Feb
24
2011

Meme Warfare – der Guerrillakrieg der Informationsgesellschaft (2/2)

© siwlian, stock.xchng

© siwlian, stock.xchng

Dies ist Teil zwei meiner Übersetzung des Artikels „Meme warfare is the guerrila warfare of the information society“ von Stephen DeVoy. Hier findet Ihr Teil 1, inkl. meiner Hinweise zum Punkt „herrschende Klasse“/„Arbeiterklasse“.

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Meme Warfare – der Guerrillakrieg der Informationsgesellschaft (Teil 2)

Bis zu dem Moment, als man das Wesen der Meme verstanden hatte, entwickelten sich die meisten Meme unabsichtlich. Das zwanzigste Jahrhundert erlebte allerdings den Aufschwung von Massenmarketing, Fernsehen, Radio und anderen Mitteln, die der besonders schnellen Verfielfältigung von Memen dienen, die in dem Sinne derjenigen sind, die über genügend Kapital verfügen, um Fernseh- und Radiosender, Zeitungen und Zeitschriften zu betreiben. Die herrschende kapitalistische Klasse lernte schnell, diese Meme-Sender zu nutzen, um das Individuum dazu zu bewegen, sich so zu verhalten, dass es den wohlhabenden Klassen dient. Das Ziel war vor allem, den Konsum anzukurbeln (und damit auch den Treibstoffmarkt), kritisches Denken zu reduzieren (und damit Revolutionen zu unterbinden) und den Willen zu schwächen, eine aktive Rolle darin zu übernehmen, sein eigenes individuelles Dasein frei zu gestalten.

Für den durchschnittlichen Menschen war dieser Akt des Meme Warfare („memetische Kriegsführung“) gegen die Arbeiterklasse und gegen das Individuum katastrophal. Wir sind mental und körperlich träge, isoliert, verschuldet und phantasielos geworden. Wir sind zu Schafen geworden. Bis zum Erscheinen des Internets waren wir auf einer Einbahnstraße in Richtung totaler Versklavung. Aber nun, wo ein Mittel zum Memesenden existiert, das auch für die Massen anwendbar ist, sind die Massen plötzlich in der Lage, selbst Meme Warfare zu betreiben. Zum Angleichen der Machtverteilung tragen auch andere technische Entwicklungen bei wie Textverarbeitungen und preiswerte Drucker. Wir können nun unsere eigenen Bücher, Poster, Sticker, Plakate erstellen und sie zu geringen Kosten vertreiben. Unter diesen Bedingungen, die es ermöglichen, Meme Warfare gegen de herrschende Klasse zu betreiben, wären wir dumm, diese Techniken nicht dazu zu benutzen, um unsere Ziele zu verwirklichen.

Tatsächlich befindet sich die herrschende Klasse bereits auf der Hut. Es werden vermehrt Schritte unternommen, um die Anonymität des Internets zu tilgen, um staatliche Kontrolle über das Internet zu erlangen und diejenigen auszuspionieren, die das Netz aktiv dazu bemutzen, um psychologische und memetische Kämpfe zu führen. Die herrschende Klasse hat lange gebraucht, um das wahre Potential des Internets zu begreifen. Wenn es ihnen gelingt, das Internet schnell an sich zu reißen und für ihre Zwecke einzusetzen (Anm. PM: die Entwicklung hin zu einem kommerzialisierten und kontrollierten Web ist ja schon seit längerem im vollen Gange), werden diejenigen, die die Macht haben, erfolgreich sein, diesen Angriff auf ihr Monopol auf den Meme Warfare zu unterbinden. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf schreibe ich diesen Artikel.

Meme Warfare ist nicht schwierig einzusetzen. Man muss nicht einmal ein eigenes Mem erfinden, um aktiv zu werden. Ich selbst habe nur wenige der Meme erfunden, die ich einsetze/verbreite. Die meisten Meme, die ich unterstütze, wurden von anderen Menschen erdacht. Das wichtigste beim Wählen einer memetischen Waffe ist, eine Quelle für Meme zu finden, die in der Lage sind, in so einem Kampf Verwendung zu finden, und dann einig Kriterien zu ihrer Selektion zu benutzen. Die Verbreitung des Mem erfordert dann eine Form der Sendung/Ausstrahlung.

Eine der besten Quellen für vom Mainstream abweichende Meme, die einsatzbereit sind, war und ist in der Regel IndyMedia. Jeden Tag erdenken tausende von Aktivisten neue Aktionen oder modifizieren bereits vorhandene und veröffentlichen ihre Ideen auf IndyMedia. IndyMedia zu verfolgen ist eine effektive Methode, um Meme zu finden. Aus genau diesem Grund ist IndyMedia auch zur Zielscheibe des FBI und seinen Lakeien in den braunen Hemden geworden. Ihr Ziel war es, IndyMedia dichtzumachen, weil es eine effektive Memequelle darstellt.

Eine andere Quelle ist meiner Erfahrung nach der Akt des „Besetzens“ von öffentlichem Raum zum Zwecke des Widerspruchs. Die „DisOrganized Widerstandsbewegung“ („DisOrganized resistance movement“; im Prinzip geht es um Widerstand, der nicht durch eine große Organisation gesteuert wird, sondern in kleinen, lokalen Gruppen entsteht; ein bisschen was dazu schreibt DeVoy in diesem Artikel) hat sehr erfolgreich das „Besetzungsmem“ eingesetzt, um Meme von Passanten zu „ernten“ (Anm. PM: Wie Stephen mir schrieb, trafen sich ein paar Aktivisten eine Zeit lang auf einem vorher vereinbarten Platz, um sich dort über die Regierung zu mokieren, und luden Passanten & Touristen ein, mitzumachen, was zum Teil auch angenommen wurde). Sobald man gute Meme gefunden hat, können diese verwendet werden.

Nicht alle Meme sind „gute Meme“. Wie in teil 1 erwähnt, sind Meme parasitär und nur an ihrer eigenen Verfielfältigung interessiert. Deshalb muss man sich vor der Verbreitung eines Mems immer darüber im Klaren sein, wie die Nebeneffekt eines Mems aussehen und ob sie der Arbeiterklasse (und vor allem den Individuen, die diese Meme weitertragen) nützen oder ob ihre Wirkungen eher (selbst)zerstörerischer Natur sind. Es ist der rationalen anarchisitischen Philosophie nach unethisch, Individuen für Ziele einzusetzen, die nciht ihren eigenen entsprechen. Deshalb muss jedes Mem, das verbreitet wird, auch dem „Wirt“/Träger nutzen, um ethisch anwendbar zu sein.

Außerdem muss ein „gutes“ Mem eine große Chance haben, sich zu vervielfältigen, bevor man in Erwägung zieht, es zu verbreiten. Es ist Zeitverschwendung, ein Meme einzusetzen, das sich nicht leicht vervielfältigt. Memetische Kriegsführung hängt von der erfolgreichen Vervielfältigung der eingesetzten Meme ab.

Ein Meme hat eine größere Wahrscheinlichkeit, sich zu vervielfältigen, wenn es einige psychologische Bedürfnisse des Individuums erfüllt. Deshalb sind Meme, die unterhaltsam, sexuell befridigend oder profitabel sind, gute Kandidaten für eine erfolgreiche Verbreitung. Wenn Ihr Euch unsere wachsende Sammlung von „Resistance Field Manuals“ („Widerstandshandbücher“, siehe z.B. hier (scheinen leider nicht so leicht online zu finden zu sein…)) anschaut, werdet Ihr feststellen, dass viele Meme in diese Kategorien fallen. Ein weiteres gutes Beispiel war das John Poindexter Awareness Office Mem (Anm. PM: John Poindexter war ein hoher amerikanischer Sicherheitsbeamter, der mit diskutablen Überwachungsmethoden agierte und von Aktivisten daraufhin selbst ausgespäht und zu Fall gebracht wurde – siehe HIER). Dieses Mem erhöhte das Gefühl für Macht bei den Individuen, die das Mem weitertrugen. Ich bin sicher, dass das Flair von Unanständigkeit und die voyeuristischen Aspekte des Produkts zu seinem Erfolg beigetragen haben. Dieses Mem war von allen, die ich erstellt habe, mein größter Erfolg, weil es sein Ziel zum Einsturz brachte.

Meme zu senden kann durch die normalen Sendemechanismen erfolgen (allerdings in raubkopierter Form). Das Internet hingegen bietet eine hervorragende Möglichkeit, Meme zu senden, und dies auf legale Weise. Meme können auch durch Sticker, Aufkleber, öffentliche Demonstrationen, Flyer, Straßentheater, T-Shirts, Plakatieren und viele andere Wege verbreitet werden.

Die einzige Beschränkung für die memetische Kriegsführung ist Eure Phantasie. Lernt mehr über Meme. Die Subversion der dominierenden Paradigmen erfordert Euer aktives Einmischen in die Memeverbreitung (Anm. PM: z.B. auch, indem man Reklame durch Adbusting ins Gegenteil verkehrt). Seid aktiv und habt Spaß!

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1 Kommentar

  • Anonymous

    Danke fürs Übersetzen!!

    Comment | 24. Februar 2011

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