Kategorie: Grundlegendes

Buchbesprechung: Jean Ziegler „Das Imperium der Schande”

Wusstet Ihr, dass Nestlé, der weltgrößte Lebensmittelkonzern mit Sitz im beschaulichen Schweizerischen Vevey, weltweit über 8000 Marken verfügt, zu denen neben den vielen Süßigkeiten (Lion, Kit Kat, Smarties), Kaffeesorten und Tier- und Kindernahrung (Alete), Maggi und Thomy u.a. auch Vittel, Perrier und San Pelegrino zählen? Dass das Unternehmen wegen seines unstillbaren Wachstumsdursts „Die Krake von Vevey” genannt wird? Dass Nestlé in vielen Zweigunternehmen, beispielsweise in Frankreich, aber auch in Asien und Lateinamerika, aktiv gegen gewerkschaftliche Tendenzen bei seinen Angestellten vorgeht? Oder dass die Firma bevorzugt in den armen Ländern Afrikas Mütter in den ersten Tagen nach der Geburt ihrer Babys mit kostenlosem Milchpulver versorgt, so dass die Frauen bald nicht mehr mit ihrer eigenen Milch stillen können und fortan auf die „Segnungen” des Milchpulvers angewiesen sind, das sie teuer kaufen und zudem mit oft verunreinigtem Wasser mischen müssen, was zu vielen Todesfällen und Krankheiten unter den Säuglingen führt?

All diese beunruhigenden Informationen finden sich in Jean Zieglers neuem Buch «Das Imperium de Schande – der Kampf gegen Armut und Unterdrückung», in dem er die durch die Globalisierung und neoliberales Wirtschaften entstandene Weltordnung scharf kritisiert und als «neofeudales Herrschaftssystem» bezeichnet. Ziegler ist nicht irgendein dahergelaufener Globalisierungsgegner, sondern als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und streitbarer Professor der Soziologie mit den Mechanismen vertraut, die heutzutage zu einer sich immer weiter verstärkenden Ungleichheit auf der Welt führen. Detailliert und kenntnisreich – bei manchen Versammlungen der entsprechenden UN- oder IWF-Gremien ist Ziegler mit vor Ort und weiß somit genau, wovon er spricht -, engagiert und mit viel Empathie für die betroffenen Gesellschaften der sog. „Dritten Welt”, schildert Ziegler die unerbittlichen Regeln, die die herrschenden transkontinentalen Konzerne und die Regierungen der westlichen Demokratien, den unter ihrer Schuldenlast ächzenden und oft erstickenden Ländern in Lateinamerika, Asien und Afrika aufzwingen. Menschenrechte werden dabei durch das „Recht” des Stärkeren ersetzt, der Profit der einzelnen Großkonzerne den Interessen der Menschen übergeordnet – «Die Kosmokraten lieben die Menschenrechte. Aber nur solange sie der Ausbeutung der Völker nicht im Wege stehen.», wie Ziegler gegen Ende seines Buches bitter anmerkt.

Jean Ziegler nimmt in seinen Schilderungen kein Blatt vor den Mund und streift dabei durchaus auch einmal den Bereich der Polemik, andererseits kann man es ihm angesichts des Elends, das er auf seinen Reisen um den Globus ständig erlebt und der Wut, die man auch als Leser dabei empfindet, nicht wirklich verübeln. Der Autor führt uns jedoch nicht nur die teils skandalösen Zustände vor Augen, von denen wir uns im sicheren und reichen Westeuropa kaum Vorstellungen machen können, sondern gibt auch hoffnungsvolle Ausblicke auf eine Zukunft, in der die Herrschaft der „Kosmokraten” (wie er die Staatslenker und Leiter der großen Unternehmen und Banken nennt) zurückgedrängt wird – Widerstand gegen dieses «parasitäre Wirtschaftssystem» regt sich überall auf der Welt (Stichwort „Culture Jamming”) und es gibt auch konstruktive Gegenentwürfe, wie die Entwicklung in Brasilien zeigt, das gerade versucht, sich von dem von den reichen Ländern aufgebürdeten Schuldenberg zu befreien und die Armut im eigenen Land zu bekämpfen sowie die demokratischen Grundrechte der Bürger zu stärken.

Fazit: Dieses Buch sollte Pflichtlektüre eines jeden kritischen Staatsbürgers und Konsumenten sein!

Jean Ziegler „Das Imperium der Schande”
Goldmann 2008 (aktualisierte Auflage), 345 S., 8,95 €

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Wege aus der sog. „Finanzkrise”

Nachdem unser Finanzsystem dieser Tage massiv in Taumeln geraten ist, Politiker um Vertrauen in die Banken werben und an allen Orten sogar das Wirtschaftssystem in Frage gestellt, eine Epochenwende prognostiziert bzw. das nahende Ende des Kapitalismus postuliert wurde, haben die Regierungen der Industriestaaten in einer konzertierten Aktion Abermilliarden Dollar zur Stützung der Banken etc. bereit gestellt. Und nun ist zu befürchten, dass abgesehen von ein paar kleineren Korrekturen in Bezug auf verschärfte Aufsicht, den Austausch einiger Marionetten o.ä. alles sehr bald wieder zu business as usual übergeht – bis zur nächsten Krise, in der es dann noch stärker knallen wird. Die grundlegenden Probleme dieses auf permanentes Wachstum ausgelegten Systems bleiben damit unkuriert, und die systemimmanenten Ungerechtigkeiten werden sicher weiter zunehmen, zumal man zukünftig mit dem Hinweis auf die „Finanzkrise” sicher noch so manche soziale Härte zu rechtfertigen versuchen dürfte.

War’s das also schon wieder? Bei meinem nächtlichen Streifzug durchs Internet stieß ich auf einige interessante Stimmen zum Thema.

Der von mir sehr geschätzte sum1-Blog konstatierte vor einigen Tagen „Kapitalismus tot, wir leben” und vermisst von vielen Systemkritikern konstruktive Ansätze für ein echtes Umdenken.

Denn wo bleiben Antikapitalisten wenn der Kapitalismus zu Bruch geht? Sie verlieren ihre Identität. Sie haben nichts mehr was sie hält, aber da die meisten von ihnen nur gelernt haben zu kritisieren allerdings die wenigsten Alternativen aufzubauen sind sie jetzt nicht nur sprachlos sondern auch tatenlos.

sum1 hatte gehofft der Kapitalismus würde uns noch etwas mehr Zeit bis zum Crash geben so, dass es alternative Strukturen bereits geben würde die sofort einspringen könnten. (…) So bin ich am Ende froh wenn den ewigen Nörglern jetzt mal Feuer unterm Arsch gemacht wird. Denn spätetsens wenn Vater Staat nicht mehr genug Kohle haben wird um die “Anarchisten” auszuhalten werden sie sich um alternative Wirtschafts- und Lebensformen bemühen müssen.

Die Diskussion, die sich in den Kommentaren zu seinem Beitrag abspielt, ist auch lesenswert!

Alternativen zum derzeitigen Wirtschaftssystem versucht der Nachhaltig beobachtet-Blog aufzuzeigen, und dass diese auch ein Umdenken im Geld-/Währungssystem bedeuten müssen, führt er an anderer Stelle aus.

Erinnert sich noch jemand, was ursprünglich mal die Funktion von Geld war? Und was ist heute daraus geworden? Etwas so Komplexes und Abstraktes, dass eine kleine Minderheit mit rekursiven Mechanismen gewaltig abzockt. Warum nehmen wir die Sache nicht wieder selber in die Hand?

Peter Richter diskutiert in seinem Blogsgesang in mehreren Postings über die Ursachen der aktuellen Krise und fordert dazu auf, statt der Symptome den Krankheitsherd des Finanzsystems zu behandeln:

Tatsächlich jedoch ist die Krise nur dann nachhaltig zu bewältigen, wenn Regeln gefunden werden, durch die zumindest ein Teil der Gewinne aus einer weitgehend menschenlosen Produktion der Allgemeinheit zugute kommt, ihrer Bildung, ihrer kulturellen Entwicklung, ihrem Lebensumfeld und auch jenen, die für die Produktion nicht mehr gebraucht werden und ihren Beitrag zur Gesellschaft auf anderen Feldern erbringen, vor allem solchen des solidarischen Miteinander (…)

Und in einem anderen Posting beklagt er, dass der Weg des Geldes immer nach oben führt.

Ungeachtet des Super-Gaus im Finanzwesen wollen die dafür Verantwortlichen ungerührt das fortsetzen, was sie herbeiführte – die unverfrorene Umverteilung von unten nach oben.

Oder wie die Berliner Zeitung kommentiert: „Der Staat rettet – sich selber”.

Nach den Anschlägen des 11. September 2001 gab es eine vielzitierte Behauptung: Nichts wird wieder so sein wie vorher. Heute wissen wir: Alles ist genau so wie vorher, abgesehen vom Ausbau des Überwachungsstaates, vielleicht.

Eine wenig erbauliche Aussicht… wir sollten alles daran setzen, dass zukünftig nicht so weitergewurschtelt wird!

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Citibank hat offenbar nichts aus der Finanzkrise gelernt

Dass eine der Ursachen der aktuellen Finanzkrise in der Überschuldung amerikanischer Haushalte liegt, die viel zu leicht an billige Kredite gekommen sind und (wie auch Unternehmen) letztlich nur auf Pump lebten, dürfte mittlerweile bekannt sein. Doch für manche Banken – deren Branche gerade mit Steuermilliarden aus der selbstverschuldeten Patsche geholfen wird – ist dies scheinbar kein Grund, bisherige Praktiken zu überdenken.

So habe ich heute einen Brief von der Citibank bekommen (die übrigens auch mehrere Milliarden $ von der US-Regierung erhalten wird!), in dem sie mir mitteilt, dass sie den Disporahmen meiner Visakarte mal einfach so ungefragt um einige hundert Euro erhöht, damit ich „noch mehr finanziellen Freiraum” habe. Und weiter:

„Und das Beste: Sie müssen sich um nichts kümmern. Das Geld steht Ihnen sofort zur Verfügung. Einfach sinnvoll, einfach klug. Mit dem erweiterten Disporahmen Ihrer Citibank Kreditkarte können Sie ganz entspannt einkaufen.”

„Nein danke” sage ich da nur. Nett, wie diese Bank ihre Kunden weiter zu Schulden bzw. zum Kaufrausch verleiten will (mit ihrem bei Ratenrückzahlung supergünstigen Überziehungs-Zinssatz von höchst moderaten, fast schon geschenkten 18.8%). Und dass der Konsum via Kreditkarte zu größerer (finanzieller) Freiheit beiträgt, ist ja nun ausgesprochen fragwürdig bis widersinnig.

Die Citibank genießt bei Verbraucherschützern ohnehin nicht gerade den besten Ruf (siehe z.B. „Zweifelhafte Kulanz” (Süddeutsche) oder „Die neue Form des Kreditwuchers” (Abendblatt)). Ich muss mich echt mal darum kümmern, diese beknackte Kreditkarte so schnell wie möglich abzuschaffen.

NACHTRAG vom 19.10.: Siehe auch diese Meldung vom ZDF „Kommt nach der Immobilienkrise die Kreditkartenkrise?

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Bahn verschiebt Börsengang

Diese erfreuliche Meldung ging am Wochenende ja durch die Presse – der für Ende Oktober geplante Börsengang der Bahn, die Teilprivatisierung öffentlichen Eigentums, ist aufgrund der aktuellen Finanzmarktkrise verschoben worden. Dies erhöht die Chancen, dass der Plan vielleicht doch noch scheitert. Denn dass eine Privatisierung Vorteile für die Kunden oder die Umwelt hätte, ist ja vermutlich eine Illusion – die Preise steigen, weniger frequentierte Strecken werden stillgelegt etc. pp – den Hauptnutzen aus der Aktion werden, so ist zu befürchten, private Investoren ziehen.

Gegen die Privatisierung setzt sich u.a. Attac ein (HIER) und es gibt auch eine Online-Unterschriftenaktion bei Campact zu diesem Thema.

Campact ist übrigens eine sehr löbliche Einrichtung, in der unter dem Motto „Demokratie in Aktion – Für eine bessere Politik” Bürger online Petitionen unterschreiben können. U.a. gegen zusätzliche Kohlekraftwerke oder auch für die Schließung von Steueroasen.

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Freiheit statt Angst

Ein kurzer Hinweis – heute (ab 14 Uhr) findet in Berlin die große „Freiheit statt Angst”-Demo in Berlin statt, zu der u.a. der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung, aber auch viele andere Organisationen und Parteien (u.a. Grüne und FDP) aufgerufen haben.

Ich zitiere Nils:

es geht also um zunehmende überwachung und kontrolle durch staat und wirtschaft, um privatsphäre und netzneutralität, kurzum: es geht darum, ein zeichen gegen den überwachungswahn zu setzen

Mehr Infos findet Ihr in seinem Blog oder beispielsweise auf der Website Freiheit statt Angst.

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Geld als Schuld

Die derzeit tobende Finanzkrise führt aktuell nicht nur das neoliberale Gedöns vom „perfekten, sich selbst regelnden Markt” ad absurdum (denn kein Markt war in den letzten Jahren so dereguliert worden wie der Finanzmarkt – mit den nun zu “bewundernden” Folgen), sondern lässt uns auch im Fernsehen ungewöhnliche Allianzen erblicken (in einer Talkshow war CSU-Mann Gauweiler beispielsweise ganz auf einer Linie mit dem Vertreter Der Linken, was die Konsequenzen angeht, die nun gezogen werden sollten), aber auch so erstaunliche Diskussionen erkennen wie vor einigen Tagen bei „Hart aber fair”, wo CDU- und Wirtschaftsvertreter sich so darstellten, als wäre es schon immer ihr ureigenstes Anliegen gewesen, das Banken- und Finanzwesen rigoros einzugrenzen. Hinterher sind eben alle schlauer…

Dass all diese Probleme nicht nur auf Verfehlungen einzelner Akteure, sondern letztlich auch auf die grundsätzliche Konstruktion unseres Wirtschafts- und auch Geldsystems zurückzuführen sind, zeigt vielleicht auch der Film «Money as debt – Geld als Schuld» von Paul Grignon sehr anschaulich. In den 47 unterhaltsamen Minuten erfährt unsereins vieles über unser Geld, wo es herkommt, wie es sich vermehrt, welche Gefahren hierin lauern – sehr interessant und aufschlussreich! Tatsächlich war mir vieles davon so vorher auch nicht bekannt.

>> Link zu dem Film in 5 kleineren Häppchen
>> Interessanter Artikel von Thomas Plettenbacher (Attac Österreich) zur Finanzkrise

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Günter Wallraff deckt in einer Lidl-Brötchenfabrik skandalöse Zustände auf, die die logische und direkte Folge des für unsere gesamte Gesellschaft zerstörerischen Preisdumpingwettbewerbs der Discounter darstellen. Guten Appetit beim nächsten Aldi/Lidl-Einkauf!

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