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Jamming the ad culture

Die Adbusters- und Culture Jamming-„Gemeinde“ gewinnt in den letzten Jahren wieder vermehrt an Schwung und Schlagkraft, und natürlich freue ich mich immer, wenn in den Medien – seien es nun die Totholzmedien, Fernsehen (dort findet Kommerzkritik sehr selten statt!) oder das Internet – das Thema Werbekritik und Widerstand gegen die Reklamewucht auftaucht. So fand ich auf einer amerikanischen Website namens Ship of Fools („The Magazine for Christian Unrest“, hm, interessant, in welchen Ecken man sich mit dem Thema auch so befasst; ist mal ein neuer Blickwinkel in meinem Blog) neulich diesen – ursprünglich aus dem Jahre 2001 stammenden – prima Artikel Jamming the ad culture. Es geht um Kalle Lasn, das Adbusters Magazin und eben den Kampf gegen Werbung – und ich möchte Euch den Text heute übersetzt präsentieren.

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Blockieren der Werbekultur

Werbetreibende haben lange Zeit ihr Publikum als bloße Konsumenten angesehen, als passive Empfänger ihrer Botschaften und Produkte. Aber die Konsumenten beginnen, zurückzuschlagen. Susan Roberts berichtet über Culture Jammer, die Werbebotschaften unterwandern.

Shopping ist die neue Religion. Vergessen Sie Pilgerfahrten nach Canterbury: denken Sie eher an Reebok und Ralph Loren. Wir verbannen das Leid nicht mit Gebeten, sondern mit einer kleinen Einkaufstherapie.

An einem durchschnittlichen Tag sehen wir tausende von Marken und Logos, ob wir es wollen oder nicht. Sie sind die neuen Ikonen unserer Gesellschaft und sie infiltrieren jede Ecke des Lebens, vom Arbeitsplatz und Schulen bis hin zum eigenen Zuhause und dem Urlaub. Sie versammeln Menschen so wie das Kreuz die Kreuzritter hinter sich versammelt hat. Sie zielen darauf ab, Treue und ein Gefolge zu erzeugen.

Nach neuesten Studien sind manche Marken inzwischen glaubwürdiger als Politiker und Kirchenführer. Marketing funktioniert. Menschen fühlen sich stärker und besser, wenn sie ein Label wie ein Amulett gegen das Böse tragen. Sie fühlen, dass sie dazugehören, dass sie hineinpassen. Sie definieren sich selbst mit Hilfe von Logos.

Aber es entsteht eine Rebellion, eine kleine Rebellion, aber eine, die dennoch Zuversicht hat. Einige Konsumenten beginnen, zu protestieren. Sie lehnen die Art und Weise ab, wie Werbung so viel öffentlichen Raum besetzt – in Straßen, an den Häuserwänden, auf Bussen und Taxen. Sie sind wütend darüber, wie Werbung zufällig (ungerichtet) unser Bewusstsein bedrängt. Es ist an der Zeit, diesen Wahnsinn zu stoppen, sagen sie.

Ihre Akte von stillem Protest – die in Amerika stark zunehmen – kennt man als Culture Jamming. Culture Jammer parodieren Anzeigen und kidnappen Plakatwände, um deren Botschaften umzukehren. Sie zielen darauf ab, Leute dazu zu animieren, über die tiefere Wahrheit hinter den Marketingkampagnen nachzudenken.

Absolut Vodka

Adbusters, ein alle zwei Monate erscheinendes Magazin, das in Vancouver herausgegeben wird, ist eine der Schaltzentralen der Bewegung. Es wurde 1989 von dem in Estland geborenen Kalle Lasn gegründet, der es als „aalglatt/subversiv“ beschreibt. Von fern scheint es sich um eine glänzende und visuell fesselnde Kunstzeitschrift zu handeln. Doch sobald Sie es aufblättern, entdecken sie etwas ganz anderes.

Adbusters ist ein revolutionäres Werkzeug, die Bibel des Gegenschlags gegen Konsum und weltweites Marketing. Es parodiert große Anzeigenkampagnen, analysiert kulturelle und kommerzielle Trends und berichtet über das Verhalten von Konzernen. Es beabsichtigt, die „Kultur-Gifte“ zurückzudrängen, jene Kräfte des Kommerzialismus, die der Adbusters-Meinung nach die Gesellschaft verformen. Es möchte die Art, wie wir denken, ändern.

„Unser Ziel ist es, die existierenden Machtstrukturen zu kippen und ein grundlegendes Umdenken darüber, wie wir im 21. Jahrhundert leben, anzuregen“, besagt ihr Leitspruch. „Wir glauben, dass Culture Jamming für unsere Zeit das wird, was der Kampf für Bürgerrechte für die 60er, was der Feminismus für die 70er und der Kampf für die Umwelt für die 80er war.“

Die professionell gestalteten Adbusters „Spoof Ads“ sind genauso einprägsam wie die Originale, die sie lächerlich machen. Joe Camel, Zigarettenraucher, wird zu Joe Chemo, der in einem Sarg liegt. Ein Pferd grast auf einem schneebedeckten Friedhof in Marlboro Country. Das bekannte Bild einer Wodkaflasche welkt über dem Slogan „Absolute Impotenz“.

Adbusters initiiert auch Kampagnen. Am „Buy Nothing Day“ (Kauf Nichts-Tag), am Tag nach Thanksgiving, werden die Leute dazu aufgerufen, eine Pause von ihrer Shopping-Ekstase einzulegen und über die Tatsache nachzudenken, dass 20 Prozent der Weltbevölkerung 80 Prozent der natürlichen Ressourcen verbrauchen. Unser überzogenes Konsumniveau tötet den Planeten: „Finde Freude an deiner Macht als Konsument, um das ökonomische Umfeld zu ändern.“

adbusters_flagDie letzte Kampagne war ein „Corporate America Flag Jam“. Am 4. Juli, dem amerikanischen Independence Day, lieferte Adbusters einen, wie sie es nannten, symbolischen Ungehorsam, indem es eine alternative Version der Stars-and-Stripes-Fahne erstellte, eine „Brands-and-Bands“, eine Amerika-Flagge, bei der die Sterne durch eine Reihe von Konzernlogos ersetzt wurden. Es war, wie sie sagten, ein Symbol für all das, was falsch läuft in den USA.

„Das Amerika der Konzerne schwelgt in einem Goldenen Zeitalter. Eine schrumpfende Zahl der größten Unternehmen der Welt – AOL Time Warner, Shell, Nike, Microsoft, McDonald’s – stellen das Geld hinter den Präsidenten, die Macht, die weltweite Handelsregeln bestimmt, die Stimme der Autorität darüber, wie wir leben und wie wir denken.“

Fünfhundert dieser speziellen Adbusters-Fahnen wurden von Protestierenden in der ganzen USA geschwenkt, über Brücken gehängt und vor großen Handelsketten wie Wal Mart sowie dem Weißen Haus präsentiert. Einige zogen Menschenmengen an, andere waren nur ein Ein-Mann-Protest. Die Aussage wurde klar und kraftvoll rübergebracht, sagt Adbusters-Herausgeber Kalle Lasn.„Der Hauptgrund für den großen Erfolg der Fahne war, dass sich Amerika mehr als jedes andere Land auf der Welt davon entfernt hat, eine radikale Demokratie zu sein, in der die Menschen entscheiden, was passieren wird“, sagt er. „Es hat sich einem Konzernstaat angenähert.“

Kalle Lasn glaubt, dass Amerika die ursprüngliche Vision der Gründerväter leider aus den Augen verloren hat. Er sagt, dass die Zeit gekommen ist, auf die ursprüngliche Bedeutung der Revolution des Landes zurückzublicken, der Wunsch nach einer wirklichen Demokratie, nach Freiheit und Gerechtigkeit für alle. Es ist an der Zeit, die Macht der großen Unternehmen in Frage zu stellen. „Bürger sind zu Konsumenten geworden und Kultur zur Konsumkultur“, sagt er. „Produkte und Kommerz sind die dominierenden Werte geworden.“

Lasn sagt, dass derzeit 40.000 Menschen im Adbusters E-Mail-Netzwerk sind und Neuigkeiten über Aktivitäten und Kampagnen erhalten. Ca. 10.000 Leute besuchen jeden Tag die Website. Die Verkaufszahlen des Magazins steigen stetig. Die Auflage von 100.000 – 2/3 davon in den U.S.A. – steigt mit jeder Ausgabe um 4.000–5.000. (Anm. P.M.: Inzwischen sind, laut Adbusters-Website, knapp 83.000 Leute auf dem E-Mailverteiler.)

Eindeutig gewinnen die Adbusters-Aktivitäten an Schwung, aber einige Kritiker fragen sich, ob ihre Arbeit überhaupt einen echten Einfluss hat. In vielerlei Hinsicht ist es immer noch eine „Insider“-Zeitschrift. Es mangele ihr an Massenappeal. Aber die wachsende Zahl von Abonnenten und Aktivisten sprechen eine andere Sprache – und die Bewegung wächst. In England sammelt das Subvertise-Projekt Werbeparodien und Fotos von Plakatwänden, die mit Anti-Werbe-Graffitti verändert wurden.

Weltweit hat Culture Jamming einen gewissen Einfluss. Nike, als offensichtliche Antwort auf die Vorwürfe, dass es in ihren Fabriken in den Entwicklungsländern auf Kinderarbeit zurückgreife, brachte unlängst ihre eigene „gejammte“ Reklame in Australia heraus: „Die anstößigsten Stiefel, die jemals gemacht wurden. 100 Prozent Sklavenarbeit.“ Nike hat begonnen, sich den öffentlichen Zynismus zunutze zu machen, erklärt Adbusters.

Andere Adbusters-Kritiker – und nicht nur die in den großen Unternehmen – sind einfach der Meinung, dass Shopping Spaß macht. Ihnen macht es nichts aus, manipuliert zu werden. Sie sind der Meinung, dass sie ihre Entscheidungen vollkommen unter Kontrolle haben. „Das grundlegende Problem mit Adbusters ist, dass es festlegen möchte, wie Glück/Zufriedenheit aussehen soll und welche Dinge eine Bedeutung haben und welche nicht“, so ein Leserbrief in einer aktuellen Ausgabe. „Eine der Stützen der Freiheit in den USA ist das Recht des ‚eigenen Wegs zum Glück‘. Bedenken Sie, dass die Definition von ‚Glück‘ nicht von Ihnen gepachtet ist, denn, nun, das bedeutet Freiheit.“

Aber die Zeitschrift hat hohe Ideale und Lasn glaubt, dass sie zu einem wachsenden weltweiten Unwohlsein passt, einem Gefühl, dass die Dinge einfach nicht richtig laufen.

Er spricht von einer dringenden Notwendigkeit, anzuhalten und einen Raum für andere Formen des Denkens und des Daseins zu bewahren. Er plädiert für eine Welt ohne kommerzielles Inferno, eine geschützte Zone. Er fürchtet, dass es eine reale Gefahr darstellt, dass die Macht des Konzermarketings uns diese nehmen kann. Er fühlt auch, dass wir ohne diesen mentalen Freiraum uns selbst nicht wirklich werden finden können.

Seneca sagte vor 2.000 Jahren ziemlich genau das gleiche: „Prüfe alles, das um dich herum liegt, als wäre es Gepäck in einem Gästezimmer; Du musst weiterreisen“, schrieb er. „Die Natur macht dich bei deiner Abreise genauso nackt/bloß wie bei deiner Ankunft.“

Bücher:

Culture Jam von Kalle Lasn, Herausgeber des Adbusters Magazins (auf deutsch: „Culture Jamming. Das Manifest der Anti-Werbung”). Lasn bietet einen Leitfaden, das derzeitige Denken zu verändern um den kommerziellen Mediahype zu vermeiden, geformt durch Markennamen, Stars und leeren Glanz, der unsere moderne Kultur ausmacht.
No Logo No Logo von Naomi Klein. Klein zeigt, wie allgegenwärtig Marken geworden sind, nicht nur in den Medien und auf den Straßen, aber zunehmend auch in Schulen. No Logo ist eine verständliche Bestandsaufnahme, was die globale Wirtschaft bewirkt hat und welche Aktionen stattfinden, um dem entgegenzuwirken.

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The Bubble Project

bubbeproject-ibmBei meinen Recherchen zu meinem Adbusting-Vortrag, fiel mir wieder auf, wie vielfältig und abwechslungsreich Culture Jamming und kreativer Protest weltweit doch  stattfindet. Bei den Popnutten stieß ich beispielsweise auf diese tolle (wenn auch schon etwas ältere) Aktion – The Bubble Project. Initiiert vom amerikanischen Künstler Ji Lee, der es leid war, immer nur die Einbahnstraßen-Kommunikation der Werbung zu erleben, und statt dessen auf die Idee verfiel, 15.000 leere Sprechblasen auszudrucken und in ganz New York an Plakatwände etc. zu kleben, so dass die Passanten endlich die Möglichkeit hatten, auf die Reklame zu reagieren. Er dokumentierte dies am Ende als eine eigenständige Kunstaktion – aber auf seiner Seite gibt es die Schablonen für die Sprechblasen zum Herunterladen, so dass jeder von uns losgehen und in seiner Stadt mal für ein wenig mehr Mitspracherecht sorgen kann. Es bietet sich sicherlich auch an, vielleicht schon ein paar fertige markige Sprüche auf besonders nervige Logos und Plakate zu platzieren, zum Amüsement der vorbeigehenden Menschen und zur Lächerlichmachung der manipulativen Werbeaussagen und der aufdringlichen Markenpräsentationen.

Our communal spaces are being overrun with ads. Train stations, streets, squares, busses, and subways now scream one message after another at us. Once considered “public”, these spaces are increasingly being seized by corporations to propagate their messages solely in the interest of profit. Armed with heavy budgets, their marketing tactics are becoming more and more aggressive and manipulative. We the public, are both target and victim of this media attack.

The Bubble Project is the counterattack. The Bubbles are the ammunition. Once placed on ads, these stickers transform the corporate monologue into an open dialogue. They encourage anyone to fill them in with any form of self expression, free from censorship. More bubbles mean more freed spaces, more sharing of personal thoughts, more reactions to current events, and most importantly, more imagination and fun.

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Veranstaltungstipp für Kiel – Marketing und Manipulation

vizaNoch ein kleiner Veranstaltungstipp in eigener Sache – am morgigen Mittwoch, den 22.4., werde ich im Rahmen eines Attac-Plenums einen kleinen Vortrag zum Thema Adbusting und Culture Jamming halten. Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr in der Pumpe, Haßstr. 22, Kiel, Eintritt ist (wie bei jedem thematischen Attac-Plenum) natürlich frei. (Der genaue Raum steht noch nicht fest; es wird vermutlich in einem der Räume im ersten Stock, neben dem Kino, stattfinden.)

Marketing und Manipulation –
wie wir uns gegen Konsumterror und Bewußtseinsmanipulation wehren können.

Marketing, Medien und Machtstrukturen – Wiebke
Handlungsmöglichkeiten am Beispiel von Adbusting – Peter

Adbusting
ad – advertisement (Werbung, Anzeige)
to bust – auffliegen lassen, kaputtmachen
Adbusting ist die Untergrabung der Werbeindustrie mit ihren eigenen Mitteln

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Ads’r’us

Kleiner Tipp für den Wochenendausflug – raus aufs Land, zum nächsten ausschließlich der Werbung gewidmeten Themenpark! Dies ist jedenfalls die Idee der Schweizer Christian Hänggi und Markus Truninger, bekannt von ihrer Initiative IG Plakat | Raum | Gesellschaft, die sie in ihrem computeranimierten Film darbieten. Sie fußt auf der Aussage des Werbers Howard L. Gossage (1917–1969):

«Ich schlage einen Plan zur Errichtung von Werbeparks vor; Freiluft-Museen mit Hunderten von Plakaten in geschmackvoller Umgebung, wo Liebhaber schmökern können wie ihr Herz begehrt. Diese sollen weitab der Autostrassen und störendem Verkehrslärm liegen.»

Das wäre wirklich eine schöne Sache, denn dann wäre der ganze Reklamequatsch aus den Städten und dem Sichtfeld der meisten Menschen verbannt. :-)

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Adbusters erringt juristischen Sieg in Kanada

bild-4Bei ihrem Kampf für Mediendemokratie und ein Aufbrechen der verkrusteten Strukturen (Quasi-Monopole) auf dem Mediensektor hat das kanadische Adbusters-Magazin einen wichtigen juristischen Teilerfolg für sich verbuchen können. Hintergrund ist die Absicht von Adbusters, konsumkritische bzw. auf soziale Anliegen aufmerksam machende Werbespots auf verschiedenen großen Fernsehsendern platzieren zu können, die jedoch bislang von den Medienkonglomeraten abgelehnt wurden, wogegen Adbusters vor Gericht zu ziehen versucht. Die Vorstellung von einem Fernsehprogramm, in dem tatsächlich auch alternative Stimmen mit Meinungen & Ansichten außerhalb des telemedialen Mainstreams zu sehen sind, erscheint einem derzeit fürwahr recht utopisch… Hier der von mir übersetzte Wortlaut der aktuellen Pressemitteilung zu diesem Fall:

Adbusters erringt juristischen Sieg gegen Kanadas Mediengiganten – juristische Schritte in den USA können die nächste Stufe sein

Nach 15 Jahren rechtlicher Rangeleien im Versuch, Demokratie in die öffentlichen Sendeanstalten zu bringen, hat Adbusters endlich einen großen Sieg errungen. Der oberste Gerichtshof von British Columbia hat uns einen Einspruch gewährt in unserem Meilensteinfall gegen Kanadas CBS und Canwest Global und uns damit das Okay gegeben, einen Präzedenzfall zu setzen und einige öffentliche Rechte an den Sendefrequenzen zu verlangen (hier kann das Urteil des Gerichts nachgelesen werden).

Menschen verbringen heutzutage beispiellose 8.5 Stunden pro Tag vor Bildschirmen, und trotz des Einflusses neuer Bildschirmformate – Handys, Computer, Kindle (ein ebook-Lesegerät) – dominiert Fernsehen nach wie vor. Es ist das mächtigste Kommunikationsmedium unserer Tage. Und es ist ein Ort, an dem vor allem kommerzielle Gesetze herrschen und abweichende Stimmen zensiert/ausgeblendet werden. Adbusters Versuche, Sendezeit für ihre auf soziale Anliegen abzielenden Clips bei den großen kommerziellen Stationen zu kaufen, wurden all die Jahre immer wieder abgeschmettert.

Der Äther ist öffentliches Eigentum – genauso wie Bürgersteige oder Parks. Sie sind öffentlicher Raum, in dem die Redefreiheit bewahrt werden muss. Dies ist eine inspirierende Vorstellung für Medienaktivisten und könnte den Weg für weitere juristische Siege ebnen – nicht nur für Fernsehfrequenzen, sondern auch im Cyberspace.

Wenig überraschender Weise hat keine von Canwests 13 Zeitungen oder 23 Fernsehkanälen über den Spruch des Obersten Gerichtshofs berichtet. Die Stille war ohrenbetäubend. Kanadier sollten sich immer bewusst darüber sein, dass das größte Medienkonglomerat unseres Landes die Nachrichten nach eigenem Gusto zensiert.

Diese Sender brachten hingegen Beiträge zu dieser Geschichte: CBC Radio, the Globe and Mail, the Georgia Straight und the Tyee.

CBS, NBC, ABC, FOX, MTV und the Food Channel haben es in den vergangenen 15 Jahren ebenfalls immer wieder abgelehnt, uns Sendezeit zu verkaufen, und deshalb möchten wir einen Prozess für Redefreit in den USA führen. Wenn Sie amerikanische Anwälte kennen, die uns in diesem Fall unterstützen würden, schicken Sie mir eine E-Mail an kono@adbusters.org.

Am Ende wird eine ganze Reihe von Prozessen auf der ganzen Welt stehen, die das halbe Dutzend an Medien-Megakonzernen, die den Großteil der Nachrichten und Unterhaltung, die um den Planeten schwirrt, kontrollieren, dazu zwingen werden, einen Teil dieser Kontrolle wieder an die Bürger zurückzugeben.

Dies ist einer der Adbusters-Spots, um die es speziell ging – gedreht für den Buy Nothing Day 2007:

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Die Financial Times 2020

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Nach der ZEIT und der New York Times wurde letztes Wochenende mit der Financial Times gleich die dritte etablierte Zeitung Opfer einer Parodie/eines Fakes – eine britische Aktivistengruppe brachte 10.000 Exemplare der etwas anderen Financial Times unter die Leute und stellte zudem ihre Version des Finanzblattes unter ft2020.com online. Dort kann man sie sich auch als pdf herunterladen. Der Kopf hinter der Aktion ist der Globalisierungsgegner Raoul Djukanovic, der gegenüber dem Guardian seine Beweggründe erklärte:

Journalisten gestalten die öffentliche Debatte, und die Londoner Finanzwelt die Politik – wenn sie ihr Denken umgestalteten, helfen sie, eine andere Welt zu erschaffen. [via]

Der Unterton der Fake-Financial Times scheint deutlich satirischer und auch eine Ecke schärfer als der der Attac-ZEIT – „We live on Financial Crimes“ lautet das neue Motto der Wirtschaftszeitung und „In a world of cold, harsh truths … we rescue stories from the facts“. Wieder eine sehr gelungene Aktion, wie ich finde – die Verwirrung und Störung der etablierten Medienkreise geht weiter! Meinen besonderen Beifall finden, wie üblich, die schönen Adbusts, die sich auf der Website tummeln.

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elniuton – Culture Jamming-Special

big_ed_09Spätestens seit der gelungenen Attac-Aktion mit der gefälschten ZEIT ist das Grundprinzip des Culture Jammings (und Adbustings) auch größeren Bevölkerungsschichten einmal praktisch vor Augen geführt worden: gewohnte Denk- und Wahrnehmungsmuster aufbrechen, verwirren, deautomatisieren, um zum eigenen Nachdenken über Themen anzuregen. Es ist erfreulich, dass diese Bewegung, die ja gar keine offizielle ist, sondern aus vielen verschiedenen Aktivisten und Ideen und Zielen besteht, weltweit Zulauf erhält und vermehrt mediale Beachtung erfährt.

Ein sehr schönes Beispiel lieferte Ende letzten Jahres das kolumbianische Online-Magazin elniuton – in einer ihrer letzten Ausgaben befassten sie sich intensiv mit Culture Jamming, den Techniken, Akteuren, Künstlern und Zielen, aber auch den Grenzen. U.a. ist auch ein Interview mir Mark Dery enthalten, der sich mit dem Phänomen seit den 90ern beschäftigt und den Begriff CJ damals erstmalig populär machte. Das Ganze ist kunstvoll auf Flashbasis gestaltet, unterhaltsam und kann zweisprachig (Englisch und Spanisch) kostenlos online gelesen werden.

Mass media did the Cultural Revolution during the XX Century second half, ad discourse destroyed media’s natural capacity of generating new ideas and turned culture into a Catoblepas, recycling ideas for consume. Culture Jamming is the answer.

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Nachbetrachtung zur Fake-ZEIT-Aktion

Die Attac-Aktion der Verteilung von 150.000 gefälschten ZEIT-Exemplaren mit „Nachrichten von morgen“ – also Meldungen, die heutzutage kaum in Zeitungen erscheinen können, die aber durchaus realistisch umsetzbar wären, wenn der entsprechende politische Wille vorhanden wäre – hat hohe Wellen geschlagen und für viel Aufmerksamkeit und Verwunderung gesorgt. Nicht nur bei den Glücklichen, die ein reales Exemplar dieser Zeitung in die Hände bekommen haben (heute lagen noch einmal 100.000 Stück der taz bei), sondern auch bei den Medien- und Pressevertretern. DIE ZEIT selbst reagierte zwar überrascht, aber relativ souverän auf den gelungenen Coup des globalisierungskritischen Netzwerks und wird keine rechtlichen Schritte einleiten:

Die beiden Chefredaktionen und Geschäftsführungen von ZEIT ONLINE und DIE ZEIT wussten nichts von dieser Aktion, wir sind aber beeindruckt von der Qualität der Kopien. Mein Kollege Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Printausgabe, sagte: “Fälschungen der ZEIT können wir natürlich nicht gutheißen, zumal nicht in dieser hohen Qualität. Am meisten staune ich aber über den großen Aufwand, den man sich hier geleistet hat.  Schön, dass es wenigstens Attac in der Krise noch gut geht.”

Die taz war offensichtlich schon etwas früher in die Aktion eingeweiht, denn sie konnte bereits sehr früh am Samstag einen ausführlichen Bericht online präsentieren „Attac kapert Die Zeit – Eine ‚Zeit‘, die ihrer Zeit voraus ist“:

Und auch in Sachen journalistischer Ethik hat sich in der hell strahlenden Zukunft etwas geändert: ein gewisser Matthias Trocken stellt sich als stellvertretender Chefredakteur vor und entschuldigt sich. Die Chefetage der Zeitung sei lange Mitglied in sogenannten Elitezirkeln gewesen, in denen sich die Spitzen aus Politik und Wirtschaft treffen, “um darüber zu diskutieren, welches Schicksal sie der Welt zugedenken wollen.” Über diese undemokratischen Treffen sei nie berichtet worden.

Man habe sich vielmehr als Teil der Macht verstanden denn als ihr kritischer Gegenpart, schreibt Trocken, und damit den journalistischen Ethos verletzt. “Unsere Aufgabe als Journalisten besteht nicht darin, mit am Tisch zu sitzen, sondern zu berichten und kritische Fragen zu stellen”, schreibt Trocken. Der stellvertretende Chefredakteur der echten Zeit heißt Matthias Naß.

Medienlese.com konstatiert „Attac fälscht Die Zeit: Fröhlicher Medienstunt“:

Nicht nur, dass die Wochenzeitung Die Zeit erschreckend dünn geworden ist und neuerdings am Samstag kostenlos auf der Straße verteilt wird. Auch die Nachrichtenlage wird heute sicher den einen oder anderen stutzig machen: Die Nato will sich auflösen, armen Ländern werden Schulden erlassen, die Verantwortlichen des Klimawandels werden angeklagt, und Opel fabriziert fortan nur noch umweltfreundliche Autos.

Der Spiegel berichtet selbstverständlich ebenfalls darüber „Gefälschte ‚Zeit‘: Mit freundlichen Grüßen von Attac“, die Frankfurter Rundschau, Der Freitag und sogar bis in die Tagesschau schaffte Attac es damit: „Attac dreht die ‚Zeit‘ weiter“.

Die aktuellen Berichte über die “globale Wirtschafts-, Finanz- Hunger- und Klimakrise” ließen viele Menschen hilflos zurück, erklärte Attac-Aktivistin Jutta Sundermann. Die Autoren hätten deshalb “die Zeit weitergedreht” und “die Nachrichten verfasst, die wir morgen lesen wollen”. Alles, was in den Artikeln geschrieben sei, könne man “innerhalb von 13 Monaten umsetzen”. Ziel sei es, die Vorstellungskraft der Leser zu erweitern und ihnen Mut machen, sich politisch zu engagieren.

Meine Lieblingsstelle aus der etwas anderen ZEIT ist übrigens die schöne Anti-Anzeige von Nestlé („Lügen, Gentech, Nescafé“) auf Seite 5:

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Nachrichten von morgen: Attac bringt gefälschte DIE ZEIT in Umlauf

Attac goes Culture Jamming – diese gelungene Aktion im Stile der YES MEN ist natürlich genau mein Ding. Und deshalb werde ich mich auch sogleich aktiv an der Verteilung des ausgesprochen authentisch wirkenden ZEIT-Fakes beteiligen. :-) Hier schon mal die dazugehörige offizielle Pressemitteilung:

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Pressemitteilung  – Attac, 21. März 2009

* Nachrichten von morgen: Attac bringt gefälschte DIE ZEIT in Umlauf
* Aktive verteilen 150.000 Plagiate in mehr in als 90 Städten

attacAktivistinnen und Aktivisten des globalisierungskritischen Netzwerkes Attac haben am heutigen Samstag in Kiel und ca. 90 anderen Städten eine gefälschte Ausgabe der bekannten Wochenzeitung DIE ZEIT verteilt. Der Clou: Statt der Meldungen von gestern verkündet das täuschend echt gestaltete Plagiat die Nachrichten der Zukunft. „Am Ende des Tunnels” lautet die Schlagzeile auf dem Titelblatt, als Erscheinungsdatum ist der 1. Mai 2010 angeben. „Die Berichte über die globale Wirtschafts-, Finanz- Hunger- und Klimakrise lassen viele Menschen hilflos zurück. Wir haben deshalb die Zeit weitergedreht und die Nachrichten verfasst, die wir morgen lesen wollen – nicht über ein fernes Paradies, sondern über konkrete Verbesserungen, die denkbar und erstreitbar sind”, sagte die Attac-Aktivistin und DIE ZEIT-Redakteurin Jutta Sundermann. „Auf diese Weise wollen wir die Vorstellungskraft der Leserinnen und Leser erweitern und ihnen Mut machen, sich politisch zu engagieren.”

Ca. 2000 Exemplare der gefälschten DIE ZEIT brachten die Attac-Aktivisten allein in Kiel unter die Leute. Fast alle Passanten nahmen das als „kostenlose Sonderausgabe” angepriesene Blatt gern entgegen. „Es hat Spaß gemacht zu sehen, wie viele Empfänger erst mal oberflächlich rumgeblättert haben, bis sie dann nach einer Weile stutzten und interessiert weiterlasen.”, so ein Verantwortlicher. Bundesweit verteilte Attac rund 150.000 Plagiate in mehr als 90 Städten.

Als Autoren der Zukunftsausgabe der ZEIT konnte Attac neben eigenen Aktiven auch mehrere prominente Schreiber gewinnen. So berichtet der Journalist und Buchautor Harald Schumann („Der globale Countdown”) unter der Überschrift “Zeit der Abrechnung” von einem G20-Treffen in Brasilia, bei dem sich die Industrie- und Schwellenländer auf eine weitreichende Besteuerung großer Privatvermögen und internationaler Konzerne geeinigt haben. Lucas Zeise, prominenter Wirtschaftsjournalist, beschreibt in “Ende einer Ära” die Veränderung der deutschen Bankenlandschaft nach dem Untergang zahlreicher Privatinstitute. Der Kabarettist Matthias Deutschmann konstatiert das Ende des Kasinokapitalismus („Nicht die unsichtbare Hand des Marktes hat die Krise beendet. Wir waren es! We, the people!”) und gesteht: „Es gibt Momente, da kommen dem professionellen Zyniker die Tränen”. Und die Autorin Daniela Dahn schreibt über die neue internationale Fernsehstation Social TV, die es sozialen Bewegungen weltweit ermöglicht, ihre eigenen Themen ins Fernsehen zu bringen.

Weitere Artikel haben das Ende der NATO zum Thema, berichten von Schuldenerlassen für arme Länder, einer dezentralen Konferenz der Weltgesellschaft gegen Hunger und den positiven Auswirkungen der Bildungsproteste. Die letzte Seite blickt zurück auf die Demonstrationen am 28. März 2009 in Berlin und Frankfurt am Main: Die Proteste unter dem Motto „Wir zahlen nicht für eure Krise” markierten bundesweit den Aufbruch der Zivilgesellschaft. DIE ZEIT-Redakteur Fabian Scheidler: „Kurzum: In unserer Ausgabe der ZEIT zeichnen wir das Bild einer Welt, wie sie denkbar wäre, wenn die Vorschläge der globalisierungskritischen Bewegung umgesetzt werden würden.”

Inspirieren ließen sich die Blattmacher von Attac von der US-amerikanischen Gruppe Yes-Men, die im vergangenen Jahr eine Zukunftsausgabe der New York Times veröffentlichte.

Für Rückfragen:
* Fabian Scheidler, DIE ZEIT-Redaktion, Tel. 0151-2173 9858
* Jutta Sundermann, DIE ZEIT-Redaktion, Tel. 0175- 866 6769

Im Internet:
* Online-Ausgabe der ZEIT:
http://www.die-zeit.net

* Druckausgabe zum kostenlosen Download:
http://www.die-zeit.net/pdf

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Bus Slogan Generator

Herrlich sinnlos, aber irgendwie eine nette Idee – wer schon immer mal seine eigene Lebensweisheit auf einem Bus sehen wollte, hat nun mit dem virtuellen Bus Slogan Generator die Chance. Einfach den Text eintippen und schon wird das Bild generiert. Toll. [via]

Übrigens basiert diese Spielerei auf einer tatsächlichen Aktion in London, bei dem eine Initiative namens Atheist Bus Werbeplätze auf Bussen mietet und mit atheistischen Sprüchen durch die Stadt fahren lässt. So etwas sollte man vielleicht auch mal mit konzern- und konsumkritischen Aussagen machen, quasi Reklame für Anti-Werbung schalten.

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Nachtrag: Inzwischen gibt es diese Aktion auch auf deutschen Bussen: Buskampagne.de

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