Jun
21
2011

Ausbeutung für Bio-Ware

© dachadesig, stock.xchng

Hach, ist sie nicht schön, die wunderbare Vorstellung, dass man seine Einkäufe einfach nur auf „Bio“ umstellen muss, um sich politisch und ökologisch korrekt zu verhalten und dem Elend in der Welt ein Ende zu bereiten? Der Grundgedanke der LOHAS, also die Politik des Einkaufwagens, durch die man sich ein reines Gewissen erkauft, erscheint auf den ersten Blick auch nicht verkehrt – und es ist definitiv wichtig, darauf zu achten, was man konsumiert und welchen Unternehmen man sein schwerverdientes Geld in den Rachen wirft. Das ist ja auch eine der Grund„regeln“, die ich hier im Blog propagiere – Konzernen, die aktiv daran mitarbeiten bzw. deren Geschäftsprinzip es ist, die Umwelt zu zerstören, Abhängigkeiten zu erzeugen, Menschen und Tiere auszubeuten, nur um die eigenen Aktionäre zufrieden zu stellen, die die potentiellen Kunden mit irreführender Reklame behelligen und versuchen, sich mit Hilfe von aggressivem schönfärberischen Marketing und Lobbyismus Vorteile zu verschaffen, dürfen nicht noch für ihr Treiben dadurch belohnt werden, dass man auch noch ihre Produkte kauft. Das sollte eigentlich selbstverständlich sein – Globalisierungsgegner, die mit Nike-Sneakern an den Füßen und einer bei Lidl gekauften Coke in der Hand durch die Gegend ziehen, haben offensichtlich nicht so ganz zu Ende gedacht…

Der Ersatz von konventionellen durch Bio-Produkte im Einkaufskorb ist im Prinzip eine gute Sache und durchaus (oft) ein Schritt in die richtige Richtung. Aber: ganz so einfach ist es halt dann auch wieder nicht. Leider ist „Bio“ eben auch zu einem großen Markt, einem Geschäft geworden, das die Begehrlichkeiten der großen Firmen anzieht. Das aufgeweichte EU-Bio-Siegel hilft Großunternehmen und den großen Ketten wie den Discountern letztlich vieles beim Alten zu belassen und die industriellen Strukturen einfach auf den Bio-Bereich zu übertragen. So dass zuweilen dieselben Mechanismen greifen wie bisher, vor allem im sozialen Bereich. Das macht es leider schwierig, im Supermarkt blind auf Siegel zu vertrauen. Deutlich gemacht wurde mir dieses durch den Artikel „Bio-Exploitation“ in der neuen Ausgabe des Malmoe-Magazins, in dem es um die schlimmen Zustände der Arbeiter in der spanischen Biobranche geht. Spaniens Landwirtschaft ist eh nicht dafür bekannt, sonderlich nachhaltig zu sein und hat den Bio-Zweig nun auch als gewinnbringend für sich entdeckt:

Über die miserablen Arbeitsbedingungen für Landarbeiter_innen, die im industriellen Sektor der europäischen Gemüse- und Obstproduktion vorherrschen, wird bereits seit Jahren vielfach berichtet, sei es in Mainstream-Medien oder in unabhängigen und kritischen Zeitungen, blogs und Filmen. Dokus wie „We feed the world“ oder „Unser täglich Brot“ haben einem relativ breiten Publikum hinreichend deutlich gemacht, dass billiges Obst und Gemüse nicht ohne die Verfügbarkeit einer Reservearmee von hyper-prekären, meist migrantischen, oft illegalisierten Arbeiter_innen zu haben ist. Worüber bislang jedoch relativ wenig gesprochen wurde, ist die Tatsache, dass auch die arbeitsintensiven Sektoren in der biologischen Landwirtschaft, v.a. größere, exportorientierte Betriebe, oftmals nach derselben Logik funktionieren. (…)

Einziger Haken: In den Regelwerken für biologische Landwirtschaft finden sich keinerlei explizite Parameter in Bezug auf Arbeitnehmer_innenrechte. Regelwerke wie beispielsweise globalgap, die diese Aspekte aufgreifen, unterliegen keiner öffentlichen Kontrolle und wurden von Unternehmen selbst geschaffen. Sie sind die strategische Antwort der Supermarktketten auf Streiks und Widerstand in der industriellen Landwirtschaft sowie auf Kampagnenarbeit gegen die Einkaufspraxis der Großverteiler – nicht viel mehr als ein Feigenblatt.
Vor dem Hintergrund dieser Situation ist es nicht allzu verwunderlich, dass in einem Bio-Großbetrieb in Almería aktuell ein Arbeitskampf ausgebrochen ist, bei dem marokkanische und rumänische Arbeiter_innen um ihre Wiedereinstellung bzw. um bessere Arbeitsbedingungen und höheren Lohn kämpfen. (…)

(…) Doch – wie oft in ähnlichen Fällen – ist dies nur die Spitze des Eisbergs: Die Arbeiter_innen berichteten der SOC von einer Reihe von Verstößen: Nicht-Einhaltung des kollektivvertraglichen Lohns, oft Arbeitszeiten von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts bei gleichzeitiger Vorenthaltung des Überstunden-Zuschlags, automatischer Abzug des Lohns für eine halbe Stunde, wenn eine Pause von mehr als fünf Minuten eingelegt wurde. Des Weiteren Akkordarbeit in den Abpackhallen und Androhung, hinausgeschmissen zu werden, wenn eine bestimmte Quantität nicht erreicht wurde. Heben von 20 Kilogramm schweren Kisten, auch für schwangere Frauen.
Zwar sind aktuell auf Druck der SOC sechs Arbeiter_innen wiedereingestellt worden, allerdings mit der Auflage, ein Papier zu unterzeichnen, dessen Inhalt ihnen nicht erklärt wurde. Es hatte zum Inhalt, dass die Unterzeichnenden sich vollständig von jeglicher gewerkschaftlichen Betätigung distanzieren sowie gegen den Erhalt einer gewissen Summe an Geld auf Abfindungs-Zahlungen verzichten. (…)

Übrigens hat auch Dorian Cantzen in der letzten Ausgabe des Berliner Magazins Berglink einen interessanten Artikel zu den Arbeitsbedingungen bei der Bio-Supermarktkette Bio Company geschrieben (hier online abrufbar), der zeigt, dass selbst bei Bioketten zuweilen erschreckend niedrige Stundenlöhne gezahlt werden, um die eigene Rentabilität zu sichern (auch wenn der Artikel gerade zu Beginn unpassend reißerisch von „noch schlimmeren Arbeitsbedingungen als bei Discountern“ schreibt, ganz zum Schluss jedoch klar stellt, dass es sich nur um den auf dem Papier stehenden Lohn, nicht um die Arbeitsbedinungen als Ganzes handelt; wie diesbezüglich die Realität bei Discountern ausschaut, ist bekannt…).

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14 Kommentare »

  • http://www.youtube.com/watch?v=KbkezEOMIHE NDR Panorama hat auch zum teilweisen Etiketten-Schwindel bei “Bio” berichtet
    MfG

    Comment | 21. Juni 2011
  • FDH

    Beim Thema Bio sollte man nicht nur das Produkt betrachten sondern auch alles was damit zusammenhängt. Das dürfte die meisten Menschen wohl überlasten. Ich persönlich halte das für Etikettenschwindel.

    Comment | 21. Juni 2011
  • Es geht mir hier mitnichten darum, Bio als grundlegenden Etikettenschwindel zu deklarieren (so wie es ja manche “Verschwörungstheoretiker” gerne tun, die generell alles, was einen nachhaltigen und pfleglichen Umgang mit den Ressourcen bedeutet, für Teufelszeug halten (also diejenigen, die gerne von “Ökofaschismus” u.ä. faseln)), sondern darauf hinzuweisen, dass man sich mit dem Kauf von Bio-Produkten nicht zurücklehnen kann, nach dem Motto “Ich habe alles getan, was ich konnte, um die Welt zu retten”. Man muss eben genauer hinschauen, nicht alles, was “Bio” ist, ist auch wirklich so viel besser in seinen Gesamtauswirkungen als konventionelle Ware. Traurigerweise heißt Bio halt nicht zwingend, dass auch die soziale Komponente besser ist als beim konventionellen Hersteller, und je größer der dahinter stehende Konzern, desto eher greifen auch die normalen Mechanismen der Märkte, mit all ihren negativen Begleiterscheinungen. Trotzdem, wenn man weiß, mit welchen Mitteln in der Lebensmittelindustrie gearbeitet wird, wie sehr man dort trickst, wieviele künstliche Aromen etc. zum Einsatz kommen, nur um etwas schön billig zu halten, ist Bio sicher die vernünftigere Wahl.

    Comment | 21. Juni 2011
  • Schwabe

    Hi Peter,

    in Kiel un Umgebung gibt es doch sicherlich bäuerliche Betriebe die ihre Erzeugnisse selbst vermarkten – da kauft man relativ sicher ein. Dennoch wie behandelt er seine Saisonkräfte?

    Comment | 21. Juni 2011
  • exakt meine Meinung! :)
    man stelle sich mal vor, dass Nestlé in England einen KitKat-FairTrade-Riegel rausgebracht hat.
    Einerseits natürlich immerhin ein Fortschritt und eine Alternative im eigenen Sortiment … andererseits wohl auch ein Prestige-Projekt mit Tendenzen zum Greenwashing.
    Dass trotz solcher Initiativen dann bei so einem Unternehmen immer noch Kindersklaverei querfinanziert wird, sollte jedem bewusst sein.

    Comment | 21. Juni 2011
  • FDH

    Lieber Peter,

    nur weil ich meine Tomaten selbst anpflanze bin ich kein “Verschwörungstheoretiker”. Radikale Ökonomie und biologische Nahrungsmittelproduktion sind nicht vereinbar. Kein Bauer wird damit langfristig wirtschaftlich überleben können. Lagerung, Transport, Zeitaufwand, Ernetausfälle, Energiekosten sind mit dem Label “Bio” nicht vereinbar und somit Etikettenschwindel.

    Comment | 21. Juni 2011
  • Das habe ich auch nicht behauptet, dass Du ein VTler seist :-) Ich meinte ja die Typen, die von „Ökodiktatur“ labern (gerne in gewissen Foren), weil z.B. Geschwindigkeitsbgrenzungen eingeführt werden sollen oder Ähnliches. Solche Leute halten „Bio“, also Nahrungsmittelerzeugung mit weniger Gift usw. usf. generell für Betrug und kaufen dann lieber den Dreck bei Aldi…

    Comment | 21. Juni 2011
  • FDH

    Ach die ignoriere ich schon seit längerem. Die kommen so hauptsächlich aus der konservativen Ecke. Erstaunlicherweise greifen sie dann doch am Ende nach dem Biozeug. Die großen Konzerne stehen halt nicht nur für Gift, sondern auch für wirtschaftlichen Erfolg. Und Geld, Macht und Reichtum ist für viele Menschen ein erstrebenswertes Lebensziel.

    Ich persönlich versuche meine Zeit und Arbeitskraft in Lebensqualität zu investieren und andere daran teilhaben zu lassen.

    Comment | 21. Juni 2011
  • Schwabe

    Hallo FDH,

    warum so pessimistisch – nicht jeder hat das Glück einen Garten hinterm Haus zu haben.

    http://www.agrarheute.com/biobauern-deutschland

    Landwirtschaftliche Bio-Erzeugnisse Etikettenschwindel zu unterstellen ist ziemlich krass. Bio-Höfe werden kontrolliert und die Anbauflächen müssen strengste Auflagen erfüllen. So von heut auf morgen wird aus einem überdüngten Acker kein Bio-Land. Das bedarf jahrelanger Vorarbeit und Nutzungsplanung.

    Aber weißt, die Waren wo aus Übersee stammen – da trägt die bezeichnung Bio fast etwas absurdes an sich – Bio unter hohen Wasserverbrauch erzeugt ( z. B. Israel/Wüstenoasen) plus hoher Aufwand/Energieverbrauch für den Transport. Kann man so etwas mit reinem Gewissen noch als Bio deklarieren?

    Comment | 21. Juni 2011
  • Düdum Didai

    Ob es jetzt um Biolebensmittel oder nachhaltigen Konsum im allgemeinen geht: verantwortsbewusst handeln heißt achtsam handeln. Dass heißt auch wenigstens ab und zu ganz genau hin zu schauen:

    - Wie geht es den Menschen, die tagtäglich um mich herum sind?

    - meinem Nachbarn? der Arbeitskollegin? der Kassiererin an der Supermarktkasse?

    Diese scheinbaren Kleinigkeiten sind ein wichtiges Trainingselement hin zu allgemeiner Achtsamkeit, zur Achtung vor der Arbeit anderer. Mit der Achtung geht angemessene Entlohnung/Gegenleistung einher. Im Orient gibt es einen sehr vielsagenden Begriff für das im Westen “tote” Wort “EINKAUFEN”. Man sagt dort: ich gehe “Nehmen-und-Geben”. Damit wird in einem Alltagsbegriff ganz klar ausgedrückt, dass ich etwas bekomme und im Gegenzug dafür geben muss. Ansonsten ist das nicht mehr einkaufen sondern widerrechtliches Aneignen, Ausbeuten… Nicht dass die Gesellschaften dort besser, menschlischer wären. Sich des Nehmens-und-Gebens, auch beim Einkauf im Supermarkt bewusst zu sein, hilft aber vielleicht ein bischen dabei mit wacheren Sinnen zu konsumieren. Und darum geht es doch schlussendlich. Der Anspruch alles bis ins letzte kontrollieren zu können, bevor wir es uns in den Mund schieben oder in die Wohnung stellen, ist eine Illusion. Menschen, die diesen Weg gehen, landen meist in der Klapsmühle, weil sie sich damit schlicht und einfach körperlich, seelisch und emotional überfordern.

    Comment | 22. Juni 2011
  • Schwabe

    Lieber Düdum Didai

    Dein Kommentar gefällt mir ausgesprochen gut – er zeigt wie kein anderer hier wie sehr wir Menschen aufeinander angewiesen sind. Alles was wir tun, denken und fühlen wirkt sich aus -> direkt oder indirekt. Ohne dass ich jetzt auf die Verschiedenheit der Kulturen näher eingehen möchte – ihr habt den Vorteil dass ihr in der Familie noch stark gebunden seid. In den Industrieländern sind die Menschen durch Arbeit, Stress, Druck und Drill fast zu Einzelgängern mutiert – die nach mehr Menschlichkeit und Zuwendung hungern, sie aber selbst nicht mehr geben können- weil ausgelaugt und kraftlos sind. Arbeitsdruck und Zwang zu funktionieren macht alles kaputt- auch die Seelen. Letztendlich kann so eine ganze Gesellschaft aufgelöst werden- nicht umsonst sinkt die Geburtenrate immer weiter und die Jugendgewalt steigt. Geld und Reichtum alleine und die krampfhafte Jagd nach ihnen, machen nicht glücklich ….
    „- Wie geht es den Menschen, die tagtäglich um mich herum sind?
    - meinem Nachbarn? der Arbeitskollegin? der Kassiererin an der Supermarktkasse?“
    Ich finde, damit hast du die zentralsten, wichtigsten Fragen des menschlichen Daseins in Kurzform herübergebracht. Bravo!
    Im Konsumverhalten – ob Bio oder nicht – wird niemand die Antwort finden Nur in uns selbst und im Umgang miteinander werden wir es erkennen und Lehren daraus ziehen, uns dadurch bewusst verändern können und dabei wachsen – hoffentlich…

    Und wer sich diesen Fragen stellt und Achtsamkeit und Zwischenmenschliche Liebe/Zuwendung anwendet wird reicher sein als der reichste Supermilliardär auf dieser Welt!

    Folge deinen Gedanken

    Herzliche Grüße
    Schwabe

    Comment | 22. Juni 2011
  • [...] Beitrag auf dem konsumpf blog. Thema: Aubeutung in der Bio-Branche und Kritik an den [...]

    Pingback | 22. Juni 2011
  • Klasse Beitrag! Auf das die Selbstheilung der Branche einsetzen möge ;-P

    Comment | 22. Juni 2011
  • Schon vor Erscheinen des Berglink-Artikel hatten wir die Entscheidung getroffen, die Aushilfslöhne auf 7,50 anzuheben. Das ist nun seit 2 Monaten umgesetzt. Boni und Gehaltserhöhungen standen wegen der guten Entwicklung 2010 ohnehin an und davon partizipierten 2011 im Frühjahr 152 Mitarbeiter/-innen. Lässt es die wirtschaftliche Entwicklung zu, wird es im Herbst auch weiter gehen mit Gehaltserhöhungen.

    Comment | 23. Juni 2011

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