Feb
25
2013

In aller Munde: Pferdefleisch

© Julia Rams, Spiegel Online „Spam“

Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, zu dem sogenannten „Pferdefleischskandal“ nichts zu schreiben, weil ich es irgendwie albern finde, wie sehr sich nun überall, vor allem in den einschlägigen Medien, darüber aufgeregt, dass „arme Pferde“ statt „richtigem Fleisch“ in Billigfertigkost verwurstet wird. Oder dass die Lebensmittelindustrie tatsächlich die Verbraucher betrügt. Hallo?! Haben die Leute die letzten Jahrzehnte irgendwo auf dem Mond verbracht? Seit Jahr und Tag versuchen die Konzerne, ihren Profit auf Kosten auch der Verbraucher zu maximieren, und da man in Deutschland ja für seine Nahrung am liebsten ganz ganz wenig ausgeben will (um das Geld lieber in neue Handys oder anderen Zinnober zu stecken), kann es eh nie billig genug sein. Qualität ist egal, Hauptsache, es ist irgendwie noch essbar, notfalls mit viel Gewürzen und Soßen. Klar, dass die üblichen Verdächtigen wie Nestlé auch mit von der Partie sind, wenn es ums Täuschen der Kunden geht, schließlich tricksen sie ja auch sonst gerne mal mit den Verpackungen und Inhaltsstoffen ihrer Produkte.

Naja, ein paar interessante Artikel sind mir zu der Thematik positiv aufgefallen, und diese will ich Euch heute kurz vorstellen. Da wäre zum einen „Die absolute Lächerlichkeit des ‚Pferdefleischskandals‘“ von Kathrin Hartmann:

Menschen, die regelmäßig das Fleisch von Kühen, Schweinen, Schafen, Ziegen, Hasen, Rehen, Hirschen, Elchen und ihren Babys essen, von Puten, Hühnern, Enten, Straußen, Fischen, Krebsen, Octopussen und Muscheln, regen sich darüber auf, dass sie Fleisch vom Pferd gegessen haben.

Deutsche, die im Schnitt jedes Jahr 89 Kilo Fleisch und im Lauf ihres Lebens 661 so genannter Nutztiere verspeisen und deshalb vollkommen einverstanden damit sind, dass in Deutschland jedes Jahr 700 Millionen Tiere (u.a. 3,6 Millionen Rinder, 60 Millionen Schweine, 450 Millionen Hühner) umgebracht werden, halten es für einen “Skandal”, dass auf dem Leichenberg auch 12 000 geschlachtete Pferde zu finden sind.

Menschen, die kein Problem damit haben, sich mit der Haut von toten Rindern, Pferden und Schweinen zu bekleiden, die das Fell brutal getöteter Hasen, Nerze, Füchse, Waschbären, Marderhunde, Nutria, Chinchillas, Hunde und Katzen als Pelzmütze auf dem Kopf und Pelzkragen um den Hals tragen, halten es für ein Tabu, Pferde zu essen. (…)

Auch Feynsinn schrieb etwas zur Fleischproblematik und hat mit seinem Artikel „Fast Vegetarier“ eine wahre Kommentarflut in seinem Blog ausgelöst – wie immer, wenn man das Thema Fleisch auf den Tisch bringt und Fleischesser mit den Konsequenzen und Implikationen ihres Tuns konfrontiert, schwappen die Wogen der Empörung hoch:

Ein Wort zu Vegetariern und dem, was sie tun respektive nicht tun. Sie essen kein Fleisch. Ihre Argumente dafür sind so stichhaltig, unwiderlegbar, richtig und überzeugend, dass man sie gar nicht wiederholen muss. Ich sage das ohne jede Ironie. Die Gegenargumente sind peinlich und windschief, falsch sowieso und eben das, was geliefert wird, wenn die kognitiven Dissonanzen versuchen, eine Golden Gate Bridge zu konstruieren, um ihre Eseleien darüber in die Gemütlichkeit des rustikalen Steak Houses zu führen. Ich erlaube mir an dieser Stelle eine gewisse Häme, was nicht klug ist, aber Spaß macht – so wie Fleisch essen eben. Ich kenne das nur zu gut – von mir selbst.

Man kann das alles zum Ersten entspannter haben, indem man mal aufs Argumentieren verzichtet. Da ist nichts zu rechtfertigen, außer mit der schlichten Gewohnheit, antrainiertem Verhalten, Konditionierung. Es gab immer Fleisch bei uns, das war das Hauptgericht am Hauptgericht, wir konnten uns das leisten. Für die Generation unserer Eltern etwas, das ihnen Reichtum bedeutete, für uns einfach lecker und selbstverständlich. Wer jeden Tag dasselbe genießt, will darauf nicht verzichten, kann es gar nicht und lässt sich äußerst ungern sagen, er sei deshalb verkommen. Schlimmer noch: Allein der Hinweis darauf, dass das irgendwie nicht selbstverständlich ist, treibt ihm das Adrenalin ins Blut. Kenne ich. Das ist völlig in Ordnung. (…)

(…) Seitdem ich also die Angst abgelegt habe, in die Hölle zu kommen, wenn ich Fleisch esse, wird das paradoxerweise immer weniger. Es ist auch kaum mehr Industriefleisch dabei, das ich für mich allein überhaupt nicht mehr kaufe. Vegetarische Küche kann saulecker sein, man kennt nur zu wenig davon, wenn es immer Schnitzel gibt. Auch das geht übrigens: Wenn man mit Menschen zusammen lebt, die andere Entscheidungen treffen, muss man sie gar nicht bevormunden oder in Diskussionen verwickeln. Wenn ein Kumpel das Grillfleisch aus der Kühltheke haben will, kann ich ihm das mitbringen. Was er mit der Erfahrung macht, dass ich mir dann etwas anderes brutzele, ist seine Sache. Vielleicht wird er sich sogar genau die Fragen stellen, die er von mir nicht hören möchte.

Der Duckhome-Blog kommt in gewohnt pointierter und nicht ganz unpolemischer Weise zu „Erkenntnis durch Pferdefleisch“:

(…) Doch zweifellos hat die Affäre auch was Gutes. Denn endlich wird mal wieder thematisiert, wie die Lebensmittelmafia agiert. Rohstoffe und Halbfertigprodukte werden von der EU subventioniert durch halb Europa hin und her gekarrt. Kein Mensch kann mehr nachvollziehen, woher die Bestandteile eines Fertiggerichts stammen und wie und wo sie verarbeitet wurden. Damit das so bleibt, hat die Lobby alle Versuche unterbunden, auch nur ein ganz klein bisschen Transparenz bei der Lebensmittelkennzeichnung vorzuschreiben.

(…) Dank der aktuellen Aufregung um das Pferdefleisch kann sich künftig jedenfalls niemand mehr damit rausreden, er habe das alles nicht gewusst. Das Problem scheint mir eher zu sein, dass die meisten Menschen gar nicht wissen wollen, was es mit ihren Lebensmitteln auf sich hat, besonders wenn es um Fleisch geht. (…)

Duckhome legt übrigens heute in „Pferdefleisch und Kapitalismus“ noch einmal nach:

(…) Man kann eine anständige menschliche Ernährung nicht mit den Werkzeugen des Großkapitals sicher stellen.

Grundlage allen Übels ist die Gießkannensubventionitis die vor allen Dingen Größe belohnt und nur die industrielle Landwirtschaft wirkiich fördert. Ein erster Schritt wäre alle Betriebe die größer als 60 ha sind grundsätzlich von allen Subventionen auszuschließen, wenn sie nur eine einseitige Wirtschaft betreiben. Wer Pflanzen- und Tierzucht betreibt, könnte bis zu 120 ha gefördert werden und für Teichwirtschaft oder Forst kämen jeweils weitere 60 ha Förderfläche hinzu. Für gesetzlich vorgeschriebene Ersatzflächen gäbe es überhaupt gar keine Subvention.

Damit würden europaweit Mittel in Milliardenhöhe frei. Ein Teil dieses Geldes könnte für eine einmalige Einrichtungssubvention von kleinen bis mittelständischen Schlachthäusern (max. 50 Mitarbeiter) ausgegeben werden, die aber nicht in industrielle Strukturen eingebunden sind. Wenn man gleichzeitig Schlachtviehtransporte über mehr als 100 km vollständig untersagt, hat man automatisch Regionalität und Tierschutz. Gleichfalls sollte der Transport von Mastvieh über mehr als 100 km ebenfalls verboten werden.

Dazu sollten die Regeln von Bioland, Demeter, und Naturland zusammengefasst die gesetzliche Grundlage für jeden land- und forstwirtschaftlichen Betrieb sein. Lediglich im Bereich der Düngung, sollten deren Regeln durch eine Stall- / Hoftürbilanz erweitert werden, die es erlaubt Acker-, Weideland, Teich- und Forstflächen mit all den Nährstoffen zu versorgen, die ihnen entnommen wurden. In diese Bilanz müssen bis zum Treibstoff für die Maschinen und dem Strom alle Energien einfließen. Dazu muss ein Programm zur definierten Bodenverbesserung erlaubt bleiben, die aber natürlich wie die Düngung auch nur im Rahmen der sonstigen Regeln erlaubt werden kann.

Damit auf dem deutschen Markt faire Bedingungen herrschen müssen die gleichen Bedingungen natürlich auch für Importe gelten. Das kann und wird einschneidende Folgen haben, wie das Beispiel Kaffee zeigt, der auf dieser Produktionsgrundlage wohl genausowenig verkauft werden dürfte wie die meisten Bananen.

Für das Großkapital wäre eine solche Landwirtschaft natürlich wirtschaftlich uninteressant, da sie arbeitsintensiv und dezentral organisiert sein müsste und sich nicht für gezielte Ausbeutung eignet. Die Börsenwerte von vielen deutschen Chemieunternehmen die ihr einziges Potential in der bewussten und systematischen Vernichtung der Umwelt und der Menschen sehen, wäre dies ein harter Schlag, der aber nur die Leute trifft, die jahrzehntelang von der Missachtung der Menschenrechte profitiert haben. (…)

Zum Schluss noch ein Beitrag aus der BR-Sendung quer, in der es ebenfalls um die Lebensmittel- bzw. Fleischindustrie und die in ihr üblichen Abläufe geht – „Pferdefleisch überall – Was Europa wirklich zusammenhält“:

Letzte Woche kam raus: in manchen Fertiggerichten aus der Kühltruhe steckt undeklariertes Pferdefleisch. Doch mittlerweile fragt man sich schon fast, in welcher Tiefkühlware eigentlich KEIN Pferdefleisch ist. Und Ilse Aigners Zehn-Punkte-Pläne, die sie seit Amtsantritt regelmäßig präsentiert, sobald ein neuer Lebensmittelskandal auftaucht, verlieren immer mehr an Glaubwürdigkeit. Doch egal ob BSE, Gammelfleisch, Dioxin – an der Esskultur hat sich in Deutschland nur marginal etwas geändert. quer fragt: Sind wir insgeheim sogar dankbar, wenn wir von unappetitlichen Details verschont werden und dafür weiterhin billig essen können?


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7 Kommentare »

  • JanVennaix

    Pferdefleisch-Schummel stoppen –
    jetzt E-Mail-Aktion unterzeichnen! >>
    https://foodwatch.de/kampagnen__themen/pferdefleisch_skandal/e_mail_aktion/index_ger.html

    Comment | 25. Februar 2013
  • HenningM

    Zitat: “Eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, zu dem sogenannten „Pferdefleischskandal“ nichts zu schreiben, weil ich es irgendwie albern finde, wie sehr sich nun überall, vor allem in den einschlägigen Medien, darüber aufgeregt, dass „arme Pferde“ statt „richtigem Fleisch“ in Billigfertigkost verwurstet wird.”

    Ja, so gehen alle guten Vorsätze zum Teufel. Nach dem Motto: Es ist zwar alles schon gesagt, aber nicht von allen.

    Comment | 26. Februar 2013
  • Sand.

    Ich finde es schon eigenartig, dass sich Tier-Esser über Pferdefleisch echauffieren können! Komisches Medienspektakel. Es gibt halt die verhätschelten Tiere, an die man sich emotional dranhängt. Und jene Tiere, die als Nutztiere unsichtbar bleiben. Die für das Fleisch von Otto Normalverbraucher und fürs Futter des Schoßhündchens in elenden Tierfabriken wie Dreck behandelt werden. Keinerlei Logik dahinter.
    Nur nicht nachdenken lautet die Devise; der filmische Beitrag trifft das wirklich gut.

    Comment | 26. Februar 2013
  • Düdum Didai

    Bevor man mit dem Finger zeigt, auf die, die die billigen Fertigprodukte kaufen, sollte man im Selbstversuch, und das nicht nur über vier Wochen sondern dauerhaft, einmal erfahren, was es heißt nur frisch zubereitete Mahlzeiten auf den Tisch zu bringen. Ohne die Vorbereitungen, wie Küchenplanung und gezielten Einkauf, sind da locker zwei Stunden pro Tag (!!!) zu investieren. Am Wochenende etwas mehr damit vorgekocht werden kann und in der Woche so Zeit gespart wird. Dabei ist es egal, ob man für sich alleine oder für eine 4-köpfige Familie kocht. Richtig gut funktionieren kann das nur, wenn es Absprachen gibt, wer wann zu Hause ist und schon mal die Kartoffeln schälen, das Gemüse putzen … kann, wenn es eine Restekultur gibt, sodass Mahlzeiten aus Aufgewärmtem plus Frischem bestehen dürfen… Wir haben uns vor über 10 Jahren umgestellt: Es kommt nur noch in den Topf, was wir als Ganzes gesehen haben. Gefrorene Einzelprodukte, außer Fleisch, gehören dazu. Sonst wäre das garnicht zu organisieren; von uns Vorgekochtes aus der Gefriertruhe auch. Jeder, der einmal Lasagne nur aus frischen Produkten in seiner Küche gemacht hat, weiß was die Zutaten kosten und wieviel Zeit er investieren muss. Wenn er dann Produkt für einen lächerlichen Preis im Supermarkt abgreifen und in maximal 1/6 der Zeit auf dem Tisch stehen hat, sind etwaige Bedenken schnell beiseite gewischt. Ich würde den Kram nicht kaufen. Aber als Vollberufstätige HABE ICH VERSTÄNDNIS FÜR JEDEN, DER DAS TUT.

    Comment | 28. Februar 2013
  • Im Rahmen der proteste um S21 habe ich ein Foto gesehen das einen Mann mit einem Banner zeigte auf dem zu lesen war:
    “Lieber Pferde in der Lasagne als Esel in der Regierung!”
    So gesehen dürfte dieses “Gammelfleisch” auch für die ein oder andere Magenverstimmungen eben auch bei Vegetariern verantwortlich sein…

    Comment | 4. März 2013
  • Es geht doch nicht um das Fleisch selbst, es geht da um die Chemie (Anabolika) die da drin steckt und um den verwerflichen Vorschlag, das mit Pferdefleisch angereicherte Gericht den “Armen” oder der Tafel auszuliefern. Also typisch Zwei-Klassen-Gesellschaft. Die Bonzen fressen sich fett, die Armen dürfen sich tot oder krank fressen! Mannnnnnnnnn was für eine feine Gesellschaft!

    Comment | 6. März 2013
  • Alle paar Monate so ein schöner kleiner Ekel-Skandal, die Verischerung, dass es alles nur Einzelfälle sind, “schwarze Schafe” und wir uns nicht um das industrielle Nahrungssystem insgesamt Sorgen machen müssen; zusammen mit dem Versprechen, man werde von nun an mehr Kontrollieren: die idealen Zutaten für Verbrauchertäuschung!
    P.S: ethisch wohl am besten und vermutlich auch gesundheitsfördernd ist ja wohl der Vegetarismus.

    Comment | 6. März 2013

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