Jan
20
2010

Wie man sich gegen Reklame, PR und andere Propaganda zur Wehr setzt – Teil 2/2

Dies ist Teil 2 meiner gestern begonnenen Übersetzung des Artikels „Counter-Propaganda Axioms“. (>> Teil 1)

Grundsatz 2: Wenn sie es herunterspielen, dreh auf/bohr nach („intensify“)

schlachDieser Grundsatz empfiehlt Wachsamkeit, Wissbegierde und aktives Engagement als angemessene Reaktion in manchen Situationen.

Überzeuger verschweigen oft die Nachteile, Probleme und negativen Auswirkungen, die im Zusammenhang mit ihren Angeboten stehen. Menschen, die in Firmen oder Regierungen an den Hebeln der Macht sitzen, versuchen oft, ihre Fehler, Inkompetenz, Verbrechen und Missbräuche zu vertuschen.

Die Motive für solche Auslassungen sind schwierig zu bewerten. Selbst wenn keine bösartigen Motive vorliegen, wird jeder versuchen, sich so gut wie möglich darzustellen und seine Schokoladenseite zu zeigen: das heißt, die eigenen „guten Seiten“ herauszustellen und die „schlechten“ herunterzuspielen. Statt sich darüber den Kopf zu zerbrechen, was die Motive oder Absichten der anderen sind, sollten Sie annehmen, dass ihre schlechten Seiten nicht beworben oder offen dargestellt werden. Machen Sie sich mehr Sorgen über die Konsequenzen: deren „Gutes“ muss nicht Ihr „Gutes“ sein.

Beim Kauf von Produkten besteht Nachforschung manchmal einfach im Lesen eines Etiketts, im Preisvergleich, dem Befragen eines früheren Besitzers, dem Gebrauch eines Verbraucherratgebers, Ausprobieren usw. Einige Situationen sind sehr viel komplexer. Verschiedene Intensitäten an Nachforschung sind angebracht: ein Autokauf erfordert mehr Sorgfalt als der eines billigen Schmuckstücks. Betrug, Täuschung, Fehlinterpretationen und Fehler existieren und neigen dazu, im Verborgenen/Dunkeln zu gedeihen. Hier sind wiederholte Beschwerden in er Regel effektiver als Einzelfälle; aufmerksamkeitserregende öffentliche Anprangerungen sind oft effektivere Reaktionen als private Beschwerden. Das quietschende Rad bekommt in der Regel das Öl!

Herunterspielen im politischen Bereich zu durchdringen ist in der Regel erheblich schwieriger. Die meisten Menschen haben nicht die Zeit, das Talent oder die Gelegenheit, komplexen Vertuschungen auf den Grund zu gehen. Aber als Bürger können wir, wenn wir uns dieser Problematik bewusst sind, eine freie Presse, investigative Journalisten, Gesetze zur Offenlegung und die Grundrechte von Reformern und Kritikern unterstützen. Das Establishment versucht normalerweise ihre Kritiker und Reformer als Verrückte, tückische Sonderlinge, unzuverlässige Nörgler, naive Fanatiker, opportunistische Gegner usw. zu bezeichnen. Einige Leute mögen zwar in diese Kategorien fallen, aber die Rolle der Reformer, die Funktion progressiver Kritiker ist es, das „Schlechte“ anzugreifen und oftmals das offenzulegen, was die Führungsschicht gerne unter den Teppich kehren möchte.

Weglassen und „freie Wahl”
Das Weglassen relevanter Informationen beeinflusst unseren Entscheidungsprozess. Wirkliche „freie Wahl“ hängt stark davon ab, dass wir alle Optionen, die gesamte Situation, sowohl die Vorteile wie auch die Nachteile, kennen, so dass wir diese verschiedenen Einflussfaktoren abwägen können, gute wie schlechte. Aus diesem Grunde muss die Information, die wir von anderen erhalten (Werbern oder Politikern) nicht nur der Wahrheit entsprechen, sondern auch adäquat/angemessen sein. Trotz des jüngsten Interesses an irreführenden Weglassungen und politischen Verschleierungen (von Nixons Watergate über Clintons Monica bis hin zu den Irak-Kriegen) hat niemand eine umfassende Analyse der Techniken des Verschweigens vorgenommen. Dennoch gibt es einige nützliche Dinge, die man dazu sagen kann und einige hilfreiche Arten, sich diesem schwierigen Thema zu nähern:

Weglassung – etwas, das nicht gesagt oder nicht getan wird – ist sehr schwer zu analysieren und sehr schwer zu entdecken. Zunächst sollte man nach negativen Folgen und den mit ihnen im Zusammenhang stehenden Gründen schauen. Bedenken sie auch, dass Weglassungen dynamisch sind, nicht statisch [Anm. PM: Hier gibt es im Original noch den Link zu einem weiteren Artikel von Prof. Rank, den ich dann demnächst vermutlich übersetzen werde]. Aussparungen sind Teil des Kommunikationsprozesses, den ALLE Menschen zu ihrem Vorteil zu nutzen versuchen. Auch Empfänger lassen oft Teile weg. sie „filtern“ oder „blockieren“ das „Schlechte“ – die Ideen und Fakten, die sie nicht hören wollen; sie können „selektives Hören“ betreiben, Vorurteile haben oder engstirnig sein, sie können leugnen (oder die Augen vor der Wahrheit verschließen oder sich selbst belügen), indem sie „den Fakten“ oder „der Realität“ nicht „ins Auge blicken“. Konsumenten ignorieren in ihrer Gier nach Besitzt oftmals die Probleme wie Schulden oder sinnlose Käufe. Bürger und Wähler sind oftmals blind für die Schwächen ihrer eigenen Partei oder Politik.

Cui Bono? (Wem nützt es?)

Der grundlegendste Gegenschlag zu jeder wichtigen Weglassung ist Enttarnung/Enthüllung: Wir müssen wissen, wer einen Vorteil davon hat, wer profitiert, wer gewinnt. Cui bono?

Deshalb ist es vernünftig, investigativen Journalismus, Whistleblower [das sind Mitarbeiter von Firmen, die Missstände nach außen hin bekannt machen; Anm. PM] und gute Offenlegungs-Regulierungen zu unterstützen, die von Regierungsstellen im Namen des Allgemeinwohls getroffen werden; durch Gewaltenteilung innerhalb der Regierung (wie Generalinspektoren und Ombudsmänner).

Unlängst hat der amerikanische Bundesgerichtshof in einer 5:4 Entscheidung, in der es um Whistleblower ging, sich dafür ausgesprochen, dass Regierungsmitarbeiter nicht durch das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung geschützt sind. (Lesen Sie sich die unmittelbaren Reaktionen beider Seiten durch – Zitate von Associated Press – und verfolgen Sie die späteren Entwicklung im Internet.) [Anm. PM: Eigentlich eine Sauerei, diese Entscheidung des Gerichts, denn damit wird Duckmäusertum im politischen Bereich gefördert...]


Einige unerwünschte Reaktionen, die eine angemessene Verteidigung für den Einzelnen in gewissen Situationen darstellen, sind:

  • In Frage stellen
  • Beschweren
  • Vergleichen beim Einkauf
  • Klarstellen, Strukturieren
  • Demonstrieren, Streikposten aufstellen
  • Budgetanalyse
  • Prozessieren, Verklagen
  • Sich Reformgruppierungen anschließen
  • Nachforschungen unterstützen
  • Wählen
  • Whistle-blowing
  • Briefe schreiben

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7 Kommentare »

  • An dieser Stelle – ein dickes Kompliment für die außergewöhnliche Güte dieses Blogs!

    Comment | 20. Januar 2010
  • Wie man sich gegen Reklame, PR und andere Propaganda zur Wehr setzt – Teil 2/2…

    Von Peter Marwitz | Konsumpf Dies ist Teil 2 meiner gestern begonnenen Übersetzung des Artikels „Counter-Propaganda Axioms“. (>> Teil 1) Grundsatz 2: Wenn sie es herunterspielen, dreh auf/bohr nach („intensify“) Dieser Grundsatz empfiehl…

    Trackback | 21. Januar 2010
  • Wie man sich gegen Reklame, PR und andere Propaganda zur Wehr setzt – Teil 2/2…

    Von Peter Marwitz | Konsumpf | – Dies ist Teil 2 meiner gestern begonnenen Übersetzung des Artikels „Counter-Propaganda Axioms“. (>> Teil 1) Grundsatz 2: Wenn sie es herunterspielen, dreh auf/bohr nach („intensify“) Dieser Grun…

    Trackback | 21. Januar 2010
  • Leser

    Hallo Konsumpf,
    Ich bin regelmäßiger Leser deines Blogs und finde gut was du so schreibst, aber das Symbolfoto zu diesem Artikel ist denkbar schlecht gewählt wie ich finde…

    Überschrift: Wie man sich gegen Reklame, PR und Propaganda zur Wehr setzt….

    Symbolfoto: Schlach…

    Soll ich es also dem Herren in dem Foto gleichtun?

    Comment | 22. Januar 2010
  • Och, ich finde das Foto eigentlich ganz treffend (sozusagen), schließlich geht’s ja ums Nachbohren, wenn Reklametreibende und Firmen etwas runterspielen. Sooo bierernst ist selbst mein Blog nicht immer. :-)

    Comment | 22. Januar 2010
  • Eberhard

    Hallo PM,
    schön gemacht, so schnell kann man die Welt und die Profession PR verstehen.
    Kleine Anmerkung: mach aus dem q in (Qui bono) ein C (cui bono), dann sind auch die Lateiner zufrieden.
    Viele Grüße
    Eberhard

    Comment | 26. Januar 2010
  • Ah, danke, habe ich gleich mal geändert. Ich hatte halt Französisch und kein Latein in der Schule. :-)

    Comment | 26. Januar 2010

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