: Wir stehen am Beginn eines neuen Jahrtausends. Was müssen die Menschen jetzt tun, um zu verhindern, dass aus der Rechtssprechung Popkultur wird?

R.S.: Es hängt direkt mit dem zusammen, was wir gerade über die Kultivierung eines kritischeren Grundhaltung gesagt haben, also Fähigkeiten zu lernen, um das zu interpretieren, was wir sehen. Und natürlich muss der Wille da sein, hinter die bloße Oberfläche der Bilder zu schauen. Eine Sache, die an der postmodernen Ära stimmt, ist, dass es schwieriger wird, zwischen Fiktion und Realität, oder zwischen Fantasie und Realität zu unterscheiden. Bis zu dem Punkt, wo Menschen politische oder juristische Entscheidungen treffen, die keinen Bezug zum realen Leben haben, sondern deren Impuls sie aus dem Fernsehen oder von Filmen ziehen – das ist ein verstörender Gedanke. Einer der Gründe dafür, dass Matrix so ein erfolgreicher Film war, ist vielleicht, weil er diesen Nerv getroffen hat, das wir möglicherweise in einer Welt frei schwebender Bilder leben, und dass es vielleicht egal ist. Wenn es nur Bilder sind, die wir erzeugen und auf die wir reagieren, wenn es nichts weiter gibt, wo man ankommen kann, dann lasst uns einfach diese Reise tun. Es ist wie Quentin Tarantinos Welt in Pulp Fiction: Gewalt ist lustig. Das reale Leben schlussendlich von Unterhaltungswerten abhängig zu machen ist, für meinen Teil, eine erschreckende Sache, wenn es um Politik und Rechtssprechung geht. Im Kino vielleicht nicht, aber in der Politik und Justiz schon. (…)

J.S.: Sie sagen also, dass es irgendwo eine Art von Realität geben muss.

R.S.: Ich behaupte nicht, dass es eine Form von Realität im gewöhnlichen Sinne von beweisbaren objektiven Dingen geben muss. Aber es gibt Bedeutungen und Werte und Glaubenssätze, die wir unterstützen können, auch wenn wir wissen, dass sie konstruiert sind. Sie können einen Film sehen und ihn genießen, in eine Vorlesung gehen und ihn zerpflücken und ihn anschließend noch mehr genießen. Wenn Sie verstehen, wie er erstellt wurde und wie er funktioniert, können Sie ihn am nächsten Tag immer noch sehen und von seiner Kraft verzaubert werden. Irgendwann müssen Sie eine Art von Bedeutung bejahen. Irgendwann. Eine ständige Diät von Desillusionierung nährt einen nicht ausreichend, um ein gutes Leben zu führen. Wir müssen uns klar machen, was unsere Glaubenssätze und Überzeugungen und Werte sind und sie bekräftigen

J.S.: Was würden Sie Kritikern antworten, die sagen: „Nun, Sie sind halt ein Linker, Sie sagen, dass die Gesellschaft auseinanderfällt, dass Rechtssprechung und Medien und Unterhaltung und Realität alle durcheinandergewürfelt werden, aber eigentlich war es schon immer so. Menschen haben sich immer Fiktion und Fantasie zugewendet, um ihr eigenes Leben zu verstehen und zu interpretieren.“

R.S.: Ich denke, das ist richtig. Ich stimme zu. Aber wir müssen die verschiedenen Dinge, die wirken, kennen. Die Frage ist nicht: „Können wir die Fiktion aus unserem Leben tilgen?“. Die wichtigere Frage ist: Welche fiktionalen Interpretationen haben reale Konsequenzen in Politik und Rechtssprechung, wie beeinflussen sie das Leben um uns herum? Wir sollten uns nicht  der Selbsttäuschung hingeben, dass es „nur Fiktion“ ist, oder „nur ein Bild“, lasst uns die Reise antreten, weil es so eine tolle Erfahrung ist. Ich bin nicht gegen Stimulierung der Sinne, aber ich möchte nicht, dass das Leben eines Menschen in einem Mordprozess davon abhängt.

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Dazu passt auch der Artikel „The CSI Effect“ in U.S. News & World Report (2005), den ich dann Euren Englischkenntnissen anheim gebe. :-) Er verdeutlich auf jeden Fall noch mal, welch verheerende Wirkung die ganzen gescripteten und inszenierten Crime-Storys im Fernsehen auf die reale Rechtssprechung haben.

(…) Stoked by the technical wizardry they see on the tube, many Americans find themselves disappointed when they encounter the real world of law and order. Jurors increasingly expect forensic evidence in every case, and they expect it to be conclusive.

“Your CSI moment.” Real life and real death are never as clean as CSI’s lead investigator, Gil Grissom, would have us believe. And real forensics is seldom as fast, or as certain, as TV tells us. Too often, authorities say, the science is unproven, the analyses unsound, and the experts unreliable. At a time when the public is demanding CSI -style investigations of even common crimes, many of the nation’s crime labs–underfunded, undercertified, and under attack–simply can’t produce. When a case comes to court, “jurors expect it to be a lot more interesting and a lot more dynamic,” says Barbara LaWall, the county prosecutor in Tucson, Ariz. “It puzzles the heck out of them when it’s not.” (…)

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