Okt
13
2009

Mumpitz Marke

konsum1

Unlängst empfahl ich Euch ja schon den ausgesprochen gelungenen Artikel „Reklame – die Pest der Kommerzgesellschaft“ der Website literaturkritik.de. Just dort fand ich einen nicht minder lesenswerten Text, der allerdings wirklich umfangreich und umfassend ist. Er heißt „Mumpitz Marke“, stammt von Frank Müller und befasst sich intensiv mit dem uns umgebenden Markenwahn, dem Schwachsinn, der darin liegt, nur für ein von Marketingleuten aufgeblasenes Image unglaublich viel Geld zu bezahlen und dabei irgendwelchen künstlichen Trends und Moden hinterher zu hecheln. Ich denke, jeder, der sich für das Thema Konsumkritik interessiert, sollte, nein, MUSS diesen Artikel einmal gelesen haben, trotz des beachtlichen Umfangs. Einfach mal eine halbe Stunde den Fernseher ausschalten und statt dessen in Ruhe Müllers sog. „Pamphlet“ lesen, der in seinem Beitrag viele Facetten des „Erlösungswahnsinns Marke“ zur Sprache bringt.

Hier wie üblich ein paar Auszüge:

(…) Marken schüren ein künstliches Verlangen; sie ketten uns an die Ware und machen uns dadurch immer dürftiger. Über die Inhaltsleere ihrer pausenlosen Selbstaffirmation trösten sie uns hinweg, indem sie uns das Brandzeichen des Logos aufdrücken. (…)

(…) Sobald sich ein Ding von seinem physischen Substrat abgekoppelt hat, entscheiden immer mehr die Wahrnehmungen, Emotionen, Images und Fantasien über Markenpräferenzen – jenseits der faktisch nachweisbaren Leistung. Werbung der vierten Art wirbt folgerichtig mit sich selbst. (…) Oder, noch einmal zugespitzt: Das eigentliche Produkt ist die Werbung. (…)

(…) Man höre und staune: Während die Dresdner Bank “ökologische und soziale Verantwortung übernehmen” will, Hennes & Mauritz “unter guten Arbeitsbedingungen” produzieren und die Karstadt Quelle AG “Leistung für Mensch und Umwelt” erbringen möchte, preist McDonald’s sein “weltweites Engagement zugunsten der Kinder” an. Der imageträchtige Budenzauber ist leicht durchschaubar. Die Investitionen für das vorgebliche Engagement sind lächerlich gering, gemessen an dem, was die Konzerne durch unlautere Methoden erwirtschaften. Es kostet nicht mehr als ein Lächeln in die Kamera des kritischen Journalisten, um Verhaltens- oder Produktionsnormen zu formulieren, ohne sie anschließend durchzusetzen und zu kontrollieren.

(…) Der moralische Konsum ist zu einer Geschäftsidee unter anderen geworden: Fair gehandelter Kaffee, garantiert kinderarbeitsfreie Teppiche und ohne den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln heran gezüchtetes Gemüse sind Antworten auf die Frage des politisch korrekten Konsums, die vielleicht die Spielregeln, nicht aber das Spiel verändern. Kampagnen gegen Marken werden zu ethischen Verkaufsführern, die den Konsum keineswegs drosseln, sondern ihm lediglich ein anderes Vorzeichen verpassen, unter dem er sich umso ungehinderter austoben kann. (…)

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10 Kommentare »

  • Ich hab hier noch von Packard “Die geheimen Verführer” liegen und hab es teilweise auch gelesen. Interessanterweise habe ich es ausgerechntet von meinem Marketingprofessor empfohlen bekommen. Einer der wenigen, die sich auch mit der Schattenseite ihres Berufs befasst haben.

    Comment | 13. Oktober 2009
  • So wie mein VWL-Professor uns “So lügt man mit Statistik” empfahl, damit wir kritisch an Zahlenwerke und Schaubilder herangehen. Sowas war aber im Studium leider die Ausnahme, auch hier in Kiel.

    Comment | 13. Oktober 2009
  • Konsumkritiker

    Den Satz „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ habe ich in meinem Studium von einigen Dozenten gehört… da waren durchaus auch Statistiker, Marktforscher und Marketer dabei!

    Aber zum eigentlichen Thema:
    Ich kann die grundsätzliche Verteuflung der Werbung nur bedingt nachvollziehen. Jeder, der etwas zum Verkauf anbietet, muss auch darauf hinweisen dürfen. Dabei muss er auch nicht zwingend jeden Nachteil oder alle negativen Aspekte des Produktes erwähnen.
    Absolut zu verurteilen ist es natürlich, wenn Unternehmen bewusst fehlinformieren, gänzliche falsche Tatsachen behaupten oder zwingend notwendige Infos vorenthalten. Leider ist dies gerade bei Konzernen häufig der Fall, so dass ich einer Werbe-Kritik keinesfalls widerspreche.

    Aber: was mir bei solchen Diskussionen immer zu kurz kommt, ist die Mündigkeit des Beworbenen. Mir wird permanent gesagt, ich bräuchte ein neues Handy mit Kamera und Internetzugang, ich brauche auch einen HD-Fernseher, einen neuen Wäschetrockner oder gesundheitsfördernde Joghurtdrinks. Das Problem dabei: Ich weiß (durch einfaches Nachdenken oder auch „Gehirneinschalten“), dass ich all das nicht brauche und deswegen auch nicht kaufe.
    Soll heißen, jeder ist für sein Handeln in gewisser Weise auch selbst verantwortlich. Dass Werbung nicht die Wahrheit aller Wahrheiten kommuniziert, sollte mittlerweile vielen Menschen klar sein, dass diese das jedoch tunlichst ignorieren, ist nicht das Problem der Unternehmen. Natürlich ist es wiederum ebenso verwerflich, die „Dummheit“ anderer auszunutzen, aber ich bin immernoch von der Macht des Verbrauchers überzeugt. Er kann ohne Weiteres Verzichten und dümmliche Werbung, unnütze Produkte oder moralisch-ethisch miserable Unternehmen abstrafen. Ihm ist jedoch alles egal – keine Verantwortung übernehmen, nicht nachdenken, Hauptsache er hat alles. Der Gedanke „Brauche ich das?“ wird dabei leider viel zu selten gedacht. Das darf man, bei aller berechtigten Kritik an Werbung und Kommerz, auch dem Verbraucher mal vorwerfen.

    Comment | 13. Oktober 2009
  • Du hast auf jeden Fall Recht, dass der Konsument, so der Bürger sich als solcher sieht, auch immer für das (mit)verantwortlich ist, was er tut, deshalb ist Konsumkritik ja auch das, worum es mir in meinem Blog zuvorderst geht (siehe zB meine vielen Beiträge zu den Discountern, in denen ich ja auch das Verhalten der Käufer kritisch hinterfrage). Allerdings befeuert Reklame halt durch die Grundeinstellung, dass mehr kaufen immer besser ist (also Dinge schnell durch neue ersetzen, weil’s grad Mode/Trend ist etc.), deshalb ist hier Kritik auch mehr als angebracht.

    Comment | 13. Oktober 2009
  • Konsumkritiker

    Keine Frage, Kritik ist angebracht! Man darf (leider) auch nicht zu viel vom Konsumenten erwarten, gerade was das Ändern seiner Grundeinstellung angeht. Ich finde es immer erstaunlich, wie ignorant Menschen bei Kik und Konsorten einkaufen, ohne dass sie finanziell darauf angewiesen sind.

    Konsumkritik bezieht sich aber eben auch immer auf die jeweilige Gegenseite, wobei ich den Mangel an Verbraucherkritik nicht zwingend auf diesen Blog bezogen habe.

    P.S: Die Discounter-Artikel gehören auch zu meinen Favoriten hier, da man nicht oft genug auf diese skandalösen Geschäftspraktiken und -prinzipien hinweisen kann.

    Comment | 13. Oktober 2009
  • Idealistin

    @ Konsumkritiker verweist auf eine ausschlaggebende Komponente. Es ist nicht die Werbung an für sich, sondern die Gleichgültigkeit der “Masse”. Betrachtet man die Vorfälle in jüngerer Vergangenheit wie z.B. der Bespitzelungsskandal bei Lidl und das kaum veränderte Kaufverhalten der Kunden, zeigt sich hier wo der eigentliche Schuh drückt – beim Verbraucher selbst. Ich jedenfalls sehe es so. Wer seinen Verstand benutzt und nachhaltig konsumieren möchte – den kann niemand daran hindern – weder die Werbung. Selbst der schmale Geldbeutel ist an für ssich kein Hinderniss. Denn Studien haben es längst bewiesen- wer gesund einkauft und auf Fertigprodukte verzichtet- spart Geld- selbst wenn die Naturprodukte dem ersten Auggenschein nach “teuer” sind. Bei qualitativ hochwertigen Waren verhält es sich genauso- sie halten wesentlich länger- als ein Billig-Plagiat. Zwar sind sie in der Anschaffung kostspieliger aber mit der Zeit amortiesiert sich dies. Zugleich wird wird dabei Umwelt geschont- weil kein Ersatz benötigt wird- jedenfalls nicht so schnell.

    Ein großes Problem sehe ich aber in bezug auf unmündige Bürger sowie für Kinder und Jugendliche – Gruppen die nicht klar urteilen können. Da sind die Eltern gefragt- ihren Kindern beizeiten beizubringen- das Verzicht auch Stärke und Selbstbewußtsein bedeutet! Der Nachbar mit seinem Protzauto braucht eben etwas um sein Image aufzuwerten! Wer zu sich selbst steht nicht schämt sich nicht für einen umweltbewussten Kleinwagen mit Gasantrieb und auch nicht dafür dass er nur ein KFZ im 4 Personenhaushalt sein Eigen nennt. Verzicht geht oft mit Verstand einher- nicht nur immer mit einem schmalen Geldbeutel. Apropos- das Geschrei Wohlstand für alle- sehe ich persönlich kritisch. Da wir zurzeit Wohlstand mit unnötigen Konsum und Luxus verbinden – beides die größten Umweltkiller!

    @ Peter- Deine Seite finde ich nach wie vor Klasse. Mach weiter so.

    Comment | 13. Oktober 2009
  • Idealistin

    Sorry, beim Text ist einiges durcheinander geraten. Das nächst Mal schreibe ich lieber in einem Schreibprogramm, wo ich den Text als Ganzes sehen kann :-)

    Comment | 13. Oktober 2009
  • Ich kann Dir da nur Recht geben – gerade auch, was die Billigheimer angeht und die Kurzsichtigkeit der Kunden. Da versuche ich ja ein wenig Aufklärungsarbeit zu betreiben. :-)

    Die Werbebranche kann ich allerdings trotzdem nicht aus ihrer Verantwortung entlassen, denn da sie (und die Marketingfuzzis) ja wissen, dass viele Leute in gewissem Maße manipulierbar sind bzw. nicht hinterfragen, was ihnen die Medien vorsetzen, ist es unverantwortlich, die Menschen damit dann zu unnötigem Konsum zu verleiten (und das ist ja letztlich die Aufgabe von Reklame).

    Comment | 13. Oktober 2009
  • daniel

    @ Idealistin:
    “Betrachtet man die Vorfälle in jüngerer Vergangenheit wie z.B. der Bespitzelungsskandal bei Lidl und das kaum veränderte Kaufverhalten der Kunden, zeigt sich hier wo der eigentliche Schuh drückt – beim Verbraucher selbst.”

    Der sogenannte Verbraucher (das Wort schmerzt) kann etwas bewirken, da gebe ich dir recht. Aber das Wissen darum, dass eine bestimmte Kundenmenge dahin rennt, wo es am Billigsten ist, darf bei den Anbietern nicht dazu führen, dass sie im großen Stil ihre Angestellten, Lieferanten und Produzenten ausbeuten, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Die Schuld liegt beim Ausbeuter selbst. Der Anbieter hat ganz selbstverständlich dafür zu sorgen, dass sein Angebot legal, vernünftig und nachhaltig zustande kommt. Das sollte der Standardzustand sein, Punkt.
    Und der Kunde kann genau garnix dafür, dass z.B. Lidl seine Angestellten bespitzelt.

    “Bei qualitativ hochwertigen Waren verhält es sich genauso- sie halten wesentlich länger- als ein Billig-Plagiat. Zwar sind sie in der Anschaffung kostspieliger aber mit der Zeit amortiesiert sich dies. Zugleich wird wird dabei Umwelt geschont- weil kein Ersatz benötigt wird- jedenfalls nicht so schnell.”

    Das sehe ich ähnlich. Nur, wer sagt mir, was ein gutes, lange haltendes Produkt ist und was nicht? Das herauszufinden ist manchmal gar nicht so einfach. Am Preis erkennt man es nicht zuverlässig. An der “Marke”, und da sind wir wieder richtig on topic, leider ebenfalls nicht. Ich tendiere gerne dazu, etwas gebraucht zu kaufen (oder zu tauschen oder mir schenken zu lassen). Das Produkt hat dann schonmal gezeigt, dass es durchaus ne Weile hält. Zudem muß es nicht nochmal extra für mich hergestellt werden. Und nicht zuletzt ist es billiger als ein Neues. (Mir ist aber klar, dass sich das nicht auf alles anwenden läßt, oft fehlt einfach das Angebot oder die Beschaffung ist umständlich oder es handelt sich um ne Zahnbürste ;) .

    “Apropos- das Geschrei Wohlstand für alle- sehe ich persönlich kritisch. Da wir zurzeit Wohlstand mit unnötigen Konsum und Luxus verbinden – beides die größten Umweltkiller!”

    Hmm, aber hier sollten wir an unserem Wohlstand-Begriff feilen. In meinen Augen: Ich muß meinen Lebensstandard jedem anderen Menschen auf dieser Erde zugestehen können.

    daniel

    Comment | 14. Oktober 2009
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