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Geheimoperation Wasser – EU fördert Wasserprivatisierung

Langezeitleser meines Blogs wissen sicherlich, dass ich dem Privatisierungswahn, der Politik und Kommunen befallen hat, sehr kritisch gegenüber stehe. Ich denke nicht, dass Dienste und Güter des alltäglichen Lebens in die Hönde von privatwirtschaftlichen Unternehmen gehören, um daraus das Maximum an Profit zu ziehen. Zwar spülen die Verkäufe von Stadtwerken oder Verkehrsbetrieben den Kommunen kurzfristig Geld in die klammen Kassen, jedoch ist damit das Eigentum der Bürger der markwirtschaftlichen Verwertungslogik zugeführt worden, was selten wirklich positive Effekte hat, wie man an der Entwicklung der Wasserversorgung oder Bahnbetriebe z.B. in England sehen kann. Dass nun die EU plant, die Privatisierung der städtischen Wasserwerke europaweit zu fördern, ist ein Schlag ins Gesicht – was geschieht, haben auch Dokus wie „Water makes money“ gezeigt.

Die ARD-Sendung Monitor berichtete in „Geheimoperation Wasser – Wie die EU-Kommission Wasser zur Handelsware machen will“ über die neuesten Pläne der Brüsseler Bürokraten und der Lobbyisten der großen Konzerne:

Die EU verpflichtet die Krisenländern Portugal und Griechenland, Teile ihrer Wasserversorgung zu privatisieren. So soll möglichst schnell möglichst viel Geld in die maroden Staatshaushalte gespült werden. Weder Griechen noch Portugiesen wollen das. Denn die Erfahrung zeigt: Wo Wasser privatisiert wird, steigen die Preise und sinkt die Qualität. Doch die EU-Kommission geht noch einen riesigen Schritt weiter: Mit einer neuen Richtlinie sollen europäische Kommunen – mithin auch deutsche – gezwungen werden, private Unternehmen ins Wassergeschäft einsteigen zu lassen. So soll die Wasserversorgung europaweit privatisiert werden. Ein Milliardengeschäft für multinationale Konzerne, für das deren Lobbyisten in Brüssel jahrelang gekämpft haben

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Lesetipps: Überwachungsstaat USA | Freiheit | Anarchismus | Arbeit | Faire Klamotten | Unnütze Geschenke

Das Jahr 2012 ist vorüber, und so mancher von mir gebookmarkte Artikel ist nicht in meinen Lesetipps aufgetaucht. Da es um einige Beiträge schon ganz schade wäre, will ich mal einige vor der „Jahresklippe“ retten. Den Anfang macht allerdings etwas ganz aktuelles – die Zeit berichtet über den Kongres des Chaos Computer Club, und dort über drei Whistelblower aus den USA, die aufzeigen, wie weit die Überwachung dort inzwischen gediehen ist. „Die USA haben ohne Not auf die dunkle Seite gewechselt“:

Der Überwachungsstaat ist keine Fiktion, sagen drei, die für US-Regierung und NSA arbeiteten. Beim Kongress des CCC erzählen sie, warum sie Whistleblower wurden.

(…) Sie reden über ihre Angst, dass in den USA und anderen Ländern Überwachungsstaaten errichtet werden, die jeden verdächtigen und die keine Rechte mehr achten. Sie reden darüber, dass sie verfolgt wurden wie Kriminelle, weil sie auf Rechtsbrüche und Gefahren aufmerksam machten und darüber, dass diese unselige Verwandlung von Staaten längst geschieht. (…)

Drake berichtet, dass die NSA nach dem 11. September 2001 begann, ihre Augen und Ohren auf die eigenen Bürger zu richten. Unterstützt vom Weißen Haus habe der Geheimdienst die Verfassung gebrochen und begonnen, alles und jeden zu überwachen. Drake gehörte zu jenen, die eines dieser geheimen Spionageprogramme publik machten, das sogenannte Projekt Trailblazer. Fortan war auch er ein Krimineller, der sich einer zehn Punkte langen Anklage gegenüber sah. (…)

Dazu passt auch der Beitrag „Freiheit auf dem Prüfstand“ aus Le Bohémien, in dem es um die Sicherheitsvorstellungen der Deutschen und dem alten Spannungsfeld von Freiheit zu Sicherheit geht:

Gibt es noch Zweifel? Wir erleben eine Renaissance des Ordnungs- und Überwachungswahns. Die Meldung, dass 80 Prozent der Bundesbürger eine Ausweitung der Videoüberwachung an Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen befürworten, die – wen wundert es – auch Innenminister Hans-Peter Friedrichs durchsetzen will, bestätigt da nur einen Trend. Das Ergebnis dieser Umfrage fügt sich nahtlos ein in die Tendenz zunehmender Reglementierung und schärferer Verbote. (…)

(…) Dieser Zeitgeist offenbart sich in Form von Vorratsdatenspreicherung, Fingerabdrücken auf biometrischen Ausweisen, der unkontrollierten Verwertung persönlicher Daten und einer immer kleiner werdenden Privatsphäre bei gleichzeitig wachsenden Gated Communities. Neben einer wieder steigenden Tendenz behördlicher Verdordnungen, Verboten oder Überwachungen also (auch im Internet), erleben wie die Rückkehr einer Form des Biedermeiertums, die genau dies wünscht – und zwar quer durch alle Milieus und Schichten. Zustände wie in Orwells “1984″ mögen uns noch nicht bevorstehen, doch in einer Epoche der Restauration befinden wir uns allemal – die Zeiten sozialliberaler Befindlichkeiten sind entgültig vorbei.

Erst auf den zweiten Blick fällt das wirklich verstörende an der gegenwärtigen Debatte um mehr Videoüberwachung auf: Es geht gar nicht mehr um das “Ob”, sondern nur noch um das “Wie” der Ausweitung. Aus Reihen der Regierungskoalition äußerte sich einzig und allein Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger, immer wieder eine der wenigen Zeitgenossen ihrer Partei, die den Liberalismus noch ernst nehmen, skeptisch. (…)

Und auch der Focus brachte mit „Die geheimen Mächte im Internet“ einen Artikel, in dem es um die das Internet bestimmenden Großkonzerne und ihre Verbindungen zu Regierungen und sogar Geheimdiensten geht (auch wenn die reißerische Überschrift ein bisschen nach Verschwörungstheorie riecht):

Fast eine Milliarde Menschen posten bei Facebook mittlerweile, wen sie kennen, was ihnen gefällt, was sie gerne tun, welche Pläne sie für die Zukunft haben und was sie über aktuelle Entwicklungen in Politik und Gesellschaft denken. Das ist ein Siebtel der Menschheit. Facebook besitzt also die größte Ansammlung privater Daten aller Zeiten – und jeder Nutzer gibt diese Daten freiwillig her. Vielen dürfte inzwischen bewusst sein, dass dies der eigentliche Preis ist, den sie für das soziale Netzwerk und andere Dienste im Netz bezahlen. Und solange Firmen wie Facebook und Google die exklusiven Informationen nur dazu nutzen, individuell zugeschnittene Werbung zu produzieren, scheint dies für viele Nutzer ein angemessener Preis zu sein.

Doch was, wenn es nicht bei Werbung bliebe? Was, wenn die Facebook-Daten in die falschen Hände gerieten? Zum Beispiel in die Hände staatlicher Einrichtungen und Sicherheitsbehörden. Würden die meisten Menschen einem Geheimdienst genauso freiwillig über ihr Privatleben berichten, wie sie es gegenüber Facebook und Google tun? Wohl kaum. Doch genau das geschieht bereits.
(…)

Nun aber mal zu etwas Schönem – Weihnachten. Geschenken. Konsum. Ich hoffe, Ihr habt die Feiertage diesbezüglich eher ruhig angehen lassen? Dass das Problem mit übersteigertem Kaufverhalten nicht erst eins der modernen Konsumgesellschaft ist, zeigte die Zeit in ihrem Text über die „SPUG – Die Gesellschaft zum Schutz vor unnützen Geschenken“:

Vor 100 Jahren kämpfte Eleanor Belmont in den USA dafür, Weihnachten vom übermäßigen Konsum zu befreien. Ihre Botschaft ist heute so aktuell wie damals. (…)

Im November 1912 hielt der ehemalige Broadway-Star Eleanor Belmont, geborene Robson, in New York eine Rede, die das Leben von Arbeitnehmern “nicht nur in den Großstädten, sondern auch in den Städten und Weilern” der USA verändern sollte. Ihre Rede führte zur Gründung der Society for the Prevention of Useless Gift Giving, der Gesellschaft zum Schutz vor unnützen Geschenken – kurz SPUG. Belmont hatte es sich in den Kopf gesetzt, die Welt vom Konsumterror zu befreien. (…)

Das Thema fairer Konsum ist mittlerweile auch in den großen Medien angekommen, wie man am Artikel der Süddeutschen Zeitung sehen kann – „Tipps zum Klamottenkauf – Fair einkaufen leicht gemacht“. Ich finde es durchaus erfreulich, wenn auf diese Weise auch größere Bevölkerungsschichten wenn schon nicht grundlegend sensibilisiert, so doch wenigstens ab und an mal damit konfrontiert werden, ihre Einkaufsgewohnheiten kritisch zu beleuchten.

Made in China, made in Indonesia, made in Bangladesh: So steht es auf den meisten Etiketten. Darüber, unter welchen Bedingungen die Kleidung hergestellt wird, sagt das nichts aus. Der Kunde kann trotzdem herausfinden, wie die Ware produziert wurde – sogar mit relativ wenig Aufwand. (…)

Beim Online-Shopping hilft zum Beispiel die Browser-Erweiterung “Avoid”, in dem sie Hosen und Hemden ausblendet, die durch Kinderarbeit entstanden sind. Ob bei Asos oder Amazon: Die App lässt alle Angebote von Firmen verschwinden, die nach der Liste des gemeinnützigen Vereins “Earthlink” in Verbindung mit Kinderarbeit gebracht werden. Statt des neuen Kleids erscheint im Shop dann ein weißes Feld – in manchen Online-Shops führt das zu erschreckender Leere.

Auf Websites wie dem Future Fashion Guide helfen spezielle Suchmasken beim Einkauf. Kunden können hier zwischen verschiedenen Kriterien wie “lokal produziert”, “sozial engagiert” oder “Bio-Materialien” wählen und gleichzeitig angeben, nach welchem Kleidungsstil sie suchen. Auf der Seite erscheinen dann mehrere Shops, die den ausgewählten Eigenschaften entsprechen. (…)

Der Kauf Dir Deine Welt-Blog zeigte, was passiert, wenn in der Kleidungsproduktion nur auf Preise und niedrige Kosten geschaut wird und die Qualität auf der Strecke bleibt – „Krebs in der Manteltasche – Probleme unseres Kleidungskonsums“:

(…) Doch mit unserem Klamottenkonsum ist noch ein weiteres Problem verbunden – eins, das auch diejenigen kümmern sollte, denen fairer Konsum eigentlich egal ist: Die Kleidungsstücke zahlreicher bekannter Marken enthalten krebserrengende Stoffe. Das hat Greenpeace in einem umfangreichen Test herausgefunden: “141 Kleidungsstücke aus 29 Ländern hat Greenpeace auf Nonylphenolethoxylate (NPE), Weichmacher und krebserregende Amine untersuchen lassen. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse heute mit einer Pressekonferenz und Modenschau in Peking. […] Die getesteten Kleidungsstücke – Jeans, Hosen, Kleider, T-Shirts und Unterwäsche – stammen von Armani, Benetton, C&A, Calvin Klein, Diesel, Esprit, Gap, H&M, Jack&Jones, Levi’s, Mango, Metersbonwe, Only, Tommy Hilfiger, Vero Moda, Victoria’s Secret und Zara. Sie wurden in mindestens 18 Ländern hergestellt.”

Auch wenn darauf hingewiesen wird, dass daraus nicht unmittelbar Gefahren für die Geundheit entstehen, ist das Ergebnis doch erschreckend: “Alle Markenprodukte enthielten NPE, die zu giftigem Nonylphenol abgebaut werden. Die Kleidungsstücke mit den höchsten NPE-Konzentrationen stammen von den Marken C&A und Mango, Levi’s, Calvin Klein, Zara, Metersbonwe, Jack & Jones und Marks&Spencer. Fortpflanzungsschädigende Weichmacher (Phthalate) wurden in hohen Konzentrationen in bedruckten T-Shirts von Tommy Hilfiger und Armani festgestellt. Produkte von Zara enthielten sowohl hormonell wirksame, als auch krebserregende Chemikalien: Hohe NPE-Rückstände fanden sich in einer Kinderjacke aus China, karzinogene Amine aus Azofarbstoffen in Zara-Jeans, hergestellt in Pakistan.” Doch nicht nur in den Klamotten sind die Chemikalien ein Problem, durch Abwasserkanäle gelangen die Stoffe auch in Flüsse und belasten so die Umwelt. (…)

Zum Abschluss noch zwei Grundsatz-Artikel über unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem. Da wäre zum einen „Die Wirtschaft ist ein grausames Spiel“ von Konrad Hausner in The Intelligence:

Auf den ersten Blick wirkt alles so selbstverständlich: Jeder Mensch geht einer Arbeit nach, wird dafür bezahlt und bestreitet mit dem erhaltenen Geld seine Lebenshaltungskosten. Dabei geben wir uns der Illusion hin, dass der Wert der erbrachten Leistungen zumindest annähernd mit denen korrespondiert, die wir im Gegenzug in Anspruch nehmen. Obwohl der technische Fortschritt den Produktionsprozess deutlich vereinfacht und gleichzeitig Unmengen an Energie verbraucht werden, nimmt der allgemeine Komfort regelmäßig ab. Wir stecken in einer Schulden- und Wirtschaftskrise. In der westlichen Welt sind die Märkte mit praktisch allem übersättigt. Doch gleichzeitig fehlt es an Kaufkraft. Gleicht dies nicht dem sprichwörtlichen „Verhungern vor der vollen Schüssel“?

Immer wieder werden wir mit denselben Schlagworten konfrontiert: Das Schaffen von Arbeitsplätzen! Das Beleben der Märkte! Das Befriedigen der internationalen Investoren! Was steckt hinter diesen Konzepten?

Der Arbeitsplatz wird grundsätzlich mit Gelderwerb gleichgesetzt, was wiederum zur Befriedigung der Bedürfnisse vonnöten ist. Stellt jemand die Frage, warum jedes Mitglied einer hochtechnisierten Gesellschaft den größten Teil seiner Lebenszeit arbeitend verbringen muss, setzt er sich erst einmal der Gefahr aus, als „faul“ eingestuft zu werden. Ungeachtet der tatsächlichen Arbeitslosenraten, die offiziellen Zahlen werden sogar noch als „notwendiges Minimum“ bezeichnet. Es bedarf einiger Millionen Arbeitssuchender, um der Wirtschaft jederzeit die gewünschten Arbeitskräfte zuführen zu können. Gegen eine entsprechend niedrige Entlohnung, versteht sich, dass es auch ja niemandem erspart bleibt, einer Vollzeitbeschäftigung nachzugehen. Wir kommen noch darauf zu sprechen, dass schon lange viel zu viel gearbeitet wird. (…)

Und Ad Sinistram sinniert über „Anarchismus oder der beste aller möglichen Staaten“:

(…) Und die Neoliberalen sind genau solche Nihilisten. Sie glauben an nichts, nur an Profite; der Weg zum Profit ist gepflastert mit dem Nichts, denn nichts ist ihnen heilig, nur das Ziel ist der Weg. Braucht man Mord dazu, toleriert man den Mord und nennt ihn Sachzwang; geht es mit Geschenken, schenkt man; ist Aushungern nötig, hungern sie eben aus – winkt bei reichlicher Verpflegung mehr Gewinn, verpflegen sie einen mit einer Fürsorge, dass man vor Ergriffenheit weinen möchte. Dass die Mittel immer mit dem Zweck vereinbar sein müssen, schrieb Stowasser übrigens auch, sei ebenfalls anarchistisches Ideal. Mit Bomben Befriedung zu schaffen sei unsinnig und nicht vertretbar, ganz zu schweigen davon, dass man so keinen Frieden macht, sondern nur Verstümmelungen. Neoliberale sind da nicht wählerisch, sie sind sicherlich pragmatischer als solche, die sich Ideale eingemeißelt haben. Mehr aber auch schon nicht.

Anarchisten haben immer, und tun dies heute noch, die geistige Veränderung der Menschheit postuliert. Die einen meinten, der Anarchismus sei praktikabel, wenn die Menschheit endlich eine neue geistige Entwicklungsstufe erklommen habe, die anderen glaubten: Erst der Anarchismus, dann der menschliche Fortschritt. Zweifelsohne bedarf es einer materiellen Basis. Da ist er sich mit Marx einig. Vor dem Sozialismus kommt der Kapitalismus und die industrielle Massenfertigung. Erst das Fressen, dann die Moral. Die Frage wird jedoch sein, ob wir nicht zu evolutionsgläubig sind. Ist der geistige Fortschritt im Sinne eines Weltethos überhaupt programmiert? Woher nimmt man die Zuversicht, dass der Mensch als Menschheit denken lernt? Scheitert daran der Anarchismus? So wie jedes System wird er das. Der Anarchismus scheitert am ihm immanenten Guten, daran dass er gutgläubig ist – der Neoliberalismus wird daran scheitern, nur an das Schlechte zu appellieren. Am Menschen scheitert es immer, weil er ist, was er ist. (…)

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Gott hat hohe Nebenkosten

Dass die Kirche nicht nur über die Kirchensteuer, sondern auch direkt von allen Steuerzahlern mitfinanziert wird, ist vielen Leuten gar nicht bewusst. So bezahlt man auch als Nicht-Kirchenmitglied deren Umtriebe mit. Die ARD zeigt in ihrer Doku „Gott hat hohe Nebenkosten – Wer wirklich für die Kirchen zahlt“, was für ein Arbeitgeber die Kirchen sind, wofür sie ihr Geld verwenden und dass sie ihren Einfluss trotz schwindender Mitgliedszahlen weiter ausbauen. Ein frohes neues Jahr alle miteinand!

Bernadette K. wurde als Leiterin eines katholischen Kindergartens entlassen, weil sie sich von ihrem Mann trennte und zu einem neuen Partner zog. Ehebruch. Ein Verstoß gegen die Loyalität zur ihrem Arbeitgeber, hatte die Kirche entschieden und ihr gekündigt. Wie Bernadette K. arbeiten weit über eine Million Menschen in sozialen Einrichtungen für die Kirchen – in Kindergärten, Krankenhäusern, Schulen und Altenheimen. Sie alle unterliegen einem besonderen Arbeitsrecht.

Doch wo Kirche draufsteht, ist häufig vor allem Staat drin. Denn für die christlichen Einrichtungen zahlt zum größten Teil die Allgemeinheit. Der Kindergarten, in dem Bernadette K. arbeitete, wird zu 100 Prozent aus öffentlichen Geldern finanziert. Bei Caritas und Diakonie finanziert die Kirche selbst nur noch etwa zwei Prozent des Etats, 98 Prozent trägt die Gesellschaft. Die Allgemeinheit zahlt Milliardenbeträge, aber sie hat nichts zu sagen. Wie kommt es zu diesen Summen? Und wofür gibt die Kirche das eigene, das Kirchensteuer-Geld aus?

story-Autorin Eva Müller machte sich auf die Suche. Sie sprach mit Bernadette K. und den Kirchenvertretern, die ihr kündigten, und sie zeigt an weiteren Beispielen aus dem ganzen Land, welche Sonderrechte die Kirche hat, woher die Kirche ihr Geld bekommt und was sie damit macht.

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Tauschen ist das neue Kaufen | wellYunit

So kurz vor Jahresende will ich doch auch noch einmal einen positiven Akzent setzen, nachdem es 2012 wieder so viel Scheltenswertes gab. Die taz berichtet in „Tauschen ist das neue Kaufen“ über einen sehr erfreulichen Trend in den Niederlanden, der dem Wirtschaftswachstums- und Konsumwahnsinn entgegentritt:

Ob Auto oder Kochkünste – über vieles muss man nicht selbst verfügen, um es zu nutzen. Aus der Krise entwickeln sich unterschiedliche Mini-Ökonomien.

(…) Es gibt einige Initiativen dieser Art. Kleider tauschen, selbst Gemüse anbauen, Kreditunionen von Betrieben, Crowdfunding und Ähnliches erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Und nicht nur in den Niederlanden. Spullendelen.nl beispielsweise, wo man Gebrauchsgegenstände leihen kann, operiert grenzübergreifend auch in Belgien und Deutschland. Bisher haben 5.667 Menschen 4.434 Gegenstände wie Rasenmäher, Leitern, Spaten, Motorsägen, Bohrmaschinen, Kameras, Staubsauger, Autos an Nachbarn, Freunde, Bekannte, Kollegen ausgeliehen. In den Städten Amsterdam, Rotterdam, Den Haag, Nijmegen arbeitet außerdem das neue digitale und bereits preisgekrönte Nachbarschaftsprojekt Peerby.nl. Wer dort Mitglied wird, kann meist teurere Gegenstände (ver)leihen oder (ver)mieten und kommt zudem noch mit Fremden in Kontakt.

Die neue Bewegung sei eine Reaktion auf die finanzielle Krise und die Habgier, erklärt Christine Boland, Inhaberin des Büros Christine Boland Trends & Mindsets, Amsterdam. Die Trendanalystin gehört zu einem Thinktank von zwölf niederländischen Trendbeobachtern, die kürzlich ihre Einschätzung der Zukunft veröffentlicht haben. „Nicht nur die Rezession ist der Grund, worum die Bewegung ein großer Trend wird“, sagt sie, „sondern Menschen sind außerdem enttäuscht, dass Habgier überall so manifest geworden ist.“

Thuisafgehaald.nl ist für die Analystin ein gutes Beispiel für die überall entstehenden alternativen Ökonomien. Denn „so kreiert man eine Mini-Ökonomie, in der Menschen eine Bedeutung für einander haben. Handeln in kleinem Stil, auf lokalem Niveau, dieser Trend wird stets größer. Teilen und tauschen ist kein Hype, sondern eine echte nachhaltige Bewegung“, ist Christine Boland überzeugt. Teilen und tauschen als Reaktion auf eine komplexe, komplizierte Welt, die stets schneller dreht und in der Geld und Gewinn die zentralen Werte waren. (…)

Von einer ähnlichen Idee beseelt ist auch das neue soziale Netzwerk wellYunit, das ebenfalls dem Konsumwahn entgegentritt:

Die Vision von wellYunit

wellYunit möchte als Social Network dazu beitragen, Freude und Glück in das Leben der Menschen und damit in die Welt zu tragen. Auf wellYunit können die Menschen Freude und den eigenen, inneren Wert dadurch entdecken und erleben, dass sie schenken und beschenkt werden. Die Plattform bietet den Raum, die Mitmenschlichkeit auszuleben, die in uns allen steckt und so unser eigenes und das Leben anderer zu beflügeln

Was passiert konkret auf wellYunit?

Die Mitglieder auf der Plattform wellYunit geben oder empfangen Gutes. Das Gute können geliebte und wertvolle Dinge, Tipps und Informationen, kostbare Zeit und Taten sein, die wir in suchende Hände gegeben oder aus wohlwollenden Händen empfangen.
Dieses Geben und Nehmen geschieht vollkommen freiwillig, frei von konsumorientierten und monetären Werten und frei von Erwartungen und Zwängen – einfach, weil wir Spaß daran haben, anderen Freude zu bereiten und weil wir es gut miteinander meinen.

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Weihnachts- und Neujahrsansprache an die Mitte der Gesellschaft

Erwing Pelzig hat in der letzten „Neues aus der Anstalt“-Sendung eine Weihnachts- und Neujahrsansprache gehalten, wie wir sie nie von irgendwelchen Politikern oder anderen Amtsträgern zu hören bekommen werden:

 

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Weihnachten – Turbo-Konsumzeit?

Gehetzte Menschen, die panisch auf der Suche nach den „letzten Geschenken“ sind, mit denen sie zu den Feiertagen die Lieben bedenken, um ihnen irhe Wertschätzung auch auf Euro und Cent genau zu zeigen – solche Wesen trifft man in der letzten Zeit zuhauf in den Einkaufszonen und Konsumtempeln der Städte. Da halte ich es lieber mit den Adbusters, die zum Buy Nothing Christmas aufrufen.

As our planet gets warmer, as animals go extinct, as the humans get sicker, as our economies bail and our politicians grow ever more twisted, we still find ourselves lurching to suck from the breast of the capitalismo machine. This is our solace, our sedative – consumerism is the opiate of the masses.

We’re in a state of “pathological consumption,” George Monbiot explains, “a world-consuming epidemic of collective madness, rendered so normal by advertising and the media that we scarcely notice what has happened to us.”

For those of us who do notice it, who decry it, abstain, and try to eschew capitalism … Christmas is the one time where we suddenly absolve ourselves of this stance, as we feel compelled, by a strange and powerful force within, to join in the momentous, orgiastic ritual of America’s consumerist cult. (…)

Oder die „Null Euro Weihnachten“ der Nachhaltigkeitsguerilla, die in die selbe Kerbe schlagen:

Alle Jahre wieder und dennoch immer wieder unfassbar. Letztens verkündete das Radio die frohe Botschaft: der Einzelhandel atmet auf, die Umsatzzahlen klettern rauf! Endlich strömen die Konsumenten wieder in die Neuzeit-Tempel, um sich mit neuen Winterjacken, warmen Klamotten, Weihnachtsdeko, -gebäck und –geschenken einzudecken. Klimawandel hin oder her, letztere Konsumfallen sind der Fels in der Wirtschaftsbrandung, denn nichts ist in diesen Zeiten so gewiss, wie dass Weihnachten kommt! Deshalb erleben wir jedes Jahr aufs neue eine logistische Punktlandung, wenn uns bereits ab Ende November quietschrote Dekoartikel und Lebkuchen in den Regalen anlächeln.

Doch sollte nicht auch hier mal das Stichwort “Nachhaltigkeit” fallen? Worin liegt der Sinn, jedes Jahr aufs neue Christbaumschmuck, Adventslichterketten und Wintermützen zu kaufen? Früher hatte man seine Winterkiste, die genau einmal pro Jahr aus dem Dachboden geholt, entstaubt und wiederbelebt wurde. Heute scheint diese Tradition nicht mehr zu existieren, traut man den hiesigen Warenbergen in den Läden. (…)

Und dazu passt die schöne Aktion „Zeit statt Zeug“:

Die Energie- und die Klimakrise sind Verwandte. Beide haben sie unmittelbar mit unserem Verhalten als Gesellschaft zu tun. Vor allem aber als Individuum. Unser Konsum bestimmt, was hergestellt wird und wie es hergestellt wird. Welche Rohstoffe dafür verbraucht werden. Vieles kaufen wir, ohne es wirklich zu brauchen. 1/4 der Lebensmittel in Deutschland werden weggeschmissen. 1/3 unserer Kleidung bleibt ungetragen im Schrank.

Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die Zeit, die uns scheinbar davon läuft. Die wir nicht haben, um uns zum Beispiel mit Freunden zu treffen. Wo doch jeder seit Eckart von Hirschhausens Buch “Glück kommt selten allein” weiß, dass es vor allem die sozialen Kontakte sind, die uns glücklich machen – nicht der Konsum.

Der fünfte Schal, das zehnte Parfüm. Es klingt furchtbar banal. Aber Dinge, die wir kaufen und dann besitzen, kosten Zeit, Geld und Ressourcen. Traditionell verschärft sich das alles an Weihnachten noch ein wenig. Dabei denken wir noch, wir tun denen, die wir am meisten lieben, einen Gefallen, wenn wir ihnen Zeug schenken.

Also warum nicht zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Den guten Freunden schenken wir gemeinsame Zeit. Der Welt weniger Verbrauch

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Die Tricks der Pharmaindustrie und ihrer Lobby

Vor einigen Wochen brachte der WDR in der Reihe „Könnes kämpft“ die Doku „Die Pharmaindustrie“. Wenn man sich die zum Teil übertrieben pathetische Musik und albernen, spannungsheischenden Bildschnitte mal wegdenkt eine durchaus interessante Sendung, die vielerlei Facetten des Medizinbusiness beleuchtet, vor allem den Lobbyismus, die Beeiflussung von Ärzten und den sog. „Drehtüreffekt“ zwischen Politik und Wirtschaft. Klar weiß man das irgendwie alles schon, aber dennoch erfreulich, dass solche Fakten auch zur besten Sendezeit (und nicht nur versteckt um 23:45 Uhr!) dargeboten werden. Leider kann man als Einzelner ja herzlich wenig dagegen machen, außer vielleicht nicht gleich bei jedem Wehwehchen in die Apotheke zu rennen. Und Vereine wie LobbyControl zu unterstützen, die an der Aufdeckung der ganzen Verflechtungen arbeiten.

„Forschung ist die beste Medizin“ – der Werbespruch der Arzneimittelhersteller soll den deutschen Patienten in Sicherheit wiegen. Ob Diabetes, Herzrhythmusstörungen oder Schnupfen – gegen alles gibt es mindestens ein Mittel, das Heilung verspricht. Doch das hat seinen Preis: In den allermeisten europäischen Ländern liegen die Kosten für Medikamente deutlich niedriger als in Deutschland. Das gilt auch für Medikamente, die in Deutschland erforscht und produziert wurden.

Dieter Könnes will es wissen: bereichert sich die Pharmaindustrie auf Kosten des Verbrauchers? Spielt die Gesundheit des Patienten keine Rolle im Vergleich zur Rendite? Und warum unternimmt die Politik nichts dagegen? Bei seinen Recherchen lernt Dieter Könnes Menschen kennen, die von teuren Pillen abhängig sind. Und trifft auf der anderen Seite auf viel Lobbyismus und jede Menge Verschwiegenheit.

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Futurzwei – Plattform für zukunftsfähige Ideen und nachhaltige Konzepte

Nach den ganzen negativen und bedrückenden Nachrichten hier wird es mal wieder Zeit für etwas Zukunftsweisendes und Konstruktives – Harald Welzer, seines Zeichen Sozialpsychologe und in den letzten Jahren immer wieder positiv durch seine Kritik am Wachstumswahn und der Wegwerfgesellschaft aufgefallen (siehe z.B. meinen Blogbeitrag „Was bringt die Zukunft?“ von 2009) hat sich von der Theorie in die Praxis gewagt und mit Futurzwei – Stiftung Zukunftsfähigkeit eine Plattform geschaffen, die Ideen, Geschichten und Anregungen für eine lebenswertere Zukunft versammelt und Mut machen soll, den Wandel selbst in die Hand zu nehmen. Auf der originell gestalteten Website von Futurzwei kann man schon jetzt viele positive Beispiele für Bürgerengagement finden, wie z.B. über den „Leihladen“ Leila in Berlin:

Austeilen und Einstecken

100 kleine Dinge lagern im Berliner Leihladen *Leila und warten auf Nutzer. „Nicht Besitz, sondern Zugang“ lautet der Ansatz des ehrenamtlichen Teams.

Wer etwas besitzen will, streift durch die Geschäfte des Prenzlauer Bergs und kauft sein Glück in Tüten. Einen Sinn dafür, wann es genug ist, und einen Mechanismus, der anzeigt „Schluss, jetzt reicht es“ – beides ist weder von der Wirtschaft vorgesehen noch im Gehirn eingebaut. Und obwohl wir mehr als genug konsumieren, obwohl wir von allem mehr haben, als wir jemals ver- und gebrauchen können, trotzdem kaufen, bestellen, ersteigern und ergattern wir besinnungslos weiter. „Ich shoppe, also bin ich“, schreibt der Soziologe Zygmunt Bauman und warnt, dass der Konsum eine höchst einsame Angelegenheit ist.

Wer hingegen nur hin und wieder etwas benutzen und dabei nicht sozial isoliert sein möchte, geht zu *Leila. Diesen Laden hat Nikolai Wolfert – ein viel jüngerer und weit weniger bekannter Soziologe als Zygmunt Bauman – zusammen mit einer bunten Transition-Town-Truppe in drei Souterrain-Räumen im südlichen Prenzlauer Berg eröffnet.

Hier wird nicht gekauft, sondern ausgeliehen und geborgt. Es geht nicht um Besitz, sondern um Zugang: Ob Spielzeug, Freizeit- oder Campingartikel, ob bestimmte Küchenutensilien oder Heimwerker- und Gartenzubehör – hier gibt es viel Nutzbringendes, das man ein- oder mehrmals gebrauchen kann, ohne es gleich sein Eigen nennen zu müssen. Bollerwagen, Leiter, Wok, Keimapparat, Einrad, Frisbee, Isomatte, Lastenrad oder Krücken – alles Dinge, die man nicht permanent benötigt. Sogar ein blaues Mountainbike wurde hier geparkt und wartet auf einen neuen Nutzer. Der Clou: Diese wunderbaren Gegenstände, diese prächtigen Ressourcen, gehören der Allgemeinheit. Denn bei *Leila wird gemeinschaftlich und sozial konsumiert.

Im Leihladen *Leila sitzt Nikolai Wolfert mit einem Glas Holunder-Limonade in der Hand. „Lei“ steht für Leihen und „La“ für Laden, erklärt Wolfert, aber *Leila sei noch mehr, ein sozialer Treffpunkt nämlich. Wolfert und die anderen Initiatoren haben *Leila ganz eindeutig nicht als Geschäft, sondern als einen angesagten Ort des „anderen“ Berlins konzipiert. Umsonstläden und Giveboxes, wo Gegenstände ihre Besitzer wechseln, ohne dass Geld fließt, gibt es schon mehrfach in der Hauptstadt. Doch dort werden die freien Gaben schnell wieder zu Eigentum, nur eben von jemand anderem. Im Leihladen *Leila hingegen wird privates Eigentum in ein Gemeingut überführt. Das ist neu. Und ein Versuch.

„Kein Laden, sondern eine Mitmach-Aktion“, beschreibt Wolfert den Grundgedanken, „Ich bringe etwas, was ein anderer holt und im besten Fall auch wiederbringt, damit ein weiterer es erneut abholen und wiederbringen kann. Die Dinge haben hier eine feste Bleibe, sie kursieren nur kurzzeitig in der Welt, kehren aber wieder in ihre Heimat zurück. Hier im Leihladen schaffen es Menschen, miteinander zu kooperieren.“ Das *Leila-Prinzip ist simpel: Ein jeder kann Mitglied werden. Die Höhe des Beitrages bestimmt man selbst. Indem man mindestens einen Gegenstand in den *Leila-Pool gibt, erhält man die Berechtigung, andere Dinge zu entleihen.

Nicht-Habenwollen, Nicht-Besitzen und Teilen gehören für die Initiatoren zum größeren politischen und ökologischen Projekt des Ausstiegs aus der Überflussgesellschaft: Bei *Leila wird das Privateigentum als universelles Prinzip des Kapitalismus in Frage gestellt. Deswegen führt das Team auch keinen Laden mit herkömmlichem Geschäftsgebaren, sondern „mit Gemeinsinn und so“. Der Soziologe Nikolai Wolfert ist, wie es scheint, bei *Leila für den geistigen Überbau verantwortlich.

Deswegen hat er die Kleine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral von Heinrich Böll an den Eingang gepinnt. Darin wird die Begegnung eines Touristen mit einem Fischer geschildert. Der Fischer, am Hafen entspannt auf das Meer blickend, erhält vom Touristen die Empfehlung, sich doch eine Flotte mit mehreren Booten anzuschaffen. Denn mit solch einer Flotte könne er beruhigt im Hafen sitzen und die Sonne genießen, sagt der Tourist. Aber das könne er doch heute auch schon, lautet die Antwort des Fischers. Und wie der Fischer am Ufer sitzt Wolfert auf seinem Sofa und schaut auf sein Meer von ausleihbaren Gegenständen. In drei Räumen horten sich die Sachwerte zum Teil bis zur Decke und erinnern jeden Gast daran, dass im eigenen Keller ebenfalls zahlreiche Besitztümer auf die Befreiung aus der Bedeutungs- und Verwertungslosigkeit warten.

Wer glaubt, diese Idee sei sentimentaler Sozialkitsch, und Räume mit einem Haufen Kram könnten keine Interessenten anziehen, der irrt. Nach Kundschaft muss hier niemand Ausschau halten. Erst kommt jemand, der was bringt, dann einer, der nur guckt, ein dritter, der zwei Gartenstühle ausleiht, und ein vierter, der sich mal kurz aufs Sofa setzen oder mit Wolfert eine Partie Tischtennis spielen will. Und schon schaut wieder jemand zur Tür herein. Es ist eine Dame vom Stadtteilhaus, die das Sorgentelefon für Senioren betreut: „Nikolai, wir haben da noch so ein kleines Schränkchen, braucht ihr das vielleicht?“ Wolfert ist dankbar für jede Art von Unterstützung: ganz egal, ob materielle oder finanzielle Spenden. Außerdem sucht er ehrenamtliche Mitstreiter und braucht noch einen Telefonanschluss. Telekommunikationsfirmen haben das Teilen wohl noch nicht für sich entdecken können.

Weil hier permanenter Betrieb herrscht, ist der erste Raum des Leihladens – Küche, Büro und Bibliothek in einem – auch mehr ein kommunikatives Zentrum als ein Geschäft. Wer sich mit gesellschaftlichem Wandel, der Transition-Town-Initiative oder mit Permakultur beschäftigen möchte, kann hier eine Auswahl an Büchern einsehen und natürlich sofort mit Wolfert losdiskutieren.

Fünf weitere Ehrenamtliche betreuen neben Wolfert den Leihladen; ein Strauß ihrer gemeinsamen Ideen harrt der Umsetzung. Man möchte künftig Lesungen veranstalten, sich mit dem Thema der Gemeingüter, oder englisch Commons, auseinandersetzen und die Internet-Präsenz zu einem virtuellen Leih-Ring ausbauen. „Es bewegt sich was!“, stellt Wolfert fest und verweist auf die vielen neuen gesellschaftlichen Sharing-Modelle wie Couchsurfing, Carsharing oder Bookcrossing, die vielerorts Anhänger finden.

„Besitz macht besessen“, sagt Nikolai Wolfert, „wir stellen uns unsere Welt mit Kram voll und sind nur noch mit dessen Unterhaltung und Instandsetzung beschäftigt.“ Ja, Besitz belastet. Deshalb bestätigt sich bei *Leila nicht die Tragik der Allmende, sondern hier zeichnet sich der Luxus der Zukunft ab: Gegenseitigkeit und Solidarität.

Und während die Prenzlauer-Berg-Bohème darüber diskutiert, welcher Wohlstand wohl auch künftig Bestand haben könnte, hält Nikolai Wolfert an seiner Holunder-Limo aus dem Mauerpark und seiner Gemeinschaftsutopie des öffentlichen Eigentums fest. Dafür hat er sein soziologisches Beobachtungszentrum für Entprivatisierungsstudien verlegt. In seinen Leihladen.

Dana Giesecke
02. August 2012

Auch die Zeit berichtete über Futurzwei und interviewte Harald Welzer — „Wir sind nicht nett“:

(…) Welzer: Die Akteure, von denen wir erzählen, tun etwas Unerwartbares. Dass wir zu viel Dreck, Mobilität, Emissionen, Ungerechtigkeit hervorbringen, finden wir ja alle bedenklich. Aber in der Regel erschöpft sich das Unzufriedensein darin, dass man mit anderen darüber spricht. Futurzwei interessiert sich für die Leute, die sagen: Ich mache das jetzt anders. Und das ist ja alles andere als leicht. Erwartbar ist, dass man tut, was alle tun, und nicht, davon abzuweichen, wie es etwa das Ehepaar Sladek aus Schönau gemacht hat. Da fingen ein Mediziner und eine Grundschullehrerin eines Tages damit an, ein grünes Energieunternehmen aufzubauen. (…)

Welzer: Bisher sind es nur Storys, die wir sammeln, aber die Hoffnung ist, dass sie sich zu einer anderen Geschichte fügen. Wir wollen die Gegengeschichte zu der unerhört starken Konsum-, Wachstums- und Wohlstands-Geschichte erkennbar machen, die westliche, kapitalistische Gesellschaften über sich erzählen. Unsere Utopie ist, dass wir eine Promotionsagentur für eine soziale Bewegung in Richtung Zukunftsfähigkeit werden, die noch nicht weiß, dass sie existiert. Wir werden glücklich gewesen sein, wenn uns das gelungen ist. (…)

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Goldman Sachs’ Einfluss auf Wirtschaft und Politik

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Verschwörungstheorien gibt es vermutlich seit Menschen die Erde bevölkern und sich untertan machen. In Zeiten des Internets scheinen sie besonders aufzublühen, oder zumindest bekommt man sie einfacher und schneller mit. Mit zum Teil an Sekten erinnernder Hingabe wird da an ziemlich krauses, krudes und leider oft genug revisionistisch-rechtes Zeug geglaubt. New World Order, 9/11, Klimaskeptiker usw. usf., die Liste ließe sich noch lange fortführen, Ihr kennt den Kram sicher auch. Häufig wird auch eine Melange aus allem zusammen für die Wahrheit („truth“) genommen und vehement gegen alle Ungläubigen vertreten. Allerdings, und das macht den Reiz dieser VT sicher auch aus, gibt es auch immer Berührungspunkte zur eher „faktengestützen Realität“. Wer also alle diese Theorien als reines Hirngespinst von Fanatikern abtut, macht es sich eindeutig zu leicht, denke ich. Zumal, wenn es sich um die Geldhäuser dieser Welt dreht, wie z.B. Goldman Sachs.

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Arztpraxen als Profitcenter

Es hat schon was Perverses, wenn man sieht, wie auch das Gesundheitssystem im Laufe der Jahre immer mehr den Gesetzen des sog. „freien Marktes“ unterworfen wurde und somit die gleichen Gesetzmäßigkeiten von Kostensenkungen und Profitoptimierung gelten. Vor einer Weile berichtete Plusminus über eine neue perfide Idee windiger Geschäftemacher – „Arztbesuch: Lukrative Patienten“. Kunden (früher hießen sie „Patienten“) werden also auf daraufhin durchleuchtet, wieviel Geld der Arzt aus ihnen herauspressen kann und dann dementsprechend behandelt (oder abgewiesen).

Wie viel Geld hat der Patient, der auf dem Behandlungsstuhl sitzt? Lohnt es sich, ihm teure IGeL-Leistungen zu verkaufen? plusminus ist auf Software gestoßen, die den Ärzten diese Fragen beantwortet.

Mit spezieller Software können Ärzte die Bonität ihrer Patienten abfragen. Offiziell soll sie helfen, Arztpraxen vor Zahlungsausfällen zu bewahren. Unbezahlte Rechnungen und Mahnverfahren können einen Praxisinhaber langfristig stark belasten.

plusminus konnte einige der Systeme testen. Das Ergebnis bei allen Systemen: Innerhalb von Sekunden kann die Bonität von Patienten abgefragt werden. Der Arzt benötigt dazu lediglich den Name, die Adresse und das Geburtsdatum des Patienten. Die Einstufung wird zum Beispiel durch Ampelsymbole dargestellt: rot heißt, der Patient hat eine schlechte Bonität und ist bei Geldgeschäften auffällig geworden, grün bedeutet, dass alles okay ist.

Für viele Praxen kann das eine gewinnbringende Auskunft sein, denn sie können Patienten mit guter Bonität intensiver und gezielter über sogenannte IGeL-Angebote beraten. Für solche individuellen Gesundheitsleistungen und Zusatzbehandlungen wurden im vergangenen Jahr immerhin rund 1,5 Milliarden Euro ausgegeben.

 

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