Dez
29
2011

Gentechnik – made by Profit

Auf der Stiftungstagung 2011 von Ethecon, der Stiftung „Ethik & Ökonomie“, gab es diesmal wieder einige hochinteressante Vorträge, von denen ich Euch einen gerne auch an dieser Stelle präsentieren möchte. Und zwar „Gentechnik – made by Profit“ von Dr. Steffi Ober (Referentin für Agrogentechnik und Biodiversität beim NABU). Ein recht langer, aber absolut lohnenswerter Artikel, wie ich finde.

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Wissen, Macht und Kapital

- es gilt das gesprochene Wort -

Die ethecon Stiftung hat mich zur diesjährigen Preisverleihung eingeladen mit der Bitte, ihrer Tagung einen inhaltlichen Auftakt zu geben. Ziel der Stiftung sei es, so lese ich, das Spannungsfeld zwischen Ethik und Ökonomie zu erhellen, dazu eignet sich die Gentechnik hervorragend. Mir gibt das die Möglichkeit, eine Rede zu halten, die mir schon lange auf dem Herzen liegt und ich danke dafür, dass sie das hören möchten. In meinem Vortrag: Gentechnik –„made by Profit“ möchte die Zusammenhänge zwischen Wissen, Macht und Kapital herausarbeiten, die sich in den letzten beiden Jahrzehnen global und national etabliert haben. Dazu beginne ich mit dem Wissen, den schnöden naturwissenschaftlichen Grundlagen, was ist Gentechnik und wozu dient sie. In einem zweiten Schritt möchte ich erläutern, wie sich aus dieser technischen Errungenschaft Gold spinnen lässt. Wer hat die Macht, daraus Kapital zu schlagen? Und warum fördert die Politik die Heilsversprechen der Gentechnikindustrie? Welches politische Interesse verbirgt sich dahinter?

In meiner Bewertung beginne ich mit einem Zitat von Karl Marx:

„Wie in der städtischen Industrie wird in der modernen Agrikultur die gesteigerte Produktivität und größere Flüssigmachung der Arbeit erkauft durch Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft selbst. Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist (…) ein Fortschritt in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in der Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegeben Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen seiner Fruchtbarkeit. Je mehr ein Land von der großen Industrie als dem Hintergrund seiner Entwicklung ausgeht, desto rascher dieser Zerstörungsprozess.“ (Karl Marx, Friedrich Engels, Werke Bd.3 Dietz, Berlin/DDR 1969, S. 68)

Wissen: Was ist Gentechnik?

Beginnen wir mit den Grundlagen: Was ist Gentechnik und warum untersteht diese Technologie einer besonderen Regelung? Die klassische Züchtung beruht auf der Kreuzung der gleichen oder nah verwandter Arten, die unterschiedliche Eigenschaften haben. Ich konzentriere mich in meinem Vortrag auf die Pflanzen, da diese bereits kommerziell breitflächig genutzt werden, Gentechnik bei Tieren ist noch am Anfang. Aus den Kreuzungsnachkommen werden die mit den gewünschten Eigenschaftskombinationen ausgewählt. Gentechnik erlaubt hingegen, aus fremden Organismen stammende DNA-Sequenzen und Eigenschaften in Pflanzen einzuführen, z. B. solche, die eine Herbizid- oder Insektenresistenz vermitteln. Das deutsche Gentechnik-Gesetz definiert, dass mit einer gentechnischen Transformation neue Eigenschaften in einen Organismus gebracht werden, die auf natürliche Weise dort nicht hineinkommen würden. Insofern leitete das Bundesverfassungsgericht in einem aufsehenerregenden Urteil im letzten Jahr daraus auch ab, dass der Staat eine besondere Vorsorgepflicht für die nicht kalkulierbaren und vor allem nicht rückholbaren möglichen Risiken der Gentechnik trägt. Risiken können sich daraus ergeben, dass gv-Pflanzen lebendige Organismen sind, die sich auskreuzen und fortpflanzen. Damit geben sie die neue Eigenschaft immer weiter. Ein Chemieunfall dagegen wird irgendwann abgebaut, es gibt Halbwertszeiten und die Gifte sind weg. Das gilt für GVO allerdings nicht. Deshalb müssen Gentechnisch veränderte Pflanzen in Brüssel zugelassen werden und durchlaufen dort einen aufwendigen, wenn auch nicht unumstrittenen, Prozess der Prüfung. Der Anbau von GVO findet hauptsächlich in USA; Kanada, Brasilien, Argentinien, Indien, China auf über 130 Mio. Hektar Fläche statt. Das sind noch immer unter 10% der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen. Allerdings ist die Tendenz steigend, da sowohl der Mais und Rapsanbau für den Biosprit als auch der Anbau von Baumwolle oder Soja für das Viehfutter zunimmt. Baumwolle, Mais, Raps und Soja sind die am häufigsten angebauten GVOs. Diese Pflanzen tragen zwei Eigenschaften, die meisten sind herbizidresistent, ein Viertel etwa insektenresistent. Was bedeutet das? Die herbizidresistenten Pflanzen vertragen ein Unkrautvernichtungsmittel, das alle anderen Beikräuter abtötet und nur die Nutzpflanze stehen lässt. Vier von fünf Hektar gentechnisch veränderter Pflanzen werden mit dem dazugehörigen Totalherbizid verkauft. Da klingeln die Kassen gleich doppelt. Der TOP Seller für gentechnisch verändertes Saatgut und das zugehörige Pestizid, Roundup, ist der (US)-Konzern Monsanto. In den USA sind Soja, Mais, Baumwolle und Zuckerrüben fast zu 100% gentechnisch verändert. Europa importiert 32 Mio. Tonnen Soja jährlich, allein in Niedersachen werden 5 Mio. Tonnen Soja pro Jahr verfüttert. Die Konsumenten in Europa lehnen GVO größtenteils ab. Doch die Importe erfolgen durch die Hintertür in den Stall, denn Fleisch, Milch oder Eier von Tieren, die mit GVO gefüttert werden, müssen nicht gekennzeichnet werden. In Deutschland ist der Anbau von gv-Mais MON 810, eine Produkt von Monsanto, seit zwei Jahren verboten. Das Bundesministerium für Landwirtschaft machte ökologische Bedenken geltend, dass das eingeführte Toxin, das Bt-Gift, für Schmetterlinge, Bienen und die Umwelt schädlich sein könnte. Eine weitere gv-Pflanze, die Amflora, eine Kartoffel für die Stärkeindustrie, konnte sich erst gar nicht etablieren. Der Hersteller der Stärke -Kartoffel, das Unternehmen BASF, versucht sich jetzt an der nächsten Markteinführung. Diesmal heißt die Kartoffel Fortuna – eine Züchtung, die gegen einen berüchtigten Pilz resistent ist. Wir dürfen gespannt sein, ob sich die Chio-Chips Industrie, die diese gentechnisch veränderte Kartoffel abnehmen soll, sich über Fortuna ebenso freuen wird wie BASF.

Macht und Kontrolle

Die Machtkonzentration in der Lebensmittelwirtschaft ist dramatisch. Einige wenige multinationale Unternehmen kontrollieren bereits jetzt den internationalen Markt für Saatgut. Durch die (fast) weltweite Vergabe von Patenten, die alle Ebenen der Lebensmittelproduktion umfassen, geraten Landwirte und Lebensmittelhersteller in einem nie dagewesenen Ausmaß in direkte Abhängigkeit von diesen Konzernen. Die Kontrolle der Nahrungsmittel gerät in die Hände einiger weniger Konzerne, die zugleich auch weltweit versuchen, gentechnisch veränderte Saaten einzuführen. Sechs Unternehmen beherrschen 71% der Agrarchemie, fast 69 % des Saatgutmarktes und 77% der klimarelevanten Gene. klimarelevanten Gene sind solche Genomabschnitte, die für Eigenschaften wie trockentoleranz oder hitzetoleranz zuständig sind, angesichts des Klimawandels verspricht man sich davon große Märkte für die Zukunft. Diese sechs Unternehmen sind: Monsanto, Dupont, Syngenta, Dow Chemicals, Bayer und BASF, die beiden letzten sind deutsche Unternehmen. Den meisten hier im Raum wird Monsanto (ebenso wie Dow) allerdings aus dem Vietnam- Krieg als Produzent des Entlaubungsmittel Agent Orange oder des höchst giftigen Weichmachers PCB bekannt sein. Monsanto macht einen jährlichen Umsatz von 4,6 Milliarden Dollar allein mit Saatgut sowie einige weitere Milliarden mit Roundup, dem zugehörigen Breitbandherbizid. In den letzten zehn Jahren hat der Konzern weltweit etwa zehn Milliarden US-Dollar investiert, um Saatguterzeuger und andere Unternehmen im Bereich landwirtschaftlicher Produktion aufzukaufen. Zudem hält Monsanto extrem weitreichende Patente auf Saatgut, die aber längst nicht immer in Zusammenhang mit dem Anbau von Gen-Saaten stehen. Diese Patente umfassen auch die Ernte, zum Teil bis hin zur Verwendung als Tierfutter oder in Lebensmitteln. Für den Landwirt bedeuten die Patente, dass er das Saatgut nur einmal aussäen darf und jedes Jahr neu kaufen muss. Sollte es jemand wagen, selbst Monsanto Saatgut nachzuziehen, dann muss er mit drakonischen Strafen und Prozessen rechnen. Die Entwicklung eines „traits“, einer neuen gentechnisch veränderten Eigenschaft, ist sehr teuer, sie kostet rund 60 bis 100 Millionen Dollar. Dies erklärt sofort, warum sich die kommerziell nutzbaren traits/Eigenschaften in der Hand der großen Industrie befinden und mit Patenten belegt werden. Ein Beispiel: Monsanto hält in Europa ein Patent auf genmanipulierte Soja-Pflanzen, das auch deren Anbau und alle Teile der Pflanzen umfasst. Auf dieser Basis hat Monsanto jetzt in Europa Gerichtsverfahren gegen Soja-Produzenten in Argentinien eingeleitet, um zusätzliche Gebühren zu erheben, wenn deren Ernte nach Europa importiert wird. Monsanto hat aber auch Patente auf normales – nicht gentechnisch verändertes – Saatgut angemeldet, wie zum Beispiel Weizen aus Indien. Das hiesige Chemieunternehmen BASF SE ist gemeinsam mit seinen Tochterunternehmen stark in der Analyse von Pflanzengenomen. „Sungene“ oder „Metanomics“, beide BASF Töchter, scannen Pflanzengenome auf die genannten klimarelevanten Eigenschaften wie Trockenheit, Überflutung und Hitze. BASF hält weltweit die meisten klimarelevanten Patente. Deshalb sind sie auch als Kooperationspartner für Monsanto interessant, die ihrerseits den Saatgutmarkt im Griff haben.

Wissen als Ware

Die zentrale theoretische Grundlage der Forschungsstrategie ist der Ansatz der „knowledge based bio economy“, die im Lissabon Vertrag von 2007 vereinbart wurde. Dieser Ansatz definiert Wissen als Ware, die gekauft und verkauft wird. Folgerichtig wird Wissen patentierbar und in TRIPS, WTO und GATTS gehandelt und so zum Instrument der Wettbewerbsfähigkeit. Langjährig entwickelte und produktive Formen des offenen Information-Zugangs (open access) werden zunehmend ausgehebelt. Das Züchterprivileg erlaubt, mit sortengeschütztem Saatgut weiter zu züchten, um dieses zu verbessern. Doch Patente schränken Wissenschaftler weltweit ein, so dass sie nicht mehr frei über Saatgut verfügen und daran forschen können. Die Saatgutkonzerne nehmen mit ihrem „technology stewardship agreement“, das jeder Käufer unterzeichnen muss, Einfluss darauf, wer mit welchem Forschungsdesign an ihrem Saatgut forscht. Durch dieses „bag tag agreement“ wird freie und unabhängige Forschung unmöglich. Um gv-Saatgut zu Forschungszwecken zu bekommen, muss man einen Vertrag unterzeichnen, der festlegt, in welchen Grenzen dieses genutzt werden darf. Die Saatgutunternehmen Monsanto, Pioneer und Syngenta haben externen Forschern auf Jahrzehnte hinaus jegliche Forschung an ihrem gv-Saatgut untersagt. Doch nicht nur in USA bekommen selbst staatliche Forschungsstellen keinen Zugang zu GVO, das ist auch gängige Praxis in Europa. Die Landwirte unterschreiben mit ihrem Ankauf von gv-Saatgut beim Unternehmen, dass sie ohne die Zustimmung des Konzerns nichts davon an Forscher weitergeben dürfen. Nach den Verträgen zwischen Monsanto und den Landwirten zur Weitergabe des Saatgutes an Wissenschaftler befragt antwortet die Bundesregierung in der Drucksache 16/12536: „Die Bundesregierung nimmt keinen Einfluss auf die zwischen Dritten abgeschlossenen Verträge“. Das bedeutet jedoch, dass auch in Deutschland Forscher bei den Landwirten kein transgenes Saatgut oder Erntegut zu Forschungszwecken erhalten. Konventionelles Saatgut können die Forscher in beliebige Mengen im Saatguthandel kaufen und dieses Saatgut anpflanzen. Bei gv-Saat ist das ohne die Zustimmung der Hersteller verboten. Somit ist es unmöglich zu untersuchen, wie sich gv-Saaten unter verschiedenen Konditionen im Vergleich mit konventionellem Saatgut von anderen Unternehmen verhalten oder ob die Erträge der gv-Pflanzen wirklich so hoch sind, wie die Unternehmen in ihrer Werbung anpreisen. Gleichwohl muss man in aller Deutlichkeit festhalten: Trotz 20 Jahren Forschung und 13 Jahren kommerziellen Anbaus haben GVO keine signifikanten Ertragssteigerungen gebracht. Mittlerweile existieren jedoch genug Daten, um belegen zu können, dass bei gv-Soja mit Ertragsreduktion und nur bei Bt-Mais bestenfalls mit einer leichten Ertragssteigerung zu rechnen sei. Ob der Anbau von gv-Pflanzen unbeabsichtigte Effekte auf die Umwelt zur Folge hat, kann nicht erforscht werden, da unabhängige Forschung dazu nicht möglich ist. Dies bestärkt nicht gerade das Vertrauen der Konsumenten in die Unbedenklichkeit des Gentechnikanbaus. Wenn die gesamte Risikoabschätzung und das Monitoring zum gv-Anbau nur auf firmeneigenen Daten beruht, die der Fachöffentlichkeit nur hochgerechnet zur Verfügung stehen, dann sind grundlegende Prinzipien der Wissenschaft wie Nachvollziehbarkeit und Transparenz verletzt.

Macht und Politik

Nun wenden wir uns der interessanten Frage zu, was diese globalen Vorgänge mit uns zu tun haben. Meine These an dieser Stelle lautet, dass die Bundesregierung, und zwar völlig unabhängig von der jeweiligen politischen Farbenlehre, die geschilderte Entwicklung und die ökonomischen Interessen der Industrie nicht nur unterstützt sondern auch als Maxime ihrer Forschungsstrategie setzt. Die grundlegenden Entscheidungen zur Forschung dieser Bundesregierung (genauso wie ihrer Vorgänger) werden so gut wie nicht öffentlich wahrgenommen oder diskutiert. Dabei werden jedes Jahr Milliardenbeträge durch Steuererleichterungen für forschende Unternehmen (immerhin 62% der Betriebe in D) wie Siemens, Daimler oder BASF in gesellschaftlich durchaus umstrittene Forschung wie Kernfusion, teure Spritfresser oder Gentechnik gesteckt. Der Koalitionsvertrag sieht sogar vor, dass die forschenden Unternehmen ganz steuerfrei für ihre Forschung gestellt werden sollen. Daraus resultiert zwangsläufig eine massive Technologielastigkeit der Forschung, die mit Steuergeldern subventioniert wird. Die Frage ist: Wird das gesellschaftlich überhaupt wahrgenommen und kritisch reflektiert? Dankenswerterweise übernimmt der Bundesrechnungshof in seiner neuesten Stellungnahme diesem Job und kritisiert das Bundesministerium für Forschung (BMBF) massiv. Der Etat von 12,8 Mrd. Euro des BMBF sei zwar eine Menge Geld aber noch lang keine Strategie. Im Gegenteil – das BMBF lade geradezu dazu ein, dass die Großforschungseinrichtungen wie die Helmholtz Gemeinschaft Millionenbeträge horten, die sie gar nicht mehr sinnvoll ausgeben können und – noch viel skandalöser: die für alle ihre Forschungsprojekte in der internen Evaluation Höchstnoten vergeben, selbst wenn sie offensichtliche Flops sind. Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit über 31.000 Mitarbeitern in 17 Forschungszentren und einem Jahresbudget von rund 3,3 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands; sie profitieren am meisten von einer technologiezentrierten Forschungsstrategie ebenso wie die Industrie, der über unsinnige Pauschalen laut Bundesrechnungshof das Geld hinterhergeworfen wird. Weder die Opposition im Bundestag noch Zivilgesellschaft haben sich zu diesem Konglomerat aus Wissenschaft und Wirtschaft, das sich mit Steuergeldern mästet, vernehmbar geäußert. Im Folgenden möchte ich ihnen den wissenschaftlich industriellen Filz am Bundesforschungsministerium näher bringen.

Hightechstrategie und Forschungsunion

Um Forschung und Innovation zu bündeln wurde 2006 die Hightechstrategie (also Strategie zur Entwicklung der Spitzentechnologie) der Bundesregierung ausgestattet mit 19 Mrd. € (bis 2012) und im Parlament beschlossen – aber seither haben die Volksvertreter diese Strategie nicht mehr gesehen. Denn inhaltlich weiterentwickelt wird die Hightechstrategie durch die Forschungsunion. Teil der Hightechstrategie ist auch das „Innovationskonzept für die Pflanzenforschung“ erdacht von Industrie und Technokraten. Denn die Forschungsunion ist Beratungsgremium der Bundesregierung, handverlesen von Ministerin Schavan und Kanzleramt mit Mitglieder aus Forschung und Wirtschaft der Bereiche: Militär mit Thyssen Krupp Marine Systeme (die modernsten U-Boote der Welt). Automobil: ZF-Friedrichshafen AG (mobile Antriebstechnik Zulieferer für die Rüstungsindustrie), Adam Opel oder Turbodiesel Forschungszentrum Uni Kaiserslautern. An weiteren Branchen finden sich der BASF SE (Chemie + Biotechnologie) oder Siemens und verschiedene Life Science Unternehmen. In der Wissenschaft dominieren die Großforschungszentren wie Helmholtz-Gemeinschaft (das sind die mit den vielen Millionen zuviel) und Fraunhofer Gesellschaft. Diese Herren (Frauen kommen höchst vereinzelt vor) beraten also die Bundesregierung dahingehend, wie die Welt in 20, 30 Jahren aussehen soll und welche Forschung wir dafür heute brauchen. Erste Priorität sei es, Leitmärkte zu schaffen (Empfehlungen der Forschungsunion 2009, 2011): „Leitmärkte sind Märkte, in denen die Industrie einen globalen Wettbewerbsvorteil entwickeln kann“. Wir danken für die klärenden Worten, denn in der öffentlichen Kommunikation maskiert die Bundesregierung die Ziele ihrer Forschungspolitik gerne. Ich zitiere aus der offiziellen BMBF Homepage: „Ziel der Hightech-Strategie ist es, Deutschland zum Vorreiter bei der Lösung globaler Herausforderungen zu machen. Dadurch tragen wir nicht nur dazu bei, das Leben vieler Menschen besser und lebenswerter zu machen. Durch eine breite Basis in Wissenschaft und Forschung sowie durch Entwicklung hochwertiger Technologien sichern wir auch Wohlstand und qualifizierte Arbeit in Deutschland.“ Die Bundesregierung verspricht also in einem ersten Schritt, dass Deutschland Vorreiter in der Lösung globaler Probleme werden soll. Globale Probleme sind die Sicherung der Welternährung, der Stopp der Klimaerwärmung und die zunehmende Knappheit an Ressourcen sei es Öl, Phosphor oder seltene Erden. Doch der Lösungsansatz wird im nächsten Satz schon wieder begrenzt auf die Entwicklung hochwertiger Technologien. Diese Innovationen sollen als Motor des nationalen Wirtschaftswachstums gelten. Wahrscheinlich geht es ihnen wie mir an dieser Stelle, sie fragen sich, was die Sicherung der Welternährung und der Stopp des global warming mit nationalem Wirtschaftswachstum zu tun hat. Und ob das nationale Wirtschaftswachstum wirklich mit Wohlstand gleichgesetzt werden kann? Nach einer neuen Umfrage aus diesem Jahr äußern bereits zwei Drittel der Deutschen große Zweifel an der Denkfigur Wachstum = Wohlstand. Davon zeugt auch die neue Enquete-Kommission“ Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zur nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichen Fortschritt“ im Bundestag.

Bleibt die Sicherung der Welternährung und die Ressourcenknappheit, die durch mehr Technologie ausgeglichen werden muss, wenn alles so weitergehen soll wie bisher. Zur Lösung dieser Fragen hat sich die Forschungsunion – wir erinnern uns, das Gremium aus Wirtschaft und Wissenschaft – ein neues Gremium geschaffen, den Bioökonomierat. Dieser ist angesiedelt bei der Technikakademie acatech in München und die Vorsitzenden aus der Acatech sind gleichzeitig auch Vorsitzende in Forschungsunion und Bioökonomierat. Der Bioökonomierat versteht sich als unabhängiges Beratungsgremium der Bundesregierung in allen Fragen der Bioökonomie mit Experten aus staatlicher und privatwirtschaftlicher Forschung. Die Mitglieder sind praktisch ausschließlich Natur- und Agrarwissenschaftler. Und wir finden wie in der Forschungsunion die Vorstandsvertreter der führenden Konzerne wie BASF, oder Dow Chemicals (die drei sind mit Monsanto die führenden Chemie Unternehmen weltweit). Der Bioökonomierat wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Bundesministerium für Ernährung mit zwei Millionen Euro im Jahr unterstützt. Dafür hat er dann die Vorlagen für das Forschungsrahmenprogramm Bioökonomie 2030 geliefert, das dieses Jahr mit 2,3, Mrd. Euro startet. Was bedeutet Bioökonomie? Ich zitiere (Homepage BMBF): Mit der „Nationalen Forschungsstrategie BioÖkonomie 2030“ legt die Bundesregierung die Grundlagen für die Vision einer nachhaltigen bio-basierten Wirtschaft, deren Angebot die Welt ausreichend und gesund ernährt und mit hochwertigen Produkten aus nachwachsenden Rohstoffen versorgt“ so das Bundesministerium für Bildung und Forschung, BMBF. Die geplante Umstellung der erdölbasierten auf eine pflanzenbasierte Wirtschaft geht jedoch weit über Forschung und Ökonomie und damit den Horizont der vorgelegten Strategie hinaus. Um den Herausforderungen der Klimaveränderungen, der Welternährung und der Ressourcenknappheit zu begegnen spielen Forschung und Innovation gewiss eine wichtige Rolle für die Bewältigung der Aufgaben. Doch mein Verständnis von Innovationen umfasst mehr als nur Technologie- und Produktentwicklungen. Neue Pfade, Strategien und Prozesse in den Wissenschaften und eine breite gesellschaftliche Beteiligung müssen angestoßen werden, damit die Zivilgesellschaft diesen fundamentalen Veränderungsprozess mit trägt. Wie gelingt der Strukturwandel zur Wissensgesellschaft, so wie sie das BMBF von uns fordert? Wie kann ich nachhaltig handeln? Wie können wir alle unser Konsummuster so ändern, dass wir weniger Ressourcen und Energie verbrauchen?

Diese großen Herausforderungen können nicht stellvertretend für, sondern nur mit der Zivilgesellschaft auf gleicher Augenhöhe bearbeitet werden. Doch wer kann und wird diesen Dialog organisieren? Weder die Weiterentwicklung der Hightechstrategie noch die Vorlagen des Bioökonomierates wurden jemals im Parlament besprochen, noch nicht einmal im zuständigen Fachausschuss. Wenn nun noch nicht einmal das Parlament in die Diskussion um die Forschungsstrategien für die wirklich relevanten Zukunftsthemen involviert wird, wenn nur noch Lobbygremien der Wirtschaft und technologieorientierten Wissenschaft intern diskutieren, fällt die gesellschaftliche Debatte und Kontrolle schlicht aus. Nicht nur das: Die Wissenschaft wird reduziert auf eine Funktion als Dienstleister der Wirtschaft, um technische Innovationen zu erfinden, diese schnell in Produkte umzusetzen und dann der Wirtschaft zur Markteinführung zu überlassen, oder um es mit Brecht zu formulieren nicht mehr als ein „Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können“ (Gallileo). Die Forschungsunion und der Bioökonomierat, die Anbindung an die acatech stehen bereits für eine Vorentscheidung in die Richtung einer ausschließlich technologischen Betrachtung der Welt, die den aktuellen und akuten Problemen in keinster Weise gerecht wird. Dies ist natürlich kein zufälliger Fehler im System, sondern das System selbst ist sehr effizient darauf angelegt, dass Deutschland zum Leitmarkt und deutsche Industrien Weltmarktführer für neue Technologien und Produkte werden. Wie dabei aber Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen, werde ich am Thema Welternährung und Ressourcen erläutern.

Die Sicherung der Welternährung wird immer wieder als Begründung für millionenschwere Forschung- und Entwicklungsförderung gentechnisch veränderte Pflanzen herangezogen, ja wie ein Mantra vorgebetet. Millionen von Forschungsgeldern gehen in die Gentechnik und in die synthetische Biologie (eine weitere Steigerung der Gentechnik, damit kann man wie mit einem Legobaukasten ganz neue Organismen bauen) und das trotz der absolut geringen Akzeptanz in der Bevölkerung Und obwohl sich (fast) alle einig sind, dass wir viel mehr robuste und resiliente, regional angepasste und bodenerhalten Landnutzungskonzepte brauchen. Fakt ist, dass die GMO heute nicht zur Welternährung beitragen sondern in den Tank (gv-Mais) oder Futtertrog (gv-Soja) gehen. Über 80% der Welternährung wird tatsächlich durch Kleinbauern geleistet, die auf günstige low input Systeme statt auf teures Saatgut, Pestizide und Dünger angewiesen sind. Und noch eins obendrauf: Studien beweisen, dass der ökologische Landbau in Afrika die Erträge glatt verdoppelt und noch dazu zur Sicherung der Bodenfruchtbarkeit beiträgt. Ein großes Problem des Hungers ist der mangelnde Zugang zu Land, Kleinbauern haben keine Rechte und können sich nicht wehren. Landgrabbing raubt in Afrika und Lateinamerika den Kleinbauern ihr fruchtbares Land, dahinter stehen große Investoren aus China oder arabischen Ländern. Unsere Verschwendung von Lebensmitteln ist ein weiterer Konkurrent der Hungernden, die Hälfte aller erzeugten Lebensmittel wird weggeworfen. Ich kann an dieser Stelle das Thema Hunger und Überfluss nicht weiter vertiefen aber es sollte klar geworden sein, dass eine technische Manipulation des Saatgutes allein dem Problem überhaupt nicht gerecht wird.

Ressourceneffizienz und neue Technologien andererseits werden den großen Ressourcenhunger unserer Zeit nicht befriedigen können. Schon heute brauchen wir, um unseren Lebensstil zu befriedigen, 1,5 Erden, Amerika 4. Dies ist auf Dauer nicht durchhaltbar. Das Lösungswort dafür klingt böse, es lautet Suffizienz. Das bedeutet, wir müssen weniger verbrauchen und unser Verhalten gravierend ändernd. Weniger Fleisch, weniger Konsum. Aber das ist das Gegenteil von Wirtschaftswachstum und wird daher von der Industrie und den Konzernen und so auch von der Politik gemieden wie die Pest. Lieber setzt man auch weiterhin alle Kraft in Strategien, die ein unendliches Wachstum in einer endlichen Welt vorgaukeln. Doch die Zeit drängt, denn das das 2 Grad Ziel, das einen noch einigermaßen sicheren Entwicklungskorridor vorgibt, werden wir krachend verfehlen, vom verheerenden Verlust an Biodiversität und Ressourcen gar nicht zu reden. Menschen werden aus ihrer Heimat flüchten müssen, weil es dort zu heiß wird, es kein Wasser mehr gibt oder sie mit zu viel Wasser untergehen, wie in Bangkok oder Bangladesh. Klimakriege werden die Folge sein, viele Staaten dieser Welt rüsten ihre Grenzen auf, um sich gegen ihre verzweifelten Nachbarn zu wehren. Die Welt wird instabiler und ungemütlicher.

Wir werden neue, technologische Entwicklungen brauchen, damit wir die vorhandenen Ressourcen effizienter Nutzen können. Aber wir werden auch mit weniger Konsum leben müssen. Entweder deshalb, weil die Preise so steigen, dass wir uns das nicht mehr leisten können. Oder- und das halte ich für den schlaueren Weg – deshalb, weil wir mit weniger Konsum leben wollen. Wir in den reichen Nationen können und müssen Vorbilder für die aufstrebenden Schwellenländer wie China, Indien, Lateinamerika sein. Sie orientieren sich an unseren Konsummustern und übernehmen sie – häufig mit fatalen Folgen für uns alle. Nachhaltigkeit bedeutet Gerechtigkeit für alle Menschen auf dieser Erde und alle, die noch geboren werden. Gerecht ist, dass alle die Freiheit zum Leben haben und ihre Grundbedürfnisse gedeckt werden können – Wasser, Essen, Behausung. Weder die Gentechnik noch andere Technologien werden uns vor der Erkenntnis retten, dass wir aufhören müssen, „den Springquell unseres Lebens zu zerstören“. Dass wir Fortschritt anders definieren müssen als den „Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur, der zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen seiner Fruchtbarkeit“ ist (Karl Marx). Ein Staat, der vom Recht abkommt, sei nichts anderes als eine große Räuberbande’, hat der heilige Augustinus einmal gesagt. Eine Politik, die das Recht von Milliarden von Menschen auf Überleben missachtet, sei es aus Gewinnstreben oder aus Bequemlichkeit, ebenfalls.

Ich danke für ihre Aufmerksamkeit.

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1 Kommentar »

  • GhostDog

    äußerst interessanter Text. Besten Dank fürs Aufmerksam machen. Wurde gleich mal an die Verwandschaft weitergeleitet.

    Comment | 29. Dezember 2011

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