Mrz
02
2011

Wir Sind Helden wollen nicht für BILD werben

Foto: Wikipedia

Diesen wunderbaren Artikel fand ich letzte Woche auf dem BILDblog und er machte ja auch schon in den Medien die Runde – „Wir Sind Helden wollen nicht für ‚Bild‘ werben”, eine großartige Reaktion der deutschen Popband Wir Sind Helden auf das Ansinnen der Reklamefuzzis von Jung von Matt, doch für die BILD-„Zeitung“ Reklame zu machen wie schon viele andere Promis zuvor dies leichtfertigerweise taten (nicht nur Typen, von denen man eh nix anderes erwartet als die eigene Visage in jede laufende Kamera zu halten (Mario Barth, JB Kerner), sondern auch Personen, von denen man etwas mehr Nachdenklichkeit hätte verlangen können (Weizsäcker, Gysi)). Genau SO, wie WSH auf das Schreiben geantwortet haben, sollte es jeder tun, der für solche Kampagnen vor den Karren gespannt werden soll – größter Respekt für diese großartige Replik! (Um diesen offenen Brief gab es so viel Wirbel, dass die WSH-Site zwischenzeitlich in die Knie gegangen ist – hier wäre alles im Original nachlesbar.)

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Wir Sind Helden mögen keine Werbung. Auf Festivals haben sie schon Reklamebanner abhängen lassen, bevor sie die Bühne betraten. Sängerin Judith Holofernes erklärte im Dezember 2007 als BILDbloggerin für einen Tag, was ihr an “Bild” alles nicht passt.

Trotzdem (womöglich eher: deswegen) hielt es die Werbeagentur Jung von Matt für eine gute Idee, bei Wir Sind Helden und Judith Holofernes anzufragen, ob die nicht bei einer “Bild”-Werbekampagne mitmachen wollten. (Anm. PM: den Brief der Werbeagentur kann man sich auf dem Bildblog anschauen) (…)

Die Antwort der Band, die wir hier mit freundlicher Genehmigung derselben wiedergeben, fiel eindeutig aus:

Liebe Wer­be­agen­tur Jung von Matt,

bzgl. Eurer An­fra­ge, ob wir bei der ak­tu­el­len Bild-​Kam­pa­gne mit­ma­chen wol­len:

Ich glaub, es hackt.

Die lau­fen­de Pla­kat -​Ak­ti­on der Bild-​Zei­tung mit so­ge­nann­ten Testi­mo­ni­als, also ir­gend­wel­chem kom­men­tie­ren­dem Ge­seie­re (Auch kri­ti­schem! Hört, hört!) von so­ge­nann­ten Pro­mi­nen­ten (auch Kri­ti­schen! Oho!) ist das Per­fi­des­te, was mir seit lan­ger Zeit un­ter­ge­kom­men ist. Will hei­ßen: nach Euren Maß­stä­ben si­cher eine ge­lun­ge­ne Ak­ti­on.

Sel­ten hat eine Wer­be­kam­pa­gne so ge­schickt mit der Dumm­heit auf allen Sei­ten ge­spielt. Da sind auf der einen Seite die Pro­mis, die sich den­ken: Hmm, die Bild­zei­tung, mal ehr­lich, das lesen schon wahn­sin­nig viele Leute, das wär schon schick… Aber ir­gend­wie geht das ei­gent­lich nicht, ne, weil ist ja ir­gend­wie unter mei­nem Ni­veau/ evil/ zu sicht­bar be­rech­nend… Und dann kommt ihr, liebe Agen­tur, und baut die­sen armen ge­spal­te­nen Pro­mi­nen­ten eine Brü­cke, eine wa­cke­li­ge, glit­schi­ge, aber hey, was soll’s, auf der an­de­ren Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gum­mi­bär­chen. Ihr sagt jenen Pro­mis: wisst ihr was, ihr kriegt ein­fach kein Geld! Wir spen­den ein­fach ein biss­chen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spen­det, der kann kein Ego haben, ver­stehs­te? Und au­ßer­dem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann den­ken sich diese Pro­mis, im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten, ir­gend­ei­ne pseu­do -​dis­tan­zier­tes Ge­wäsch aus, ir­gend­was “total Spitz­fin­di­ges”, oder Cle­ver-​ Un­ver­bind­li­ches, oder Über­heb­li­ches, oder… Und glau­ben, so kämen sie aus der Num­mer raus, ohne ihr Ge­sicht zu ver­lie­ren. Und haben trotz­dem un­heim­lich viele sau­dum­me Men­schen er­reicht! Hurra.

Auf der an­de­ren Seite, das er­klärt sich von selbst, der Re­zi­pi­ent, der sau­dum­me, der sich denkt: Mensch, diese Bild-​Zei­tung, die traut sich was.

Und, die drit­te Seite: Ihr, liebe jung­dy­na­mi­sche Men­schen, die ihr, zu­min­dest in einem sehr spe­zia­li­sier­ten Teil eures Ge­hirns, genau wisst, was ihr tut. Außer viel­leicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Hel­den” für die Kam­pa­gne an­zu­fra­gen, weil, mal ehr­lich, das wäre doch total lus­tig, wenn aus­ge­rech­net die…

Das Pro­blem dabei: ich hab wahr­schein­lich mit der Hälf­te von euch stu­diert, und ich weiß, dass ihr im ers­ten Se­mes­ter lernt, dass das Me­di­um die Bot­schaft ist. Oder, noch mal an­ders ge­sagt, dass es kein “Gutes im Schlech­ten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD-​Zei­tung ist kein au­gen­zwin­kernd zu be­trach­ten­des Trash-​Kul­tur­gut und kein harm­lo­ses “Guilty Plea­su­re” für wohl­fri­sier­te Auf­stre­ber, keine wit­zi­ge so­zia­le Re­fe­renz und kein Li­fes­tyle-​Zi­tat. Und schon gar nicht ist die Bild-​Zei­tung das, als was ihr sie ver­kau­fen wollt: Hass­ge­lieb­tes, aber wei­test­ge­hend harm­lo­ses In­ven­tar eines ei­gent­lich viel schlaue­ren Deutsch­lands.

Die Bild­zei­tung ist ein ge­fähr­li­ches po­li­ti­sches In­stru­ment – nicht nur ein stark ver­grö­ßern­des Fern­rohr in den Ab­grund, son­dern ein bös­ar­ti­ges Wesen, das Deutsch­land nicht be­schreibt, son­dern macht. Mit einer Agen­da.

In der Ge­fahr, dass ich mich wie­der­ho­le: ich glaub es hackt.

Mit höf­li­chen Grü­ßen,
Ju­dith Ho­lo­fer­nes

———

Im WDR-Fernsehen gab es auch noch eine schöne Diskussion zu dem Statement, auch mit Frau Holofernes:

Die BILD versucht übrigens mit einer ganzseitigen Anzeige in der taz ein wenig Schadensbegrenzung zu betreiben, aber das klappt natürlich nicht wirklich. Das Interview der taz mit Judith Holofernes zu dem Thema ist auf jeden lesenswert – „BILD-Zeitung wirbt mit Holofernes-Absage“:

(…) Du hast nicht in den letzten Jahren die Werbung in den Medien studiert, sondern richtig Werbung studiert, an der Uni?

Ich habe Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation angefangen in dem Glauben, das hätte irgendwas mit Medien und Journalismus zu tun, hab mich dann in einem Werberstudiengang wiedergefunden und innerhalb weniger Veranstaltungen das kalte Grauen gekriegt. Das meine ich ja mit “Ich kenne euch alle”. Aus Ernüchterung darüber, wie dieses Business läuft, habe ich ja erst angefangen, mich mit Werbekritik und dann mit Konsum- und Globalisierungskritik zu beschäftigen.

Du sagst, du nimmst es den Werbern übel, die diese Kampagne machen. Nimmst dus auch den Prominenten übel, die mitmachen und ihr “Testimonial” abgeben?

Klar: Natürlich ist es jedem überlassen, ob er da mitmacht. Ich denke nur, die Leute müssen mit in Kauf nehmen, dass sie damit zwar unheimlich viele Menschen erreichen, aber auch bei vielen Ansehen einbüßen. Und ich habe schon das Gefühl, dass das einen Teil dieses Hallihallo jetzt im Internet ausgemacht hat: dass viele Leute, die enttäuscht waren von Prominenten, die bei dieser Kampagne mitgemacht haben, sich einfach gefreut haben, mitzukriegen, dass man da offensichtlich nicht zwangsläufig mitmachen muss, wenn man gefragt wird. Ich lauf ja immer wieder vorbei an neuen Plakaten und denk mir: Oh nein, der nicht auch noch! (…)

Und alle Misanthropen, die dahinter auch nur eine PR-Aktion der Band sehen, sollten sich noch diesen Artikel auf The Intelligence durchlesen: „Noch ein Wort zu Bild und Wir Sind Helden“.

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2 Kommentare »

  • ffps

    Wundervoll, schön wenn sich die konsum- und medienkritische Haltung nicht nur in den Liedtexten sondern auch im Handeln niederschlägt.

    Comment | 3. März 2011
  • kunstseidenes

    Danke danke danke dafür.

    “Ich lauf ja immer wieder vorbei an neuen Plakaten und denk mir: Oh nein, der nicht auch noch!”
    Genau so ist es.

    Habe selbst mal ein Praktikum bei JvM absolviert und kann Judiths Brief nur unterschreiben.

    Und egal, ob die Helden jetzt auch fein Publicity damit machen – es ist so schön, mal was Positives zu lesen!

    Comment | 4. März 2011

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