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Selbst schuld! Der Discount-Wahn

© salsoul, stock.xchng

Die Zeit „zwischen den Jahren“ gehört ja traditionll den Jahresrückblicken. Würde ich einen solchen auch in meinem Konsumpf-Blog tätigen und dabei die wichtigsten Themen der vergangenen 12 Monate Revue passieren lassen, so wären die Discounter (wie schon in den Jahren zuvor) sicherlich vorne mit dabei. Denn nach wie vor schlagen die Discount- und Billigketten eine Schneise der Verwüstung in die Einzelhandelslandschaft und fachen unnötigen und weltweit schädlichen Konsum an; vom Herumtrampeln auf Sozialstandards und Lohnniveaus hierzulande und anderswo gar nicht erst zu reden.

Nun ist es ja üblich, bei solchen Entwicklungen immer auf die „bösen Unternehmen“ zu schimpfen oder auf die „gierigen Politiker“, die solches Treiben nicht ausreichend sanktionieren. Dies ist zum Teil sicherlich richtig – und man kann sich bequem zurücklehnen und auf „die da oben“ schimpfen, ohne etwas am eigenen Verhalten ändern zu müssen. Dass man es sich als Konsument aber nicht immer ganz so einfach machen kann, thematisierte bereits vor einiger Zeit Sven Hillenkamp in Der ZEIT – im ausgesprochen lesenswerten Artikel „Selbst schuld! Ob Niedriglöhne, Stellenabbau oder Umweltzerstörung: Was uns als Bürger empört, fördern wir als Kunden“ legt er den Finger an eine schwelende Wunde. Denn die Schizophrenie des Konsumenten ist vielerorts kaum zu übersehen – da strömen Abermillionen von Leuten in den Hollywood-Film „Avatar“ und beweinen miteinander das Schicksal des „edlen Wilden“, während sie im klimatisierten Multiplex-Kino sitzend Coca Cola-schlürfend und Nestlé-Eis-essend mit ihren Eintrittsgeldern genau jene Prozesse alimentieren, die in dem Film als „böse“ dargestellt werden, also die Ausbeutung der Natur für den Wohlstand der westlichen Welt. So hat man sich mal für 2, 3 Stunden als mitfühlender Mensch vorkommen können, um anschließend wieder wie gewohnt an den (um)weltzerstörerischen Prozessen mitzuwirken.

(…) Doch scheint es, als täten wir nun das Gegenteil dessen, was wir eigentlich wollten: Wir buchen Flüge zu Preisen, von denen wir wissen, dass sie auf Niedriglöhnen und Stellenabbau beruhen. Wir kaufen ein in Supermärkten, deren Preise angemessene Gewinne für die Produzenten ausschließen – ebenso wie eine umwelt- und tiergerechte Produktion. Wir haben gelesen, dass den Angestellten hinter der Kasse landesübliche Rechte vorenthalten werden. Wir wissen, dass Hosen und Pullover, Computer und DVD-Player, die wir zu Spottpreisen kaufen, nicht in Deutschland, sondern im Ausland gefertigt werden, in so genannten Niedriglohnländern.

Sozialdumping, Stellenabbau, Verlagerung der Produktion ins Ausland – als Kunde fördern wir alles, was uns als Bürger empört. Wir tun genau das, was wir Politikern und Managern vorwerfen. Wie die Manager an der Spitze der Konzerne treiben wir Globalisierung und Deregulierung voran. Die Manager schauen auf jeden Cent und nehmen nur das Billigste? Genau das tun wir, als fortwährend rechnende und vergleichende Kunden, als knallharte Manager unserer Lebenshaltung. Wir drücken die Preise, bis als Produktionsstandort unserer Waren nur noch Fernost infrage kommt. Wir selbst sind die globalen Heuschrecken. Volk und Elite sind sich einig in ihrem radikalen Ökonomismus. Und wie die Elite sind wir teils getrieben, teils Treibende. Arbeitslose und Geringverdiener müssen auf jeden Cent schauen. Der Rest hat aus seinem Portemonnaie einen Fetisch gemacht wie die Manager aus dem Shareholder-Value.

(…) Wir sind Schizophrene. Die Diagnose trifft die Völker aller westlichen Demokratien. Als Bürger sind wir Sozialisten – Verfechter der alten sozialen Errungenschaften. Als Kunden sind wir Neoliberale. Marktradikale. Uns ist Recht, was billig ist. »Für 19 Euro nach Barcelona.« Noch nie war Doppelmoral so preiswert. (…)

(…) Einen einfachen Weg gibt es nicht. Einerseits brauchen wir eine globale Bewegung für eine globale Zivilisierung des Kapitalismus. Andererseits sollte man das Licht in der Küche ausmachen, wenn man nicht in der Küche sitzt. Wir müssen einen anderen, einfacheren Lebensstil entwickeln. Doch geht es nicht um die quasireligiöse Wandlung des Einzelnen zum guten Konsumenten, zum Rad fahrenden Vegetarier mit Heiligenschein. So, wie im 19. Jahrhundert keine private Hilfsbereitschaft die Bismarcksche Sozialgesetzgebung überflüssig gemacht hätte, macht heute kein Konsumverhalten eine globale Umwelt- und Sozialgesetzgebung überflüssig. Ein Einkaufszettel ersetzt kein Regierungsprogramm.

Ins gleiche Horn stößt übrigens auch Sebastian Wolff in der Berliner Zeitung im Interview mit dem Konsumsoziologen Kai-Uwe Hellmann – „Ein Fall von Doppelmoral“:

(…) Jeder, der bei Discountern einkauft – und damit meine ich nicht nur Lidl oder Schlecker, sondern alle Anbieter -, trägt dazu bei, diesen Handelszweig zu stärken. Dessen müssen sich die Verbraucher bewusst sein. Wer sich daher über die Arbeitsbedingungen bei den Discountern empört und trotzdem dort einkauft, obwohl er oder sie nicht darauf angewiesen ist, wird mit dem Vorwurf der Doppelmoral rechnen müssen.

(…) Wird sich die Neigung der Verbraucher, alles mögliche möglichst billig haben zu wollen, irgendwann nicht zwangsläufig auf die Qualität der Produkte auswirken?

Ja, langfristig ist das eine echte Gefahr, auch wenn die Discounter heute immer betonen, dass die Qualität ihrer Waren einwandfrei sei. In Deutschland sind die Gewinnmargen im Handel die geringsten in Europa. Die Branche sieht sich deshalb gezwungen, einen immer stärkeren Preisdruck auf die Hersteller auszuüben. Das kann auf Dauer zu Lasten der Qualität der Produkte gehen. Die zahlreichen Skandale im Fleischbereich liefern dafür einen Vorgeschmack. (…)

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Christmas Resistance – Wehret dem Weihnachtsmann

Dass Weihnachten seit langem zu einem primär auf Schenken und Konsum ausgerichtetes Fest geworden ist, bei dem es primär darum geht, viel Geld in die Läden zu tragen, um oft nutzlosen Kram zu kaufen und anschließend auf den Gabentisch zu legen, ist ja nun keine neue Erkenntnis – schon Loriot wusste dies in seiner legendären Weihnachtsfolge treffend darzustellen.

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Reverend Billy & The Church of Life After Shopping

Shopping. Ist es nicht der eigentliche Sinn des Lebens, macht es nicht mehr Spaß als alles andere, ist es nicht viel wichtiger als all die anderen langweiligen Aspekte des Daseins? Nein. Allerdings muss man schon den Eindruck bekommen, das Shoppen die vorrangigste Aufgabe des Konsumbürgers, wenn man in den Medien unisono die als Jubelmeldung verbreite frohe Kunde hört, dass „das Konsumklima“ wieder freundlicher geworden sei und alles bergauf gehe, weil die Leute wieder konsumieren, als hätte es nie eine Finanzkrise gegeben (und als könnte sich die Menschheit die Planeten, die sie für die Ressourcen ihres Expansionswahns benötigt, ebenfalls in der Mall um die Ecke kaufen).

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Heute geschlossen – Kaufen Sie nichts!

Wie mittlerweile jeder wissen sollte ist heute, am 27. November, internationaler Buy Nothing Day (siehe HIER und HIER). Erfreulicherweise hat sich auch das für meinen Geschmack leider oft etwas zu LOHAS-nahe Nachhaltigkeitsprotal Utopia dem Thema angenommen und mit „Heute geschlossen – Kaufen Sie nichts!“ nicht nur einen lesenswerten Einleitungsartikel zu der Aktion geschrieben, sondern auch eine nette Produktgalerie von verschiedenen Nichts-Varianten erstellt. Sehr amüsant!

(…) Gerade die kommenden Wochenenden arten für viele Menschen in reine Shopping-Exzesse aus. Jeder kennt die Bilder von mit Einkaufstüten bepackten Menschenmassen, die sich durch die Innenstädte schieben. Für viele heißt Weihnachten einfach nur Einkaufen bis zum Umfallen: Geben um noch mehr zu Bekommen. Ein Zustand, der den Aktivist und Künstler Ted Dave im Jahr 1992 auf die Idee brachte, in Vancouver den „Buy Nothing Tag“ ins Leben zu rufen. (…)

(…) „Alles in der Wirtschaft ist darauf angelegt, heute, jetzt, hier, sofort etwas zu kaufen. Ich war davon völlig erschöpft und dachte, vielleicht ist es eine gute Idee, endlich einmal eine Shopping-Pause einzulegen“, sagte Initiator Ted Dave damals. Er beschloss, einen Tag im Jahr festzulegen, an dem Menschen nichts kaufen sollten. Ted Dave suchte sich dafür den letzten Samstag im November aus. In Nordamerika ist dies der Tag nach Thanksgiving (Ernte-Dank-Fest) und zugleich auch der Beginn der langen Einkaufswochenenden für Weihnachten. Er entwarf ein paar Poster, die er in Vancouver und Umgebung plakatierte – heute ist seine Aktion weltweit wichtig und bekannt. (…)

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Einladung zur Veranstaltungsreihe um den Kauf-Nix-Tag (in Dresden)

Wie ich letzte Woche schon anmerkte, ist am 27. November internationaler Buy Nothing Day, ausgerufen vom kanadischen Adbusters Magazin. In Deutschland findet der „Kauf-Nix-Tag“ traditionell nur begrenzt Anklang – umso erfreuter war ich, also ich gerade eine Pressemitteilung einer Dresdner Gruppe rund um den dortigen Umsonstladen erhielt, die für diesen Tag in Dresden diverse Aktionen planen. Natürlich veröffentliche ich diesen Text an dieser Stelle auch gerne:

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Einladung zur Veranstaltungsreihe um den Kauf-Nix-Tag
Dresden, 22.10.2010. Am 27. November findet der 18. Internationale Kauf-Nix-Tag statt. Auch in Dresden möchte eine freie Gruppe Engagierter kreativ und kritisch auf diesen Tag aufmerksam machen. Mit Filmen, Straßentheater, Chorgesängen, kostenlosem Essen, T-Shirtgestaltung und einem Radiobeitrag laden die Akteure interessierte Menschen ein, sich mit Konsumkritik und Ansätzen alternativer Lebensformen auseinanderzusetzen!

Das Programm:

  • Film- und Diskussionsabend am Donnerstag, 20:00 Uhr in der Veränderbar, Görlitzerstr. 42, Hinterhaus
  • Konsumtempel-Anbetungen und politischer Chor am Freitag, ab 17:00 Uhr, Wiener Platz
  • Umsonst-Volxsküche, Textilgestaltung und Film am Samstag, ab 17:00 Uhr im Umsonstladen im Sonnenhof, Alaunstr. 68
  • Radiobeitrag am Sonntag, ab 20 Uhr auf coloradio Dresden

Für Interviews und Rückfragen stehen zur Verfügung:

Gruppe Kauf-Nix-Tag DD, Mail: konsumglobal_dd@gmx.de
Das ausführliche Programm findet sich auf: http://umsonstladen.fueralle.org

Hintergrund: Internationaler Kauf-Nix-Tag

Der Kauf-Nix-Tag (Buy Nothing Day) ist ein konsumkritischer Aktionstag.

Seit 1992 wird dieser Tag am letzten Samstag im November organisiert, in einigen Ländern auch einen Tag früher. In bereits über 80 Ländern wird in jedem Jahr Ende November versucht Menschen dazu zu bewegen, über die Konsequenzen des westlichen und vor allem ihres eigenen Konsumverhaltens nachzudenken.

Initiiert wurde der Tag in den neunziger Jahren von einer medien- und konsumkritischen Gruppe um Kalle Lasn, den Mitbegründer der kanadischen Adbusters Media Foundation in Vancouver.

Der Zeitpunkt für den Aktionstag ist gut gewählt: Der Buy Nothing Day folgt immer auf den amerikanischen Feiertag Thanksgiving und gilt traditionell als der größte Einkaufstag des Jahres. Der Buy Nothing Day wendet sich auch dem vorweihnachtlichen Einkaufs-Stress zu.

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Der 27. November ist Buy Nothing Day 2010

>> hier geht es zum aktuellen Artikel über den Buy Nothing Day 2012!

Alle Jahre wieder… kommt nicht nur das Christkind auf die Menschheit hernieder, sondern auch der potenzierte Konsumterror durch die Weihnachtsfeiertage. Und mit ihm seit einigen Jahren der vom kanadischen Adbusters Magazin ins Leben gerufene Buy Nothing Day. Weltweit werden wieder Aktivisten konsumkritische Aktionen und Happenings veranstalten und viele Menschen durch Kaufverweigerung daran teilnehmen. Wie jedes Jahr stelle ich den BND, der diesmal in Europa auf den 27. November (USA 26. November) fällt, auch in meinem Blog vor – damit ich mich nicht jedes Jahr wiederholen muss verweise ich einfach auf meine Artikel zum BND 2009 und 2008.

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Surftipp: Konsum-los.de

Ich bin ja immer hocherfreut, wenn es in der Reihe der konsumkritischen Blogs einen Neuzugang gibt, um auch diesen Stimmen in der Gegenöffentlichkeit stärker Gehör zu verschaffen. So möchte ich Euch heute den Blog www.konsum-los.de wärmstens ans Herz legen – Simplicita, die den Blog Anfang der Woche gestartet hat, studiert Umweltwissenschaften und Wirtschaftspsychologie und ist u.a. durch Auslandsaufenthalte in Indien ins Grübeln gekommen, ob die Form des Konsumismus, wie wir ihn in unseren Breiten hemmungslos ausleben, wirklich glücklich macht und sinnstiftend ist. Ich kaufe, also bin ich? Simplicita zweifelt dies an und will 100 Tage lang ihre Konsumgewohnheiten radikal verändern, um durch Verzicht (und der damit verbundenen Reflektion über das bisherige eigene Konsumverhalten) aus dem zwanghaften Hamsterrad von krampfhaftem Geldverdienen, um sich dann ein wenig Entspannung kaufen zu können, zu entrinnen. In ihrem Artikel „Warum?! – weltlich“ stellt sie in hervorragender Weise ihre Beweggründe dar und gibt gleichzeitig eine pointierte Analyse dessen, was in unserer konsum- und marketinggetriebenen Welt alles schief läuft. Lest Euch diesen Beitrag unbedingt mal durch – er ist zwar lang, aber es lohnt sich! Ich werde ihn auch als Referenzartikel zu dem Thema in meine Wissensbasis aufnehmen. Hier ein paar Auszüge:

(…) Doch während wir Tag für Tag Alltags-Produkte, von Zahnpasta über Haargel, Schokoaufstrich und Reiniger konsumieren, sind unsere Möglichkeiten stark beschränkt, mehr Bewusstsein über die Auswirkungen unseres Handelns zu erlangen. Die Bäume unseres Papiers werden nicht vor unserer Haustür gefällt, das Öl nicht im Nachbarsgarten gefördert und auch das Wäldchen nebenan läuft keine Gefahr, in eine Palmöl-Monokultur-Plantage verwandelt zu werden.Wir leben in einem Zeitalter unserer Gesellschaft, in dem wir abgetrennt von der Geschichte unserer täglichen Güter sind. Beinahe unschuldig blicken wir wie durch eine verspiegelte Scheibe. Essen wir ein Brot mit besagtem Schokoaufstrich, bringt uns nichts dazu, darüber nachzudenken, wo das Kakaopulver herkommt. Genauso wenig wissen wir irgendetwas über die Herkunft der über 60 verschiedenen Stoffe, die zur Herstellung von konventionellem Glas benötigt werden. Wir wissen auch nicht, woher die Energie stammt, mit denen die Glasöfen, die das Glas des Schokoaufstrichs formen, befeuert wird – ob Kohle oder Atomstrom! Wir wissen nicht, in welchem Land der Strom erzeugt wurde, unter welchen Umweltbedingungen die Kohle abgebaut wurde oder der radioaktive Müll gelagert wird. Wir wissen nicht, wie viel Trinkwasser im Verlauf der Produktion in eine gesundheits-gefährdende Flüssigkeit verwandelt wurde, wie viel Beamte wegen Kinderarbeit bestochen wurden, und wir haben keine Ahnung wie viel Öl für den Transport der einzelnen Bestandteile aus einem ehemaligen Regenwaldgebiet gefördert wurde. Wir wissen es nicht und können es auch nicht wissen. Leider führt die Kette der Ahnungslosigkeit in unserem heutigen Wirtschaftssystem noch weiter, denn auch Ferrero, der Hersteller von Nutella, kann die meisten dieser Fragen nicht beantworten. Lange Ketten der Wertschöpfung und komplizierte Stoffströme erschweren uns täglich das Ausmaß des Ressourcenverbrauchs zu begreifen. (…)

(…) Wenn die Möglichkeiten des Neukaufs eingeschränkt sind, wird Kreativität entfesselt, wie wir mehr untereinander teilen können. Was einem Menschen wertlos erscheint, kann der andere perfekt gebrauchen. Je spezialisierter und aufwendiger verarbeitet ein Produkt (in Bezug auf Farbe, Form, Design etc. desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass es jemand anderem gefällt oder nützlich ist). Viele unserer Alltagsgebrauchsgegenstände, von Bohrmaschine über Spätzlereibe können mit Freunden und Nachbarn geteilt werden. (…)

(…) Wer sich mit Konsum-losigkeit und Grenzen des Wachstums befasst, landet gerne vor der Mauer des Arguments „Konsum ist Kultur.“ Denn Fakt ist, dass Konsum in unserer Kultur fest verankert ist. Er ist gesellschaftlich akzeptiert wie verwurzelt. Ob Arbeit, soziale Kontakte oder Unternehmungen in der Freizeit, vieles erscheint ohne die Verbindung zu Konsum schwer vorstellbar. Beispiele dafür liefert das alltägliche Leben viele: der Kinogang mit der Familie, das Treffen mit der Freundin zum Shoppen oder der Kurzurlaub in einer europäischen Stadt. Für viele konsumlose, spontane Aktionen wie Volleyballspielen im Park oder gemeinsamen saisonalem Kochen haben Menschen mit straffem Terminplan keinen Freiraum mehr. Auch Freiräume im stadt-geograhischen Sinne, d.h. Orte, die nicht kommerziell genutzt werden, wo Menschen sich aufhalten können ohne zu konsumieren, sind rar in deutschen Städten. Solche Freiräume unterstützen kreative Schaffensprozesse, Selber machen, Ideen entwickeln und gemeinsam umsetzen.

Konsum erleichtert Integration und vermittelt oft ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Niemand mag das Gefühl ausgeschlossen zu sein. Aus diesem Grund lassen sich viele treiben vom Strom neuer Angebote, Trends, Technologien, um das Gefühl zu haben, ein Teil der Gesellschaft zu sein. Das ist besonders wichtig, weil unsere sozialen und familiären Auffangnetze in Deutschland nicht so stark sind wie anderswo. Von Kopf bis Fuß ausgestattet wie der „mainstream“ kann niemand etwas „falsch“ machen. Wer „mithalten“ möchte, folgt dem Tempo in dem neue Produkte auf unsere Märkte schwemmen, kleidet sich entsprechend der neuen Mode. Neuer, moderner, schneller, größer und seit neuestem auch gerne umweltfreundlicher. Konsum, als eine Ausprägung von Passivität, ist es dennoch. (…)

(…) „Ein hoher Verkauf der Seele bringt auch viel Geldscheine“, so könnte mensch zynisch sagen – Geld, mit dem neues Eigentum erworben kann. Besitz- und Eigentum sind Dinge, die mir als Individuum gehören und über die ich frei verfügen kann, wenn schon der Alltag einer Vielzahl von „Ich muss“ – Zwängen unterliegt. Die Kehrseite vieler hoher Investitionen ist dabei: Sie verringern die eigene Lebensflexibilität und – mobilität. Spontane Reisen, Mitarbeit in Projekten, Praktika an spannenden Orten und andere neue Lebenspläne sind schwerer zu verwirklichen. Mehr Eigentum bedeutet häufig weniger Freiheit. Viele Kostenpunkte entstehen erst durch einen modernen, konsumintensiven und ressourcenverbrauchenden Lebensstil: Wer heute auf Kosten seiner eigenen Gesundheit lebt, sollte vielleicht wirklich in eine Krankenversicherung für die Zukunft investieren. Ein chronisch müder Pendler ist sicher generell dankbar für eine Vollkasko-Autoversicherung und ein Haus voll wertvollem Eigentum möchte natürlich gegen Diebstahl versichert sein. Ein hoher Strom- und Wasserverbrauch, Handyrechnung, Zeitungsabo und die Mitgliedsbeiträge von Fitnessstudio, Videothek & Co treiben die monatlichen Kosten weiter in die Höhe. Ein Mensch, der viel Geld ausgibt, könnte glatt auf die Idee kommen, er wäre gezwungen Vollzeit zu arbeiten. (…)

(…) Wer einmal in anderen Kulturkreisen gelebt hat, begegnet in Deutschland oft dem Menschenbild einer perfekt geölten, funktionierenden und selbstverständlich hocheffizienten Maschine, die mit „führender Technologie“ ausgestattet ist. Das verkniffene Lächeln sitzt immer, für nachlassende Konzentration gibt es Kaffee, für einen schlechten Tag Schokoriegel, für ungesundes Essen Vitaminpillen, für Kopfschmerzen Aspirin und für Sorgen in der Nacht Schlaftabletten.

Ich ertappe mich als nur eines vieler Opfer immer wieder dabei, mich von Leitbildern, die durch Werbung und Medien in die Gesellschaft getragen werden, verunsichern zu lassen. Dicke glänzende Haare, glatte Beine und lange Wimpern soll Frau haben. Eine lange, wilde, anstrengende Nacht soll man mir am Besten gar nicht erst ansehen. Viele Menschen, die ich beobachte, scheinen sich immer wieder nach dem Motto zu richten: „Wenn innen alles fault und modert, soll wenigstens die Fassade glänzen.“ (…)

Ich kann nur empfehlen, regelmäßig auf Leas Blog vorbeizuschauen, da sie dort ihren Weg hin zu einem einfacheren Leben darlegt und sicherlich auch manch anderem Denkanstöße vermittelt.

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Konsumaniac – Online-Edutainment-Spiel

Den Wahnsinn unseres Konsumzeitalters kann man Jüngeren sicherlich besonders gut in spielerischer Form vermitteln. Nicht ohne Grund sind z.B. die kritisch-satirischen Filme von Alexander Lehmann („Du bist Terrorist“, „Rette Deine Freiheit“) oder auch „The Story of Stuff“ so beliebt, denn dort werden komplexe Zusammenhänge aufs Wesentliche reduziert und amüsant und unterhaltsam dargereicht. Einen vergleichbaren Weg schlägt auch die österreichische Forum Umweltbildung („Österreichisches Portal zur Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung“) ein – in ihrem Onlinespiel „Konsumaniac“, das auch für den Einsatz in Schulen konzipiert ist, will sie die Auswirkungen, die Konsumentscheidungen jedes einzelnen haben, beleuchten und zeigt darin ebenfalls, welche Probleme beim ganz normalen Einkauf im Supermarkt oder Kleidungsgeschäft lauern – die Hintergründe von billigen Preisen und miesen Produktionsbedingungen kommen hier ebenso zur Sprache wie die Gefahren der Verschuldung für den Konsum. Ebenso werden Alternativen wie Second Hand-Läden oder Car Sharing vorgestellt. Also alles sehr löblich!

Willkommen beim neuen KonsuManiac, dem spielerischen Blick hinter die Kulissen von Lebensstil und Konsum

Wir kennen alle das Gefühl in Mitten eines samstäglichen Konsumrausches zu sein: Eingequetscht zwischen der Vorfreude am soeben Gekauften und dem Stolz des/der „Neubesitzenden“ pocht es leise aber aufdringlich – das schlechte Gewissen: KonsumfetischistIn,  KonsuManiac!!! Genährt aus den letzten Berichten über Kinderarbeit und untermalt von neuen Infos über das Sündenregister einzelner Produktmarken kommen die ersten Fragen, ob das eine oder andere Produkt auch wirklich notwendig gewesen ist bzw. ob es nicht eine nachhaltigere Alternative gegeben hätte. Aber, muss es überhaupt immer nur Konsum sein, der uns Befriedigung verschafft, oder gibt es einen nachhaltigeren Lebensstil, der Freude schafft, ohne dem täglichen Konsumwahn zu verfallen?

Wie sieht nun ein nachhaltiger Lebensstil aus? Inspiriert von dieser Frage hat das FORUM Umweltbildung im Auftrag des BMFLUW ein neues interaktives Tool entwickelt: den KonsuManiac. Zielte die erste Version des KonsuManiac auf nachhaltige und vor allem bewusste Konsumentscheidungen (ein Schwerpunkt, der immer noch im Bereich „Check Deinen Einkauf“ erhalten ist), geht der neue KonsuManiac einen Schritt weiter: Als Alternativen zur modernen Identifizierung über Produkte und „Shoppen“ wollen wir spielerisch Ideen und Beispiele aufführen, die Lebensfreude und Aktivität mit den Zielen einer nachhaltigen Entwicklung verbinden. Aktuelle Trends wie Upcycling, DIY oder Tauschkreise sollen erste Einblicke in eine Bewegung geben, die im scharfen Kontrast zum alltäglichen und sinnleeren Konsumwahnsinn steht. In Zukunft wird unser KonsuManiac auch in weiteren Bereiche wie etwa bei Urlaub oder Freizeitgestaltung aufzeigen, dass ein nachhaltiger und bewusst gewählter Lebensstil nicht nur eine gesellschaftliche Notwendigkeit darstellt, sondern viel mehr auch Spaß und Freude bedeutet.

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Neue kritische Blogs: „Kaufkrampf“ und „Mein Blog über die wichtigen Dinge!“

Ich freue mich ja immer wieder, wenn die Zahl der kritischen Stimmen im Netz zunimmt und dadurch an Gewicht gewinnt. Kritische politische Blogs und Webseiten gibt es inzwischen schon eine ganze Reihe, KONSUMkritisches ist aber zumindest in Deutschland, der Hochburg der Autoindustrie und der Discounter, leider noch viel zu selten zu hören. Um so begeisterter bin ich, Euch heute zwei neue Mitglieder der Bloggosphäre vorstellen zu können: zum einen Dirks „Mein Blog über die wichtigen Dinge!“, der seit einigen Wochen online ist und in dem viele Themen zur Sprache kommen, die mir ebenfalls unter den Nägeln brennen. Dazu gehören zum Beispiel Konzernkritik, Gedanken zum Konsumwahnsinn und der Tendenz zu immer billigeren Produkten mit all ihren Folgen für die Gesellschaft.

Ebenfalls sehr spannend und für alle interessant, die sich mit Adbusting und Culture Jamming befassen, ist der Kaufkrampf-Blog, der im Rahmen einer Seminars über „Corporate Design/Corporate Identity“ entstanden ist. Besonders schön sind die vielen dokumentierten Aktionen, in denen in die Auslage von Discountern und Supermärkten interveniert wird. So wird verpacktes Billigfleisch mit einem Aufkleber „Dieses Huhn hat 98,4% kürzer gelebt“ verziert oder zwischen all die „Werbung“-Schildchen an den Regalen einer Kauflandfiliale ein „Werd dumm“ geschmuggelt. Ich bin gespannt, was dort noch alles so an Anregungen für eigene Adbusts kommt. :-)

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Billboard Liberation Front Manifest

Die Billboard Liberation Front gehört mit zu den „Urvätern“ des Adbusting und kämpft bereits seit zwei Jahrzehnten in den USA gegen das Überhandnehmen von Reklame und Kommerzbotschaften im öffentlichen Raum, primär gegen Plakatwände. Dabei nimmt sie sich das Recht heraus, auf die sonst nur einseitig funktionierenden Werbebotschaften der Konzerne zu antworten und die Wahrheiten hinter den schillernden Marketingfassaden bloß zu legen. Auf ihrer Website, die so angelegt ist, als wäre sie eine Marketingfirma und würde für Firmen „Werbeverbesserungen“ anbieten, zählt sie McDonald’s oder Phillip Morris zu ihren „Kunden“, für die sie entsprechend tätig war. Zum Beispiel dies hier (Vorher/Nachher-Bilder):

Interessant finde ich dabei auch ihr „Manifest“, in dem sie (in zum Teil sehr sarkastischer Art und Weise) Stellung beziehen zum Kommerzwahn unserer Zeit. Ich übersetze es hier mal eben:

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Das BLF Manifest

Am Anfang war die Werbung. Und die Werbung wurde dem Konsumenten durch den Werbetreibenden gebracht. Wünsche, Selbstbild, Ambitionen, Hoffnung; all dies findet ihren Ursprung in der Werbung. Durch die Werbung und die Absichten der Anbieter formen wir unsere Ideen und lernen die Mythen, die uns zu dem machen, was wir als Menschen sind. Dass diese Methode alle früheren Formen von Selbst-Definition ersetzt hat, steht außer Frage. Es ist klar, dass die Werbung heutzutage die angesehenste Position in unserer Kosmologie inne hat.

  • Werbung überzieht alle Ecken unseres Wachlebens; es durchdringt unser Bewusstsein dermaßen, dass sogar unsere Träume oft ununterscheidbar von einer schnellen Abfolge von TV-Werbespots sind.
  • Verschiedene Arten von Medien dienen der Reklame als primäre Kanäle zu den Menschen. Komplett neue Medien wurden erfunden, nur um den Prozess der Vermittlung von Werbung zu erleichtern.
  • Altmodische Auffassungen, dass Kunst, Wissenschaft und Spiritualität die höchsten Errungenschaften und die edelsten Ziele des menschlichen Geistes seien wurden an den kristallinen Stränden des Aufkaufs/der Übernahme ausgemerzt; der heiligen Jagd nach Konsumgütern. Alle alten Formen und Philosophien wurden clever vereinnahmt und zurückgegeben in Form von Marketingstrategien und Konsumentenkampagnen durch die neuen Schamanen, die Werbeschaffenden.
  • Spiritualität, Literatur und die phyisikalischen Künste Malerei, Skulptur, Musik und Tanz werden im Großen und Ganzen in der gleichen Art produziert, verpackt und konsumiert wie ein neues Auto. Produktinhalte, diktiert durch Trends und Hipness, haben eine eingebaute Halbwertszeit, die dem Produzentenkalender entspricht, um durch neue Modelle ersetzt zu werden.
  • Product Placement in Film und Fernsehen haben die Handlung, die Entwicklung der Charaktere und andere veraltete Strategien in punkto Bedeutung in der Tagesordnung der Filmemacher ersetzt. Die Regisseure, die die größten Budgets unter sich haben, haben ihre Erfahrungen häufig im Bereich von TV-Reklame und Musikvideos gemacht.
  • Künstler werden danach beurteilt und belohnt, wie ihre Position in der fortwährenden Kommodifizierung von Kunstobjekten aussieht. Sich vor Moden und den Launen der Galeriekultur verneigend, versuchen diese Künstler verspielte Sammlerstücke oder „Jahrgangs“-Objekte zu schaffen, die erfolgreich den Sammlermarkt bedienen. Die erfolgreichsten Künstler sind jene, die ihre Kunst am erfolgreichsten verkaufen können. Mit zunehmender Häufigkeit lernen sie von den Werbeschaffenden; sie brauchen nicht länger fälschlicherweise die Unterscheidung zwischen „feiner“ und „kommerzieller“ Kunst aufrechtzuerhalten.
  • Und so sehen wir, dass die Werbung unsere Welt definiert, indem sie sowohl den Fokus auf das „Image“ wie auch die Kultur des Konsums richtet, die schlussendlich alle Individuen anzieht und inspriert, begierig darauf, mit ihren Mitmenschen in tiefsinniger Weise zu kommunizieren. Es ist klar, dass Er, der die Werbung kontrolliert, mit der Stimme unserer Epoche (dem Zeitgeist) spricht.
  • Du kannst Fernsehen, Computer und Radio ausschalten/zerschlagen/abschießen/zerhacken oder in anderer Form vermeiden. Du wirst nicht dazu gezwungen, Zeitschriften zu kaufen oder Zeitungen zu abonnieren. Du kannst deinen Rottweiler auf Vertreter abrichten. Von all den Arten von Medien, die benutzt werden, um Reklame zu verbreiten, gibt es nur eine, der man nur als Bettlägeriger oder Menschenfeind entfliehen kann. Wir sprechen natürlich von Werbeplakatwänden (billboards). Zusammen mit seinen kleineren Cousins, Werbepostern und Aufklebern/Grafiken, ist die Werbeplakatwand omnipräsent und niemand, der durch unsere Welt geht, kann ihr entfliehen. Jeder kennt die Werbeplakatwand; sie ist in jedermanns Bewusstsein.
  • Aus diesen Gründen setzt die Billboard Liberation Front jetzt und für alle Zeit fest, dass zu Werben bedeutet, zu Existieren. Zu Existieren heißt zu Werben. Unser äußerstes Ziel ist nichts anderes, als eine persönliche und eigene Werbeplaktwand für jeden Bürger. Bis zu dem glorreichen Tag der globalen Kommunikation, an dem jeder Mann, jede Frau und jedes Kind der Welt in 100 Punkt Schriftgröße von seinem Dach aus zuschreien oder zusingen kann; bis zu diesem Tag werden wir fortfahren, alles in unserer Macht stehende zu tun, um die Massen darin zu ermutigen, alle möglichen Mittel auszuschöpfen, die vorhandenen Medien zu requirieren und sie nach ihren eigenem Gusto zu verändern.
  • Jedes Mal, wenn du eine Werbebotschaft in deinem Kopf änderst, wenn du auf eine Plakatwand kletterst und physisch die originale Botschaft und Grafik verwandelst, jedes Mal, wenn du den Slogan abänderst, gelangst du in den Stand der Hohepriesterschaft der Werber.

Jack Napier
John Thomas

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