Mrz
31
2009
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Fernsehtipp: Gnadenlos billig – Der Handyboom und seine Folgen

Hier ein schneller Fernsehtipp für alle Digital-TV-Schauer und Spätaufbleiber: heute um Mitternacht (also somit eigentlich MORGEN) von 0:00 – 0:30 Uhr auf EinsExtra: „Gnadenlos billig – der Handyboom und seine Folgen“.

Wer denkt schon beim neuesten Handy-Schnäppchen daran, unter welchen Bedingungen die Geräte zumeist in Asien zusammen gebaut werden und was nach zwei bis drei Jahren damit passiert, nämlich dann, wenn sie veraltet sind und auf dem Schrott landen?

tag7 macht sich u.a. in Indien auf die Suche nach den Hintergründen des Handybooms: In der Hafenstadt Chennai montieren junge Wanderarbeiter für 35 Cent in der Stunde Mobiltelefone. Streiks sind in der Sonderwirtschaftzone verboten und Gewerkschaften gibt es keine. Von den Schattenseiten der Handyproduktion in Asien bekommen Konsumenten in Deutschland bisher kaum etwas mit. (…) Dabei entstehen hochgiftige Dämpfe, die Menschen und Böden vergiften. Entwicklungsländer als Abfallhalde und als billiger Produktionsstandort der Industriestaaten? Was könnten Hersteller und Konsumenten dagegen tun?

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Mrz
31
2009
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Zwei weitere Beispiele für die scheinbar unersättliche Verbreitung von Reklame

Die USA tun mir manchmal schon ziemlich leid – ist das Bombardement mit Werbung auch in Deutschland schon nervig genug und breitet sich vor allem in Großstädten stetig auf immer mehr öffentliche Plätze etc. aus, so sind die entsprechenden Zustände in Amerika offensichtlich noch eine Stufe unerträglicher.

flughafenkaestenZwei „schöne“ neue Beispiele für „kreative“ Reklameplatzierung fand ich gerade im Blog The Anti-Advertising Agency. Zum einen gibt es nun an Flughäfen am Boden der Behältnisse, in die man vorm Gefilztwerden seine Sachen packen muss (u.a. inzwischen auch die Schuhe!) eine knallige, aufdringliche Werbebotschaft zu sehen, die einem die Prozedur sicher gleich noch mal zusätzlich vergällt – in „Can we make the airport any more degrading“, resümiert der Autor:

Not that the security check point was a particularly sacred or peaceful place anyway, but man, seeing those really bright ads at that moment is not the kind of branding they want. I’m thinking: “damnit, I hate shoes right now.” And then I have to stare into a box that is telling me “you love shoes. you need shoes. buy more shoes.”

Die zweite Idee, „Corporate sponsored pothole repair“ ist nicht minder kränk – Kentucky Fried Chicken bietet Gemeinden an, Löcher in den Straßen zuzuteeren, und will als Gegenleistung einen in den Teer gebrannten Logoschriftzug auf jedes der Löcher. Man muss sich echt an den Kopf fassen – womit soll der Bürger, der für die Firmen & Reklametreibenden natürlich nur als Konsument interessant ist, noch malträtiert werden?

In Louisville, KY and potentially in a town near you, what was once a city service paid for by tax payers might become another avenue for advertising. (…) I know it’s a recession and all, and municipalities are feeling the pinch when it comes to typical city services like snow plowing and pothole patching, but come on; do we really need a fried chicken restaurant filling potholes for us?

KFC POTHOLE REPAIR

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Mrz
30
2009
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Surf- & Lesetipp: Coordination gegen BAYER-Gefahren

coordinationgegenWer Bayer nur für den netten Pharmakonzern von nebenan, Produzent von Aspirin und Sponsor von des Fußballclubs Bayer Leverkusen gehalten hat, wird sich vermutlich wundern, wenn er erfährt, dass die Umtriebe des Pharmariesen dazu geführt haben, dass es bereits seit 30 Jahren eine Organisation gibt, das sich ausschließlich mit den Geschäftspraktiken dieser Firma beschäftigt und sie kritisch beleuchtet. Coordination gegen BAYER-Gefahren nennt sich die Initiative, die sowohl online wie auch in Form der Zeitschrift „Stichwort BAYER“ Aufklärung betreibt.

In ihrer Jubiläumsausgabe befasst sie sich z.B. mit „Bayers Krisenmanagement: Rekorddividende und Lohnkürzungen“, und somit mit der Form von Gewinnerzielung und Geschäftsgebaren, wie sie letztlich typisch für alle großen (DAX-)Konzerne ist:

Für BAYER geht trotz Krise alles seinen kapitalistischen Gang: Die AktionärInnen erhalten Rekorddividenden und die Beschäftigten im Gegenzug Arbeitszeit- und Lohnkürzungen. „Wir müssen an den Prinzipien der freien Marktwirtschaft festhalten. Alles andere wäre auf lange Sicht verheerend“, so lautet der verheerenden Lage der freien Marktwirtschaft zum Trotz das Credo von Konzern-Chef Werner Wenning.

(…) Ganz egal, ob der Turbo-Kapitalismus nur einen kurzen Boxenstopp einlegt oder aber wegen Materialermüdung einen Unfall mit erheblichem Personenschaden baut, seine ProtagonistInnen sehen trotz kritischem Rennverlauf weniger Grund zur inneren Einkehr als zu Beginn der Pannenserie. Zweifelte letztes Jahr selbst ein Norman Greenspan an der Leitmaxime der Wirtschaftsethik: „Wenn jeder nur bedingungslos seinen eigenen Vorteil sucht, wird es auch dem Gemeinwohl zum Vorteil gereichen“, so gibt es jetzt schon wieder weniger Marx und mehr FDP. Und nach Ansicht des ALLIANZ-Chefs Michael Diekmann ist das ökonomische System bereits wieder zur Tagesordnung übergegangen. „Trotz der öffentlichen Diskussionen läuft das System hinter den Kulissen schön weiter. Ich finde das auch verwerflich. Aber ich kann Verwerflichkeit nur ändern, wenn ich den Markt dafür habe“, sagte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Und auf die Frage: „Lässt sich das nicht ändern?“ antwortete er: „Solange wir keine Gesetze haben, die das einschränken, herrscht draußen immer noch das Gesetz des Dschungels“.

Wesentlich bedrückender sind allerdings die Dinge, die in Bezug auf Bayers Kerngeschäfte, also Pharma und Chemie, ans Tageslicht gefördert werden. Bayer ist nämlich leider auch im Gen-Bereich aktiv und vertreibt genmanipulierte Rapssorten und giftige Pflanzenschutzmittel, die negative Folgen für Mensch & Umwelt zeitigen: „Traurige Ironie: EU-Zulassung von Gen-Raps

Es ist eine traurige Ironie, dass eine gar nicht mehr angebaute Raps-Sorte nun zum Import zugelassen wird. Kanadischer Raps wurde durch Auskreuzungen gentechnisch veränderter Sorten so umfassend kontaminiert, dass selbst herkömmlich angebauter Raps die Melde-Schwelle überschreitet. Damit ist genau das geschehen, was Gentechnik-Kritiker stets vorausgesehen haben. Ein paralleler Anbau von herkömmlichen und genmanipulierten Raps-Sorten ist wegen der starken Auskreuzungen prinzipiell nicht möglich.

2007 war auch in Deutschland Gen-Raps von BAYER (trotz fehlender Zulassung) gefunden worden. Anbauflächen von über 1000 Hektar mussten umgepflügt werden. Die Coordination gegen BAYER-Gefahren forderte BAYER auf, für den Schaden aufzukommen.

Zudem ist jede Technologie, die auf dem giftigen Herbizid Glufosinat beruht, abzulehnen. Hormonaktive Substanzen wie Glufosinat müssen sofort vom Markt genommen werden.

Auf der Website des CBGnetwork kann man auch im Archiv der vergangenen Jahre blättern und stößt dabei auf eine Fülle von Fällen, die an dem in Reklamekampagnen des Weltkonzerns gerne propagierten sauberen Image zweifeln lassen, wie „Bauern oder BAYER – wem gehört das Grundwasser“ (über den Streit ums Wasserwerk in Wacken) oder „Wir sind seit 1947 Versuchskaninchen der Chemieindustrie“ (über  amerikanische Bayer-Institute). Nicht ohne Grund ist Bayer auch im Schwarzbuch Markenfirmen vertreten, wo ihnen u.a.vorgeworfen wird:

Import von Rohstoffen aus Kriegsgebieten, Finanzierung unethischer Medikamentenversuche, Behinderung eines Entwicklungslandes bei der Herstellung und Vermarktung lebenswichtiger Medikamente, Vertrieb gefährlicher Pflanzengifte, Ausbeutung und Kinderarbeit bei Rohstofflieferanten

Nach dieser ganzen Lektüre braucht man erst einmal eine Kopfschmerztablette – aber bitte nicht von Bayer! :-P Ein Spaziergang an der frischen Luft wirkt da auch schon oft Wunder.

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Mrz
29
2009
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Buchbesprechung: Robert W. McChesney, John Nichols „Unsere Medien? Demokratie und Medienkonzerne in den USA“

mcchesney-nichols-unsere-medienNicht immer muss ein Buch dick und schwer sein (wie z.B. Naomi Kleins Bestseller „No Logo!“ oder „Das neue Schwarzbuch Markenfirmen“) um zu beeindrucken. Schlank und elegant kommt beispielsweise „Unsere Medien? Demokratie und Medienkonzerne in den USA“ von Robert McChesney, John Nichols u.a. daher, veröffentlicht in der Open Media-Reihe des Verlags Schwarzerfreitag aus Berlin. Die Open Media-Reihe wurde ursprünglich Anfang der 90er Jahre in Amerika ins Leben gerufen, als Opposition zum ersten Golfkrieg, und konnte bislang auch Autoren wie Noam Chomsky (der auch zu diesem Buch einen Kommentar beisteuert) gewinnen.

Der Titel macht bereits klar, worum es den beiden Autoren in ihrem Buch geht – sie wollen eine Bestandsaufnahme der derzeitigen Entwicklung des Mediensektors in den USA bieten, die so oder in ähnlicher Form mittlerweile auch weltweit zu beobachten ist. Innerhalb weniger Jahrzehnte hat die Zahl der den Markt bestimmenden Konzerne von über 50 auf inzwischen nur noch 10 Big Player abgenommen. Solch eine Konzentration wäre auch auf anderen, „normalen“ Gütermärkten bereits bedrohlich und eine potentielle Gefahr für die freie Gesellschaft, aber gerade im Medienbereich, wo schließlich auch Meinungen gemacht und beeinflusst werden, ist dies mehr als nur eine latente Bedrohung der Demokratie.

McChesney (Professor an der University of Illinois) und Nichols (Korrespondent von The Nation) legen in ihrem dreigeteilten Werk (Teil 1: Analyse, Teil 2: Problembeschreibung/Unzufriedenheit und Teil 3: Aufbau einer Medienreform-Bewegung) den Finger sehr eindringlich auf mehrere Wunden, die sich diesbezüglich auftun. Die ursprüngliche Aufgabe der sog. „freien Presse“, die auch die Gründerväter der USA so in der Verfassung vorgesehen haben, war die Kontrolle derjenigen, die die politische Macht innehaben – sie sollte dazu dienen, „die Freiheit zu beschützen“, wie James Madison im 18. Jahrhundert schrieb.

Weit entfernt davon, die Zivilisation insgesamt zu stärken, liefert das Mediensystem, wie es zur Zeit in den Vereinigten Staaten opereriert, noch nicht einmal die Grundlagen für die Staatsbürgerschaft: Es beschützt nicht und dient nicht dem Allgemeinwohl. Es ist kein Mediensystem nach unserem Bedarf, aus unseren Händen oder in unserem Interesse – weil wir es heute nicht mit unseren Medien zu tun haben. Es sind deren Medien.

Doch wer sind sie? Eine Handvoll enormer Konglomerate, die sich die monopolistische Kontrolle über weite Teile der Medienlandschaft gesichert haben. Die Oligopole spotten der traditionellen Vorstellung einer freien Presse, in der jeder am freien Markt der Ideen teilhaben kann. Dabei werden die Monopole von Jahr zu Jahr erdrückender.

Wem dienen diese Medien? Zu allererst den Aktionären – große Medienunternehmen in den USA können hochprofitabel sein. Um diese Profitabilität aufrechtzuerhalten, dienen sie den Interessen der großen Konzerne, die weite Teie der Medien mit ihren Werbegeldern finanzieren. Um einer Regulierung im öffentlichen Interesse zu entgehen, dienen sie einer politischen Klasse, die sich revanchiert, indem sie den Medienkonzernen kostenlosen Zugang zu den öffentlichen Rundfunkfrequenzen gewährt und regelmäßig Grenzen der kommerziellen Kontrolle unserer Kommunikation einreißt. (…) Profit geht dabei immer vor Gesellschaft.

Bereits diese wenigen Absätze im vorderen Teil des Buches umreißen sehr gut, worin die Autoren die Probleme mit dem heutigen Mediensystem sehen – es dient primär kommerziellen Interessen und ist somit, auf Grund dieser Verquickung mit anderen Konzernen, weit davon entfernt, wirklich kritisch zu berichten. Diese mangelnde Kritik bewirkt aber nicht nur, Zuschauer und Leser primär als Zielgruppe für Konsum zu sehen, sondern lässt auch viele politische Geschehnisse, die eigentlich hinterfragt werden müssten, nahezu propagandistisch verbrämen.

Die Konzentration führt zu zwei zentralen Problemen: extreme Kommerzialisierung und Vernachlässigung des Dienstes am Bürger. Je besser die großen Medienkonzerne die Gesellschaften kommerziell durchdringen, desto weniger sind sie gewillt oder in der Lage, kreative oder redaktionell integre Inhalte zu erzeugen.

Ausführlich wird geschildert, wie diese Marktmachtkonzentration im Zeitungsbereich dazu führt, dass lokale Redaktionen nach und nach abgebaut und ausgedünnt werden, bis sie schließlich kaum noch in der Lage sind, kritisch zu recherchieren, sondern statt dessen PR-Meldungen etc. übernehmen, um ihr Blatt termingerecht füllen zu können. So etwas kann man ja auch hierzulande erkennen, wenn selbst honorige Zeitungen wie die FAZ Advertorials abdrucken; von Magazinen wie der Vogue, die eh nur aus Reklame und Produktlobhudeleien bestehen, ganz zu schweigen.

Die politische Kultur, die mit dem weltweiten Aufstieg des kommerziellen Mediensystems einhergeht, ähnelt immer mehr der der USA: An die Stelle informierter Debatten und eines kompletten Spektrums politischer Parteien treten ein leerer Journalismus und Wahlkämpfe, die von PR-Agenturen, Geld, schwachsinniger Werbung und eng begrenzten Debatten bestimmt werden. So entsteht eine Welt, in der der Markt und kommerzielle Werte die Demokratie und die Zivilkultur ersticken – eine Welt sich rasend ausbreitender Entpolitisierung, in der die wenigen Reichen immer weniger politische Hürden zu überwinden haben.

Glücklicherweise belassen es McChesney und Nichols nicht bei dieser bloßen Medienschelte, sondern stellen in dem Kapitel über den sich formierenden Widerstand gegen diese Form der Medienorientierung auch hoffnungsvolle Ansätze für wirklich freie Medien dar (denn wie „frei“ die Medienlandschaft z.B. in Deutschland ist, kann man sehen, wenn man sich die lange Liste der Produkte anschaut, die alleine Bertelsmann unter seinem Dach vereint). So gibt es in Schweden eine Partei, die auch das Verbot von Fernseh- und Radiowerbung in ihrem Programm hat (und immerhin bei Wahlen 10% der Stimmen erhält). In Neuseeland haben fortschrittliche Politiker eine Neuordnung des Rundfunks beschlossen, nach der Rundfunkfrequenzen öffentliches Eigentum sind, das die Bürger kontrollieren sollen – die Übernahme lokaler Stationen durch Großkonzerne wurde erschwert, der öffentliche Rundfunk ausgebaut etc. In Amerika selbst wird die Förderung des sog. „Mikroradios“ (nichtkommerzielle Gemeinderadiostationen) vorangetrieben und man versucht die Torpedierung dieser Projekte durch einige, den Medienkonglomeraten nahestehenden Teilen der Politik aufzuhalten.

Alles in allem ist „Unsere Medien?“ ein gleichermaßen erschreckendes, wie auch aufrüttelndes und Mut machendes Buch, das zudem leicht und locker zu lesen ist.

Robert W. McChesney, John Nichols „Unsere Medien? Demokratie und Medienkonzerne in den USA“, Schwarzerfreitag 2004, 151 S., 11,– €

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Mrz
28
2009
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elniuton – Culture Jamming-Special

big_ed_09Spätestens seit der gelungenen Attac-Aktion mit der gefälschten ZEIT ist das Grundprinzip des Culture Jammings (und Adbustings) auch größeren Bevölkerungsschichten einmal praktisch vor Augen geführt worden: gewohnte Denk- und Wahrnehmungsmuster aufbrechen, verwirren, deautomatisieren, um zum eigenen Nachdenken über Themen anzuregen. Es ist erfreulich, dass diese Bewegung, die ja gar keine offizielle ist, sondern aus vielen verschiedenen Aktivisten und Ideen und Zielen besteht, weltweit Zulauf erhält und vermehrt mediale Beachtung erfährt.

Ein sehr schönes Beispiel lieferte Ende letzten Jahres das kolumbianische Online-Magazin elniuton – in einer ihrer letzten Ausgaben befassten sie sich intensiv mit Culture Jamming, den Techniken, Akteuren, Künstlern und Zielen, aber auch den Grenzen. U.a. ist auch ein Interview mir Mark Dery enthalten, der sich mit dem Phänomen seit den 90ern beschäftigt und den Begriff CJ damals erstmalig populär machte. Das Ganze ist kunstvoll auf Flashbasis gestaltet, unterhaltsam und kann zweisprachig (Englisch und Spanisch) kostenlos online gelesen werden.

Mass media did the Cultural Revolution during the XX Century second half, ad discourse destroyed media’s natural capacity of generating new ideas and turned culture into a Catoblepas, recycling ideas for consume. Culture Jamming is the answer.

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Mrz
27
2009
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Neue Studie: Berater der Finanzindustrie und Marktradikale sollen Finanzmärkte reformieren

bild-7Es gibt was Neues aus dem Hause Lobby Control, der Initiative, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, der unheiligen Vermengung von Politik und Wirtschaftsinteressen, die unsere Demokratie mittlerweile durchzieht, auf die Finger zu schauen. Gerade jetzt in der „Finanzkrise“ finden wundersame Ämterwanderungen statt und diejenige, die den ganzen Schlamassel mit angerichtet haben, sollen nun plötzlich dabei helfen, ihn wieder zu beseitigen. Dass es bei alledem wohl eher darum gehen dürfte, das bisherige System soweit wieder flott zu machen, auf dass es anschließend wie immer weitergehen kann, zeichnet sich dabei leider immer deutlicher ab. Von daher ist die neue Studie „Would you bank on them“ (pdf) entsprechend ernüchternd. Wer des Englischen mächtig ist, sollte sie sich mal zu Gemüte führen, um ein wenig besser zu wissen, was einem die Regierungen da aktuell als vermeintliche Lösung der Probleme andrehen wollen.

Eine Kurzstudie von Corporate Europe Observatory, Friends of the Earth Europe, LobbyControl und Spinwatch nimmt die Expertengruppe unter die Lupe, die der EU-Kommission Vorschläge zur Reform der Finanzmärkte machen soll, und kritisiert die einseitige Besetzung. Vier von acht Mitgliedern der nach ihrem Vorsitzenden benannten “de Larosière-Gruppe” stehen in direkter Verbindung zu den Großen der Finanzbranche – GoldmanSachs, BNP Parisbas, CitiGroup und Lehman Brothers, andere sind für ihre marktradikalen Ansichten bekannt.

Die Vorschläge der Gruppe werden großen Einfluss auf die Verhandlungsposition der EU beim großen G20-Finanzgipfel Anfang April haben. Anstelle einer Expertengruppe mit einseitiger Ausrichtung und starken Verbindungen zum Finanzsektor damit zu beauftragen, hinter verschlossenen Türen Vorschläge zur Lösung der Finanzkrise auszuarbeiten, wäre ein offener und transparenter Konsultationsprozess nötig.

Auch die deutsche Expertengruppe „Neue Finanzarchitektur“ weist ein ähnliches Muster auf. Mit Otmar Issing, der auch in der Larosière-Gruppe vertreten ist, wird sie von einem GoldmanSachs-Berater und knallhartem Monetaristen geleitet. Auch viele der weiteren Mitglieder sind mit der Finanzbranche verflochten und moderate Stimmen in der Minderheit.

© svilen001, stock-xchng

© svilen001, stock-xchng

Dazu passt auch „Reichlich Parteispenden aus der Finanzbranche“, eine weitere Studie, diesmal aus den USA:

Eine aktuelle Studie der US-amerikanischen Organisation Wall Street Watch legt detailliert dar, wie sich die amerikanische Finanzindustrie in den letzten zehn Jahren systematisch politischen Einfluss in Washington gekauft und so auf Deregulierung gepocht und Regulierung verhindert hat. Von 1998 bis 2008 flossen 1,725 Mrd. Dollar an beide politischen Parteien, meist in Form der oft den Wahlkampf entscheidenden „campaign contributions“. Weitere 3,4 Mrd. Dollar wurden für direkte Lobbyingmaßnahmen aufgewendet. Im Jahr 2007 allein schwirrten laut Wall Street Watch an die 3000 Lobbyisten im Auftrag der Finanzindustrie um die 540 Kongressabgeordneten und 100 Senatoren.

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Mrz
26
2009
12

Sehr geehrter Herr Kerner (Ein offener Brief)

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© lusi, stock.xchng

Diejenigen von Euch, die ab und an mal Fernsehen schauen, werden vermutlich an dem aktuellen Reklamespot der BILD-„Zeitung“ (diesmal verlinke ich ihn, da er so lächerlich ist, dass er sowieso eher Antiwerbung darstellt – man lese sich mal die Kommentare bei YouTube dazu durch!) kaum vorbeigekommen sein – einige Prominente lassen sich hier, in edler Optik, positiv über dieses Revolverblatt aus und helfen somit bei der Verbreitung dieser Desinformationspostille sowie dem Aufwerten des eher anrüchigen BILD-Images. Wie man so tief sinken kann, sich für solche Druckerzeugnisse zu verkaufen, wird mir für immer ein Rätsel bleiben müssen – aber folgende Mail habe ich an einige der Beteiligten wie Herrn Kerner mal geschrieben, auch wenn sie sie vermutlich nie zu Gesicht bekommen, sondern sie schon im Vorfeld von ihren Presseabteilungen etc. abgefangen werden dürfte; einen Versuch ist es mir dennoch wert.

———————————

Sehr geehrter Herr Kerner,

natürlich versuche ich, Fernsehreklame so gut es eben geht auszuweichen und schalte, wenn mal ein Werbespot läuft, schnell den Ton ab, um mich nicht den unsinnigen Konsumparolen auszusetzen. Vor einigen Tagen kam ich jedoch nicht umhin, versehentlich die neue Reklame der BILD-„Zeitung“ mitzubekommen – Sie wissen schon, dieser in schwarz-weißer Ästhetik gehaltene Clip, in dem neben Nazan Eckes, Philipp Lahm und Stefan Kretzschmar auch Sie einen Auftritt haben und sich zu dieser Zeitung äußern.

Ihre dort getätigte Aussage „weniger Meinung und mehr Bildung wäre schön“ stimmt natürlich, allerdings, was ich mich nun frage: Wieso machen Sie so etwas mit? Wieso geben Sie Ihren Namen, Ihr Gesicht, Ihren Ruf für die Imagekampagne solch einer Postille her? Sicherlich, wir haben Wirtschaftskrise, aber ist das ein Grund, sich zum Unterstützer dieser „Zeitung“ zu machen, die lügt (wie gedruckt), Existenzen zerstört, Demagogie, Manipulation und Vertuschung betreibt und zudem mit einigen der schlimmsten Firmen der Republik (Lidl, kik, RTL) unverfroren gemeinsame Sache macht?

Ich will mal zu Ihren Gunsten annehmen, dass Sie in Wirklichkeit dieses Druckerzeugnis nicht selbst lesen bzw. höchstens überfliegen (lassen), um zu sehen, welche Sensationssau nun wieder von der BILD-Redaktion durchs Dorf getrieben wird. Dennoch sollten Sie als Journalist und Mann der Medien eigentlich etwas kritischer hinterfragen, von wem Sie sich da vor den Karren spannen lassen. Ein kurzer Blick ins Netz (oder die BILD) genügt doch eigentlich, um zu wissen, wie weit es bei der BILD mit der journalistischen Sorgfalt, der Ausgewogenheit, Unparteilichkeit, Fairness und dem Niveau her ist. Kleiner Tipp: Nicht so sonderlich weit!

Ich finde es irgendwie bedauerlich, dass Sie, der Sie als Prominenter letztlich auch eine Art Vorbildfunktion haben, sich nicht zu schade sind, Ihr Geld mit Reklame für solch ein Unternehmen zu verdienen (wobei es natürlich auch nicht besser wäre, wenn Sie diese Kampagne ohne Entlohnung machen würden). Der offensichtliche Versuch der BILD, sich mit ein paar bekannten Namen und Gesichtern zu schmücken, um sich ein seriöseres Image zu verpassen, ist in seiner Durchsichtigkeit wahrlich erbärmlich und sollte eigentlich von niemandem unterstützt werden. Zumal das berechtigte halbseidene Image dieser Zeitung durch diese Aktion ja auch auf Sie wieder zurück abstrahlt.

Wir leben zwar in einem halbwegs freien Land, wo (fast) jeder (fast) alles machen kann, was er will, trotzdem sollte man vielleicht nicht alles machen, was möglich ist…

Mit freundlichen Grüßen,
Peter Marwitz

P.S.: Hier noch ein paar Surftipps, die diesbezüglich ein wenig weiterhelfen könnten:

http://www.bildblog.de (die Unwahrheiten, Halbwahrheiten und Halbgarheiten der BILD füllen einen eigenen Weblog!)
http://konsumpf.de/?p=299 (über BILD & Lidl)
http://www.taz.de/1/leben/medien/artikel/1/bierfreunde-helfen-einander/?src=TE&cHash=766e970e2a
http://www.manager-magazin.de/it/artikel/0,2828,207872,00.html
http://www.medien-mittweida.de/einzelansicht/artikel/2157.html

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Mrz
25
2009
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Earth Hour – eine globale Umweltaktion

vote_earth_2009

Eine interessante Aktion, gerade bei Karma Konsum gefunden: die Initiative Vote Earth ruft dazu auf, am Samstag, den 28. März um 20:30 Uhr für eine Stunde das Licht auszuschalten. Nicht primär um Strom zu sparen, sondern als weltweites Zeichen gegen den Klimawandel bzw. für eine bessere Umweltpolitik:

This year, Earth Hour has been transformed into the world’s first global election, between Earth and global warming. For the first time in history, people of all ages, nationalities, race and background have the opportunity to use their light switch as their vote – Switching off your lights is a vote for Earth, or leaving them on is a vote for global warming. WWF are urging the world to VOTE EARTH and reach the target of 1 billion votes, which will be presented to world leaders at the Global Climate Change Conference in Copenhagen 2009. This meeting will determine official government policies to take action against global warming, which will replace the Kyoto Protocol. It is the chance for the people of the world to make their voice heard.

Um mitzumachen, muss man sich vorher online registrieren. Ich werde dann in der Stunde einfach noch mal durch Kiel gehen und ein paar Attac-ZEIT-Satiren verteilen. :-)

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Mrz
25
2009
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Lesetipp: Krisenblues

Gestern bin ich wieder einmal auf einen interessanten Artikel gestoßen, der sehr gut zum Thema meines Blogs passt und den ich Euch deshalb auch ans Herz legen möchte. Schon aus dem Dezember 2008 stammt der Beitrag „Krisenblues” auf der die.hor.de-Site, aber seine Aussagen bleiben (leider) zeitlos aktuell. Sehr treffend und plastisch wird hier meiner Ansicht nach die Problematik, in der unsere Konsumgesellschaft steckt, dargelegt und mit der Malaise des Zwangs zum permanenten Wirtschaftswachstum verknüpft:

Es wird schlimmer. Jedes Jahr taugt das Zeug, das unsere Fabriken ausspucken, weniger. Mit Hunderten Millionen werden Sportschuhe beworben, deren Herstellungskosten Spezialisten in mühevoller Kleinarbeit Cent für Cent senken. Für einen halben Monatslohn kann man schließlich ein fast wertloses Produkt erwerben. Reines Image. Der Nahrung werden gesundheitsfördernde Stoffe zugesetzt. Gleicht das jeden Qualitätsverlust aus?

(…) Wir werden betrogen. Nicht nur um unser Geld, um unsere Lebenszeit, auch um unseren Stolz. Was ist das für ein Gefühl, das Arbeitsleben der Produktion von Müll zu widmen? Was kann der Chemieingenieur, der die Haltbarkeit von Leder senkt, seinen Enkeln erzählen? Wie kann der Verkäufer verderblicher Finanzprodukte morgens in den Spiegel sehen? Ich weiß es nicht. Aber mir fällt auf, dass kaum noch einer Sinn in seiner Arbeit sieht. Karriere ist wichtig – was man tut: egal.

(…) Zudem gefährdet die Rettung der Wirtschaft die Demokratie. Wenn Staaten sich für Generationen verschulden, sinkt ihr Handlungsspielraum. Nach der Rettung kommt der Ausverkauf. Jetzt am Leben erhalten, was gescheitert ist, bietet keine lohnende Perspektive, nur einen Aufschub. Vergleicht man den europäischen Alltag mit dem der Menschen im Kongo, einem an Rohstoffen sehr reichen Land, weiß man, was man beschützen will: einen der Mehrheit der Menschen unfassbaren Wohlstand. Niemand sagt, womit wir den verdient haben. Niemand denkt darüber nach, ob es einer ist. Schon der Gedanke daran, wie man im Westen altert und stirbt, müsste zur Panik führen. Manche mahnen vielleicht – unter den Millionen Stimmen hört man es nicht.

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Mrz
24
2009
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And the winner is…

actimel_goldenerwindbeutel_90_gerBzw. sollte man in diesem Falle vielleicht eher von einem Verlierer sprechen – denn der Goldene Windbeutel 2009, der Preis der Initiative Abgespeist für die dreisteste Werbelüge, geht in diesem Jahr an Actimel von Danone. Verdient hat ihn sich die Firma durch seine im wahrsten Sinne des Wortes märchenhaften Versprechungen über die angeblichen Wunderwirkungen dieses Trinkjoghurts.

Mit der Wahl will foodwatch öffentlich machen, wie wir beim Kauf von Lebensmitteln tagtäglich mit kleinen Schwindeleien, größeren Lügen und einer endlosen Reihe von Tricks verwirrt und in die Irre geführt werden. Denn wenn Werbung uns – ganz legal – in die Irre führt und Etiketten nicht ehrlich sind, können wir nicht wissen, was wir kaufen. Wenn nicht drauf steht, was drin ist und nicht drin ist, was draufsteht, dann können wir nicht selbst bestimmen, was wir essen.

Die Verbraucher haben gewählt: Der Trinkjoghurt Actimel, vermeintliches Wundermittel gegen Erkältungen, ist für sie die dreisteste Werbelüge des Jahres. Die Verbraucherrechtsorganisation foodwatch verleiht Hersteller Danone daher am heutigen Freitag in München den „Goldenen Windbeutel 2009“. „Die Verbraucher haben sich für einen würdigen Preisträger entschieden“, sagte Anne Markwardt, Leiterin der foodwatch-Kampagne abgespeist.de: „Actimel schützt nicht vor Erkältungen – es stärkt das Immunsystem nur ähnlich gut wie ein herkömmlicher Naturjoghurt, ist aber vier Mal so teuer und doppelt so zuckrig. Die Werbung von Danone ist ein großes probiotisches Märchen.“

Wer Danone zu diesem tollen Preis gratulieren möchte, kann dies über die Abgespeist-Website tun, dort gibt es ein bereits vorbereitetes E-Mail-Formular.

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