Nov
21
2010

Surf- & Lesetipp: 30 Tage ohne Zucker

© JadeGordon, Stock.xchng

Die Lebensmittelindustrie macht es einem ja nicht gerade leicht, gesund und nachhaltig zu leben. Immer neue Kniffe werden sich ausgedacht, um den Verbraucher hinters Licht zu führen, um minderwertige Zutaten als „neue Rezeptur“ hochzujubeln oder Geschmacksverstärker unter dem Begriff „Hefeextrakt“ in die Mägen der Leute zu schmuggeln. Es ist kein Wunder, dass es auch in diversen Verbrauchermagazinen (und in meinem Blog) verstärkt kritische Beiträge zum oft grenzwertigen Vorgehen vieler Hersteller gibt, ihre Produkte immer weiter zu denaturalisieren, denn anscheinend wird in den letzten Jahren, unter dem allgemeinen Kostendruck und (im wahrsten Sinne des Wortes) gesättigten Märkten noch mehr gepanscht und gestreckt als eh schon. Foodwatch berichtete darüber, wie die sog. Lebensmittelbuchkommission, die in Deutschland festlegt, was wie wo unter welchen Bezeichnungen enthalten sein darf, von diversen Lobbyisten durchsetzt ist und deshalb konzernfreundliche Regelungen erwirkt – „Lebensmittelbuchkommission bleibt Geheimsache“:

Fruchtkremfüllungen ohne eine Spur von Frucht – wer solche Festlegungen mit welchen Argumenten durchgesetzt hat, bleibt weiter Geheimsache: Das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen hat die Berufungsklage von foodwatch auf Veröffentlichung der Sitzungsprotokolle der Lebensmittelbuchkommission abgewiesen. (…)

Die Lebensmittelbuch-Kommission ist beim Bundesernährungsministerium angesiedelt. Ihre Arbeit ist im Lebens- und Futtermittelgesetzbuch geregelt. In dem Gremium sitzen 32 Männer und Frauen, die vom Ministerium für fünf Jahre berufen werden. Vertreten sind dort Wirtschaftsverbände wie der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL, der größte Lobbyverband der Lebensmittelindustrie), der Deutsche Fleischer Verband und der Bauernverband sowie die Einzelunternehmen Unilever und bofrost. Weitere Mitglieder sind Mitarbeiter von Lebensmittelüberwachungsbehörden und Universitäten. Ein Viertel der Kommissionsmitglieder wird von den staatlich finanzierten Verbraucherzentralen, vom Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften und der Stiftung Warentest entsandt.

Ob es ihnen gelingt, die Interessen der Verbraucher bei den Beschlüssen durchzusetzen, lässt sich aber nicht nachprüfen, denn die Sitzungsprotokolle werden geheim gehalten. Der Öffentlichkeit bleibt vollständig verborgen, wie es zu den Leitsätzen kommt. Den 32 Kommissionsmitgliedern erlegt die Geschäftsordnung des Gremiums ausdrücklich eine „Verschwiegenheitspflicht“ auf. Die Protokolle der nicht öffentlichen Sitzungen bleiben unter Verschluss. (…)

Zu den seit vielen Jahrzehnten ganz normal erscheindenen Zusatzstoffen, die sich in vielen Lebensmitteln finden, gehört traditionell der Zucker. Ich berichtete vor längere Zeit schon einmal im Beitrag „Werbung gegen Realität, Teil 10: Zucker (vs. Stevia) und die Zucker-Mafia“, welch bedenkliche Strukturen hier in der Industrie herrschen und wie sehr Zucker zu einer alltäglichen Beimengung in vielen Produkten geworden ist – auch solchen, die ein gesundes Image haben (Frühstücksflocken, Müsliriegel etc. pp). Wie ich dort schrieb, darf Zucker seit 1992 sogar als Schadstoff bezeichnet werden! Kein Wunder, dass es immer mehr Menschen gibt, die sich überlegen, wie die eigene Ernährung wohl aussähe, wenn man ganz auf Produkte mit diesem süßen Gift verzichten würde. Der naturgetr.eu-Blog startete vor einigen Tagen seinen „Selbstversuch: 30 Tage ohne Zucker“, den ich für sehr lobenswert halte:

(…) Zusammengefasst: Zucker macht nicht nur übergewichtig und fett, Zucker verursacht auch die so genannten Zivilisationskrankheiten (industrial deseases) und kann – in Form von Softdrinks – das Risiko für bestimmte Krebserkrankungen deutlich erhöhen und produziert in Form von Fructose auch noch eine Abhängigkeit, die sowohl in Verhalten und Auswirkung auf den Körper dem Alkoholismus gleicht (siehe Video) – wodurch im Übrigen auch klar wird, warum viele (trockene) Alkoholiker zu Fruchtsäften und Fruchtsaftgetränken greifen.

Zucker hat alles in allem nicht nur diese bisher erwähnten gesundheitsgefährdenden Eigenschaften. Zucker ist auch – wenn er isoliert und ohne natürliche Begleiter wie die in Früchten, Gemüse und Getreide ebenfalls vorhandenen Ballaststoffe konsumiert wird – ein Industrieprodukt erster Klasse, vielleicht sogar DAS Industrieprodukt schlechthin. Und somit eine Umweltsünde erster Klasse, denn sie ist einerseits allgegenwärtig und ist uns dabei andererseits weitgehend unbewusst.
Der angestiegene Konsum von Zucker hat also auch Auswirkungen auf unsere natürliche Umwelt – Zuckerrüben und Zuckerrohr werden monokulturell in Massen angebaut und werden dann unter hohem Energie- und Wasserverbauch aufbereitet und zu dem raffinierten weißen Pulver gemacht, welches wir Zucker nennen. (…)

30 Tage ohne Zucker – die Regeln für den Selbstversuch

Die Herausforderung dieses Selbstversuches ist es, ab einschließlich 1. November 30 Tage lang nicht nur die Produkte zu meiden, die offensichtlich Zucker enthalten (wie Süßigkeiten) sondern auch alle Lebensmittel, in denen man Zucker eigentlich nicht erwartet, aber dennoch “versteckt” vorkommt.

Meine selbst auferlegte Regel für die nächsten 30 Tage ist also simpel: keine Produkte, die zugesetzten Zucker enthalten. Gemüse und Obst ist folglich erlaubt (letzteres aber nur in nicht zu großen Mengen), da sie von Natur aus in geringen Mengen Zucker enthalten.
Zugegeben, da wir (d.h. meine Frau und ich) ohnehin keine Fertiggerichte, -saucen oder -gewürzmischungen verwenden, sondern frische Zutaten selbst zubereiten, wird es mir relativ leicht fallen, solche Quellen verstecken Zuckers zu vermeiden. Schwierig ist die Situation nach wie vor im Bezug auf unser tägliches Brot, denn gerade was Brot anbelangt, sind meine Vorrecherchen ernüchternd: Trotz rechtlicher Verpflichtung hatte so gut wie kein Bäcker eine Zutatenliste parat, anhand derer ich einschätzen konnte, ob die angebotenen Brotsorten unter Zusatz von Zucker (z.B. in Form von Zuckercouleur/karamellisiertem Zucker als Farbstoff) hergestellt wurden oder nicht. Und ich meine dabei nicht abgepackte Brote aus dem Supermarkt oder diese unsäglichen Bäckerei-Ketten und Backshops, die überall wie giftige Pilze aus dem Boden schießen, sondern auch normale handwerklich betriebene Bäckereien.

In seinem Posting „30 Tage ohne Zucker: 1 Woche ist vorbei“ zieht er ein erstes (positives) Fazit seines Zuckerentzugs und macht sich noch einige Gedanken über die gesamtgesellschaftliche und -gesundheitliche Bedeutung des Zuckers:

Zucker und die Folgen…

Aus dem oben gesagten ergibt sich: Zucker macht nicht nur süchtig nach noch  mehr Zucker. Zucker macht auch süchtig auf noch mehr von allem! Na gut, zumindest wenns um Eßbares / Trinkbares geht. Wobei ich für meinen Teil zu der verallgemeinernden Hypothese neige, dass hoher Zuckerkonsum auch mit einem allgemein hohen Konsum einhergeht, also nicht nur im Bereich der Lebensmittel, sondern auch was z.B. Unterhaltungselektronik, Klamotten und wasnochalles anbelangt – vielleicht versucht der Körper so nicht nur über Zucker, sondern auch über andere Konsumwege, an mehr Dopamin zu kommen. Konsumismus, Hedonismus und Luxus werden so zum durch Zucker ausgelösten Abhängigkeitsverhalten. Nicht nur, um Dopamin auszuschütten, sondern auch, um gedachte soziale und individuelle Mißstände und Schieflagen auszugleichen: Du bist, was Du kaufst – und wieviel du kaufst. Zucker ist also – und das ist meine Meinung – der Einstieg in eine konsumzentrierte Welt des Habens (im Gegensatz zu einer Welt des Seins). (…)

Eine weitere Bloggerin, hildegaaard von Liberté, Egalité, Pfefferminztee, hat sich diesem löblichen Unterfangen angeschlossen und sogar einen eigenen Blog für dieses Projekt ins Leben gerufen, der ebenfalls „Selbstversuch: 30 Tage ohne Zucker“ heißt (ist momentan allerdings nicht erreichbar…) und ihren täglichen Kampf mit dem süßen Gift und die Schwierigkeiten, in der heutigen Zeit ohne diesen omnipräsenten Zusatzstoff aufzukommen, dokumentiert.

EDIT 21.1.2014: Leider führen einige der Links inzwischen ins Leere. Im Utopia-Blog hat Userin Spiraldancer aber auch einen entsprechenden Bericht zum Thema Zuckerverzicht veröffentlicht – „Ein Leben (fast) ohne Zucker“.

Verwandte Beiträge:

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15 Kommentare »

  • Hei! Danke erstmal fürs Pushen! Haste schon gesehen – es gibt doch tatsächlich Blogs, die einfach ganze Beiträge kopieren, ohne groß den tatsächlichen Autor zu nennen und ganz ohne eigenen Text drumrum:
    http://prekaer.info/index.php/neuigkeiten/kultur/5633-surf-a-lesetipp-30-tage-ohne-zucker.html

    Meine Mitstreiterin gegen den Zucker hat sich im Übrigen scheinbar zurückgezogen, zumindest ist ihr Projektblog seit 2-3 Tagen nicht mehr erreichbar. Ist vielleicht auch nur vorübergehend.

    Comment | 21. November 2010
  • Hallo,

    Danke für die informativen Artikel abseits des Mainstreams. Soviel zu Lobhuddelei. ;)

    Leider funktioniert der letzte Link ‘Selbstversuch: 30 Tage ohne Zucker’ nicht. Unter der angegebenen Adresse ist kein Blog vorhanden.

    Viele Grüße
    Helena

    Comment | 21. November 2010
  • popeljoe

    ich verzichte kategorisch schon seit fast 3 monaten auf zucker in jeder form (ob als zutat oder versteckter zusatz). es ist außergewöhlich schwierig, für diese askese (ich finde es ist eher eine gelebte erkenntnis) akzeptanz bzw. toleranz zu erlangen. viele mitmenschen, z. b. die schwiegerverwandtschaft und andere leute die sich verbohren, so etwas auch nur ansatzweise verstehen zu wollen, machen einem das leben nicht gerade einfach. als tipp für alle, die das auch versuchen wollen! backt euch euer brot selber, und nehmt am besten vollkornmehl, das macht nicht so viel arbeit und ist allemal gesünder, als die bachtriebmittel vom bäcker!
    und an die kritiker: probiert es und lästert nicht, man ist seltener krank, nicht mehr so schnell müde, es hat einfach enorme gesundheitliche vorteile!

    Comment | 21. November 2010
  • Daniel

    Danke für die guten Infomationen – weiter so! 30 Tage ohne Zucker? Mit Stevia ganz einfach. Ich weiss schon garnicht mehr, was Zucker eigentlich ist ;-) . [Link auf kommerzielle Seite entfernt], denn Stevia ist viel mehr als nur süß. Viele Grüße, Daniel

    Comment | 23. November 2010
  • @Daniel: Klar, wenn man das einfach substituiert ist das der einfachste mögliche Weg. Mir für meinen Teil ging es aber nicht einfach nur darum, zwar ohne Zucker aber weiterhin auf süßem Fuße zu leben. Und auch wenn man Stevia als Ersatz hernimmt, sind immernoch in den meisten Lebensmitteln versteckte aber nicht unerhebliche Zuckermängel drin – das kann Stevia nicht lösen. Im Gegenteil: Ich würde eher annehmen, dass der Ersatz mit Stevia für die Problematik blind macht, denn man ersetzt den alltäglichen Zucker im Kaffee, Tee usw. mit Stevia und die versteckten Zucker werden erst gar nicht wahrgenommen…

    Comment | 24. November 2010
  • Daniel

    Hallo Simon,

    hhm – das hast Du Recht. Es müssen erst alle versteckten Zucker ausfindig gemacht werden. Sowohl im Vorratsschrank, wie auch auf dem wöchentlichen Einkaufszettel. Das habe ich vor ca . einem Jahr gemacht und bin nun zuckerfrei! Es ist einfacher, als anfangs gedacht. Nur die ersten Wochen sind etwas verwirrend, weil eben in fast jedem Fertigprodukt Zucker/Zuckerstoff drin ist :-( .
    Stevia hilft das Auge dafür zu schärfen und nimmt die Angst nichst Süßes mehr essen zu dürfen.

    Comment | 25. November 2010
  • Ich

    naturgetr.eu ist leider offline gegangen.

    Comment | 23. Februar 2011
  • Sehr traurig! Und ein “schöner” “Erfolg” der Anti-Internetpolitik der etablierten Parteien… :-(

    Comment | 23. Februar 2011
  • Ich bin überzeugt am Verzicht auf Zucker zu gesunden.

    Mir ist das Bedürfnis meiner Mitmenschen an zuckerhaltigen Getränken aufgefallen, möglicherweise die allgemein größte Hürde bei diesem Experiment?

    Comment | 28. Februar 2011
  • Simon

    Jap, das war die Größte Herausforderung. Von Hürde würde ich nicht sprechen. Wie ich im oben verlinkten Artikel auf meinem Blog (ja, es ist mittlerweile auf Unbestimmte Zeit offline) auch beschrieben habe, kann man diese Sucht nach diesen Softdrinks (die ja im Alltag allgegenwärtig sind, achtet mal drauf) bekämpfen, indem man sie durch grünen Tee ersetzt. Das hilft seltsamerweise extrem gut gegen die Sucht/Gewohnheit Zucker. Keine Ahnung, warum.

    Comment | 28. Februar 2011
  • @ Simon – danke für den Hinweis, das werde ich gleich mal ausprobieren. Da ich seit einigen Wochen meinem Schokoladenkonsum abgeschworen habe und auch sonst nur noch wenig Gezuckertes esse, wäre es sicherlich gut, mit Grünem Tee etwaigen Rückfällen vorbeugen zu können. ;-)

    Übrigens sehr schade, dass Du Deinen Blog eingestellt hast! Gibt es denn konkrete “Bedrohungen” (durch Abmahnungen) bei Dir oder anderen Bloggern, die Du kennst?

    Comment | 28. Februar 2011
  • Simon

    Hei Peter,

    dann drück ich die Daumen, dass der grüne Tee Dir auch hilft!

    Eine Konkrete Bedrohung mir gegenüber gab es nicht, nein. Aber im Umfeld. Und auch wenn sich die Umstände deutlich unterscheiden, hat das gezeigt, dass das Risiko auch bei mir doch recht groß ist.
    Und darauf hab ich natürlich keinen Bock, zumindest zur Zeit hab ich besseres zu tun als mich mit solchen Zoten rumzuschlagen. Evtl. hab ich bis zum Sommer die Zeit, das nochmal rechtlich genauer gegenzuckecken und mach dann – je nach dem – das Blog wieder auf :-)

    Comment | 2. März 2011
  • @Simon: Die Übernahmen auf prekaer.info sind alle unten links als Quelle verlinkt – einfach mal nach unten scrollen

    Comment | 9. Mai 2011
  • FlyerX

    Stelle ich mir schon sehr schwierig vor, vor allen Dingen, weil ja in so vielen Dingen Zucker steckt, dass man kaum noch Alternativen findet. Aber wer es schafft, der zeigt schon sehr große Stärke.

    Comment | 16. Januar 2013
  • Fortunately

    Ich habe einen gewichtigen Grund, auf Zucker zu verzichten: Übergewicht.
    Nach diversen erfolglosen Diätversuchen verzichte ich seit rund anderthalb Monaten auf alle zuckerhaltigen Fertiggerichte und vermeide auch weitgehend fruchtzuckerhaltige Lebensmittel. Dabei finde ich es erschreckend, wieviele industriell hergestellte Lebensmittel/Fertigprodukte Zucker enthalten oder zuckerähnliche Stoffe (Glukosesirup, Traubenzucker, Maltodextrin, Fruktose oder ähnliches). Das ist mir bisher nicht so sehr aufgefallen. Ganz auf Süßes will ich dennoch nicht verzichten und verwende nun Stevia (in Maßen). Und diese Ernährungsumstellung hilft mir tatsächlich beim Abnehmen.
    Empfehlenswert für Leute, die auch ohne Zucker abnehmen möchten, finde ich übrigens das Buch: “Zucker-Knacker: Das Ernährungskonzept der Zukunft. Dauerhafter Gewichtsverlust durch veränderten Umgang mit Zucker” von
    H. Leighton Steward und weiteren Autoren. Darin wird unter anderem auch auf das schädliche Zusammenspiel der Entwicklung der Nahrungsmittel- und Zuckerindustrie und des weltweiten Anstiegs an übergewichtigen Leuten eingegangen.

    Comment | 2. Oktober 2013

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