Sep
25
2009

Reklame – die Pest der Kommerzgesellschaft

kola-kaputtSelten hat mir ein Artikel so aus der Seele gesprochen wie Ludger Lütkehaus’ „Reklame – die Pest der Kommerzgesellschaft“ auf literaturkritik.de. Der Kampf gegen den Werbeterror habe ja auch ich mir hier im Blog auf meine Fahnen geschrieben, von daher passt dieser großartige Text natürlich genau hierher. Ich kann nur jedem von ganzem Herzen empfehlen, sich diesen Artikel in seiner Gänze zu Gemüte zu führen, vor allem denjenigen, die in Reklame noch etwas Tolles, Informatives oder Nützliches sehen. Auf gestrenge und schonungslose Art entlarvt Lütkehaus die ganze hohle Fassade, die die Werbeindustrie gerne um ihre Worthülsen und Bildblasen auftürmt. Ich zitiere nur mal einige besonders schöne Passagen:

Reklame ist nicht Reklame, sondern “Werbung” oder gar “Information”: So will es die Reklame, welche die Reklame für sich selber macht. Denn selbstverständlich ist die Reklame in Wahrheit nichts weniger als Information. (…)

Früher, in den Zeiten, als es noch um die Wahrheit ging, hätten wir gesagt: Das Gegenteil der Wahrheit ist, abgesehen vom Schein, die Lüge. Heute sagen wir: das Gegenteil von Wahrheit ist die Reklame. Nicht im Sinn einer bewussten Täuschung. Gott bewahre, alle wissen ja, was gespielt wird, sondern in dem Sinn, dass der Reklame die Wahrheit gleichgültig ist, völlig gleichgültig. Wahrheit ist für die Reklame überhaupt keine Kategorie, kein Maßstab. Und auch mit der Schwundstufe der Wahrheit im Informationszeitalter: eben der “Information”, hat sie nur zu Desinformationszwecken zu tun.

(…) Die Reklame kann diese Funktion aber nur um den Preis erfüllen, dass sie nur selten etwas, meist wenig, oft gar nichts mit den Produkten zu tun hat, für die sie Reklame macht. Die spröde, aber präzise Sprache der Bundesrechtsanwaltsordnung hat das auf einen angemessenen Begriff gebracht. Sie definiert Reklame als “allgemeine Anpreisung ohne sachlichen Inhalt”. Die Ökonomie selber drückt das so aus, dass die Produktionskosten der Produkte ein Bruchteil ihrer Reklamekosten sind. Die Herstellung kostet fast nichts, die Vorstellung fast alles. Die Mär, dass die Reklame die Produkte billiger mache, ist eines der merkwürdigsten Kapitel der Reklame, die sie für sich selber macht. Reklame ist eine gigantische Verteuerungsanstalt. Und selbst, wenn der reklamegestützte Massenkonsum die Produkte verbilligen sollte, so ist es doch noch billiger, wenn niemand verbraucht, was niemand braucht. Kein Wunder, dass das Verhältnis der Reklame zur Wahrheit von Grund auf gestört sein muss. Sie darf gar kein Interesse daran haben. Hätte sie es, könnte sie die Überproduktionsgesellschaft nicht entsorgen.

(…) Weil Reklame aber kein Verhältnis zur Wahrheit der Dinge und zum Bewusstsein der Menschen hat und haben darf, höhlt sie auch jeden Glauben an die Glaubwürdigkeit der Menschen und Dinge aus. Sie ist das praktizierte System des Zynismus. Die Einübung in einen nur zu berechtigten General verdacht geht mit ihr einher. Die Versprechen, die sie macht, sind die Lehrmittel eines permanenten Misstrauenstrainings, die von ihr vermittelte Psychologie ist eine Entlarvungspsychologie. Als die Leerform schlechthin, die sich jeden Inhalt einbilden kann, bringt die Reklame alles mit allem und allen in Verbindung – weil sie mit nichts und niemand eine Verbindung hat. Am Ende ist alles Abfall, die Welt überführt in die Halde, die sie für die Reklame von Anfang an war. Der Rest ist Schweigen? Nein, der Rest ist Müll. (…)

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Kommentare: 11 | Grundlegendes,Reklame | Schlagwörter: , , , |

11 Kommentare »

  • Ja, Werbung ist schlimm, aber man kann sie meistens einfach übersehen. Ich denke sie ist wichtig, weil sie manchen Leuten Geld finanziert. Deshalb kann ALDI auch mit Werbeentzug drohen. In Werbung steckt Geld dass eigene Projekte finanzieren kann. Irgendwie besteht da ein Gleichgewicht. Egal wie hohl Werbung ist, mich störts bis jetzt nicht außer (außer die penetrante “Todestest”-Werbung)

    Comment | 25. September 2009
  • “Stören” oder nicht ist gar nicht der Punkt, es geht nicht um persönliche Befindlichkeiten oder Geschmäcker … lies Dir den Artikel mal komplett durch, und dann die Beiträge hier im Blog – Reklame schadet uns allen, der Gesellschaft, der Demokratie und Freiheit (wie Du schon schreibst, können Firmen ja mit Reklameentzug drohen und so unliebsame Berichterstattung beeinflussen). Die Zuführung des kompletten Daseins zur kommerziellen Verwertung und Anpreisung zersetzt letztlich das menschliche Miteinander. Und Reklame propagiert sinnlosen, zerstörerischen Konsum. Und und und, wie gesagt, ich habe im Blog ja schon diverse Grundsatzartikel zu der Problematik geschrieben. Schlimm finde ich letztlich auch, dass diejenigen, die Reklame produzieren, sich wie große Künstler und total geil vorkommen, und das, trotzdem sie eben so eine Scheiße machen…

    Comment | 25. September 2009
  • killergeneration, noch nie aufgefallen, wie stark Werbung/Branding mittlerweile Dein Leben durchdringt? Es geht nicht nur um die Fernsehwerbung, die man vorspult (soll mit der nächsten Generation von Empfangsgeräten nicht mehr möglich sein), die Werbung auf den Internetseiten (Adblock wird mittlerweile kreativ umgangen), die Trailer vor dem Kinofilm (für den Du eh schon ordentlich gelatzt hast). Schau Dir mal die Leute auf der Straße an. Wer keinen Anzug trägt, der hat ein T-Shirt an, auf dem GAP, Flying emirates oder Coca Cola steht. Den Leuten ist nicht mal mehr bewußt, daß sie sich selbst zu wandelnden Litfaßsäulen degradieren, weil soziale Zugehörigkeit über gemeinschaftliche Markentreue hergestellt wird. Werbung hat ihre soziale Identität schon in Markenzugehörigkeit transformiert.

    Comment | 25. September 2009
  • Ach ja, und glaube nicht, daß Werbung Dich nicht beeinflußt, weil Du darüber hinweglesen kannst. Ist mir mal erschreckend bewußt geworden, weil ich in Gedanken eine Straße entlanglief und plötzlich eine Melodie summte. Beim Nachdenken kam ich darauf, daß es ein Lied aus einem Autoverleihspot war. Ich schau mich um und sehe, daß ich gerade an einem jener Autoverleiher auf der anderen Straßenseite vorbeigegangen war. Mir war nicht mal bewußt geworden, daß ich auf die andere Straßenseite geschaut hatte! Dennoch hat in meinem Gehirn das Bild des Verleihers die Melodie aktiviert.

    Comment | 25. September 2009
  • Iritation

    @tschill

    sowas nennt man dann Audiologo. Und es stimmt: weghören kann man da schlecht und schnell hat eine marke ihr akustisches Äquivalent in dein Hirn eingebrannt. Congratulations!

    Comment | 23. Februar 2011
  • Pluto

    Wer wissen möchte wie Werbung funktioniert, sollte mal im Netz nach dem Wissenschaftler Pawlow suchen. Der hat vor ca. 80 Jahren einen Versuch über den Speichelreflex bei Hunden gemacht. Sehr interessant,kann man sicher auf den Menschen übertragen.

    Comment | 25. Februar 2011
  • Mr.Schlumpf

    Werbung als Pest zu begreifen ist, meiner Ansicht nach – naiv. Als BWL-er sollte der Webmaster es ja wissen. Hier sind riesige Fortschritte erzielt worden, so dass die Massen noch effektiver manipuliert werden können. Jedoch ist es auf dem Basar auch nicht anders, alles was diese Leute wollen ist ihre Produkte verkaufen (die nachteileige Aspekte werden dabei bewusst ausgeblendet und die Vorteile massiv hochgepriesen. Das ist normal und gut so!

    Das Traurige daran ist, das das Bildungniveau der durchschnittlichen Werbungskonsumenten es nicht erlaubt dabei zwischen Wahheit, halber Wahrheit und Lüge in der Werbung zu differenzieren. Doch das ist keinesfalls das Problem der Werbungsbranche, die machen ihren Job sehr gut, sondern eine Folge der Verblödung großer Teile der Befölkerung der Bundesrepublik. Die im Fernsehen dargebrachte “Informationen” (inklusive Werbung) werden dabei selten hinterfragt. Kritische Auseinadersetzung mit der Materie in Bezug auf ein beliebiges Thema (Recherche, das Verinnerlichen der unterschiedlichen Argumente aus mehreren Perspektiven und abschließende Bildung eigener Meinung) wird als “zu stressig” wahrgenommen.

    Macht man sich keinen “Stress” – hat man auch keine Gegenargumente parat und muss vorerst der Berieselung aus dem Glotzkasten, Bildzeitung oder anderswoher glauben schenken. Als kleines Beispiel seien hier die Schlankheitsmittel erwähnenswert. 10 Kilo in 2 Wochen durch zusätzliches Fressen abnehmen – lautet vereinfacht die Botschaft der Werbung. (Zahlen können abweichen, *zwinker*) Ein mehr oder minder intelligenter Mensch würde doch einfach schmunzeln und weitergehen. Personen ohne Vorkenntnisse in diesem Bereich, durch Schlankheitswahn der Gesellschaft angetrieben greifen zu diesen Mitteln. Bei ihnen geschieht die Wahrheitsfindung durch “Trial-And-Error-Prinzip”. Die Aufklärung in diese Richtung hat dazu beigetragen, dass die Umsätze dieser Industrie seit Jahren rückläufig sind. [Quelle: IMS OTC Report / Gesundheitsmittelstudie]

    Anstatt sich über die Werbung aufzuregen, sollte man den Menschen die grundsätzliche Mechanismen der Manipulation beibringen. Auf einen Trick, den man selber kennt, fällt man nicht rein. In diesem Sinne… *sich verbeug und von dannen mach*

    Comment | 16. August 2012
  • Mr.Schlumpf

    Danke fürs Löschen von meinem Kommentar :) Pluralismus ist hier scheinbar fehl am Platze.

    Comment | 17. August 2012
  • Hier ist nix gelöscht worden, ich war nur einige Tage nicht da und konnte die Kommentare deshalb nicht freischalten.

    Comment | 18. August 2012
  • Karl_Soest

    Die Werbung (Propaganda) wird auch von der Politk mittlerweile so genutzt, das sie schleichend überall vorhanden ist.
    Z.B. bei Spielen der Deutschen Fußballnationalmannschaft.
    Vor Jahren war es noch normal, daß in der Halbzeitpause die erste Hälfte des Spiels betrachtet und Nachkommentiert wurde von “Experten”. Danach folgte direkt die 2. Halbzeit. Nun wird in der Halbzeitpause die Nachrichtenpropagandamaschine angeschmissen, um den zahlreichen Puplikum zu vermitteln, wie toll doch alles sei und warum es nötig ist, daß die Regierung sparen und der Arbeitnehmer mehr zahlen muß.

    @Mr Schlumpf
    Das Durchschauen (oder nicht) der Werbung, ist nicht vom Bildungsniveau abhängig, man beachte wie viele aus der oberen Bildungsschicht als Modelitfaßsäule herumlaufen.

    Vollkommen Recht gebe ich Ihnen bei der (gezielten) Verblödung der Bevölkerung. Diese ist besonders bei jungen Menschen prozentual sehr hoch. Ich meine, das es nicht ungesteuert war.

    Comment | 19. Oktober 2012
  • Karl_Soest

    Ein Nachsatz.
    Ich bin nicht Grundsätzlich gegen Werbung. Z.B. wenn ich einer einer fremden Stadt bin, finde ich Hinweise was wo zu finden ist, hilfreich. Allerdings moderat.
    In Metropolen (z. B. New York, Berlin, Paris…) ist Werbung weder hifreich noch wegweisend. Sie ist desorientierent, fördert aggressives Verhalten und absolut verschandelnt.

    Comment | 20. Oktober 2012

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