Sep
14
2010
6

Lesetipps: „Die Legende vom nachhaltigen Wachstum“ / „Aktionismus – immer die falsche Idee“ / „Überteuerte Alltagsgegenstände – die man trotzdem kauft“

© Ambrozio, stock.xchng

In den letzten Tagen sind mir wieder einige interessante Artikel im Netz begegnet, die ich Euch nicht vorenthalten möchte. Besonders spannend und den Tenor meines Blogs treffend ist Niko PaechsDie Legende vom nachhaltigen Wachstum – ein Plädoyer für den Verzicht“ in Le Monde diplomatique. Hier erklärt der Wirtschaftswissenschaftler noch einmal seine Thesen, dass unser Wirtschaftssystem auch mit einer LOHASigen Begrünung des Wachstums nicht vom Weg in den Abgrund wird abzubringen sein – vielmehr sind grundlegende Prämissen zu ändern, die nicht durch Elektroautos und Bio-Äpfel aus Neuseeland zu erreichen sind. Ich empfehle UNBEDINGT die Lektüre des kompletten Textes! Hier ein paar Auszüge:

(…) Tagtäglich muss sich der zeitgenössische Konsument seinen Weg durch ein dichtes Gestrüpp käuflicher Selbstverwirklichungsangebote bahnen. Auf dem Rummelplatz der glitzernden Verführungen den Überblick zu behalten, kostet vor allem eines: Zeit. Alles will zur Kenntnis genommen, betrachtet, geprüft, abgewogen, verglichen, zum Gegenstand einer Kaufentscheidung und eines Kaufakts werden und schließlich auch noch genutzt werden. Dabei wird auch die Zeit immer knapper, die den vielen Konsumobjekten gewidmet werden muss, damit sie überhaupt Genuss stiften können. Dies liegt sowohl an der Reizüberflutung, die unsere Aufmerksamkeit und Zeit stiehlt, als auch daran, dass wir uns immer mehr Dinge leisten können, auf die wir unsere Zeit verteilen müssen.

Inzwischen braucht man schon einen gewissen Selbstschutz, um in diesem Hamsterrad nicht die Orientierung zu verlieren. Ein möglicher Ausweg bestünde in einem entschleunigten Lebensstil, angefangen mit einer Entrümpelung: Von welchen Energiesklaven, Konsumkrücken und Komfort verheißenden Infrastrukturen könnte sich die Gesellschaft und jeder Einzelne freimachen? Der Abwurf von Wohlstandsballast wirkt befreiend. Es gilt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, statt sich in einer frustrierenden Vielfalt von Glücksversprechen zu verlieren. (…)

(…) Der innovationsgetriebene Fortschritt – auch der zwecks Nachhaltigkeit forcierte – löst soziale und kulturelle Veränderungen aus, die im vorhinein schwer einzuschätzen, oft kontraproduktiv und außerdem unkorrigierbar sind. Vor allem aber ist die Innovationsorientierung im Kern strukturkonservativ. Umweltfreundliche Produkte und Technologien wie der Dreiwegekatalysator, der Hybridantrieb, der Brennstoffzellenantrieb oder die Elektromobilität immunisieren maßlose Mobilitätsansprüche gegen jede Kritik. Passivhäuser legitimieren das unausgesprochene „Menschenrecht“, nach Lust und Laune Einfamilienhäuser in die Landschaft zu bauen. Und dass die Erneuerbaren emissionsfrei sind, wird als Rechtfertigung herangezogen, um unbequemes Energiesparen zu vermeiden. (…)

(…) Angenommen, es würde sich herausstellen, dass Mobilfunk als Teil jener digitalen Revolution, der einst hohe Dematerialisierungspotenziale zugetraut wurden, doch krebserregend ist. Wie könnte dann die Handykommunikation, von der sich die Menschheit inzwischen vollständig abhängig gemacht hat, unterbunden werden? Das mobile Telefon ist längst Teil der Alltagskultur, keine Macht der Welt könnte es per Rückrufaktion wieder aus dem Verkehr ziehen. Es bliebe nur eine nächste Innovationswelle, die wie ein Gegengift die negativen Folgen der vorherigen Technologie neutralisieren würde – ohne diese zu entfernen. (…)

(…) Nachhaltige Entwicklung kann indes nur eine Kunst der Reduktion sein. Deshalb zielt eine Postwachstumsökonomie darauf, Expansionszwänge zu überwinden. Der wichtigste besteht in einem Lebensstil, der vollständig von geldvermittelter und global arbeitsteiliger Fremdversorgung abhängig ist. Wenn Bedürfnisse, die einst durch Handwerk, Eigenarbeit, Subsistenz, lokale Versorgung und soziale Netzwerke befriedigt wurden – oder auf deren Befriedigung man schlicht verzichtete -, durch käufliche Produkte, Dienstleistungen und eine komfortable Automatisierung/Mechanisierung erfüllt werden, ist die Existenzsicherung einer Geld speienden Wachstumsmaschine ausgeliefert.

Mit zunehmender Spezialisierung, die eine immer größere Distanz zwischen Verbrauch und Produktion schafft, steigt die Anzahl der Wertschöpfungsstufen, deren Investitions- und Kapitalbedarf zur Notwendigkeit ökonomischen Wachstums beiträgt. Eine Postwachstumsökonomie beginnt daher mit einer Genügsamkeitsstrategie. Sie konfrontiert die verzweifelte Suche nach weiteren Steigerungen von Güterwohlstand mit einer Gegenfrage: Welcher Plunder, der nur wachstumsabhängig macht, ließe sich über Bord werfen?

Apropos Konsumismus – dazu passt auch dieser Artikel, den ich zufällig bei Yahoo entdeckte: „Überteuerte Alltagsgegenstände – die man trotzdem kauft“. Einige erstaunlich kritische Momente tauchen in dem Text durchaus auf:

(…) Pro Jahr trinkt jeder Deutsche 123 Liter Wasser und hat dabei die Qual der Wahl zwischen rund 600 Mineralwasser-Marken. Mineralwasser ist das beliebteste alkoholfreie Getränk in Deutschland. Noch vor rund 30 Jahren sah das anders aus: Damals war abgefülltes Trinkwasser kaum üblich. Mittlerweile greifen laut der internationalen Studie „Greendex“ 65 Prozent der Deutschen täglich zum Wasser aus der Flasche, mehr als in jedem anderen Land der Erde. Die Mineralwasser-Branche freut sich: Unternehmen wie der Nestlé-Konzern verdienen jährlich Milliarden damit, Wasser um die ganze Welt zu karren. (…)

Vor allem stille Wässer sind in. Dabei ist gerade stilles Wasser eine der am häufigsten vorkommenden Ressourcen in der Welt – und zumindest in Deutschland aus zahlreichen Quellen viel preiswerter oder sogar kostenlos erhältlich: aus dem Wasserhahn. Obwohl das Wasser aus der Leitung laut Experten in der Regel genauso gesund ist wie das abgefüllte, sind jedoch viele Menschen noch immer bereit, bis zu 3 Euro für eine Flasche zu bezahlen und ihr Wasser regelmäßig kistenweise nach Hause zu schleppen. Dabei ist Flaschenwasser nicht nur verhältnismäßig teuer, sondern wirkt sich auch negativ auf die Umwelt aus: Schließlich kosten Transport, Abfüllung und die Herstellung der Flaschen jede Menge Energie. Ganz zu schweigen davon, dass viele leere Flaschen nicht recycelt werden.

(…) Bei vielen Alltagsgegenständen lohnt es sich, die Folgekosten genauer unter die Lupe zu nehmen – oder deren Anschaffung gänzlich zu hinterfragen. (…)

Der naturgetr.eu-Blog, der sich ja auch kritisch zum Konsumismus und dem „Green New Deal“ der LOHAS äußert, geht auch in einem seiner aktuellen Beiträge, „Aktionismus – immer die falsche Idee“ genau der Frage nach, inwieweit viele „neue Grüne“ davon ausgehen, dass etwas grüner schon grün und damit gut sei:

Umweltschutzorganisationen wie z.B. (aber nicht nur!) Greenpeace setzen auf Aktion – wie die Gruppe selbst in ihrer Broschüre zum 30jährigen Bestehen von Greenpeace Deutschland (PDF) zeigt: es wird besetzt, in der Welt herumgereist und über die Weltmeere getuckert. Kurz: Es wird Aufwand betrieben, der Energie und andere Ressourcen kostet. Und immer mit dabei ist natürlich die Quasi-Uniform so vielen Natur- und Umweltschützer, die Marken-Outdoor-Klamotte. Ich bezweifle, dass diese meist auf medienwirksamkeit getrimmten Aktionen außer der Medienpräsenz tatsächlich etwas bewirken, zumal langfristig betrachtet. Mag sein, dass durch solche Aktionen veraltete Technologien und Verfahrensweisen etc. angeprangert werden und diese dadurch umgeformt werden.

Aber auch die dann aufkommenden “alternativen” Produkte und neuen Technologien sind keine wirkliche Abhilfe, sondern mehr ein “linke Hand – rechte Hand”-Spiel. Energie und Rohstoffe, die an der einen Stelle eingespart werden, werden für die Produtkion dieser Pseudo-Alternativen gebraucht: Akkus statt Öl, Giftstoffhaltige Energiesparlamen statt Glühbirnen, energie- und wasserintensive erzeugung von Sojaprodukten statt Fleisch und – die neueste Unsäglichkeit – Elektrisch angetriebene Fahrräder statt Autos (damit man auch in Zukunft Kurzstrecken nicht aus eigener Kraft zurücklegen muss…). Immer wieder – anders kann man das nicht sagen – wird grüner mit grün verwechselt. (…)

(…) Problemlösungen sind dementsprechend immer technische Lösungen – egal ob im Umweltschutz, in der Medizin, in der Sicherheits- oder Sozialpolitik.
Lösungen, die auf soziokulturellen Veränderungen beruhen, werden weder diskutiert noch in Betracht gezogen. Wie auch! Schließlich bestimmen mittlerweile nicht mehr Kultur und Gesellschaft die Technik, sondern die Technik bestimmt Kultur und Gesellschaft. Wir stolpern auch im letzten verbleibenden Rest gesellschaftlichen und kulturellen Lebens noch blind dem erlösenden Heiland Technik hinterher, die mehr und mehr unseren Alltag vereinnahmt, unsere Lebenswelt grau und steril macht.

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