Lang lang ist’s her – Mitte der 90er Jahre erstellte ich zusammen mit einem Freund Fake-Anzeigen und Pseudo-Wahlkampfwerbung für eine Zeitungsparodie namens No News Today, an der wir lange Zeit mit Begeisterung schrieben. Ich werde sicher im Laufe der Zeit das eine oder andere daraus auch mal exhumieren und hier im Blog veröffentlichen (einige Artikel stehen schon seit einer Weile auf unserer Kieler Exzess-Website) – den Anfang machen unsere kleinen Wahlkampfanzeigen für diverse Parteien. Diese stellen streng genommen kein Adbusting dar, da wir keine vorhandene Werbung verfremdeten, sondern mit einfachsten Mitteln (bewusst schlicht) das Wesentliche der Parteien in ein, zwei markigen (und sehr doppeldeutigen – manches muss man vielleicht zwei Mal durchlesen oder im Geiste anders betonen, um die wahre Aussage zu erkennen ;-) ) Slogans zusammenfassten. Tatsächlich finde ich, dass unsere Parodien auch heute nichts von ihrer Quasi-Aktualität verloren haben…
Schlagwort: Adbusting Seite 7 von 10
Eigentlich lohnt es sich ja nicht, über so einen erbärmlichen Verein wie die NPD überhaupt etwas zu schreiben. Aber im Zusammenhang mit meinem Posting über die Wahlplakat-Remixe (vor allem der CDU) erscheint mir diese sehr löbliche Aktion der ver.di-Jugend doch berichtenswert. Einige Aktivisten haben nämlich in Dresden, das von den NPD-Gesellen flächendeckend zuplakatiert wurde, Adbusting an deren Plakaten vorgenommen und so die Aussagen richtig gestellt. Die Neue Rheinische Zeitung schreibt dazu: „NPD-Plakate enttarnt – ver.di-Jugend steigt in die Wahlen mit einer Offensive gegen Rechts ein“:
Und warum diese Art des Protestes – warum die „Verfremdung“ der Wahlplakate?
Ringo Bischoff: Die Aktion gegen die Nazis ist Teil unserer aktuellen Kampagne „Was soll Politik?“. Wir sind damit in diesem so genannten “Super-Wahljahr“ gestartet, um zu zeigen, was die Jugend hier im Land von der aktuellen Politik und ihren Macherinnen und Machern hält. Ein wichtiger Teil davon sind unsere Ad-Busting Aktionen.
Ad-Busting?
Ringo Bischoff: Ja genau, das ist der Begriff. Er meint das temporäre Verfremden von Wahlplakaten, und ich sage bewusst „verfremden“, nicht zerstören. Die gesamte Kampagne “Was soll Politik?“ ist gedacht als öffentliche Plattform, eine zeitgemäße Form zu zeigen, was wir – und alle anderen – von der aktuellen Politik in diesem Land halten. Und speziell die Jungen zeigen ihren Unmut eben damit, dass sie die Wahlplakate der Parteien verfremden. Das ist ja auch eine altbewährte Art – das Verändern von Plakaten gibt es ja schon lange, das wird in jedem Wahlkampf gemacht.
Hier ein paar der umgetexteten Exemplare (Fotos: Florentine Sievers), die leider nicht lange hingen, bis sie NPDler entfernten:
Weniger cool war übrigens die Aktion einiger CDU-Plakatierer, die in Rinteln einfach Plakate der Piratenpartei überklebten. Armselig, wie tief diese Alt-Partei inzwischen gesunken ist…
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Holla, Kiel mausert sich ja so langsam zu einer heimlichen Hochburg im Kampf gegen den Kommerz – nach der ebenfalls gelungenen, aber im Rahmen einer Kunstaktion noch „gemäßigten“ Aktion einiger Kunsthochschulstudenten im Juli stieß ich gestern auf ein sehr gelungenes Adbusting direkt an der Straße zum Kieler Hauptbahnhof. Einer oder mehrere Unbekannte haben dabei zwei McDonald’s-Plakate gekapert und aus den Original-Reklamelügen eine passendere Aussage geschält. Beim linken Plakat wurde ein dezentes „?“ hinzugefügt, beim rechten hat man gleich aus „Snack“ „Death“ gemacht. So ergibt das Ganze dann doch mehr Sinn. :-)
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Nun ist es also „endlich“ wieder soweit – wenige Wochen vor der Bundestagswahl plakatieren die Parteien die Städte mit inhaltsfreien, auf dem Mist irgendwelcher PR- und Reklameagenturen gewachsenen, „emotionalisierten“ Slogans. Alles in der (wohl leider berechtigten) Hoffnung, dass der gemeine Bürger und Wähler sich von den Parolen soweit einlullen lässt, dass er die tatsächliche, reale miese Politik der Verantwortlichen, die diese in den abgelaufenen Jahren vorgelegt haben, gnädig vergisst. Bei diesen Motiven bieten sich Parodien (die den wahren Aussagen hinter der Werbefassade deutlich näher kommen als die Originale) geradezu an. Und so hat ein User bei Flickr grandiose 200 Remixe von CDU-Wahlplakaten online gestellt, die teilweise wirklich sehr schön gelungen und unterhaltsam sind. Hier ein kleiner Vorgeschmack:
Andere Parteien bleiben im Netz natürlich auch nicht verschont – so existiert beispielsweise dieses feine Pseudo-Plakat der Grünen:
Und getreu dem unsäglich dummen Motto „Vorfahrt für Arbeit“ ein Plakat für alle Parteien zusammen:
Dazu passt auch der Artikel „CDU-Slogan: Wir haben die Kraft“ der NachDenkSeiten, in dem diese Parole näher analysiert und ausgedeutet wird.
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Ich erweitere meine Linkliste ja regelmäßig um neue Einträge, wenn ich bei meinen Streifzügen durch das Internet mal wieder auf eine interessante Website stoße. Nicht immer erwähne ich dies dann auch explizit an dieser Stelle, aber heute möchte ich doch mal eine Ausnahme machen, denn Bleib passiv! zählt zu den spannendsten Projekten, denen ich in der letzten Zeit begegnet bin. Die Absicht der Initiatoren ist klar umrissen und durchaus mit der meinigen kompatibel:
Dass wir, die Mehrheit der Bevölkerung, die nicht an den entscheidenden Hebeln in Politik und Wirtschaft sitzt, trotzdem passiv bleiben, ist ganz im Sinne der Regierenden und Privilegierten.
Unsere Meinung zu politischen Themen interessiert sie nicht; sie befragen uns nicht in bundes- oder europaweiten Volksabstimmungen, Bürgerbegehren werden weitestgehend erschwert. Stattdessen vermitteln sie uns z.B., dass Forderungen von Gewerkschaften, sozialen Bewegungen oder Bürgerinitiativen unrealistisch seien, dass vermeintliche „Sachzwänge“ Veränderungen unmöglich machten und dass anderswo alles noch viel schlimmer sei und wir uns deshalb zufrieden geben sollten.
(…) Mit dieser Seite wollen wir einerseits die großen und kleinen Skandale dokumentieren, die unser Leben prägen: Die Abhängigkeit tausender Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer von Entscheidungen einzelner, die Gefährdung der Umwelt durch Wirtschaftsinteressen oder die Diskriminierung von Menschen aufgrund willkürlicher Merkmale, um nur wenige Beispiele zu nennen. Andererseits möchten wir aber auch Anregungen geben, wofür und auf welche Art und Weise es sich lohnt, selbst etwas zu unternehmen: mit Aktionsberichten, -formen und -ideen.
Dabei beschäftigt sich Bleib passiv! mit den verschiedensten Facetten des gesellschaftlichen Umbaus und des Widerstands und damit logischerweise z.B. auch dem Lobbyismus oder der Konsumkritik. So wurde unlängst sogar das Thema Adbusting behandelt: „A wie Adbusting“ – und dabei sind auch eigene Adbusts und Grafiken entstanden:
EDIT: Wie mir Roman von Bleib passiv! grad mitteilte, ist das Consumers behind bars-Bild lediglich von ihm fotografiert, die Grafik selbst stammt von einem unbekannten Künstler. Soviel Zeit muss sein. :-)
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Der Kampf gegen die Aufdringlichkeit von Werbung und der Penetranz der Reklame findet schon seit längerem nicht nur in dem besonders betroffenen anglo-amerikanischen Raum, in dem der Begriff „Adbusting“ schließlich geprägt wurde, statt sondern mittlerweile fast weltweit. Neuestes Beispiel – eine schöne Aktion in Madrid, bei der eine Gruppe von Culture Jammern insgesamt 32 Plakate an einer Einfallsstraße der Stadt bearbeitet hat. Mit einer im Grunde einfachen Idee, nämlich dem Aus-X-en der Werbebotschaft, wird ein, wie ich finde, sehr interessanter Effekt erzeugt – plötzlich fällt dem Betrachterauge wieder auf, womit es normalerweise jeden Tag ungefragt bedrängt wird, und bereits dieses schlichte Durchstreichen sorgt für ein mentales Aufatmen. Ich frage mich allerdings, wie die das wohl praktisch hinbekommen haben, da die Tafeln teils doch recht hoch angebracht sind – Respekt vor so viel Einsatz! [via Escrito en la pared und Alberto de Pedro]
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Na sowas, solche Art von reklamekritischen Aktionen kennt man doch sonst nur aus Berlin – Studenten der Kieler Mutesius-Hochschule für Kunst und Gestaltung haben in der Stadt 22 Motive aufgestellt, bei denen der Betrachter zum Reflektieren über die Anreize, die von normaler Werbung und der üblichen Kaufpropaganda ausgehen, gebracht werden soll. Noch bis Donnerstag hängen diese Plakate, danach werden sie leider übergepinselt und wieder mit den üblichen dämlichen Parolen irgendwelcher Fastfoodketten, Autohersteller oder Fernsehsender zugekleistert. Wenigstens für eine Woche konnte in Kiel so wenigstens mal ein wenig Raum für abweichende Gedanken geschaffen werden. Siehe dazu die beiden erstaunlich konsum- und werbekritischen Artikel in den Kieler Nachrichten „Plakate mit Hintersinn“ und „Außergewöhnliche Plakataktion von Muthesius-Studenten in Kiel“, in denen es auch noch weitere Exponate zu bewundern gibt:
(…) Zum Beispiel den von Sonja Dierk, der in der Kirchhofallee 47 hängt, und auf dem lediglich die Zeile „erhältlich nur noch bis zum 30.07.2009“ abgedruckt ist. „Obwohl wir genau wissen, dass unser Konsumverhalten durch Kaufanreize beeinflusst wird, fallen wir trotzdem immer wieder darauf rein. Ich habe einen dieser klassischen Anreize herausgegriffen und präsentiere diesen auf meiner Plakatfläche, ohne ein Produkt abzubilden“, führt die 27-jährige aus. „Der Betrachter wird sich fragen, was denn genau nur noch bis zum 30.07.2009 erhältlich sei. Meine Intention ist es, dass sich der Betrachter dieser Anreize wieder bewusst wird und seine Kaufentscheidungen überdenkt.“
(…) Neben sprachlich ausformulierten Botschaften finden sich darunter auch abstrakte Entwürfe wie der von Lisa Fischbach. Die 22-Jährige spielt auf ihrem Plakat in der Saarbrückenstraße mit den verlockenden Preisangaben, die auf ein Produkt Appetit machen sollen. Auf Fischbachs Entwurf erscheinen sie bunt durcheinandergewürfelt und so verunschärft, dass sie wie ein Suchbild wirken. „Ich wollte dieses spezielle Rauschen einfangen, von dem wir Konsumenten heute umgeben sind“, sagt die Studentin.
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Nachdem ich mir nach dem gestrigen Posten der aktuellen Nicht-Anzeige des Greenpeace Magazins von einem Kommentator anhören musste, ich würde gemeinsame Sache mit der Fleisch- (und sogar Chemie-)Industrie machen, weil ich es gewagt hatte, Biofleisch für nicht ganz so schlimm wie das aus reiner Industrieproduktion zu halten, hier ein anderes Adbusting zu diesem Thema, das vor allem das Elend des Tiers in den Mittelpunkt stellt – und die (Mit-)Verantwortung von McDonald’s und den anderen Burgerbratbuden für den unsinnig hohen Fleischkonsum weltweit thematisiert, all deren lächerlichen Imagekampagnen und „Qualitätsoffensiven“ zum Trotz. (Leider weiß ich nicht mehr, wo in den Weiten des Netzes ich dieses schöne Bild gefunden habe.) Natürlich ist auch dies keine Anzeige, sondern eine Parodie…
EDIT: Und weil’s so schön zum Thema und zur gestrigen Diskussion passt, hier noch ein Verweis auf den Artikel von Klaus Werner-Lobo auf jetzt.de – „Kühe, die subventionierten Klimakiller“:
Was haben Adidas, Aldi, BMW, Carrefour, Clarks, Gucci, Honda, IKEA, Lidl, Makro, Nike, Reebok und Timberland mit Kühen zu tun? Und was mit dem Klimawandel? Sie alle wurden diese Woche von Greenpeace beschuldigt, zu einem erheblichen Teil mitschuld an der Abholzung brasilianischer Regenwälder zu sein. (…)
1,3 Milliarden Rinder werden auf der ganzen Welt für die Fleischgewinnung gemästet. Rund die Hälfte des weltweiten Getreideanbaus ist der Viehfutterproduktion vorbehalten – das sind jährlich 600 Millionen Tonnen. Würde man dieses Getreide nicht für die Fleischgewinnung, sondern als Lebensmittel nutzen, könnten damit zehnmal soviele Menschen ernährt werden. Man bräuchte also lediglich ein Zehntel der landwirtschaftlichen Fläche, um genauso viele Menschen täglich satt zu machen.
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Die Rückseite des aktuellen Greenpeace-Magazins ziert wieder einmal eine sehr schöne Nicht-Anzeige, quasi ein Adbusting, in dem es diesmal um die Produkte der Rügenwalder Mühle geht, die in ihren peinlichen Reklamekampagnen vorzugsweise Naturnähe und ländliche Idylle vorgaukelt. Die Realität sieht leider anders aus… Ich hoffe, keiner meiner Leser ist so naiv und glaubt, dass diese Firma ein kleiner, beschaulicher Bauernhof mit glücklichen Kühen ist? Nicht mal ihr Symbol, die Mühle, existiert wirklich!
Keine Anzeige:
Rügenwalder Mühle 4x mit!
Mit Fleisch aus Massentierhaltung
Mit Natriumnitrit (E250)
Mit Zucker
Mit Gensoja im TierfutterNatürlichkeit liegt im Trend, also macht die Rügenwalder Mühle jetzt auch mal ein bisschen auf “pur” und lässt vier überflüssige Zusatzstoffe weg. Aber selbstverständlich liefert ihnen Deutschlands umsatzstärkste Wurstmarke weiter echte Massenware – aus Agrarfabriken, in denen Tausende Schweine industriell gemästet werden
“Achten Sie doch meinetwegen auf Bio-Qualität. Ich tu’s nicht.” – Jörg Pilawa –
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„Werbung ist das am weitesten verbreitete und stärkste aller mentalen Umweltgifte.“
– Kalle Lasn, „Culture Jamming“
Eine Rezension für dieses Buch zu schreiben fällt mir nicht ganz leicht. Normalerweise regen einen gute Bücher ja zum Nachdenken an, vielleicht sogar mal zum UMdenken in dem einen oder anderen Detail. Dass ein Buch jedoch einen so großen „Impact“ hat, dass ich mit Fug und Recht behaupten kann, es hätte mein Leben verändert, ist extrem selten. Kalle Lasns „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“ ist solch ein Buch. Schon seit Jahren trieb mich ein wachsendes Unbehagen über die Entwicklung um mich herum um, was die zunehmende Ausbreitung von Reklame und Kommerz angeht, ohne dass ich genau den Finger auf diese schwelende Wunde legen konnte. Aber nach nur wenigen Seiten Lektüre von „Culture Jamming“ wurde mir bewusst, dass hier jemand genau die Gedanken zu Ende gedacht hatte, die mich so lange bedrängten und (oft unbewusst) beschäftigten – meine Abscheu gegenüber der immer aufdringlicheren Dummbräsigkeit von Werbung übler Firmen, mein wachsender Unmut gegenüber den nur noch auf kommerziell verwertbare „Events“ ausgelegten Medien – der „Welt des Spektakels“ –, mein Unwohlsein angesichts der voranschreitenden Uniformität der (Waren-)Welt, all dies thematisiert Lasn in seinem bahnbrechenden Buch scharfsinnig und pointiert, fundiert und unterhaltsam.
„Culture Jamming“ ist in vier Bereiche aufgeteilt, die nach den Jahreszeiten Herbst Winter, Frühling und Sommer benannt sind und in der entsprechenden Logik auch den Zustand unserer Gesellschaft und unseres Wirtschaftssystems beschreiben. Zu Beginn umreißt Lasn den Ist-Zustand („eine Bilanz des Schadens“, wie er schreibt), der in einer alle Lebensbereiche durchziehenden Kommerzialisierung besteht, in einer wachsenden Macht von immer größer werdenden Unternehmen und einer siechenden Natur. „Winter“ ist eine noch zugespitztere Darstellung – „Amerika in einer Konsumtrance“. Lasn verwendet America™ nur noch mit dem Trademarksymbol, um zu zeigen, dass die Konzerne es sind, die das Geschick des Landes leiten und dass der amerikanische „way of life“ wie ein (sehr erfolgreiches) Produkt den Globus überzieht und überall den gleichen Schaden beim Menschen wie der Umwelt anrichtet.
Ist also alles schon zu spät? Nein, in „Frühling“ erwachen die Menschen allmählich wieder zum Leben – es regt sich Widerstand. Ausgehend von den Situationisten in den 60er Jahren in Frankreich, die eine der geistigen Grundlagen für Culture Jamming und Adbusting gelegt haben (kleine Erklärung dieser Begriffe hier), zeigt Lasn, dass es schon immer Widerstand gegen die Vereinnahmung des Lebens durch die Wirtschaft gegeben hat, vor allem in der Kunst- und Musikszene. In den letzten Jahren und Jahrzehnten entsteht aber auch Widerstand konkret gegen Kampagnen und Reklame, Menschen fangen an, die „bequemen und abstumpfenden Muster zu durchbrechen, denen wir verfallen sind“. Im Culture Jamming geht es laut Lasn darum, „den Strom des Spektakels so lange anzuhalten, bis man sein System neu eingestellt hat. Debord nannte das ‚die alte Syntax durchbrechen‘ und durch eine neue ersetzen.“ Tatsächlich hörte ich in diesem Buch zum ersten mal von solch konkretem und teils „organisiertem“ Widerstand gegen die Ansinnen der Konzerne und der Reklame und war selbst von dieser Vorstellung sofort elektrisiert. Im weiteren Verlauf des Buches stellt Lasn dann das Adbusting, also das Karikieren, Ins-Gegenteil-Verkehren von Anzeigen und Werbespots vor und zeigt, dass sich hier eine vitale „Szene“ entwickelt hat.
„Sommer“ ist schließlich der Aufruf, selbst aktiv zu werden, etwas zu unternehmen und mit Änderungen auch im eigenen kleinen Bereich zu beginnen – und zu versuchen, auch andere Menschen „zu wecken“. Kalle Lasn spricht sich dafür aus, die Wut, die viele Menschen angesichts der momentanen Situation befällt, zu nutzen, um sich zu wehren und die Macht der Konzerne anzugreifen. Er regt zu Akten des zivilen Ungehorsams an und dazu, sich von Firmen nicht alles bieten zu lassen (bei ungebetenen Werbeanrufen soll man beispielsweise das Gegenüber um seine private Telefonnummer bitten, man werde dann später zurückrufen). Es geht ihm auch darum, vieles von dem, was uns die Reklameindustrie als „cool“ einzureden versucht, nicht mehr als „cool“ dastehen zu lassen – Dinge wie Fastfood oder überteuerte, unter üblen Bedingungen hergestellte Sportschuhe von Nike sind nicht „cool“, sondern schädlich und peinlich. Von daher verfolgt der Autor durchaus auch ein idealistisches Ziel, nämlich, das Bewusstsein der Leute für diese Missstände zu wecken und sie so zu einer Verhaltensänderungen anzuregen.
Das größte Plus von Lasns Buch ist für mein Empfinden der latent anarchische und vor allem proaktive Ansatz – hier wird also nicht nur abgehoben in theoretischen Sphären über Phänomene diskutiert, sondern es findet eine unmittelbare Aktivierung des Lesers statt – zumindest war dies bei mir der Fall. Sofort hat man Lust, mal sein Einkaufsverhalten zu überdenken und den ganzen überflüssigen und meist auch noch ungesunden Quatsch der großen Konzerne von seinem Einkaufszettel zu streichen. Oder Reklame so weit wie möglich aus dem eigenen Leben zu verbannen. Den Fernsehkonsum zu reduzieren, insbesondere den privater Sendeanstalten (deren Programm eh nur eine Dauerwerbesendung mit kurzen Anmoderationen darstellt). Rauszugehen und die Kommerzbotschaften der Firmen lächerlich zu machen. Widerstand zu leisten gegen die scheinbar unaufhaltsame Kommerzialisierung des gesamten Lebens. Oder auch einen Blog wie diesen hier ins Leben zu rufen. :-) Es gäbe noch viel mehr zu diesem Werk zu sagen, aber ich empfehle einfach, es mal selbst zu lesen, um den Kopf ein wenig frei zu bekommen, und sich auch mal die Website des kanadischen, von Lasn herausgegebenen Adbusters Magazine anzuschauen.
Fazit: „Culture Jamming“ ist ein wichtiges Buch, das jeder, der am aktuellen (Konsum-)Leben teilnimmt, gelesen haben sollte. Es schärft den Blick und motiviert zum selbstständigen, kritischen Denken, hilft bei der Befreiung von Konzernverkleisterung via Werbung und Imagekampagnen – und es animiert zum Aktivwerden und Widerstand leisten und macht Mut. Was will man mehr?
Kalle Lasn: „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung“, orange press, 3. Aufl. 2008, 224 S. + 16 Farbseiten, 20,– €



























