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Lesetipps: Yes Men / Qualität / Umsonst-Ökonomie

In meinen Lesetipps stelle ich ja zuweilen Artikel vor, die manchmal nur Randgebiete der Blogthemen berühren oder kleine Schlaglichter auf Entwicklungen um uns herum werfen. Die heutigen drei Netzfundstücke treffen jedoch allesamt voll ins Schwarze. In Der Freitag findet sich mit „Es ist harte Arbeit“ ein Interview mit Mike Bonanno, einem der Yes Men, den wohl bekanntesten Culture Jammern unserer Tage. Nicht zuletzt angesichts der vielen schönen Adbusts, die in den letzten Tagen so bei uns „auf den Markt“ kamen, und der generellen unzufriedenen Stimmung im Land, kommen seine „sieben goldenen Regeln für den politischen Aktivismus“ genau richtig:

(…) Kurz zuvor ist er in Berlin gelandet, wo er bei der Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen. Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“ (Uferhallen Berlin, bis 10. Oktober) den Film der Yes Men vorstellt. Aber was sind schon Äußerlichkeiten? Als Igor Vamos lehrt er an einer New Yorker Universität. Bekannt sind er (als Mike Bonanno) und sein Kollege Jacques Servin (als Andy Bichlbaum) vor allem als Kommunikationsguerilleros, die im Managerkostüm all das deutlich sagen, was sonst hinter gestelzten Shareholdervalue-Phrasen versteckt ist. (…)

(…) Ihr Kollege Bichlbaum trat einmal vor Managern bei einer Konferenz in einem goldenen Catsuit auf, nannte Mahatma Gandhi den schlimmsten Protektionisten der Geschichte und bekam am Ende lebhaften Applaus. Wie sicher sind Sie, dass viele Leute sich nicht nur Comedy anschauen wollen, wenn sie einen Film der Yes Men sehen?

Wir versuchen natürlich das Risiko zu minimieren, nutzlos zu werden. Wenn die Leute in ihrem Ohrensessel sitzen, können sie sich hinterher trotzdem immer noch entscheiden, ob sie nicht vielleicht doch aktiv werden wollen. Wir arbeiten wie PR-Agenturen. Die schmeißen Millionen raus, um Zahnpasta in die Nachrichten zu kriegen, und sie tun das, weil sie herausgefunden haben, dass es funktioniert. Werbung wirkt – das nervt mich, aber so ist es. Und wir sagen, okay, dann muss dasselbe Prinzip auch bei uns funktionieren. Es ist aber, so sehen wir es, weniger Gehirnwäsche als der Versuch, Gehirnwäsche rückgängig zu machen. (…)

Im Wirtschaftsmagazin brand eins macht sich Wolf Lotter in seinem Leitartikel „Die Geprellten“ Gedanken über die Bedeutung des Wertes Qualität in unserem Wirtschaftssystem. Auch wenn einiges von dem, was er dort schreibt, mehr die konkreten Abläufe in einzelnen Unternehmen betrifft, so bezieht er doch auch zu einigen grundlegenden Fehlentwicklungen bei Kunden und Konsumenten Stellung (Stichwort Billigwahn / Discounter), die gut in meinen Blog passen:

(…) Wenn beispielsweise ein Bäcker seine Brötchen mit schlechtem Mehl und zu viel Wasser buk, also jene Qualität bot, die heute an jeder Straßenecke in sogenannten Backshops zu haben ist, dann wurde die Sache relativ schnell ernst. Wie ernst, kann man etwa im schönen Mühlenmuseum im niedersächsischen Gifhorn besichtigen. Hier sehen wir eine Vorrichtung, die aus einer etwa fünf Meter langen Wippe besteht, an der ein Holzkäfig baumelt, den man “Schupfe” oder “Prelle” nennt. In diesen Korb wurden Bäcker gesteckt, die behaupteten, eine gute Qualität zu liefern, tatsächlich aber ihre Kunden mit minderwertigem Kram prellten. Die Kundschaft versammelte sich, der Bäcker kam in die Prelle, wurde mehrmals hintereinander – wie beim Kielholen – in den Brunnen gesteckt, mit Steinen beworfen und lauthals beschimpft. (…)

(…) Heute sind weite Teile der Bevölkerung mit der Produktion und Inverkehrbringung von Ramsch und miesem Service beschäftigt. Das mittelalterliche Rechtsmittel ist sozusagen wegen Überlastung ausgeschöpft. Denn wenn alle geprellt würden, die es verdienen – die Körbe wären voll bis zum Horizont, gefüllt auch mit jenen, die miese Qualität kaufen und damit den ganzen Pfusch erst ermöglichen. Die gesamte Geiz-ist-geil-Gesellschaft gehört in die Bäckerprelle. (…)

(…) Geiz ist der natürliche Feind der Qualität. Wer nichts zahlen will, kriegt auch nichts. So machen sich viele Kunden selbst zu Geprellten. (…)

Apropos Ökonomie – um ein WIRKLICH anderes Wirtschaften als nur ein Qualitätsverbessern geht es Birgit Gärtner in „Umsonst-Ökonomie gegen den Konsumterror“. Statt merktgerechter Zurichtung aller Lebensbereiche dient die Ökonomie hier wieder der Bedürfniserfüllung und nicht der Gewinnmaximierung:

(…)

Hinter dem Konzept der Umsonst-Ökonomie steckt indes mehr als eine simple Tauschbörse: Es geht um Kapitalismuskritik – und mehr als das, um die Idee einer Ökonomie ohne zwanghafte Steigerung des Bruttosozialprodukts, Profitmaximierung und damit verbundenen Konsumzwang, sondern ausgerichtet an den Bedürfnissen der Menschen, kurzum: die praktische Entwicklung der Utopie einer herrschaftsfreien Gesellschaft.

Zum fünften Mal trafen sich in der vergangenen Woche in Bremen die Aktivistinnen und Aktivisten aus dem Bereich der Umsonst-Ökonomie der gesamten Bundesrepublik und Österreich zum Vernetzungstreffen “Gib und Nimm”, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen, alternative Wirtschaftsmodelle zu diskutieren, Utopien zu spinnen, zu klönen und zu feiern. (…)

Laut dem französischen Soziaphilosophen André Gorz beruht der Kapitalismus auf ständig wachsendem Konsum. Anders könnten wirtschaftliche Gewinne immer weniger realisiert werden. Immer neue Wachstumsfelder müssten gefunden werden. Werbe- und Marketingexperten sorgten dafür, dass die Nachfrage mittels psychologischer Techniken gesteigert werde. Das Bewusstsein der Konsumenten werde so bearbeitet, dass ständig neue Bedürfnisse und Wünsche geweckt würden. (…)

Pjotr Alexejewitsch Kropotkin war ein russischer Anarcho-Kommunist, dessen wichtigstes theoretisches Werk “Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt” als eine Gegenthese zum Sozialdarwinismus zu verstehen ist. Er versuchte zu zeigen, dass die Kooperation die erfolgreichste Strategie in der Evolution ist. Im Gegensatz zu Marx beschäftigte er sich auch mit zwischenmenschlichen Beziehungen und ging davon aus, dass Gewalt- und Herrschaftsverzicht nur auf einem tragfähigen ethischen Fundament möglich ist. (…)

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Surftipp: Thank You Third World!

Kritik an den herrschenden Zuständen, an unserem Wirtschaftssystem, bei dem am Ende nur eine kleine Anzahl von Menschen (primär in den westlichen Industriestaaten) auf dem Rücken der restlichen Welt lebt, konsumiert und Rohstoffe verprasst, kann man in vielerlei Hinsicht äußern. Sachlich, auf Argumenten und konkreten Fakten aufbauend, emotional und angriffslustig, polemisierend wie dozierend. Oder auch mit einem gewissen Humor, der im Falle von Thank You Third World manchen zunächst zynisch vorkommen mag. Doch was die Macher dieses Projekts auf ihrer Plattform und in ihren Infovideos bieten, ist letztlich eine besonders scharfe Abrechnung mit der westlichen Herangehensweise an die Verteilung von Ressourcen und Reichtum – indem Thank You Third World die Ignoranz angreift, die vielerorts darüber herrscht, wie Produkte entstehen, die man für wenig Geld im nächsten Geschäft kaufen kann und nach kurzer Benutzung wegschmeißt, um sie durch das Nachfolgemodell zu ersetzen (die Wirtschaft muss schließlich wachsen!). Als letztes Jahr einige Promo-Videos dazu gedreht wurden, in denen sich gutsituierte Leute dafür bedankten, dass andere Menschen in den Entwicklungsländern für sie schuften und für Nachschub an konsumierbaren Dingen sorgen, erregte dies einiges Aufsehen, da die Clips von vielen tatsächlich für bare Münze genommen wurden. Kein Wunder, denn wie man an nachfolgendem Video einer vermeintlichen Fernsehkochshow sehen kann, sind diese Spots hervorragend gemacht und offenbaren ihre doppelbödige Botschaft erst bei genauerem Hinsehen.

Auf der Website www.thank-you-third-world.com dürfen Benutzer ein Bild ihres Lieblingsprodukts hochladen und sich dann bei der Dritten Welt dafür bedanken – eine durchaus bissige und provokante Art und Weise, auf diese Missstände hinzuweisen. Aber sicherlich regt es den einen oder anderen ja zum Nachdenken an, was so alles in seinem Lieblingsgadget steckt, das er eigentlich für selbstverständlich hält.

Ohne euch, dritte Welt, könnten wir nicht täglich Fleisch essen, den großen, schicken Wagen fahren und unsere Kinder mit billigem Plastikspielzeug beschenken, das man auch ohne Gewissensbisse mal wegwerfen kann!

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Economic Hit Men

Wer den Film „Let’s make money“ gesehen hat, der wird sich vielleicht noch an eine Szene mit John Perkins erinnern, einem sog. economic hit man, also einem von Regierung oder anderen Stellen ausgesandten Agenten, der die Wirtschaft eines Landes destablisieren soll, um sie zu schwächen und reif für eine Übernahme durch multinationale Konzerne zu machen. In einem aktuellen kleinen Beitrag wird das Prinzip noch einmal konzentriert und pointiert dargestellt – es kann einem schon etwas blümerant werden, wenn man so etwas sieht… (Gefunden via Adbusters)

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Ein paar Lesetipps: Das Finanzsystem ist durchgefallen | Gentech-Saatgut macht alles teurer | Westliches Konsumniveau nicht haltbar

Heute möchet ich Euch wieder mal auf ein paar interessante Artikel hinweisen, über die ich unlängst stolperte. Zum einen „Gemessen am Nutzen für das Gemeinwohl, ist unser Finanzsystem durchgefallen – Entwickeln wir ein neues!“ von Dieter Sprock im neuen Zeit-Fragen, in dem er den Kosten unseres Finanzsystems für die Gesellschaft auf den Grund geht und für eine verstärkte Beschäftigung mit Genossenschaften u.ä. plädiert:

Die Finanzkrise hat in zahlreichen Ländern rund um den Erdball die Realwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen und unzählige Menschen ihrer Existenzgrundlage beraubt; Arbeitslosigkeit, Armut und Hunger haben weltweit dramatisch zugenommen. Sie hat aber auch die Einsicht reifen lassen, dass es so nicht weitergehen kann. Immer mehr Menschen fragen sich, wie das alles zusammenhängt. In diesem Sinn ist die Krise auch eine Chance für Veränderungen, die es zu nutzen gilt. (…)

(…) Der Genossenschaftsgedanke, auf den Raiff­eisen sich stützte und den er weiterentwickelte, beinhaltet mehr als eine blosse Anleitung für wirtschaftliche Zweckverbände. Er verkörpert Grundwerte des menschlichen Zusammen­lebens in Gleichwertigkeit und Freiheit.
Überall tun Menschen sich zusammen, in Handwerkskooperationen, Nachbarschaftshilfen, Quartiervereinen, in Städte- und Länderbündnissen. Die Zusammenarbeit ist länderübergreifend und weltumspannend. Sie darf nicht länger durch ein Zwangssystem behindert werden, das in betrügerischer Absicht das Wort «frei» auf seine Fahne schreibt, damit aber die Freiheit meint, die Welt zu versklaven, indem es alles Denken und Handeln dem Profitdenken unterwirft. (…)

seed_prices_cover_2009Mit den „Heilsverpsrechen“ der Gentech-Saatgut-Hersteller und der tatsächlichen Realität befasst sich Sysiphos Periodical in „Preisanstieg – die Segnung des Gentech-Saatguts“. Er bezieht sich dabei auf eine neue Studie, die nachweist, dass durch die vermehrte Bentuzung von gentechnisch veränderten Saatgut mitnichten etwas gegen den Hunger auf der WElt getan wird (wie es Monsanto & Co. gerne behaupten), sondern der Nahrungsmittelanbau nur noch teurer geworden ist:

(…) Eine aktuelle Studie aus den USA zeigt auf, dass die Einführung der Gentechnik in die US-Landwirtschaft zu dramatischen Preisanstiegen von bis zu 230 Prozent beim Saatgut geführt hat. Der dramatische Preisanstieg wird in einer Studie des ‘US Organic Centers’ aufgezeigt. Diese basiert auf der Entwicklung der Saatgutpreise der letzten 35 Jahre anhand offizieller Daten aus dem US-Landwirtschaftministerium. In den 25 Jahren von 1975 bis 2000 stiegen die Saatgutpreise für Sojabohnen um insgesamt 63 Prozent. Zwischen 2001-2010 stiegen die Preise um 230 Prozent. Gentech-Maissaatgut kostet jetzt 70 Prozent mehr als konventionelles Maissatgut. Monsanto ist in den USA klarer Marktführer und füllt sich die Taschen; ca. 90 Prozent des in den USA verkauften Gentech-Saatguts stammt aus den Labors Monsanto. (…)

In der taz setzt man sich intensiver mit dem Thema Konsum auseinander – „Konsum jenseits der Kapazitäten“:

5 Prozent der Weltbevölkerung sind für 32 Prozent des weltweiten Konsums verantwortlich. Das geht aus dem Bericht “Zur Lage der Welt 2010” hervor, den das renommierte Washingtoner Worldwatch-Institut erarbeitet hat. In Berlin wurde gestern die 300 Seiten starke deutsche Fassung vorgestellt, die die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam mit Germanwatch ausgearbeitet hat. Tenor: Würden alle Menschen so leben wie wir, böten die sich selbst erneuernden Ressourcen der Erde gerade Platz für 2,1 Milliarden Menschen. Aktuell leben aber bereits knapp 7 Milliarden auf dem Planeten.

Nick Reimer kommentiert dies in selbiger taz: „Sich die Welt schönkaufen“:

(…) Solange nur innerhalb des kapitalistischen Systems nach einer Lösung dieser Menschheitsfragen gesucht wird, wird sich keine Lösung finden. Denn dieses System gründet auf Wachstum, das wir uns eigentlich nicht mehr leisten können. Außerdem werden die Umweltkosten nicht einkalkuliert: Die kapitalistische Wirtschaftswissenschaft definiert das Wasser der Flüsse oder die Luft als “öffentliche Güter”, die niemand besitzt. Ergo haben sie keinen Preis und können von jedem uneingeschränkt genutzt werden. Längst hat die Ressourcen- und Klimakrise diese Idee als Irrwitz offenbart. Was fehlt, ist ein System, um den Fehler zu korrigieren.

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Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft (BVW) statt Kapitalismus – Eine Kritik der Marktwirtschaft und die Umrisse einer Alternative

Es wird Zeit, den Blick mal wieder ein wenig über den Tellerrand zu heben – wer ein wenig Zeit und Muße hat (ist ja bald Wochenende), der kann selbige ja mit der Lektüre des sehr interessanten Artikels „Ihr sollt Euch ein Bild machen – die Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft“ des Social Innovation Networks verbringen. Autor Andreas Exner befasst sich mit dem vermeintlichen „Denkverbot“, sich eine Gesellschaft jenseits der jetzigen, durch alle Parteien in Beton gegossenen „freien Marktwirtschaft“ vorzustellen und stellt das Buch „Die Bedürfnisorientierte Versorgungswirtschaft“ von Alfred Fresnin vor.

(…) Gekonnt deshalb, weil der Autor in einer Detailliertheit, die man selten findet, auf die Frage antwortet: Ja, aber wie soll eine nicht-kapitalistische Gesellschaft denn aussehen? Ist sie überhaupt denkbar? Mit Gewinn tut Fresin das, weil sein Bild der nicht-kapitalistischen Gesellschaft die Fragestellung, wie eine solche Gesellschaft unserer Meinung nach gestaltet werden könnte, diskutierbar macht. Fresins Kritik des Kapitalismus ist dabei ebenso zutreffend, systematisch und nachvollziehbar argumentiert wie er vermeintliche Alternativen – allen voran den Sowjetsozialismus – mit Sachverstand analysiert, zugleich historische Erfahrungen nicht-kapitalistischer Produktionsweisen untersucht und daraus seine “Do’s and Dont’s” für ein Leben nach dem Kapitalismus gewinnt. (…)

Das komplette Werk in der Zweitauflage kann man auch online im Blog des Autoren nachlesen, was natürlich ein toller Service ist! Das Inhaltsverzeichnis klingt auf jeden Fall vielversprechend:

VORBEMERKUNGEN

Vorbemerkungen zur zweiten Auflage

EINFÜHRENDER LEITFADEN

Teil 1: Kritik der Marktwirtschaft
Teil 2: Das alternative Modell
Teil 3: Frühere alternative Modelle und realisierte Versuche
Ergänzende Bemerkungen

DIE NOTWENDIGKEITEN EINER UNNÖTIGEN ÖKONOMIE

1 Privateigentum und Geld
2 Geld und Profit
3 Konkurrenz um den Profit
4 Konkurrenz um den Arbeitsplatz
5 Geld als Kredit
6 Kredit als Spekulation
7 Resümee
Ergänzende Bemerkungen

DAS ELEND DER MARKTWIRTSCHAFT

1 Armut
2 Arbeit
2.1 Der schlechte Ruf der Arbeit in der Marktwirtschaft

2.2 Moderne Arbeit
3 Gesundheit
4 Umwelt
5 Krieg und Frieden
6 Resümee

DER STAATLICHE UMGANG MIT DER MARKTWIRTSCHAFT UND DEREN ELEND

1 Grundsätzliches zum bürgerlichen Staat
1.1 „Wer“ ist der bürgerliche Staat?

1.2 Charakteristika des bürgerlichen Staates
1.3 Der funktionale Umgang mit den Staatsbürgern
2 Menschenfreundliche (soziale) Marktwirtschaft?
2.1 Die Reduzierung der „Normalarbeitszeit“
2.2 Was ist von staatlicher Politik zu erwarten?
2.2.1 Armut / Wohlstand
2.2.2 Arbeit
2.2.3 Gesundheit
2.2.4 Umwelt
2.2.5 Krieg und Frieden
2.3 Das Verhältnis des Bürgers zu Staat und Marktwirtschaft
3 Resümee

GRUNDRISS DER BVW

1 Zwecke der BVW
2 Voraussetzungen der BVW
2.1 Vergesellschaftung der Produktionsmittel

2.2 Gemeinsamer Wille
2.3 Hohes Niveau der Technologie
2.4 Überregionale Durch- und Umsetzung der BVW
3 Ausgangspunkt: Erfassung der Bedürfnisse und des Bedarfs
4 Planung der Produktion und Leistungserstellung
4.1 Aufgaben der Planungskomitees
4.2 Mitarbeiter der Planungskomitees
4.3 Vielfältigkeit der Güter
5 Produktion von Gebrauchswerten
5.1 Vergesellschaftung (versus Privateigentum)

5.2 Gebrauchswert ( versus Tauschwert)
5.3 Planzahlen
5.4 Qualität
5.5 Produktivität
5.6 Einhaltung der Liefertermine
6 Arbeit (und Zuteilung) in der BVW
6.1 Zweck der Arbeit

6.2 Planung der Arbeit
6.3 Angenehme Arbeitsbedingungen
6.4 Arbeit und Zuteilung
6.4.1 Zuteilungsstufen (Dreistufenmodell)
6.4.1.1. Grundstufe (Grundanspruch)
6.4.1.2. Allgemeinstufe (Allgemeinversorgung)
6.4.1.3. Sonderstufe (Sonderversorgung)
6.4.2 Bewertung der Arbeit
6.4.2.1. Schwere der Arbeit
6.4.2.2. Zulauf zu bestimmten Arbeiten
6.4.2.3. Ausführung der Arbeit
6.4.3 Arbeitszeiterfassung
6.5. Mögliche Schwachpunkte des Arbeits- und Zuteilungsmodells?
6.6 Andere Güterzuteilungsmodelle
6.6.1 Geldzirkulationsmodell
6.6.2 Arbeitsgeldmodell
6.6.3 Fixkreditmodell
6.6.4 Mehrstufenmodell
6.6.5 „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“
6.6.6 Resümee Zuteilungsmodelle
7 Zuteilung
7.1 Zuteilungssystem
7.2 Information
7.3 Chipkarte
7.4 Nutzungsdauer
7.5 Spezielle Güter und Leistungen
7.5.1 Dienstleistungen
7.5.2 Wohnungen
7.5.3 Speisepavillons / Nachtarbeit
7.5.4 Haushaltsarbeit
7.5.5 Kunst und Sport
8 Ausbildung
9 Gesundheit
10 Umwelt
11 Politik
11.1 Die (politischen) Gremien
11.2 Verbindliche Regelungen
11.3 Sicherheit und Beurteilungsinstanzen
11.4 Informationen
12 Ethik
12.1 Erstes Beispiel: Anerkennung der Person
12.2 Zweites Beispiel: Gleichberechtigung
13 Außenhandel, Außenpolitik

DER ÜBERGANG

1 Überzeugungsarbeit
2 Stichworte zum Umbruch
3 Die Umgestaltung
3.1 Erste Phase
3.1.1 Politik
3.1.2 Ökonomie
3.1.3 Arbeit
3.1.4 Gesundheit
3.1.5 Ausbildung
3.2 Zweite Phase
3.3 Dritte Phase

DIE GEGNER DER BVW (UND IHRE ARGUMENTE)

1 Der (erfolgreiche) bürgerliche Staat
2 Nutznießer der Marktwirtschaft
3 Charakter des Menschen
3.1 Erziehung
3.2 Homo homini lupus
3.3 Die Vernunft des Menschen
3.4 Arbeitsmoral
3.5 Konkurrenz
4 Ökonomie
4.1 Planung
4.2 Knappheit
4.3 Geld und Preis
4.4 Sowjetökonomie – „Realer Sozialismus“
5 Demokratische Werte
5.1 Freiheit
5.2 Individualität
5.3 Freie Wahlen
6 Tugend

DIE ALTERNATIVE GESELLSCHAFT ALS UTOPIE

1 Thomas Morus – „Utopia“
1.1 Erstes Buch (Kritik)
1.2 Zweites Buch (Modell)
1.3 Resümee

2 Edward Bellamy – „Looking Backward“
2.1 Kritik der Marktwirtschaft
2.2 Die neue Gesellschaft
2.3 Resümee

DIE NICHT-UTOPIE: DER WISSENSCHAFTLICHE SOZIALISMUS

1 Kritik am Kapitalismus
2 Das Programm
3 Wissenschaft statt Utopie
4 Historischer Materialismus
5 Resümee

REALISIERTE VERSUCHE ALTERNATIVER ÖKONOMIEN

1 Vorspann: Die Reduktionen in Paraguay
1.1 Errichtung
1.2 Versorgungswirtschaft
1.3 Resümee

2 Der Kriegskommunismus und der Reale Sozialismus
2.1 Der Kriegskommunismus
2.1.1 Kritik an der Marktwirtschaft
2.1.2 Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft
2.1.3 Die Voraussetzungen des Übergangs zum Kommunismus
2.1.4 Die Umgestaltung
2.1.4.1 Industrie

2.1.4.2 Landwirtschaft
2.1.4.3 Arbeit und Verteilung
2.14.4 Geld
2.1.5 Der Abbruch
2.1.6 Resümee
2.2 Der Reale Sozialismus
2.2.1 Die Etablierung des Sozialismus – Aufstieg zur Weltmacht
2.2.2 Kollektivierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung
2.2.3 Revidierte Vorstellungen hinsichtlich einer neuen Gesellschaft?
2.2.4 Vom Sozialismus zum Kommunismus
2.2.5 Ausnutzung der Ware – Geld – Beziehung
2.2.6 Die staatlich dirigierte Warenwirtschaft
2.2.7 Anmerkungen zum politischen System / Stalinismus
2.2.8 Resümee

3 Der Dritte Weg – Volksrepublik China
3.1 Maoistisch sozialistische Ära
3.1.1 Die Gründung des „roten“ China

3.1.2 Maoismus
3.1.3 Entwicklung bis Maos Tod
3.1.4 Resümee
3.2 Postmaoistische Ära
3.2.1 „Sozialistische Warenwirtschaft“ (ab 1978)
3.2.2 „Geplante Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ (ab 1984)
3.2.3 „Sozialistische Marktwirtschaft“ (ab 1994)
3.2.4 Resümee

SCHLUSSBEMERKUNG

LITERATURANGABEN

ANHANG

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Die Zukunft der Zivilgesellschaft

Zum Wochenende möchte ich Euch heute die Dokumentation „Beherzte Bürger – die Zukunft unserer Zivilgesellschaft“ empfehlen, die 2007 auf 3sat im Rahmen der Reihe „Z wie Zukunft“ lief. Das Thema klingt vielleicht im ersten Moment vielleicht nicht sooo prickelnd, aber tatsächlich spart der Bericht nicht mit intensiver Kritik an der Konsumgesellschaft und den durch unser kapitalistisches Wirtschaftssystem ausgelösten Erodierungen des sozialen Miteinanders. Sehr spannend, wie ich finde, und ein Beispiel dafür, dass Gebührengelder auch sinnvoll, nämlich in aufklärerische Sendungen, investiert werden können.

Welche Funktionen übernimmt künftig bürgerliches Engagement und wie können sich neue funktionierende Gemeinschaften eigenverantwortlich innerhalb der Gesellschaft bilden. Wie können demokratische Entscheidungswege in 10 bis 15 Jahren funktionieren; wie ist soziale Kohärenz und innere Sicherheit in 10 bis 15 Jahren zu garantieren, in – überspitzt formuliert – einer Gesellschaft mit 2/3 Alten und 2/3 Erwerbslosen? Zivilgesellschaftliches Handeln findet immer weniger in Parteien, Gewerkschaften und Kirchen statt als in zweckorientierten Selbsthilfegruppen, Netzwerken und Bürgerstiftungen. Wie sehen in Zukunft die Voraussetzungen für eine Bürgergesellschaft aus? Und wem nützt dieses Engagement?

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Ein paar Lesetipps zum Wochenende: „Sie können nur billig“, „Facebook weiß alles über uns“ und „Wann stehen die Deutschen auf?“

Das Wochenende naht und wie könnte man es besser verbringen als mit der Lektüre einiger interessanter, aufschlussreicher Artikel? Eben. Deshalb empfehle ich hier wieder einige Texte, die mir im Laufe der letzten Tage besonders aufgefallen sind.

colorful_price_labelBeispielsweise hat Die Zeit den lesenswerten Bericht „Einzelhandel: Sie können nur billig“ veröffentlicht, in dem es – man ahnt es schon – natürlich zum einen um meine speziellen „Freunde“, die Discounter, geht. Zwar werden, wie so oft in den Medien, nur einige der Folgen, die die Billigmasche für die Gesellschaft hat, angesprochen und insbesondere auf die Ausbeutung der Mitarbeiter abgestellt, aber immerhin zeigt der Artikel auch, dass durch den permanenten, durch die Discounter ausgelösten Preiskampf inzwischen auch die anderen Einzelhandelsketten, also Rewe, Edeka etc., voll einsteigen und ebenfalls Preise und Kosten zu drücken beginnen. Ich habe an dieser Stelle ja schon des öfteren gepredigt, die großen Ketten (und allen voran die Discounter) zu meiden; der Artikel bestätigt mich da wieder mal.

(…) Alle wissen um die verheerende Wirkung – und tun es trotzdem immer wieder: Sie senken die Preise. Die mächtigen Chefs der großen Handelskonzerne können es nicht lassen, weil die Deutschen Schnäppchenjäger sind und selbst für gute Lebensmittel angeblich kein Geld übrig haben. Manche Waren werden geradezu verramscht. Doch auch das hat seinen Preis. Den zahlen häufig jene, die in den Läden hinter der Theke stehen, Regale einräumen oder an der Kasse sitzen. Wer im Handel beschäftigt ist, muss mit Lohndrückerei, Schikanen oder Schnüffeleien rechnen. (…)

(…) Ein Mitarbeiter wagte es zu Beginn des Jahres allerdings, vor Gericht zu ziehen. Er war als sogenannte Pauschalkraft bei Netto beschäftigt und fordert eine Lohnnachzahlung. Das Verfahren läuft noch. Textilhändler KiK hat einen solchen Prozess schon hinter sich. Ende März vergangenen Jahres wurde das Unternehmen wegen der Zahlung sittenwidriger Löhne verurteilt. (…)

In einigen weiteren Artikeln zu dieser Problematik legt Die Zeit noch nach, so mit „Billiger geht’s nicht“:

(…) Für die Händler bedeutet das empfindlich schrumpfende Geschäfte. Sie sparen deshalb, wo sie können. Zum einen nutzen die Großen unter den Händlern ihre Nachfragemacht, um Lieferanten zu pressen. So beklagt die Ernährungsindustrie einen Umsatzrückgang von vier Prozent. Das sei der stärkste Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik gewesen, so die Hersteller. Die Entwicklung hat nichts damit zu tun, dass die Verbraucher weniger essen und trinken. Mengenmäßig sind die Produktion und der Absatz von Lebensmitteln und Getränken nämlich konstant geblieben. Die Konsumenten zahlten einfach nur weniger für die Nahrungsmittel.

Gespart wird aber auch woanders. Selbst wenn man in vielen Läden inzwischen vergeblich nach Beratung sucht, zählt der Einzelhandel nach wie vor zu den personalintensiven Branchen. Was liegt da näher, als den Kostenfaktor Mensch zu reduzieren. Wie das geht, hat gerade die Drogeriemarktkette Schlecker vorgemacht: Verkäuferinnen entlassen und über eine Leiharbeitsfirma wieder einstellen. Zu viel geringerem Gehalt natürlich, Urlaubs- und Weihnachtsgeld werden bei der Gelegenheit gestrichen. Wer das nicht akzeptiert, dem droht Hartz IV. Zwar wird immer wieder behauptet, dass Schlecker ein Einzelfall sei. Seltsam ist nur, dass es keine hinreichenden Zahlen über den Einsatz von Leiharbeitern im Einzelhandel gibt. (…)

Und in „Gericht begrenzt Expansionsdrang der Discounter“ wird darüber berichtet, dass der Widerstand gegen diese Entwicklung auch von politischer und juristischer Seite zumindest sporadisch vorhanden ist:

(…) In Köln befindet sich rund 500 Meter vom anvisierten Standort entfernt eine Ansammlung von Geschäften und Dienstleistern, die bisher die Versorgung der Anwohner sicherten. Die Stadt befürchtete den Niedergang des gesamten Nahversorgungsbereiches, wenn der Discounter mit knapp 700 Quadratmeter Fläche dazukäme. Das Bundesverwaltungsgericht bestätigte diese Auffassung. (…)

Apropos Überwachung – die neuen Internetdienste wie Facebook erweisen sich ja als grandiose Datensammler. Nicht nur das, was die User bereitwillig in Massen von sich preisgeben, kursiert durchs Netz, nein, Facebook weiß noch viel mehr von unsereins, selbst wenn man gar keinen Facebook-Account hat. Die FAZ schreibt in „Soziale Netzwerke: Facebook weiß alles über uns“:

Wer Facebook nutzt, schenkt dem Unternehmen hinter dem sozialen Netzwerk viele private Informationen über sich. Und wer es nicht nutzt, behält seine Informationen für sich – könnte man meinen. Dass die Realität inzwischen anders aussieht, belegen immer mehr Erfahrungsberichte von Nichtmitgliedern, die sich von Facebook seltsam durchleuchtet fühlen. (…)

(…) Hendrik Speck, Professor für Digitale Medien an der FH Kaiserslautern, findet das sehr problematisch, aber ganz und gar nicht überraschend. „Facebook hat sich darauf spezialisiert, solche Verknüpfungen auszuwerten“, sagt er. Dabei mache es sich die Naivität und Faulheit derjenigen zunutze, die nur die Vorteile allumfassender Synchronisierung sähen. Gerade die „weichen Faktoren“, über die sich die Menschen definierten – wie Vorlieben und Kontakte –, seien für Facebook bares Geld wert und würden mit Hilfe von Algorithmen eingesammelt, „egal, ob der Betroffene seine Einwilligung gibt oder nicht“. Daraus macht Facebook-Gründer Mark Zuckerberg kein Geheimnis: Erst im Januar sagte er in einem Interview, Privatsphäre sei nicht mehr zeitgemäß. Mit deutschen Datenschutzgesetzen kann man dem kaum beikommen – für das amerikanische Unternehmen Facebook gelten sie nicht. (…)

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© asifthebes, stock.xchng

Der wohl wichtigste und tiefgreifendste Artikel wird diese Woche von Egon W. Kreutzer in seinem neuesten Paukenschlag geliefert – er analysiert die derzeitige Situation der Gesellschaft in Deutschland und stellt die Frage „Zwischen Schmerzgrenze und Hemmschwelle: Wann stehen die Deutschen auf?“. Kreutzer entwirft – basierend auf Naomi Kleins Schock-Strategien, drei mögliche Szenarien für die zukünftige Entwicklung im Land, die allesamt nicht übermäßig rosig, zum Teil auch sehr gefährlich klingen. Unbedingt lesen, auch die dazugehörige Diskussion!

(…) Die organisatorische Basis, die eine Revolte braucht, um wirkungsvoll und erfolgreich agieren zu können, ist also bundesweit nicht vorhanden.

Doch ist anzunehmen, dass sie bereits im Entstehen ist.

Wir werden, so meine Prognose, mit der Zunahme des Drucks im Kessel eine Entwicklung erleben, die auch in Deutschland nach dem Vorbildern in Nordirland, im Baskenland, in Kurdistan und Palästina, ein Zwitterwesen – halb offizielle Partei, halb Kampftruppe im Untergrund – hervorbringt, das sich – anders als die “Alten Kameraden”, ohne Rassismus, ohne Führerkult, ohne jede Anlehnung an das Dritte Reich, offen – und in verdeckten Aktionen – für die Wahrnehmung nationaler Interessen gegen die Übermacht der Global Player und für den Wiederaufbau des Sozialstaats einsetzen wird.

Massive Unterstützung aus der breiten Masse der Bevölkerung wird es dann geben, wenn die Kaufkraft der Hartz-IV-Empfänger nicht mehr ausreicht, um das Körpergewicht zu halten – und sich – neben den rund 10 Millionen Menschen, die heute schon zum Prekariat gezählt werden müssen, weitere 10 bis 15 Millionen in wirtschaftlichen Verhältnissen wiederfinden, die trotz fleißiger Arbeit kein menschenwürdiges Leben mehr ermöglichen.

Wenn die Bundesregierung dabei bleibt, die vollkommen unsinnige, neu ins Grundgesetz geschriebene Schuldenbremse und die EU-Vorgaben zur Neuverschuldung einzuhalten, ohne gleichzeitig die Steuern auf Kapitaleinkünfte und Vermögen und den Spitzensatz der Einkommensteuer massiv zu erhöhen, wofür es derzeit keinerlei Anzeichen gibt, wird dieser Zustand 2012 zwangsläufig erreicht und 2013 zu gewalttätigen Auseinandersetzung in ganz Deutschland führen.

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Politischer Konsum?

aldi_250Die Idee, dass Konsum auch eine politische Komponente hat, ist seit einigen Jahren stark im Kommen – es gib eigene Websites & Blogs, die sich diesem Thema widmen (der meinige tut das in gewisser Weise auch ein wenig), und es gibt auch ein von den Marketingfuzzis dieser Welt bereits gut geortetes und ins Visier genommenes eigenes Marktsegment, die LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability). Die Grundidee des naiven politischen Konsums, die die Marktgläubigkeit tief aufgesogen hat, lautet etwa: „Ich gehe wie immer zu meinem Aldi, kaufe dort statt der normalen Industriebilligplörre nun Bio-Plörre und signalisiere damit, dass Interesse an besser hergestellten Produkten besteht, so dass Aldi – durch die unsichtbare Hand des Marktes geleitet – praktisch von ganz alleine irgendwann alles auf naturverträglichere Ware umstellt, schon aus schierem Eigeninteresse (= Profit).“ Dass dies dem Discount-Prinzip komplett widerspricht und man gleichzeitig die Verarmung der Vielfalt unterstützt, wird dabei gerne vergessen.

Die LOHAS gehen noch einen Schritt weiter und machen, wie schon der Name andeutet, einen ganzen Lifestyle aus ihrem Konsum, also zumindest der klischeetypische LOHAS, der mittlerweile oft als hedonistischer und unpolitischer Besserverdiener dargestellt wird (ein Klischee, das sicherlich nur für einige stimmt, für viele andere auch wieder nicht; wie immer, wenn irgendwelche Schubladen aufgemacht und Leute hineingestopft werden), der sich als Ablasshandel für sein Dasein als Konsumbürger der westlichen Welt ein gutes Gewissen via Biowaren erkauft.

Hart ins Gericht mit diesen Ansätzen geht nun die ehemalige Neon-Redakteurin Kathrin Hartmann in ihrem Buch „Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt. Im Artikel „Korrekte Konsumenten“ in der jetzt-Beilage der Süddeutschen führt sie ihre Gedanken ein wenig aus:

(…) Das Problem ist nur: Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem. Wer bei Lidl bio und fair kauft, unterstützt die Niedrigpreispolitik des Konzerns und die dortigen Arbeitsbedingungen. Wer sich bei Adidas Recycling-Schuhe kauft, spart Ressourcen, akzeptiert aber die Zustände in den Sweatshops. (…)

(…) Selbst der Bioboom hat negative Folgen – besonders dort, wo er den Massenkonsum trifft: Weil es auch der Bio-Kunde gern billig hat, sind die Gewinner des Booms nicht die Bio-Märkte, sondern die Discounter. Sie verkaufen inzwischen ein Drittel der Bio-Produkte in Deutschland. Sie haben aber nicht die konventionellen Produkte durch Bio-Produkte ersetzt, sondern diese zusätzlich ins Regal gestellt, um am Boom zu verdienen. Das Bio-Gemüse kommt, wie alles im Discounter, daher, wo es billig ist: aus heißen, trockenen Ländern. Dort verbraucht dieses zusätzlich viel Wasser und verursacht Umweltschäden. (…)

(…) Die Konzerne haben großes Interesse, diese Strukturen zu erhalten. Und mächtig sind sie, weil sie für ihre Anliegen Lobbyarbeit in der Politik betreiben. Die Lohas-Anhänger glauben, privater Konsum sei politisch. Doch bleibt alles, wie es ist. Selbst wenn noch so viele Fischstäbchen gekauft werden, mit denen man Meeresschutzprojekten hilft, noch so viel Industriekäse, mit dem man Suppenküchen unterstützt, und noch so viele Autos, für die der Autohändler Bäume pflanzen lässt. Denn all das ist letztlich affirmativ und systemkonform. (…)

Vieles von dem, was die Autorin da schreibt, spricht mir aus der Seele, denn schon immer war ich ein erklärter Gegner, Großkonzernen, die plötzlich auch ein bisschen was „in Bio“ oder „begrünt“ verkaufen, auf den Leim zu gehen und damit ihre sonstigen zerstörerischen Umtriebe (nicht zuletzt den Ausbau der eigenen Marktmacht) mit zu unterstützen. Auch in Das konsumistische Manifest“ von Tobias Becker im Kulturspiegel dreht es sich u.a. um Hartmanns Buch:

(…) Die neue Ökowelle, schreibt sie, sei keine politische Bewegung, sondern “eine Auffrischung des Konsumgedankens”, ein “Befindlichkeitsumweltschutz, der nicht weh tut oder gar einschränkt, der nicht nach allgemeingültigen Lösungen sucht, sondern individuelle Erlösung verspricht”: Ego statt Öko, “Wellness fürs Gewissen” statt gesellschaftlicher Debatten.

Das Lohas-Konzept sei eine “neoliberale Wirtschaftsideologie” mit einfacher Formel: “Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht”. (…)

(…) Und so sind sie Konsumbürger, die ihre Ansichten lieber im Kaufhaus artikulieren als in der Wahlkabine oder gar auf einer Demo – eine Privatisierung der Politik. Das große Ganze ändert sich so nicht. Im Gegenteil: Gerade die Lohas laden den Konsum mit Sinn auf, und Konsum ist per se nicht nachhaltig. Echter Umweltschutz war noch nie sexy. (…)

Auch ich sehe durchaus die Gefahr, dass viele Menschen meinen, mit dem Kauf eines Fairtrade-Kaffees hätten sie dann schon genug getan und könnten ansonsten so weiterleben wie bisher – politisches Einmischen oder soziales Engagement müssen dann nicht mehr sein. Und selbst wenn es kein „richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem“ gibt, wie Hartmann schreibt, so gibt es doch auf jeden Fall ein „falsches Einkaufen“. [Und entgegen Frau Hartmann denke ich sehr wohl, dass man selbst in diesem System „richtig“ kaufen kann – was soll zB so falsch am Kauf von Biowaren bei einem Mitgliederladen sein, der regionale Produkte zum quasi Selbstkostenpreis vertreibt?] Denn jeder Euro, den man den Großkonzernen und ihren Machtstrukturen in den Rachen schmeißt, indem man ihre Produkte kauft, wird ja weiter in die Zerstörung der Umwelt und der Gesellschaft gesteckt und festigt nur die jetzigen Strukturen. Von daher halte ich es deshalb auch nicht für verwerflich, sondern für dringend geboten, wenn man wenigstens schon mal beim Konsum beginnt, umzudenken und sein Geld eben nicht noch zur Finanzierung des eigenen Feindes hergibt.

Ich nenne hier mal einige ganz einfache Faustregeln, die selbst dem Uninformierten helfen können, sich durchs Konsumdickicht zu schlagen und mit denen man eigentlich wenig falsch machen kann:

  1. Niemals beim Discounter kaufen. Nie. Nichts. Das betrifft alle Discounter, also Aldi, Lidl, Netto, Penny, Schlecker usw. (Außer man muss jeden Euro dreimal umdrehen, natürlich, dann bleibt einem oft nichts anderes übrig.)
  2. Möglichst auch die großen Supermarktketten meiden. Lieber zu kleinen Läden, auf den Wochenmarkt etc. gehen – auch dort kann man günstig einkaufen, wenn man z.B. den richtigen Moment abpasst (beim Wochenmarkt kurz vor Ende bspw.)
  3. Keine Produkte & Marken kaufen, für die im Fernsehen oder in überregionalen Medien usw. Reklame gemacht wird; denn nur die großen Unternehmen können sich solche Medienpräsenz leisten. Und ich sage gerne (nur halb im Scherz): „Wenn das Produkt wirklich gut wäre, müssten sie keine Werbung dafür machen.“ Zudem bezahlt man als Kunde Reklameaufwand und Markenbildung beim Einkauf mit. (Diese Regel ist zugegebenermaßen etwas grob, da es sicher auch ein paar halbwegs vernünftige Sachen/Firmen gibt, die groß angelegt werben. Aber nicht so viele. Im Lebensmittelsektor kommt man mit meiner „Regel“ auf jeden Fall sehr weit.)
  4. Wenn es Alternativen gibt, immer Produkte kaufen, die nicht von den großen, weltweit agierenden Konzernen stammen. Möglichst regional, am besten Bio und Fairtrade (wer es sich leisten kann). Kein Bio von Großkonzernen, wenn auch andere Bioangebote existieren.
  5. Weniger Fleisch essen.

Diese Punkte ersetzen natürlich kein politisches Engagement oder Aktivismus, gehören aber m.E. zur passenden Begleitmusik. :-)

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Buchbesprechung: Lohoff/Trenkle/Wölflingseder/Lewed „Dead Men Working“

dead-men-working-02Lernt man irgend jemanden auf einer Party in Deutschland kennen, so dürfte eine der ersten Frage, die man gestellt bekommt, sein: „Und, was machst du so?“ Wer so fragt, dem geht es natürlich darum, welchen Beruf man ausübt, um seinen „Lebensunterhalt zu verdienen“, wie man so schön sagt, und nicht etwa um die Aktivitäten, mit denen man viel Zeit verbringt, die aber „nichts einbringen“. Dies sind Symptome der Arbeitsgesellschaft, in der wir leben, und in der der Beruf und die Karriere das zentrale Konstrukt ist, um das herum sich das restliche Dasein gefälligst zu gruppieren hat.

Dies ist auch der Ausgangspunkt, der die Autoren des Buches „Dead Men Working: Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs“ bewegt hat, sich mit der übergroßen Bedeutung, die die Arbeit im Leben der heutigen Menschen einnimmt, auseinanderzusetzen. Auf 300 Seiten tragen eine Vielzahl von deutschen und österreichischen Autoren (manche von ihnen im wissenschaftlichen Bereich tätig) ihre Gedanken und Überlegungen zu den Themen Arbeit, Arbeitslosigkeit, Bildung vs. Ausbildung uvm. zusammen. Einige, wie Norbert Trenkle, Andreas Exner oder Franz Schandl, sind mit ihren scharfzüngigen und sehr schonungslosen Analysen bereits in anderen Publikationen (Streifzüge, krisis) vertreten, die sich ebenfalls um den Wahnwitz unseres Wirtschaftssystems drehen, und haben auch vor mittlerweile über zehn Jahren das provokante „Manifest gegen die Arbeit“ veröffentlicht (das es HIER komplett zum Online-Nachlesen gibt).

Die einzelnen Kapitel bzw. Artikel des Buches zeichnen ein ordentliches Schreckbild der heutigen Gesellschaft und vor allem der Arbeitswelt, und zeigen an einigen persönlichen Schilderungen der Autorin Maria Wölflingseder, mit welch durchkalkulierter Perfidie diejenigen, die aus diesem Raster gefallen sind – die Arbeitslosen – drangsaliert werden, um sie ja nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Spannend auch Gaston Valdivias „Zeitverschwendung Marktwirtschaft – über die absurdeste Reproduktionsweise seit Menschengedenken“, in dem er aufzeigt, wieviel Lebenszeit jeder einzelne von uns dafür verplempert, diese Form der Waren- und Konsumgesellschaft aufrechtzuerhalten, sowie Erich Ribolits’ Beitrag „Vom sinnlosen Arbeiten zum sinnlosen Lernen“, das sich sehr kritisch mit der permanenten Zurichtung aller Arbeitskäfte für den Arbeitsmarkt durch permanente (ausschließlich fachbezogene) Weiterbildung auseinandersetzt.

Gerade bei letztem Artikel kann man allerdings auch den Schwachpunkt des Buches erkennen – die meisten Texte zeichnen ein gerade hermetisches Bild der Welt, also ein sehr einseitiges, in dem es keine Schattierungen gibt. Es wird von einer Vorstellung der Arbeitswelt ausgegangen, die für viele der Autoren (als Freischaffende, Professoren, Redakteure etc.) sicherlich selbst gar nicht zutrifft, nämlich einem rein stumpfen, leeren, aufoktroyierten Verrichten nutzloser, entseelter Arbeit. Dass es darüber aber auch Menschen gibt, die ihren Job tatsächlich gerne machen (nicht zuletzt viele Selbstständige, die in Deutschland aber natürlich per se verdächtig sind, da sie sich oftmals nicht so leicht ins herrschende Schema pressen lassen), und mancher selbst in einem eigentlich unersprießlichen Job ein soziales Umfeld gefunden hat, auf das er ungern verzichten würde, fällt leider bei vielen Betrachtungen in diesem Buch unter den Tisch.

Dennoch ist natürlich die Absicht der Autoren, die Nachteile unserer derzeitigen krassen Ausrichtung des Daseins und des Denkens auf eine möglichst wertschöpfende (d.h. in Geldwert auszudrückende) Lebensweise, aufzuzeigen aller Ehren wert und wichtig, um Ausbeutung und Selbstausbeutung und die Durchkommerzialisierung, die wir in unserer Gesellschaft immer stärker erleben, zu bremsen, vielleicht sogar irgendwann einmal umzukehren. Dabei können diese hier versammelten Gedanken einn wichtigen Beitrag leisten.

Ernst Lohoff, Norbert Trenkle, Karl-Heinz Lewed, und Maria Wölflingseder (Hrsg.) „Dead Men Working: Gebrauchsanweisungen zur Arbeits- und Sozialkritik in Zeiten kapitalistischen Amoklaufs“, Unrast Verlag, 2.A. 2005, 302 S., 18,– €

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Fernsehtipp: Der Palmölkrieg

Hier noch ein kurzer Fernsehtipp für alle Kurzentschlossenen: morgen (Donnerstag, 10.12.09) um 13:15 Uhr läuft auf 3sat die Sendung „Der Palmölkrieg – Ölplantagen vertreiben Kolumbiens Kleinbauern“, deren Inhalt wirklich schrecklich klingt und zeigt, wie zerstörerisch unser Wirtschaftssystem mit Mensch und Natur umgeht:

In Kolumbiens Regenwäldern spielt sich eine Tragödie ab: Für den Anbau von Palmölplantagen werden in der Provinz Chocó Zehntausende von Kleinbauern vertrieben und viele massakriert. Christliche Missionare versuchen die Bedrohten zu schützen, jedoch mit mäßigem Erfolg.

Unter den Missionaren ist auch der Schweizer Pater Josef Schönenberger. Der Filmemacher Frank Garbely ist mit ihm in den Regenwald gereist und zeigt die Hintergründe dieser Vertreibungstaktik auf. (…)

Lynchmorde, Massaker und Folter – dann kommen die Bulldozer
In der Provinz Chocó wird der Anbau der Ölpalme besonders radikal und rücksichtslos vorangetrieben. Seit zehn Jahren ist hier ein eigentlicher Plünderungskrieg im Gange. Paramilitärs, unterstützt von der Armee, vertreiben gewaltsam die Bevölkerung, zerstören ihre Dörfer und eignen sich ihr Land an, das sie an Palmölproduzenten weiterverkaufen. Dabei gehen sie mit unbeschreiblicher Grausamkeit vor: Lynchmorde, Massaker, Folter, Entführungen … Auf den Terror folgen die Bulldozer.

Wo früher Urwald stand, wird heute Palmöl produziert
Wo früher Urwald stand, breiten sich heute Ölpalmplantagen aus, die zunehmend von internationalen Unternehmen und Finanzgesellschaften aufgekauft werden. Das Palmöl wird nach Europa und in die USA ausgeführt, dort weiterverarbeitet zu Agrosprit, aber auch zu Produkten der Nahrungsmittelindustrie oder zur Herstellung von Seifen, Kosmetika und Farbstoffen. (…)

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