Sep
17
2010

Helden des Alltags: Keine BILD-„Zeitung“ in Ottensen

Ich hatte mir geschworen, mich an dem ganzen Rummel um die Äußerungen und das Buch Thilo Sarrazins hier im Blog nicht zu beteiligen, zumal der Herr mit seinen Thesen seine eigenen Behauptungen, dass Deutschland immer dümmer werde, beeindruckend beweist. (Man muss dabei auch konstatieren, dass Sarrazin manches anspricht, was eine Reihe von Bürgern im Land ebenfalls so empfindet – und dieses Unbehagen, das manche Menschen beim Thema Integration, „Multikulti“ etc. überkommt, hat Herr S. natürlich nicht eigens erfunden, sondern nur (von latent rassistischen Untertönen begleitet) verbalisiert und erneut auf die Tagesordnung gesetzt. So funktioniert Demagogie… Ein Thema aufgreifen, das vielen unter den Nägeln brennt und dieses dann mit radikalen Thesen verknüpfen. Eine sinnvolle und konstruktive Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Problemen bei der Integration sieht anders aus.)

Nun, da aber so ziemlich alle Medien auf das Thema auf- und angesprungen sind und die BILD-„Zeitung“ abstoßende rechtspopulistische Kampagnen auffährt, wird eines klar: die Verdummung der Deutschen (und aller anderen Menschen) droht nicht von etwaiger „Überfremdung“ o.ä. Schimären, sondern durch besagte Medien selbst. Wer die BILD, Focus, Gala oder die Bunte liest, RTL, Pro7 & Co. schaut, wird ganz bestimmt zumindest nicht klüger, das ist offensichtlich. Gerade die verlogene Empörung „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ ist, wie Martin Blumentritt in „Die PC-Lüge“ es schon vor vielen Jahren ausgeführt hat, nichts anderes, als ein plumper Versuch, jede noch so verquere Aussage vor jeglicher Kritik zu immunisieren:

(…) Man ist das ewige “man darf heute ja nicht sagen”, das jede ausländerfeindliche, antisemitische, nationalistische oder faschistische Rede einleitet, schon längst satt, so oft hat man das gehört. Daher ist die Formulierung durch die Abwehr einer angeblichen Gefahr von “political correctness” ersetzt worden. Die Funktion ist die gleiche geblieben. Man will etwas sagen, was vorab das schlechte Gewissen beunruhigt und antezipiert die Kritik, die zwangsläufig der Ungehörigkeit der Äusserung folgen muß.
Die Abwehr von PC fällt auf den Autoren zurück, sie kündigt nur die Unverschämtheiten an, die dann folgen werden. Wer etwas zu sagen hat, das nicht rechtens auf Empörung jeden anständigen Menschen stoßen wird, der kommt nicht auf die Idee seine Rede mit “man darf das ja heute nicht sagen” oder “es entspricht nicht der PC”, was ich sagen will einzuleiten.
Wenn ein Text damit beginnt gegen PC zu wettern muß man ihn nicht mehr zuendelesen, um zu wissen, daß Verstöße gegen die Menschenwürde und Volksverhetzung folgen werden.
Die Abwehr von PC soll genau das Erreichen, was man einer angeblichen Durchsetzung von PC unterstellt, sie soll die eigenen in der Regel unakzeptable rassistischen, nationalistischen oder antisemitische Auffassungen gegen Kritik immunisieren, sie ist also Projektion. (…)

„Der Elektrische Reporter“ Mario Sixtus geht in „Schwachfugsignalphrasen“ ebenfalls der Frage nach, ob Meinungsfreiheit bedeute, dass man alles sagen dürfe, ohne dass man auch Widerspruch ernten darf:

In Debatten, egal ob in Parlamenten, in Medien, im Netz oder am Kneipentresen, gibt es eine Hand voll Phrasen, die mit an Sicherheit grenzender Wahrschenlichkeit die baldige Ankunft einer großen Menge Schwachfugs in den darauffolgenden Sätzen ankündigen. Man könnte sie Schwachfugsignalphrasen nennen. Hier eine Auswahl:

  • “Es muss erlaubt sein zu sagen, dass…”
  • “Es darf keine Denkverbote geben…”
  • “Es darf kein Tabu sein zu sagen…”

Solcherlei Redewendungen sind trickreich und funktionieren erstaunlich oft erstaunlich gut. Ihr Sinn und Zweck: Sie sollen die Empörung des Gegenübers als Reaktion auf den phrasenbegleiteten Schwachfug kanalisieren, umleiten, eintüten, etikettieren und entsorgen. Das ist für den Schwachfugproduzenten äußerst praktisch, da er sich auf diese Weise einer inhaltlichen Debatte entziehen kann. (…)

Auch Robin Meyer-Lucht befasst sich auf Carta mit diesem Thema – „BILD erliegt dem Boulevard-Gen – man wird doch wohl noch sagen dürfen – Kampagne für Sarrazin“ (in diesem Artikel kann man auch das abstoßende Titelblatt der BILD „bewundern“, in dem das Blatt die volle Hetzkanonade abfeuert, genauso wie im Beitrag von bleib-passivEs geht schon wieder los – das darf doch wohl nicht wahr sein!“):

(…) Auf drei Seiten ausgebreitet, stellt die Bild-Geschichte über “Meinungsfreiheit” und “Sprechverbote” die wohl größte und schärfste politische Kampagne der Bild seit einiger Zeit dar. So wie Bild vom großen Presseinteresse für das Sarrazin-Buch schwärmt, so groß ist nun auch die eigene Kampagne im Blatt.

Nachdem sich Bild am Donnerstag bereits teilweise von Sarrazin distanziert hatte (“scheiße, beschämend, widerlich“-Wagner), fiel sie nun am Samstag in die zuletzt von Guido Westerwelle popularisierte “Man muss doch noch sagen dürfen“-Rhetorik zurück.

Sarrazins krude biologistischen Gen-Thesen sind plötzlich vergessen – und Bild konzentriert sich auf den kampagnenfähigen Teil des Sarrazin-Buches (…)

(…) Die Bild-Kampagne verortet den Sarrazin-Konflikt in den Bezugsrahmen “Meinungsfreiheit vs. Sprechverbote” und “intellektualisierter öffentlicher Diskurs vs. Alltag der einfachen Menschen”. Ein typischer Boulevard-Frame: “Wir kleinen Leute” gegen die “abgehobene Politik”. (…)

(…) Dabei enthält Sarrazins Buch von der drohenden “Abschaffung” der Deutschen auch zahlreiche Sätze, die man als Vorstand der Bundesbank lieber nicht sagen sollte. Entsprechende Zitate aber hat Bild lieber nicht auf seine Titelseite gehoben – sie hätten nicht in die einfache Boulevard-Logik von Meinungsfreiheit, dröger Parteipolitik und Sprechverboten gepasst. (…)

Als Konsequenz aus den Ungeheurlichkeiten, die sich die BILD seit jeher erlaubt, haben nun zwei Kaufleute im Hamburger Stadtteil Ottensen gehandelt und die BILD-„Zeitung“ aus ihren Sortiment genommen, wie die taz in „Jetzt ist Schluss“ berichtet. Die Erklärung der beiden Hamburger, Winfried Buck und André Krause, die sie an ihr Geschäft geklebt haben, ist wirklich sehr schön und die ganze Aktion mehr als zu begrüßen – so sollten viel mehr Geschäfte reagieren:

Die BILD und Sarrazin haben recht – die Deutschen werden immer dümmer. Dieser Trend muss gestoppt werden. Deshalb wird in diesem Laden keine Bild„zeitung“ mehr verkauft.

André Krause: Die Bild-Zeitung hat für mich Stürmer-Qualität. Es geht immer gegen die Hartz-4-Empfänger und die Migranten. Ich wollte die Zeitung schon vor zwei Jahren rausnehmen, aber da war ich relativ neu hier und habe sie mit geballter Faust in der Tasche weiter verkauft. Aber als ich die Aktion meines Nachbarn gesehen habe, war für mich klar: Jetzt ist Schluss.

Winfried Buck: Als Alternative hatte ich erwogen, jeden Tag einen Zettel auf die Bild-Zeitung zu kleben mit der Aufschrift: Dies ist das schlechteste Blatt, das Sie hier kaufen können. Bezeichnenderweise sagt der Bild-Zeitungs-Käufer ja auch selbst: Eine Blöd-Zeitung bitte, ein Lügenblatt bitte, ein Schmutzblatt bitte. Niemand würde zum Bäcker gehen und sagen: “Ich hätte gern ein Scheiß-Brötchen.” (…)

(…) Winfried Buck: Das ist bei mir ähnlich. Manche Leute verlassen auch völlig verwirrt diesen Laden, weil es die Zeitung hier nicht mehr gibt. Erschreckenderweise haben aber auch einige Kunden gesagt: “Es stimmt doch, dass wir hier zu viele Ausländer haben”. Das, was die Zeitung erreichen will, kommt anscheinend bei ihnen an. Die gehen dann nebenan zum Bäcker, aber kriegen die Bild-Zeitung da auch nicht. Das hat schon eine größere Wirkung, als wenn das nur einer alleine macht.

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3 Kommentare »

  • egal

    Chapeau, meine Herren!
    Allerdings muss man sagen, dass sich sowas nur Kiosk-Besitzer erlauben dürfen die nicht jeden Cent zweimal wenden müssen.
    Das ist wirkich Ironie, dass gerade der türkische Kioskbesitzer eine Straße weiter dieses ausländerfeindliche Blatt verkauft.

    Comment | 17. September 2010
  • CarpetShark

    Super! Ich habe den taz-Artikel sofort in mehreren Exemplaren ausgedruckt und werde ihn in meinen Stammgeschäften verteilen – als kleine Anregung.

    @egal: muss nicht unbedingt ein Geschäftseinbruch sein, die BILD nicht mehr zu verkaufen… ich kann mir gut vorstellen, zur Unterstützung eines mutigen Kioskinhabers regelmäßig einen Schokoriegel o.ä. zu kaufen. Mit einer pfiffigen Marketingstrategie könnte evtl. sogar Profit draus werden!??

    Comment | 17. September 2010
  • Horst

    Bezüglich der im ersten Absatz genannten Medien passt das ganz gut: http://www.indiskretionehrensache.de/2010/09/fremdschamen-mit-spiegeltv/

    Comment | 17. September 2010

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