Nov
05
2014

Schluss mit schnell – Alternativen zur Turbo-Konsumgesellschaft

Ich weiß, dass ich hier im Konsumpf oft an diesem und jenem herumkritisiere und auch viel tendenziell Deprimieredes gepostet habe. Darum gibt es nun zur Abwechslung eine sehr aufbauende Dokumentation von Arte, die den Titel „Schluss mit schnell“ trägt. Absolut sehenswert!

Die globalisierte Beschleunigung hat uns alle fest im Griff. Verantwortlich für diese Geschwindigkeit ist die unkontrollierte Entwicklung von Wissenschaft, Technik und Wirtschaft. Wir sind in einem Zustand permanenten Zeitdrucks. Doch überall auf der Welt verweigern sich immer mehr Menschen dem allgegenwärtigen Stress. Eine Ode an das selbstbestimmte Leben.

Immer schneller, immer effizienter, immer rentabler – was haben wir aus der Zeit gemacht? Die Zeit scheint sich dem allgemeinen Maß des Geldes nicht mehr entziehen zu können. Wir sind in die Ära der Beschleunigung eingetreten, in die Ära der Norm gewordenen Unverzüglichkeit. Aber zu welchem Preis? Im Finanzwesen und in der High-Tech-Branche führt der immer größere Zeitdruck zu ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Katastrophen.

Doch es gibt eine Gegenbewegung: Weltweit haben Frauen und Männer beschlossen, sich auf einem Planeten mit begrenzten Ressourcen dem Diktat der Dringlichkeit zu widersetzen. In Europa, Lateinamerika, den USA und Indien gibt es Initiativen einzelner Personen und Vereine, die nach Wegen suchen, um zu einem Umgang mit der Zeit zurückzufinden, der Aufmerksamkeit, Geduld und Sinnhaftigkeit ermöglicht.

Wer sind diese neuen Rebellen, die einen anderen Rhythmus vorleben, um eine fruchtbare Beziehung mit der Zeit wiederzuentdecken? Das Barefoot College in Indien zum Beispiel bildet Tausende von Frauen aus ländlichen Gebieten in der Herstellung von Solartechnik aus. Auch Versuche der Entglobalisierung können zur Entschleunigung beitragen: Die Städte Romans-sur-Isère und Bristol führen eine Alternativwährung ein, um das tägliche Leben wieder lokaler zu gestalten. Und im amerikanischen Ithaca haben Landwirtschafts- und Kreditgenossenschaften bereits bewiesen, dass sie die Wirtschaft lokal verankern können.

Als Gegenmodell zum Wettlauf um Zeit und Rentabilität könnten diese Alternativen beispielhaft für die Welt von morgen sein. Im Grunde sind sie die praktische Umsetzung der kritischen Analysen von Philosophen, Soziologen, Wirtschaftswissenschaftlern und Forschern wie Pierre Dardot, Rob Hopkins, Geneviève Azam und Bunker Roy.

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5 Kommentare »

  • Ich habe mir den Film erwartungsvoll angesehen – und muss schon sagen, dass ich entsetzt bin, dass Du einen solchen Schmarrn tatsächlich hier anpreist.

    Nach einer größtenteils richtigen Analyse des gegenwärtigen katastrophalen Zustands dieser Welt präsentiert der Film nichts weiter als eine alberne Utopie oder eher Schimäre, wie der vergangene, temporäre Zustand eines “gebändigten” Kapitalismus dauerhaft wiederherzustellen sei. Die Systemfrage wird dabei nicht gestellt – es wird lediglich so getan, als gebe es eine dauerhafte Form des “sozialen” Kapitalismus inklusive des permanenten, wenn auch gebremsten Wachstums.

    Das ist – gelinde gesagt – eine ganze Batterie voller Nebelkerzen – auf dass bloß niemand auf den Gedanken komme, das kapitalistische Horrorsystem an sich in Frage zu stellen. Das gesamte pseudo-philosophische und pseudo-wissenschaftliche Geschwurbel zwischendurch unterstreicht das sehr ausdrucksvoll: Nirgends wird auch nur ansatzweise ein Zweifel geäußert, dass Kapitalismus vielleicht doch nicht der Weisheit letzter Schluss sei. Ganz im Gegenteil: Alle vorgestellten “Alternativen” basieren ebenfalls auf diesem System – und schuld an der furchtbaren Situation heute ist nach dieser Lesart einzig die “Turbovariante” des Kapitalismus, die im Gegensatz zum “alten” Kapitalismus ein Ding des Teufels sei.

    Die “Logik” der Argumentation in diesem Film entspricht in etwa diesem BLÖD-Niveau: “Selbstverständlich ist es grotesk, einer Frau zu unterstellen, sie sei selber schuld an ihrer Vergewaltigung, wenn sie ‘aufreizende’ Kleidung trägt. Sie könnte dem jedoch leicht entgehen, indem sie einfach Kartoffelsäcke als Kleidung trägt und sich drei Wochen nicht wäscht. Also lasst uns alle Kartoffelsäcke tragen und das Baden einstellen.”

    Ich habe selten einen noch verblöderenden Filmtipp hier von Dir erhalten.

    Liebe Grüße!

    Comment | 8. November 2014
  • Das sehe ich anders. Die meisten kritischen Dokus sind so deprimierend, dass man sich danach nur noch die Kugel geben will. Oder sie setzen einen komplett anders gepolten Menschen voraus und sind somit auch irgendwie utopisch und praktisch gesehen nutzlos. Die Arte-Doku hingegen gibt zumindest etwas Hoffnung, dass man auch als Einzelner im eigenen Umfeld beginnen kann, was zu ändern. Dass man mit Regionalwährung oder Transition Towns (= Selbstversorgung) alle Probleme der Welt lösen kann, hat auch niemand behauptet, aber solche Ansätze machen bewusst, dass es noch mehr gibt als nur zu konsumieren bzw. dem herrschenden Modell zu folgen.
    Aber jedem seine Sichtweise – wenn Du die Doku für Dich als “verblödend” siehst, okay.

    Comment | 11. November 2014
  • Roland

    Ich fand die Doku erstmal recht gut … aber nur ca. das 1. und 3. Drittel … die Kritik kann ich teilweise bestätigen (v.a. die Nicht-Erwähnung der sozialen Frage –> Eliten vs. Volk), wobei ja auch Commons (als nicht-kapitalistische Organisationsform) immerhin erwähnt werden … die eierlegende Wollmilchsau kann man bei einem so komplexen Thema eh nicht erwarten, v.a. in einer Doku, die ja sowieso nur den Makel hat, dass sie theoretisch ist und wir alle wissen, dass nur Handeln etwas faktisch ändert.

    Leider zeugt der negative Tonfall im ersten Kommentar nicht davon, dass die Lösungen auf die globalen Probleme umfassend beherzt werden.

    Comment | 12. November 2014
  • Insider

    Hallo Peter-
    Schluss mit Schnell ? Ich glaube nicht so schnell! Leider.
    Habe gerade einen aktuellen Artikel gelesen wie die Konsumgesellschaft -sprich Kaufland auch in Deiner Stadt Kiel und Co.expandiert, auf Teufel komm raus. Wahrschscheinlich wie bishersogar besonders extrem mit Fremdkapital und Millionen Subventionen vom Staat.Dafür ist gerade Lidl&Schwarz besonders bekannt.

    Zitat:..” Für seine Premiere in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel hat Kaufland eine Extraportion maritimer Witzchen geordert. Am Eingang neben der Rolltreppe hängen jetzt Schilder von der Decke, auf denen steht: „Segel setzen Richtung billig“, „Preisbrecher für Kiel“ und „Kielimansparo“. Darunter heißt es jedes Mal: „Kaufland ist da!“ Als sei das eine Art Erlösung.
    Der Neuling wurde mit Begeisterung willkommen geheißen. Zur Eröffnung ließ sich Bürgermeister Peter Todeskino mit der Kaufland-Leitung sogar unter einem maritimen Witzchen fotografieren: „Ahoi. Kaufland ist da!“ Bundestorwarttrainer Andreas Köpke war für eine Autogrammstunde engagiert. Beim Gewinnspiel gab es einen Kleinwagen zu gewinnen. Die Lokalzeitung freute sich: „Das Einkaufen in Mettenhof wird noch vielfältiger.“ Eine Eröffnung nach Maß.

    Lieber Peter…das ist kein gebremstes Wachstum – sondern das Gegenteil. Das ist 2014 keine Alternative zur Turbokonsumgesellschaft- das ist Turbo in Reinkultur. Du, ich und andere Kritiker müssen noch viele dicke Bretter bohren bis das beim Billig Verbraucher der mit dem Audi SUV oder Daimler vorfährt und in solchen Konsum Läden seinen Kofferraum vollpackt endlich an richtiger Stelle ankommt. Bei uns kauft selbst der Finanzbürgermeister inkognito in diesem Kaufland und auch Aldi ein. Ein schlechtes Gefühl dabei scheint er nicht zu haben. Auch er nimmt mit, was er nur bilig bekommen kann, trotz seines sicherlich üppigen Gehalts und evtl. Vorstellung über eine solche Entwicklung. Wo ist die Entschleunigung des Turbokapitalismus? Die Millirdäre wollen immer noch mehr. siehe dazu:
    Crystia Freeland US Finanzjournalistin
    http://www.youtube.com/watch?v=YDc1n1ljd_4
    „Die Superreichen. Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite“.Westendverlag, Frankfurt.

    Selbst einige großen Städte (z.B. Frankfurt(die metropole des Kapitals)die inzwischen etwas aufgewacht sind, gegen diese Entwicklung der Großkonzerne auch im Einzelhandel kämpfen, sehen sich nahezu hilflos und Chancenlos den Gesetzen des freien Marktes und solchen Unternehmen ausgeliefert.
    dafür gibts jetzt das Jobcenter und gleich der Kaufland Supermarkt unter einem Dach -ist doch toll, oder? Und Gabriel und Nahles klatschen Beifall. Weil ihnen die Drehtüre scheinbar immer noch nicht bekannt ist- Arbeitslos beim Jobcenter direkt neben dem Kaufland bewerben -beim Volldiscounter dann vorne zu besonderen Arbeits- und Lohnbedingungen vorne zur Türe rein (+Einkauf) und bei der Hintertüre wieder ausgespuckt – dann zum Jobcenter wieder rein- so dreht sich der Kreis zur Entschleunigung! Nur leider in die falsche Richtung.
    Das Problem wird uns noch lange erhalten bleiben.

    siehe :https://krautreporter.de/78–kaufland-kommt
    Gruss

    Comment | 17. November 2014
  • Henry

    Schnelligkeit, Konsum, Wegwerf-Produkt-Zeitgeist usw. … der Punkt ist doch: viele würden sich bestimmt gern den Luxus leisten, besseres essen zu kaufen, nur auf hochwertige Klamotten zu kaufen und sich mehr “Zeit für sich” zu gönnen usw. – aber der Knackpunkt ist eben, dass das “Luxus” ist! Ich selbst, Student und aus einer “Arbeiterfamilie”, muss das ganze Studium aus eigener Tasche bezahlen, dafür zwei Jobs gleichzeitig (ja genau, “neben” dem Studium) auf die Reihe bekommen und habe trotzdem gerade mal so das Geld für die monatliche Miete und das Essen – von, na klar, Aldi. Ich schätze, so geht es auch vielen, die nie aus der 450-EUR-Minijob-Spirale rausgekommen sind und für die es blanker Hohn sein muss, wofür man zum Teil sein Geld “verantwortungsbewusst” ausgeben könnte. Ein Kommilitone aus der BWL – vermögende Eltern, muss sein Studium nicht selbst bezahlen – hat mir kürzlich folgenden Online-Shop gezeigt, ehe er mir stolz seine bambusbesockten Füße selbst demonstriert hat: https://www.bambussocken-shop.ch/ – O-Ton: “Du fühlst echt den Unterschied, wenn du in solchen Socken gehst! Krasser Scheiss!” … da habe ich ihn angeschaut und mir gedacht: ja, du, ich würde auch gerne 15 Euro für EIN Paar Socken ausgeben können, die natürlich eine extravagante Qualität besitzen und bestimmt auch total bequem sind, nur leider ist das für mich fast der Betrag für einen Wocheneinkauf …

    Na ja. Dennoch finde ich es natürlich gut, dass sich immer mehr Leute für faire Produkte stark machen. Hat hier jemand in der GEO diesen Artikel über die Sklaven von heute gelesen? Beklemmend!

    Comment | 27. März 2015

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