Mai
31
2011
7

Denken mit Powerpoint – die Formatierung der Gedanken

In ihrer Reihe „Aula – Wissen 2.0 – Wie das Internet die Bildung verändert“ brachte der Rundfunksender SWR vor einer Weile einen sehr interessanten Beitrag von Burkhard Spinnen zur Powerpointisierung des Alltags und des Präsentierens: „Denken mit Powerpoint – vom Niedergang der Vortragskultur“. Ich habe das nicht nur an der Uni, wo Excel und Powerpoint quasi als Allheilmittel zur Gestaltung und Vorlesungsbestreitung eingesetzt werden, erlebt, sondern sehe es auch fast täglich bei meiner eigenen Arbeit: Microsofts Office-Programme, neben Powerpoint vor allem auch Word, haben viele PC-Benutzer in den Stand versetzt, selbst Dinge zu schreiben und zu drucken. Was an sich ja erst einmal eine gute Sache ist, da es die Möglichkeiten des einzelnen erweitert und ihn unabhängiger von sogenannten bzw. selbsternannten Experten macht. (Diesen Beitrag weiterlesen…)

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Mai
30
2011
8

Grillen mit Tropenholz

Na, schon schön angegrillt in diesem Sommer? Ich weiß, dass ich mich damit zum spaßbremsigen denaturierten Miesepeter mache, wenn ich an dieser Stelle eingestehe, dass sich mir die Faszination des Grillens nicht wirklich erschließt. Nicht nur wegen der Röstung toten Tiers (es gibt ja auch vegetarisches Grillgut), sondern, ja, weiß auch nicht. Vielleicht missfällt mir dieser fast schon wie ein Zwang anmutende Hang vieler Leute, bei den ersten Sonnenstrahlen sofort den Grill anzuschmeißen. Oder der Gestank der Kohle. Aber egal, das sind natürlich nur meine ganz persönlichen Defekte, die ich mit herumschleppe, und diese wären sicherlich als Thema für einen Blogbeitrag etwas arg nichtig und unspannend. (Wer meinen Artikel bis hierher gelesen hat, wird vermutlich zustimmend mit dem Kopf nicken. Alle anderen, die schon nach dem ersten Satz die Lektüre abgebrochen haben, sind eh dieser Meinung.)

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Mai
29
2011
9

Gefährliches Gemüse – Antiobiotikaresistente Bakterien

© michaelaw, stock.xchng

Für das Gemüse kommt es derzeit wirklich knüppeldick – seit einigen Tagen beherrschen Horrormeldungen zur Gemüsegrippe Belastung von Gemüse aus Norddeutschland Spanien die Medien, die mit sogenannten Ehec-Bakterien belastet sind, einer Seuche, die für den Menschen sogar tödlich enden kann. Wer rohes Gemüse zu sich nimmt, lebt also im Moment (scheinbar) gefährlich. Wie Blogleser „Insider“ vorgestern in einem Kommentar hier im Konsumpf schon richtig anmerkte, ist es kein Wunder, dass der Trend zu massenhafter Billigproduktion in der Landwirtschaft sich am Ende wieder gegen den Menschen wendet, wie auch schon vergleichbare Seuchen wie BSE oder der Vogelgrippe, aber auch Dioxin in Eiern etc. pp in der Vergangenheit immer wieder gezeigt haben. Gerade in Spanien herrschen wohl unglaubliche Zustände, dort geht es nur noch nach der reinen Masse, koste es Umwelt und Menschen was es wolle:

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Mai
27
2011
6

Billig ist unfair – Ausbeutung sichtbar machen!

Nicht zum ersten – und sicherlich auch nicht zum letzten – Mal möchte ich heut das Thema Discounter bzw. die vielen negativen Auswirkungen unseres Billigwahns ansprechen. Denn die Supermarktmacht-Initiative, über die ich vor einer Weile schon mal berichtete und die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die gefährliche Entwicklung hin zu immer größeren, mächtigeren Ketten mit immer mehr „Knebelmacht“, die auf dem Rücken von Zulieferern und Angestellten ausgetragen wird, zu dokumentieren und anzuprangern, hat einen neuen Infofilm veröffentlicht.  „Ausbeutung sichtbar machen!“ heißt er:

Der von ecofilm für die Supermarktinitiative produzierte Film zeigt, welche Auswirkungen der Preiskampf der großen deutschen Supermärkte entlang der gesamten Lieferkette hat. Wir fordern, dass Unternehmen gesetzlich zu mehr Transparenz verpflichtet werden und die sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen offen legen müssen.
Es ist Zeit zu handeln! Wir fordern:

    1. Menschenwürdige Arbeitsbedingungen
    2. Freie Betriebsratswahlen und ungehindertes Arbeiten der Betriebsräte
    3. Ökologische Mindeststandards in der gesamten Lieferkette
    4. Ortsübliche tarifliche Löhne für alle geleisteten Arbeitsstunden
    5. Ein Ende der unfairen Einkaufspraktiken der Supermarktketten
    6. Informationspflicht der Supermarktketten über die Umsetzung der Arbeits- und Menschenrechte bei ihren Lieferanten

      Heute startet die Supermarktinitiative gemeinsam mit dem CorA-Netzwerk (Corporate Accountability) eine Transparenzkampagne, mit der wir eine gesetzliche Offenlegungspflicht für Unternehmen fordern.  Damit die Kundinnen und Kunden ihr Kaufverhalten auf eine informierte Entscheidung gründen können, verlangen wir die Offenlegung von zentralen Informationen zur Unternehmenspraxis in Bezug auf Arbeitnehmerrechte, Korruption, Lobbyaktivitäten sowie Umwelt- und Klimaschutz. Außerdem sollen die Unternehmen ihre Lieferanten und Produktionsstandorte veröffentlichen. Den Auftakt der Transparenzkampagne bildet eine an Bundeskanzlerin Merkel gerichtete Unterschriftenaktion, in der diese Offenlegungspflicht gefordert wird.

      Informieren unter www.supermarktmacht.de und Appell unterzeichnen auf www.transparenz-jetzt.de

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      Mai
      26
      2011
      9

      Anleitung zum Müßiggang

      Heute möchte ich Euch, quasi als Gastbeitrag, folgende Buchbesprechung von Andreas G. von der Transition Town Initiative in Kiel mit auf den Weg geben, in der es um das gerade in diesen Tagen des „Aufschwungs“ und der Fantasien von „Vollbeschäftigung“ aktuelle Thema Arbeit und ihre überhöhte Bedeutung geht.

      —————

      Tom Hodgkinson: „How to be idle“ (2004),  zu deutsch etwa:  „Anleitung zum Müßiggang“

      Der lockere Stil des Buches wirkt zunächst nur unterhaltsam, aber im Verlauf von über 330 Seiten wird deutlich, dass der Autor über eine ernst gemeinte Botschaft verfügt: eine handfeste Kultur-und Konsumkritik, die viele Denkanstöße für gewandeltes Leben liefert.

      „Nichts zu tun ist harte Arbeit“, bemerkte schon Oscar Wilde; ausgehend von dieser Einsicht hat der britische Autor Hodgkinson eine Kulturgeschichte der Faulheit, genauer: der Untätigkeit, geschrieben, zugleich eine Kritik der arbeitssüchtigen Lebensweise westlicher Prägung.

      Der lockere Stil wirkt zunächst nur unterhaltsam, aber im Verlauf von über 330 Seiten wird deutlich, dass der Autor über eine ernst gemeinte Botschaft verfügt, und seine Biographie unterstützt diesen Eindruck: Seit seinem Universitätsabschluß 1993 hat er erfolgreich jegliche reguläre berufliche Karriere vermieden, und stattdessen die Zeitschrift „The Idler“ begründet; das Emblem der Zeitschrift zeigt eine Schnecke.

      Das Buch ist in 24 Kapitel eingeteilt, gemäß den Stunden des Tages; und jede Stunde lädt auf ihre Weise zum Untätigsein, Schwänzen, Entspannen, Nickerchen-Halten, etc ein. Zitate aus einer Vielzahl von Quellen, darunter aus etlichen Werken der Weltliteratur, bilden das Gerüst und belegen, dass Hodgkinson, trotz aller Untätigkeit, ein fleißiger Leser geblieben ist. Es geht ihm auch nicht wirklich darum, rein gar nichts zu tun, sondern um die Freiheit, das zu tun, was er tun möchte.

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      Mai
      25
      2011
      0

      Horst Stowasser über Anarchismus

      Die Älteren unter Euch werden sich vielleicht noch daran erinnern, dass ich vor ein, eineinhalb Jahren voller Begeisterung das Buch „Anarchie!“ von Horst Stowasser rezensierte und meine Sympathie für die vom Autoren darin dargelegten Gesellschaftsentwürfe (Utopien?) zum Ausdruck brachte. Kurze Zeit später verstarb Stowasser leider, und Deutschland verlor einen der führenden Köpfe der anarchistischen Bewegung. Zum Glück gibt es neben seinen Büchern aber noch einige andere Dokumente, die den Geist seiner Ideen weiter tragen – so fand ich beim Nokturnal Times-Blog nachfolgende Videos, in denen Horst Stowasser auf einer Podisumsdiskussion Interpenetration Festivals von chmafu nocords einige Facetten und Ansprüche des Anarchismus darlegt.

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      Mai
      23
      2011
      3

      Lesetipps: Die neue Nachhaltigkeit von H&M und Co. | Der Preis der Sicherheit | Die Legende der Discounter | Werbung beim Wort genommen

      © velma, stock-xchng

      Nachhaltigkeit ist ja seit einigen Jahren ein „buzzword“, ein schwerst angesagter Begriff, mit dem sich Konzerne gerne zu schmücken versuchen, egal wie zerstörerisch ihr Geschäftsmodell eigentlich ist. So bemühen sich auch die großen Kleidungsketten, ihrem Treiben den Eindruck von Nachhaltigkeit zu verleihen, z.B. durch vermehrten Einsatz von (vermeintlicher) Biobaumwolle. Dass dies aber keineswegs immer so schön ist, wie es auf den ersten Blick klingt, erklärt uns Ilona Dyck auf Utopia – „Die neue Nachhaltigkeit von H&M & Co.“:

      Die Preise für Baumwolle sind dieses Jahr auf dem Weltmarkt gestiegen wie noch nie. Das hat Konsequenzen. Nicht nur für H&M und Co. Einige Unternehmen setzen jetzt auf ‘Better Cotton’. Klingt nach Bio, ist es aber nicht. (…)

      Die Better Cotton Initiative
      Dieser Ansatz, also moderat höherpreisig zu verkaufen, mit der Rechtfertigung “guter Stoff”, zeichnet sich momentan ab. Die “Better Cotton Initiative” (BCI) wurde 2005 unter anderem von H&M, Ikea, Migros, Adidas und dem WWF gegründet und zielt auf einen nachhaltigeren und sozialeren Baumwollanbau. Für BCI sollen weniger Pestizide eingesetzt, durch sinnvollere (aber teurere) Bewässerungsmethoden der Wasserverbrauch reduziert, der Boden im Vergleich zum konventionellen Baumwollanbau geschont und ein besseres Sozialwesen für die Farmarbeiter geschaffen werden. Bis 2015 sollen vier Prozent der Weltproduktion an Baumwolle aus der BCI kommen.

      Umstieg auf nachhaltigere Baumwolle bei Adidas, H&M und C&A
      Adidas hat im Frühjahr bekannt gegeben, dass sie bis 2018 komplett auf Better Cotton umgesteigen wollen, was auch bedeuetet, dass es ab 2018 kein Bio-Segment mehr geben soll. H&M möchte bis 2020 in Gänze zu nachhaltigerer Baumwolle wechseln. Bei H&M bedeutet dies vermutlich einen Hauptanteil Better Cotton, ein wenig Recyclingstoff und eine Produktnische für Bio-Baumwolle.
      Kirsten Brodde, die Autorin des Buches “Saubere Sachen” sieht im Voranpushen von Better Cotton “einen schleichenden Ausstieg aus der Biobaumwolle”. Und tatsächlich lässt sich fragen, wieso eigentlich nicht gleich der Anbau von Biobaumwolle gefördert wird. Denn auch wenn die Maßnahmen der BCI sinnvoll sind, grüßt doch wieder nur der Einäugige unter den Blinden und versucht sich als Adlerauge zu verkaufen.

      Als Konsument die Trendwende vorantreiben
      Letztlich bleibt der Baumwollanbau ein invasives Geschäft, das sich so nicht rechtfertigen lässt. Allein in Deutschland sortieren wir etwa 1,5 Milliarden Textilien aus, selbstredend nicht, weil die Löcher an den Jeansknien schon zu groß geworden sind, der Stoff der Bluse an den Ellenbogen durchscheint oder aufgrund sonstiger irreparabler Verschleißerscheinungen. Höchste Zeit für eine Trendwende von wöchentlichen Shoppingtouren hin zum gelegentlichen Kauf von zeitlos schönen Kleidungsstücken. Das höhere Budget pro Teil lässt sich dann auch in tatsächlich hochwertige Ökotextilien mit GOTS-Siegel investieren. Völlig ökorrekt lassen sich hemmungslose Einkaufsräusche aber auch im Secondhandladen ausleben.

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      Mai
      22
      2011
      6

      Propaganda im Klassenzimmer

      Dass ich eine besonders hohe Meinung von Werbefritzen und Marketingheinis hätte, kann man sicherlich nicht behaupten. Das Ansehen dieser Berufsgruppe ist in meinen Augen aber noch ein wenig gesunken (sofern das überhaupt möglich war), nachdem ich den Beitrag „Wie die Werbewirtschaft Schulen und Kindergärten ins Visier nimmt“ von Report Mainz über sog. „Bildungssponsoring“ gesehen hatte und darin die selbstzufriedenen, anscheinend bar jeder Zweifel über ihr Tun seienden Werber erblickte, die nur darüber nachdenken, wie sie die Produkte ihrer Auftraggeber möglichst prominent an Schulen und Kindergärten platzieren können. Dazu fällt mir echt nichts mehr ein! Wir sind auf dem „besten“ Weg zu amerikanischen Verhältnissen, wie mir scheint (obwohl man dort ja mittlerweile wieder versucht, den Kommerz an Schulen ein wenig zurückzudrängen)…

      Das Geld in Kindergärten und Schulen ist knapp. Bildungssponsoring heißt deshalb seit einigen Jahren das Zauberwort. Unternehmen und Verbände sollen die leeren Kassen wieder füllen. Doch die nutzen Bildungssponsoring gezielt, um in Kitas und Schulen Markenwerbung zu betreiben. Das ist in 13 Bundesländern eigentlich verboten.

      Ein Weg, dieses Verbot zu umgehen, ist den Lehrern gesponserte Unterrichtsmaterialien anzubieten. Die sind auf den ersten Blick oft attraktiv und aufwändig gestaltet, doch bei genauerem Hinsehen halten so Werbebotschaften Einzug in die Klassenzimmer. Politisch motivierte Stiftungen und Unternehmen nehmen so massiv Einfluss auf die Lehrinhalte oder bombardieren bereits Kindergartenkinder mit Markenlogos.

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      Mai
      20
      2011
      1

      Die Wahl zum Goldenen Windbeutel 2011 – die dreisteste Werbelüge des Jahres

      Alle Jahre wieder kürt die Verbraucherschutzorganisation Foodwatch ein Produkt zum „Goldenen Windbeutel“ – nominiert sind Firmen, deren Reklame besonders irreführend oder dreist ist und die das Blaue vom Himmel versprechen, ohne dass das dahinterstehende Produkt dies rechtfertigen würde. 2011 stehen folgende Unternehmen zur Wahl (zum Glück alles Sachen, die ich eh nicht kaufen würde):

      Nimm2 von Storck
      Der überflüssige künstliche Vitamincocktail macht die Bonbons nicht gesünder als andere.

      Schlemmertöpfchen Feine Gürkchen von Kühne
      Außen angebliches Traditionsprodukt, innen standardisierte Industrieware mit Farbstoff und Aromen.

      Ferdi Fuchs Mini-Würstchen von Stockmeyer
      Zu viel Salz für ein angeblich gesundes Kinderprodukt und damit ein Beitrag zum späteren Bluthochdruck.

      Activia von Danone
      Garant für perfekte Verdauung? Keineswegs – kann die Verdauung nicht mal eben regulieren.

      Milch-Schnitte von Ferrero
      Keine „leichte“ Zwischenmahlzeit. Enthält mehr Zucker und Fett als Schoko-Sahne-Torte.

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      Mai
      19
      2011
      0

      Die Verschwendung der öffentlichen Hand

      Sicher, Privatisierung einstmals öffentlicher Güter geschieht oft genug zum Nachteil der Menschen, darüber habe ich hier im Blog ja auch schon oft genug geschrieben. Leider ist es aber mitnichten so, dass Abläufe, die nach wie vor in öffentlicher Hand liegen, deshalb zwingend effizient und zielgerichtet ablaufen. Vielmehr wird bei öffentlichen Investitionen gerne mal mit Kostenschätzungen getrickst und das Geld der Steuerzahler verbrannt – darüber hat auch das ARD-Wirtschaftsmagazin Plusminus Anfang des Jahres im Beitrag „Teures Bauen – Warum öffentliche Bauvorhaben oft viel mehr kosten als geplant“ von Arne Hell berichtet. Abgehobene, bürgerferne Entscheidungsprozesse wie auch auf den eigenen Gewinn bedachte Subunternehmer wirken sich also nachteilig für uns alle aus, wie man an Prestigebauten wie der immens teuren Hamburger Elbphilharmonie sieht:

      Öffentliche Großbauvorhaben werden sehr häufig teurer als geplant. Solche Kostenexplosionen sind meistens hausgemacht. Regierungen, Baudezernenten, Bürgermeister und Verwaltungen rechnen die Preise für Großbauprojekte gerne schön, das haben uns auf Anfrage mehrere Politiker und ehemalige Verantwortliche bestätigt. Das heißt, dass die Baukosten im Einzelfall gar nicht wirklich “steigen”, sondern dass sie einfach über dem vorher berechneten Preis liegen. Das Problem: Auf Grundlage dieses Preises haben Parlamente oder Stadträte den Projekten zugestimmt.

      Risiken runter, Nutzen rauf
      Gerade bei Infrastrukturprojekten hat diese Methode System. Um ein Bauprojekt wie Stuttgart 21 oder z.B. auch die 2006 fertig gestellte ICE-Trasse von München nach Nürnberg beschließen zu können, muss das Projekt einen bestimmten Nutzen erfüllen. Das heißt: Die zu erwartende Zahl von Passagieren oder der Zuwachs an Gütertransporten auf der Strecke muss in einem vernünftigen Verhältnis zu den Baukosten stehen. Der Vorsitzende des Bauausschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Bündnis 90/Die Grünen), kennt viele Beispiele, bei denen die Kostenrisiken eines Projekts absichtlich zu niedrig angesetzt wurden, der erwartete Nutzen dafür zu hoch. “Im Grunde werden Parlamente systematisch veräppelt”, sagt Hermann. “Wir sollten uns das nicht länger bieten lassen und auf einem finanzorientierten Controlling bestehen.”

      Wer verdient daran, wenn es teurer wird?
      Häufig fehlen aber auch die Anreize dafür, geplante Kosten einzuhalten. Architekten und Planer verdienen in der Regel prozentual an den Gesamtbaukosten. Steigt der Preis, dann steigt auch ihr Honorar. So ist es zum Beispiel im Fall der Hamburger Elbphilharmonie. Der Anteil der Stadt Hamburg stieg seit 2006 von einmal angedachten 77 Millionen Euro auf 323 Millionen. Der Gesamtpreis für das Konzerthaus an der Elbe wird bei mehr als 500 Millionen liegen. “Das war ein schwerer Fehler der Stadt Hamburg”, sagt Marcel Schweitzer vom Hamburger Bund der Steuerzahler. “Sie hat mit den Architekten einen Indexhonorarvertrag abgeschlossen, so dass das Architektenbüro wahrscheinlich ein Interesse daran hat, dass besonders lange und besonders teuer geplant wird.” Gleichzeitig sind die Architekten auch Generalplaner, d.h. es gibt keine Instanz, die das Ausmaß der Planungen überwacht.

      Koste es, was es wolle
      Ein weiterer Kostentreiber bei öffentlichen Großbauprojekten sind Extrawünsche von Politikern. Gerade bei Prestigebauten, gerne auch “Leuchtturm” genannten Projekten, übersteigen die Baukosten die Planungen. So ist es beispielsweise im Fall des neuen NRW-Landesarchivs in Duisburg. Das Land wollte mit einem Prachtbau an einer ganz bestimmten Stelle ein Zeichen setzen: Im Innenhafen von Duisburg. Eine Essener Immobilienfirma schnappte dem Land allerdings das Grundstück weg, offenbar weil es einen Tipp bekam. Anstatt sich nach einem anderen Bauplatz umzusehen, ließ sich Nordrhein-Westfalen auf einen Deal ein: Statt wie geplant zwei Millionen Euro zahlte es für das Grundstück am Ende fast 30 Millionen. Die alte Landesregierung um Jürgen Rüttgers wollte das Archiv unbedingt an dieser prestigeträchtigen Stelle. Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Korruptionsverdachts.

      Planungsfehler und Größenwahn – für öffentliches Geld haftet niemand
      Kostenexplosionen bei öffentlichen Großprojekten gibt es weltweit. Nach einer internationalen Studie von 2003 (u.a. von Prof. Werner Rothengatter vom Institut für Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung der Universität Karlsruhe) lagen die Baukosten im Schnitt um 50 Prozent über den Planungen. Für diese Überschreitungen, sofern sie nicht dem Bauunternehmen angelastet werden können, haftet keiner der Verantwortlichen persönlich – im Gegensatz zu einem privaten Bauprojekt, bei dem der Bauherr die Mehrkosten direkt spürt. Der Bund der Steuerzahler schlägt daher Prämien vor, die ein Planer oder ein Unternehmen bekommen, wenn es die Baukosten einhält. Solange es solche Anreize nicht gibt, dürfte es “plötzliche” Kostenexplosionen im öffentlichen Bau immer wieder geben.

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