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Was ist eigentlich Culture Jamming? Und was soll Adbusting?

Angesichts der Tatsache, dass ich in meinem Konsumpf-Blog schon des Öfteren von Culture Jamming und Adbusting geschrieben, diese Begriffe aber noch gar nicht explizit gewürdigt habe, möchte ich mich an einer kleinen persönlichen Definition dieser beiden Begriffe/Konzepte versuchen.

1abtvDer Ausdruck „Culture Jamming“ stammt ursprünglich aus den 80er Jahren und wurde erstmalig von der (sozialkritischen) amerikanischen Band Negativland verwendet. Einen größeren Bekanntheitsgrad erreichte CJ, als Kalle Lasn in Kanada das Adbusters Magazine als „Culturejammer’s Headquarters“ gründete und das Buch „Culture Jamming“ veröffentlichte, in welchem er die neue Bewegung in Bezug zu den französischen Situationisten um Guy Debord („Die Gesellschaft des Spektakels“) setzt. Einige Jahr vor diesem Buch 1993 brachte Mark Dery in seinem Artikel „Culture Jamming: Hacking, slashing and sniping in the empire of signs” den Begriff einem größeren Publikum dar.

Culture Jamming, das bedeutet direkt übersetzt das Blockieren, Stören, Verkleben der Kultur. Wobei unter Kultur hier insbesondere die Zustände verstanden werden, die unser Leben der Durchökonomisierung und Kommerzialisierung zuführen, d.h. alles rund um das Hamsterrad aus permanenten Produzieren und Konsumieren. Culture Jamming ist somit natürlich immer auch Konsumkritik. Aber Culture Jamming geht darüber und über bloßen „nachhaltigen“ oder „politischen“ Konsum hinaus und beinhaltet, was nur folgerichtig ist, auch einen sehr kritischen Blick darauf, welche Inhalte und Weltbilder uns in den Medien rund um die Uhr vermittelt werden. Das Augenmerk ist zudem auf die demokratische Entwicklung gerichtet, die durch Marktmachtkonzentration (u.a. im Mediensektor) bedrängt und gefährdet wird. Das heißt, Fernsehkritik ist ebenfalls elementarer Bestandteil des CJ, da die Berieselung mit den bunten Bildern die Menschen sediert und zu passiven Empfangssubjekten von inszenierten Spektakeln degradiert. Und Culture Jamming ist nicht zuletzt ganz klar Werbekritik. Sowohl an einzelnen Kampagnen, die ein krankes Menschenbild vermitteln oder schädliche Produkte schönfärben, sprich: den Betrachter hinters Licht führen und zum Konsum animieren wollen. Wie auch an der grundsätzlichen Beeinflussung der Bürger=Konsumenten durch die Reklameindustrie, Stichwort „Mindfuck“.

Culture Jammer wollen mit ihrem Tun also letzten Endes erreichen, dass aus stumpfen, willigen Konsumenten wieder (oder erstmalig) wache Bürger werden, dass Menschen beginnen, das zu hinterfragen, womit sie tagein, tagaus bombardiert werden, dass sie ihr eigenes Hirn einschalten und sich auch gegen die stetig voranschreitende Usurpierung des gesamten (öffentlichen) Lebens durch den Kommerz zur Wehr setzen. Gleichzeitig soll die Macht der Konzerne, die in immer mehr Lebensbereiche hereinragt, gestoppt und gebrochen werden. Runter von der passiven Fernsehcouch, Schluss mit dem resignierten Schulterzucken und statt dessen selbst aktiv werden, so lautet das Motto.

marlboro-countryEine Methode, dies zu erreichen, ist das sog. Adbusting. Hier werden Produktanzeigen kreativ verändert, entstellt und die Werbebotschaften teils in ihr Gegenteil verkehrt, um das, was hinter der schillernden bunten Werbefassade steckt, zum Vorschein zu bringen. Mit den Mitteln der Parodie und Ironie wird der stete Strom der systemformenden und -bestätigenden Symbole und Aussagen unterbrochen und mit neuen Inhalten gefüllt, die in der Regel näher dran an den tatsächlichen Hintergründen der materiellen Gesellschaft sind (sog. „SpoofAds“). Ziel ist es also, den Betrachter zu verwirren, aus den gewohnten Bahnen zu schubsen, sein Sehen zu deautomatisieren und dazu zu bringen, kritischer an das heranzugehen, was ihm die Dödel aus den Marketingabteilungen weismachen wollen. Hierin steckt ein gewaltiges subversives Potential, u.a. da den Rezipienten solcher Adbustingaktionen oft nicht bekannt ist, von wem diese stammen und worin die genaue Absicht der Verwirrung besteht. Wie bei einer Guerilla-Bewegung wird gerne aus dem Hintergrund agiert und agitiert.

absoluteonice-previewSehr gut beschriebene, nachvollziehbare Einführungen in das Phänomen Culture Jamming/Adbusting bieten auch diese beiden Artikel, die ich Euch besonders ans Herz legen möchte:

  • Marc Alexander Holtz. „Mindfuck nach Till Eulenspiegel“ (einmal in der Version auf seinem persönlichen Blog, und dann in einer überarbeiteten Fassung auf Info-Parkour). Als vernünftig gesetztes, fehlerbereinigtes pdf könnt Ihr Euch den Artikel HIER herunterladen. Und als mp3-Podcast (gesprochen von Henriette Carla Schrader & Marc Alexander Holtz) HIER.

Werbegegner nehmen sich das Recht auf Werbung zu antworten. Die Idee ist es, Konsumenten zu der Erkenntnis zu verhelfen, dass er wenig bis gar nichts darüber weiß, was „wirklich“ ist. Es geht um die generelle Sensibilisierung des eigenen Geistes, um richtige von falschen, wichtige von unwichtigen Informationen unterscheiden zu können.

  • Christoph Behnke. „Culture Jamming und Reklametechnik“ (europäisches institut für progressive kulturpolitik). Eine eher mit gewissem wissenschaftlichen Anspruch geschriebene Abhandlung, in der es auch um Erfolgsaussichten und eventuelle Widersprüche im CJ geht.

Wir wollen im folgenden zwei Praktiken des Culture Jamming analytisch unterscheiden: eine interne Strategie, die ihre Praktiken insbesondere an den vorhandenen Formen der Reklametechnik ausrichtet und dort eine ganze Bandbreite von Themen ‘alternativ’ kommuniziert wie Alkoholmissbrauch, Tabakmissbrauch bis hin zu politischen Fragestellungen im Kontext der Globalisierung, Stichwort ‘No Logo’. Dem steht gegenüber ein externer Gebrauch des Culture Jamming, wo die Technik der Kommunikation, die Aufmerksamkeitsökonomie selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung wird, wo also eher der „Triumph der Reklame in der Kulturindustrie, die zwanghafte Mimesis der Konsumenten an die zugleich durchschauten Kulturwaren“ unterlaufen werden soll, indem z.B. die Zerstreuung als dominante Rezeptionsform ausgeschlossen wird. Diese Praktiken entstehen naturgemäß im Kunstfeld.

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Die Zurückeroberung von „cool“

(Dies ist meine Übersetzung des Artikels „The Reconquest of Cool“ des streitbaren Adbusters-Gründers und „Ur-Culture-Jammers“ Kalle Lasn, der als Editorial in der März 2008er Ausgabe vom Adbusters Magazine erschien. Der Text passt auch gut zu meiner Serie über die Schädlichkeit der Werbung, insbesondere zum ersten Teil, war doch die Aneignung von Begriffen für Werbezwecke dort ebenfalls Thema.)

cool-typical_french_parisian_girlVierzig Jahre nachdem Konzerne den Begriff „cool“ gekidnappt haben, wird es Zeit, wieder ein authentisches „cool“ von der Basis her zu erschaffen.

Von seinen Wurzeln in Afrika bis zur Jugendkultur heutiger Tage war cool immer eine Gesinnung des Widerstands gegen Unterjochung, ein Ausdruck von Rebellion und eine Trotzhaltung.

In den 60er Jahren, mitten in einer der größten kulturellen Revolutionen unserer Zeit, entdeckten die Konzerne, dass cool unglaublich gewinnträchtig sein kann. Während junge Menschen spontan auf die Straßen gingen und Festivals und Anti-Kriegs-Demonstrationen organisierten, begannen Konzerne damit, diese Gegenkultur zu plündern und auffällige Symbole und Redewendungen in ihre Werbekampagnen einzubauen.

So begann ein Tanz des authentischen „cool“ mit dem vorgetäuschten, kommerziellen „cool“. Wie Thomas Frank in seinem Buch „The Conquest of Cool“ („Die Eroberung von cool“) 1997 erklärte, wurde cool Schritt für Schritt „zentral für die Art und Weise, wie der Kapitalismus sich selbst verstand und gegenüber der Öffentlichkeit erklärte.“ In einem der erstaunlichsten kulturellen Staatsstreiche aller Zeiten haben Werbeagentur-Gurus herausgefunden, „wie man eine Maschine konstruieren kann, die Entfremdung und Verzweiflung in Konsens verwandelt.“

Vierzig Jahre nach der Übernahme von cool durch die Konzerne, findet wir uns erneut in einer Ära eines außergewöhnlichen kulturellen und politischen Umbruchs wieder. Die globale Erderwärmung jagt uns Angst ein, eine Seuche von Stimmungsverwirrungen untergräbt unsere Zuversicht und der Krieg gegen den Terror verwandelt sich in einen 4. Weltkrieg mit offenem Ende; wir fühlen uns unsicherer als je zuvor.

Plötzlich wachen die Menschen in Scharen aus dem Traumland des Konzern-cool auf. Wir werden uns bewusst, dass wir, seitdem wir als kleine Babys um das Fernsehgerät im Wohnzimmer herum krabbelten, belogen wurden, mit Propaganda überzogen – uns wurde unaufhörlich, Tag für Tag, erzählt, dass wir unser Glück im Konsumieren finden würden. Deshalb haben wir, wie Ratten in einer Skinner-Box, permanent auf den KAUF-Knopf gedrückt – Millionen von uns marschieren im Gleichschritt, alle den gleichen Konsumententraum träumend.

Nun hebt sich der Nebel. Wir verstehen endlich, wohin uns dieses Schein-cool geführt hat: nicht zu Glück und Wohlstand, wie es in den Anzeigen versprochen wurde, sondern zu Zynismus, Umweltzerstörung und einer brutalen Ellenbogengesellschaft.

Dies ist der magische Augenblick, in dem das kapitalistische „cool“ ins Schlingern geraten und ein authentisches „cool“ wieder nach oben gelangen kann. Und nach Jahrzehnten des Herumirrens in der Wildnis, wird uns auf der Linken endlich klar, worum es bei diesem magischen Moment geht. Clive Hamilton – der Autor von Growth Fetish („Wachstumsfetisch“) und „Affluenza“ – bringt es in seinem Artikel „What’s Left? The Death of Social Democracy” („Was ist Links/was bleibt übrig? Der Tod der Sozialdemokratie“) auf den Punkt, wenn er schreibt: „Das bestimmende Problem der modernen industriellen Gesellschaft ist nicht Ungerechtigkeit sondern Entfremdung … die zentrale Aufgabe fortschrittlicher Politik besteht heutzutage nicht darin, Gleichheit zu erzeugen, sondern Befreiung.“

Vergesst es, die Symptome zu behandeln. Vergesst das Heckenlabyrinth der Identitätspolitik. Entflieht den glorreichen Kämpfen um Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit der Vergangenheit. Befreit Euch statt dessen vom kapitalistischen „Mindfuck“ (geht in Richtung Gehirnwäsche; Anm. PM). Fangt an, wieder authentisches „cool“ von der Basis her zu entwickeln. Der Rest wird folgen.

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Surftipp: RESIST – No shopping

Na, Hand aufs Herz, wer hat es geschafft, am gestrigen Buy Nothing Day nichts zu kaufen? Ich habe es bis zum späten Abend ausgehalten, „musste” dann aber doch beim Stereolab-Konzert in Hamburg zwei Drinks ordern…

Eigentlich wollte ich Euch diese Website auch passend zum BND schon gestern vorstellen: RESIST – No Shopping (gefunden bei sum1). Dies ist ein Designprojekt von Anja Lorenz und Thomas Schneider aus dem Jahre 2005, bei dem sie diverse sehr nützliche Produkte erfunden haben, die dem vom alltäglichen Konsumwahn gepeinigten Menschen helfen, unnütze Einkäufe zu be- oder verhindern.

RESIST ist eine ironisch provokative Gegen-These zum diesjährigen ESQUISSE Thema “Let’s go shopping!”.

Dem täglichen Konsumverhalten der Menschen stellt RESIST neue Produkte entgegen, die alle nur einem einzigen, gemeinsamen Zweck dienen: Sie sollen helfen dem Shoppen zu widerstehen und ‘Nein’ sagen zu können.

RESIST will kein sozialkritisches Projekt sein, sondern Spaß machen. Durch die ironische Gestaltung und Präsentation der Marke und der angebotenen Produkte soll der Besucher/Käufer erheitert und provoziert werden. Humor und nicht Belehrung steht im Vordergrund. Widerstehen Sie.

Ein Beispiel – das „Pre Fill”:

Mit den praktischen PRE FILL Gewichten können Sie Ihre Einkaufs-Tour jetzt viel schneller erledigen. Packen Sie einfach eines der 3 PRE FILLs in Ihre Tasche und Sie haben schon beim Losgehen – je nach Variante – das Gefühl bereits seit 1, 3 oder 5 Stunden einzukaufen

Sehr schön ist auch der Shop auf der Website – wenn man die jeweiligen Produkte anklickt und in den Warenkorb befördern will, erscheint nur ein „Resist” und der Warenkorb bleibt leer. Ganz so, wie es sein soll. ;-)

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Buy Nothing Day 2008 – offizielles Statement von Adbusters

BUY NOTHING DAY ORGANIZERS CONFRONT THE ECONOMIC MELTDOWN HEAD ON

Now in its 17th year, Buy Nothing Day is celebrated every November by environmentalists, social activists and concerned citizens in over 65 countries around the world. Over the years, Buy Nothing Day (followed by Buy Nothing Christmas) has exploded into a global movement, inspiring the world’s citizens to live more simply and buy a whole lot less.

Designed to coincide with Black Friday (which this year falls on Friday, November 28) in the United States, and the unofficial start of the international holiday shopping season (Saturday, November 29), the festival takes many shapes, from relaxed family outings, to free, non-commercial street parties, to politically charged public protests, credit-card cut-ups and pranks and shenanigans of all kinds. Anyone can take part provided they spend a day without spending.

Featured by such media giants as CNN, USA Today, MSNBC, Wired, the BBC, The Age and the CBC, Buy Nothing Day has gained momentum in recent years as the climate crisis has driven people to seek out greener alternatives to unrestrained consumption.

This year, Buy Nothing Day organizers are confronting the economic meltdown head-on – asking citizens, policy makers and pundits to examine our economic crisis.

“If you dig a little past the surface you’ll see that this financial meltdown is not about liquidity, toxic derivatives or unregulated markets, it’s really about culture,” says the co-founder of Adbusters Media Foundation, Kalle Lasn. “It’s our culture of excess and meaningless consumption — the glorified spending and borrowing of the past decade that’s at the root of the crisis we now find ourselves in.”

Economic meltdown, together with the ecological crisis of climate change could be the beginning of a major global cultural shift — the dawn of a new age: the age of Post-Materialism.

“A simpler, pared-down lifestyle – one in which we’re not drowning in debt – may well be the answer to this crisis we’re in,” says Lasn. “Living within our means will also make us happier and healthier than we’ve been in years.”

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Samstag, 29.11.: der „Buy Nothing Day 2008”

Wie jedes Jahr am Tag vor dem ersten Advent, so ist auch 2008 wieder Buy Nothing Day – initiiert wurde diese Aktion 1992 durch Kalle Lasns Adbusters, als Antwort auf den gerade zur Weihnachtszeit besonders stark grassierenden Konsumwahn. Statt zu kaufen soll man am B.N.D. mal einen Tag inne halten und sein Portemonnaie zu Hause lassen. Bevor jetzt jemand kommt und meint „Ach, dieser eine Tag ändert doch auch nichts an der Malaise unserer Zeit!” – es geht hierbei weniger darum, die Wirtschaft durch einen Tag Käuferstreik „in die Knie zu zwingen” (das wäre ja auch ein unsinniges Ansinnen), sondern um eine eher symbolische Geste, und um die Bewusstmachung, wie sehr Konsum inzwischen integraler Bestandteil unseres alltäglichen Lebens geworden ist (mit all seinen negativen Folgen & Ausprägungen, von Umweltzerstörung bis „Finanzkrise”). Mal sehen, wer es schafft, am 29.11. kein Geld auszugeben…

Weitere Infos findet Ihr z.B. auf der offiziellen Adbusters-Seite zum Buy Nothing Day, und auch bei sum1 und der OEH Klagenfurt.

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„Mensch, willst du ewig kaufen?”

Das Thema Konsum- und Reklamekritik erscheint in der letzten Zeit erfreulich häufig auch in den (gehobenen) Mainstreammedien. Neulich, wie geschrieben, in DIE ZEIT, und letzte Woche sendete der Deutschlandfunk eine komplette Sondersendung über „Kommunikationsguerilla gegen Konsumkultur”.

Werbetafeln, beklebt mit: “Reklame verboten”. “Wir freuen uns auf Ihre nächsten Entlassungen und unsere Gehaltserhöhungen”, besagt die PR-Kampagne einer Bank. Amtliche Briefe fordern Notopfer für den Afghanistankrieg. Zeichen dafür, dass die Kommunikationsguerilla mal wieder zugeschlagen hat.

Ihr Ziel: die “subversive Kommunikation” über Konkurrenz, Leistungsdenken und Zeitgeist. Außerdem: den Konsum lächerlich zu machen, denn er bestimme nach ihrer Auffassung unser Leben.

Ihre Mittel: die spaßhafte Unterwanderung, Protest durch Chaos, “Fakes” von Werbebotschaften und politischen Verlautbarungen.

Die Guerilleros arbeiten im Verborgenen, überall in Europa. Der Autor hat sie bei Planung und Ausführung ihrer Aktionen beobachtet, beim Versuch, die Wahrheit über diejenigen zu sagen, deren Geschäft das Lügen ist.

In dieser Sendung kommt ebenfalls der Wiener Publizist Klaus Werner-Lobo („Schwarzbuch Markenfirmen”/„Uns die Welt”) zu Wort:

Lobo: Gerade natürlich im Bereich von Markenprodukten ist es so, dass Menschen sich Identitäten zulegen, in dem Sinn dass mit Produkten gewisse Emotionen verbunden sind und man hat so das Gefühl, wenn man sich dieses Produkt jetzt kauft, dann kann man diese Emotionen mit sich selbst verbinden.

Der Markterfolg, der hängt ja komplett von der Werbung ab, weil Werbung heute ja nicht mehr darin besteht ein Plakat zu drucken oder ein Inserat zu schalten, sondern da geht’s wirklich um groß angelegte Imagekampagnen. Also, die neuste Methode der Konzerne – gar nicht so neu ( … ) aber mit der sie in letzter Zeit sehr, sehr erfolgreich sind, ist die sogenannte ( … ) soziale Unternehmensverantwortung, wo sie uns weismachen wollen, dass sie jetzt ethisch und sozial denken und ( … ) quasi gute Bürger einer Gesellschaft sind. Das Ganze ist ungefähr so, wie wenn man vorher jemandem alles wegnimmt ( … ) und dann sag ich: stimmt eigentlich, der schaut arm aus und ich geb dem einen Euro.

(…)

SPRECHERIN Laut Klaus Werner-Lobo werden beispielsweise die Turnschuhe der Firma Adidas in Indonesien und China für circa vierzig Cent pro Paar genäht.

SPRECHER Um dann in Deutschland für hundert Euro über den Tisch zu
gehen.

SPRECHERIN Einen großen Teil dieses Profits schluckt die Werbung, die längst nicht mehr nur Werbung in Anzeigen und auf Plakatwänden ist.

SPRECHER Viel eher Lifestyle-Creation, umfassendes Management, das kein Produkt verkauft, sondern eine Lebenseinstellung.

(…)

Bergstedt: Adbusting ist für mich ein Teil des Eingreifens in den öffentlichen Raum, und zwar bezieht sich das vom Begriff Adbusting ja auf alles, was so an Werbeflächen da ist, für alles Mögliche, also grad egal, ob da ein Produkt angepriesen wird oder ob dort eine Partei Werbung macht oder in welcher Form auch immer ( … ) das hat sehr viel mit dem Alltag der Leute zu tun.

SPRECHERIN Die Adbuster-Szene ist eine der facettenreichsten Gruppierungen innerhalb der K-Guerilla.

SPRECHER Ihre Arbeitsweise reicht von illegal bis legal.

SPRECHERIN Komplett verweigernd – oder selbstironisch.

Leider gibt es von der Sendung keinen Podcast, aber immerhin ein pdf mit dem Sendungsmanuskript, das sich sehr amüsant und interessant liest und viele Facetten des kreativen Protests gegen Kommerz und Werbung beleuchtet.

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Die Yes Men und ihr Fake der New York Times

Die Yes Men sind eine amerikanische Aktivistengruppe, die schon so manches Mal für Furore gesorgt hat (wie man auch in ihrem gleichnamigen Film sehen kann). So haben sie die Website der Welthandels-Organisation (WTO) nachgemacht, dort die wirklichen Forderungen der WTO ins Extreme übertrieben bzw. einfach mal klar formuliert (Sklaverei für Afrika etc.) – und tatsächlich bekamen sie in der Folge Anfragen von Bürgern, Schulen, Vereinen etc., haben Vorträge im Namen der WTO gehalten und dementsprechend das Treiben dieser Organisation entlarvt. Sie sind vermutlich mit die prominentesten und aktivsten Vertreter des Culture Jamming.

The Yes Men agree their way into the fortified compounds of commerce, ask questions, and then smuggle out the stories of their hijinks to provide a public glimpse at the behind-the-scenes world of business. In other words, the Yes Men are team players… but they play for the opposing team.

Nun bin ich im Blog von Hans-Werner Lobo, dem Autoren von u.a. „Uns gehört die Welt” und dem „Schwarzbuch Markenfirmen” sowie dem De-Branding.Blog, auf ihre neue Aktion gestoßen – diesmal haben sich die Yes Men die New York Times zur Brust genommen und eine Parodie auf selbige ins Netz gestellt. Das erstaunliche daran – sie enthält nur Meldungen über sinnvolle und positive (aber leider in diesem unserem System utopisch anmutende) Entwicklungen, wie dem Ende des Irak-Kriegs, dass alle Universitäten kostenfrei sind oder die UN einstimmig ein Waffenverbot beschließt. Zusätzlich zur Website haben die Yes Men auch 1.5 Mio Exemplare drucken und an verdutzte Bürger in den USA verteilen lassen. Schade, dass wir solch eine NYT wohl niemals in echt erleben werden..

Es lohnt sich wirklich, in dieser sehr aufwendig gestalteten Zeitung zu stöbern, man findet viele hübsche skurrile Details und Pseudo-Reklame – z.B. ist auch dieses gelungene Beispiel für Adbusting zu sehen:

Auf der Seite „Corrections” korrigieren die Yes Men bei der Gelegenheit auch gleich die gesamte Firmenpolitik der NY Times:

Advertising
The Times acknowledges that accepting money from the very corporations whose activities we are responsible for reporting on — running ads from ExxonMobil while reporting on climate change, for example, or from weapons manufacturers while reporting on the Iraq War — represents an obvious conflict of interest.

Automobiles
In past issues the New York Times featured an entire section on automobiles. Our senior vice president of advertising, Alex Buryk, once described this section as providing “well-integrated print and online advertising opportunities” that “meet advertisers’ demands.” As the effect of automobiles on the global climate crisis becomes evident, The Times acknowledges it made a serious error in expanding this section by three and a half pages in the past two years.

Media Monopoly
The Times apologizes for under-reporting the effects and dangers of media consolidation, perhaps due to our own efforts at media consolidation: The Times owns almost two dozen regional newspapers, a number of television and radio stations, and partial shares in the Red Sox and the Discovery Channel. We now recognize this conflict of interest. No newspaper should concern itself with maximizing profits, and the paper of record should be held to an even higher standard than the rest of the publishing industry. Over the next two months, The Times will voluntarily trust-bust itself, thus contributing to the independence of American journalism.

Hier könnt Ihr Euch das gelungene Zeitungsplagiat als pdf herunterladen (via Spiegel-online).

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Werbung gegen Realität

Das Phänomen kennt vermutlich jeder – auf der Packung sieht das Fertiggericht so natürlich, so lecker und knackig aus, doch nachdem man es dann im Ofen aufgewärmt hat, macht sich nur matschige Pampe auf dem Teller breit, die gar keine Frische mehr ausstrahlt. Industrieller Massenfraß eben. Diese Diskrepanz vom Reklameversprechen zum tatsächlichen, realen Produkt, zieht sich durch alle Produktgruppen, und vom permanenten Aufrechterhalten dieser illusionären Scheinwelt, in der alles schön, sauber und glänzend ist, lebt eine ganze Industrie. Die Pundo 3000-Gruppe hat vor einigen Monaten das gelungene Projekt „Werbung gegen Realität” ins Leben gerufen, in dem sie 100 Produkte einmal in der Verpackung und dann ausgepackt/zubereitet nebeneinander fotografiert haben – ohne weiteren Kommentar. Denn dieser erübrigt sich bei den meisten Sachen auch. :-) Das Ganze gibt es mittlerweile ebenfalls als Buch, für alle, die lieber offline und analog schmunzeln wollen. [gefunden via Nachhall-Texter]

mit diesem projekt sollen keine produkte und keine marken diskreditiert, verunglimpft oder schlecht gemacht werden. einziger zweck des projektes ist es, sich kritisch mit arten und mitteln von werbung in unserer zeit auseinander zu setzen. einige produkte ähneln ihren werbefotos sehr – andere weniger. eine qualitative bewertung von produkten findet nicht statt.

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Adbusting in Berlin

Im rebel:art-Blog stieß ich neulich auf eine sehr nette Adbusting-Aktion in Berlin – im November werden (mit offizieller Absegnung!) im Berliner U-Bahnhof Samariterstraße 12 Plakate aufgehängt, die die sonst übliche Reklamepropaganda durch Parodien und subversive Botschaften ersetzen (alles im Rahmen eines Kunstprojekts):

Wir wollen erreichen, dass die Menschen zum einen durch die befreiten Bilder einen Vergleich zu herkömmlicher Werbung haben und verstehen, wie Werbung so funktioniert und was sie in ihren Köpfen bereits angerichtet hat. [Stephan König]

Dass in Berlin das Korrigieren von verqueren Werbeaussagen durchaus schon Tradition hat, kann man auch an der schönen Plakatsammlung bei Reclaim your City sehen – da sind tolle Beispiele dabei, wie dieser „McTot”:

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Work, buy, consume, die

[Quelle]

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