Jan
02
2012

Lesetipps: Zwangsbeschallung | Deutschland wird amerikanischer | Lernatlas | Gier nach Soja | Kopp

Also erst einmal ein frohes neues Jahr all meinen Lesern – ich hoffe, Ihr seid gut in 2012 gelandet. Relativ unspektakulär möchte ich das Jahr mit einigen Lesetipps beginnen, die mir in der letzten Zeit ins Auge stachen. Beispielsweise der Artikel „Deutschland wird immer amerikanischer“ aus dem Spiegel. Nein, es geht nicht um die weitere Ausbreitung amerikanischer Filme und Serien oder anderer Produkte und Konsummuster – die ist ja schon so weit vorangeschritten, das man sie nicht mehr gesondert kommentieren muss. Autor David Böcking bezieht sich hier eher darauf, dass die soziale Ungleichheit ganz nach US-amerikanischem „Vorbild“ auch hierzulande immer stärker zunimmt:

Das oberste Zehntel der Bevölkerung verdient achtmal so viel wie das unterste: Laut einer OECD-Studie haben die Einkommensunterschiede in Deutschland so stark zugenommen wie in kaum einem anderen Industrieland. Die soziale Kluft nähert sich damit den Verhältnissen in den USA an.

(…) Spitzenplätze in Ranglisten der OECD sind normalerweise ein Grund zur Freude. Doch in einer neuen Untersuchung der Industrieländer-Organisation nimmt Deutschland eine wenig schmeichelhafte Top-Position ein: Demnach ist die Ungleichheit bei der Einkommensverteilung unter deutschen Arbeitnehmern stärker gewachsen als in den meisten anderen OECD-Ländern. (…)

Der wichtigste Grund ist die unterschiedliche Entwicklung der Löhne und Gehälter. So stieg das reale Haushaltseinkommen der untersten zehn Prozent in Deutschland zwischen Mitte der achtziger Jahre und Ende des vergangenen Jahrzehnts jährlich um gerade einmal 0,1 Prozent. Die oberen zehn Prozent verbesserten sich dagegen um durchschnittlich 1,6 Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich betrug die Veränderung beim unteren Zehntel 1,6 Prozent, beim oberen 1,3 Prozent. (…)

Passend dazu gehen die NachDenkSeiten kritisch auf die Ergebnisse des „Deutschen Lernatlas“ ein, der von der Bertelsmann Stiftung gefördert wird und dessen zum Teil sehr dubiose Aussagen von deutschen Medien wie dem Spiegel gerne (unkritisch) verbreitet werden – „Der Spiegel vermarktet die Bertelsmann Stiftung – ‚Deutscher Lernatlas‘ stellt den Zusammenhang von Bildung und Wohlstand auf den Kopf“:

„Wo die klugen Deutschen leben“, das ist die Titelgeschichte des aktuellen Spiegels. Und diese Geschichte beherrschte gestern die Schlagzeilen. Den ganzen Tag über konnte man in den Nachrichtensendungen und Nachrichtenagenturen vernehmen: „Deutliches Bildungsgefälle in Deutschland“ oder „Deutliches Süd-Nord-Gefälle“.
So entstehen Schlagzeilen: Der Spiegel – nach wie vor eine der maßgeblichen medialen Entscheidungsinstanzen dafür, welche Nachrichten in anderen Medien verbreitet werden – bekommt „exklusiv“ ein paar Tage vor Veröffentlichung durch die Bertelsmann Stiftung selbst deren neueste „Studie“ [PDF - 10 MB] vorab zugeschanzt und macht mit einer reißerischen Schlagzeile auf – und nahezu alle anderen Medien schreiben ab und übernehmen die Botschaft blind. (…)

Für diese Vermischung von PR und Journalismus, liegt der Grund ziemlich nahe: die Bertelsmann AG hat 74,9 Prozent der Anteile am größten europäischen Magazinhaus Gruner + Jahr und G+J hat wiederum eine Sperrminorität von 25,25 Prozent beim Spiegel-Verlag. So wäscht eben eine Hand die andere, der Spiegel erhält eine reißerische und auflagensteigernde Exklusiv-Meldung und die Bertelsmann Stiftung kann ihr Image als Bildungsförderer aufpolieren.

Dass diese „Bildungs-Studie“ steuerbegünstigt aus den Gewinnen des Bertelsmann Konzerns finanziert wurde, ist dem Spiegel natürlich nicht einmal einen Nebensatz wert. Selbstverständlich gibt es auch keinen Hinweis darauf, dass die Bertelsmann-TV-Tochter, RTL, mit rund 300 Millionen Euro drei Viertel zu den Mehreinnahmen und damit den Löwenanteil zum Gewinn des Mutter-Konzerns von 665 Millionen Euro beitrug. (…)

Da plädiert die Stiftung für „soziales und persönliches Lernen“ und ihr Finanzier, der Konzern, verdient dreistellige Millionenbeträge an einem Schmuddel-Sender. Dessen Erfolgsrezept besteht nun wirklich nicht in der Förderung von „sozialem und persönlichem Lernen“. Im Gegenteil, die Einschaltquoten speisen sich überwiegend aus Gewalt darstellenden oder aus halbseidenen Filmen, vor allem aber aus täglichen sog. Doku-Soaps in denen Kindern und Jugendlichen asoziales Verhalten geradezu gelehrt wird. Durch verdummenden Fernsehkonsum der RTL-Programme werden junge Menschen vom „persönlichen und sozialen Lernen“ gezielt abgehalten. (…)

Bertelsmann und dem Spiegel gelingt es den Zusammenhang von Bildung und Wohlstand von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Nicht der Wohlstand ist eine gute Voraussetzung für Bildung, sondern umgekehrt: Es wird Lernen „als Mittel zum Zweck“ betrachtet, als die Möglichkeit, „das soziale und wirtschaftliche Wohlergehen“ einer Region zu steigern. Motto: Ihr Schülerinnen und Schüler im Ruhrgebiet lernt und bildet euch besser, geht in die Bergmannskapellen und in die Freiwillige Feuerwehr oder wenigstens in den Kirchenchor, dann könnt ihr Eure Region wieder vorwärts bringen und „glücklich und reich“ werden. (…)

Um viel Getöse im direkten Sinne geht es auch bei der österreichischen Initiative Beschallungsfrei – denn moderne Reklame und Marketing behelligen die Bürger nicht nur mit ihren visuellen Zumutungen, indem der gesamte öffentliche Raum mit Werbebotschaften zugepflastert wird, sondern sie nervt auch mit Dauerberieselung in Kaufhäusern und Supermärkten, der man kaum entkommen kann (es sei denn, man bleibt zu Hause). Im Auftragselfe-Blog wurde ich auf die löbliche Aktion gegen diese Zwangsbeschallung aufmerksam gemacht – „Zwangsbeschaller 2011“:

Musik ist wunderbar, aber muss sie überall sein? Vor allem sollte selbst gewählt werden können, wann man welche Musik hören möchte. Da wir die Ohren nicht verschließen können, sind wir zum Hören verurteilt – und müssen an vielen Orten Musik hören, die uns nicht gefällt und um die wir nicht gebeten haben. Was wäre, wenn wir täglich ungebetenerweise so viel in den Mund gestopft bekommen würden wie in die Ohren?

  • Beschallung ist keine Selbstverständlichkeit, und niemand hat das verbriefte Recht, Sie mit Hintergrundmusik zu beschallen.
  • Jede Form von Zwangsbeschallung ist ein Akt der Bevormundung – sowohl prinzipiell als auch unseren Geschmack betreffend.
  • Wird auf die Wehrlosigkeit unserer Ohren bewusst zur Manipulation mit Musik eingesetzt, ist das eine Verletzung unserer körperlichen Souveräntität und damit an der Grenze zur Menschenrechtsverletzung.
  • Dauerbeschallung macht nachweislich krank. Das Verschwinden von Ruhezonen und Ruhezeiten ist Hauptursache für die rapide Verbreitung von Hörproblemen.
  • Dauerbeschallung trägt zur Reizüberflutung bei, unter der besonders unsere Kinder leiden. Diese Reizüberflutung ist ein Mitauslöser von Konzentrationsschwächen und Hyperaktivität.

Eigentlich sollte es mittlerweile allgemein bekannt sein (zumindest bei den Stammlesern meines Blogs), dass Fleischkonsum der Umwelt erheblichen Schaden zufügt (vom Leid der Tiere mal ganz zu schweigen), insbesondere dadurch, dass für die Fütterung der Tiere gewaltige Mengen an vor allem Soja angebaut und durch die halbe Welt geschippert werden müssen. Dennoch ist es wohl noch nicht überall angekommen, von daher sind Artikel wie der von Dirk Asendorpf  in der ZEIT nach wie vor wichtig zur Aufklärung des angeblich so mündigen Konsumenten – „Unsere Gier nach Futter – Das Beispiel Soja: Wie Europas Appetit auf Fleisch globale Umweltschäden verursacht“:

(…) Gleichzeitig werden in Europa aber kaum noch Eiweißpflanzen angebaut. Einheimische Hülsenfrüchte wie Erbsen, Ackerbohnen oder Lupinen sind teurer und als Tierfutter nicht so gut geeignet wie Soja. Die Sojabohne hingegen wird in Europa einzig in Italien und Rumänien in größeren Mengen geerntet. Die EU deckt ihren Bedarf an Eiweißpflanzen zu 80 Prozent aus Importen. Diese »Eiweißlücke« der Europäer stellt ein massives globales Problem dar.

In den USA, dem größten Erzeuger und Exporteur, wächst genveränderte Soja in riesigen Monokulturen, die mit Millionen Hektolitern Herbiziden wie Roundup unkrautfrei gehalten werden. In Brasilien hat der Sojaboom zum Abholzen von mehr als einer Million Hektar Regenwald geführt. Und in Europa fehlen heute die Hülsenfrüchte (Leguminosen). Früher waren die Leguminosen sehr wichtig, weil sie Stickstoff aus der Luft aufnehmen und im Boden lagern. Das erspart Mineraldünger – und verbessert nebenbei die Klimabilanz. So könnten Leguminosen den Ausstoß an Treibhausgasen um fast zwei Drittel senken. Bloß werden sie heute kaum noch berücksichtigt, wenn es um die Abwechslung verschiedener Pflanzen auf einem Feld geht, der sogenannten Fruchtfolge. (…)

(…) Sinnvoller wäre es, Tiere nur noch auf Weideland zu halten und nicht im Stall mit wertvollem Kraftfutter zu mästen. Dann hätten wir zwar nur noch einmal wöchentlich Fleisch auf dem Tisch, doch die globale Landwirtschaft könnte dreieinhalb Milliarden Menschen zusätzlich satt machen. Trautz formuliert es so: »Würden wir uns gesund ernähren, hätten wir auch keine Eiweißlücke.«

Oder eben ganz auf Fleisch zu verzichten.

Es kann eigentlich kaum ausbleiben, wenn man im Netz im Bereich der „alternativen Medien“ herumstöbert – früher oder später stößt man auf sonderbare Seiten mit ausländerfeindlichen, „klimaskeptischen“ und generell sehr unangenehm kämpferisch gehaltenem Grundtenor. Auf solchen Sites sind Anzeigen und Autoren und Bücher aus dem Kopp-Verlag dann in der Regel nicht weit. Ein Blick auf die Verlagsseite macht deutlich: Da kann man sich wirklich oft nur an den Kopp fassen, wenn man sieht, was für teils krauses, teils hoch bedenkliches (weit rechts außen stehendes) Zeug dieser Verlag so verbreitet. Die Linke Zeitung hat sich in einer umfangreichen kostenlosen pdf-Broschüre einmal die Arbeit gemacht, die Hintergründe des Verlags und seiner Autoren zu durchleuchten – „KOPP-Verlag – Quatsch mit brauner Soße“:

Anlässlich des 11. Septembers haben wir eine Entschwörungs-Broschüre zum Rottenburger KOPP-Verlag herausgebracht. Bewerbung und Weiterverwendung oder kritische Rezension dieser Aufklärungs-Broschüre zum KOPP-Verlag sind gerne gesehen.

Ist der Rottenburger KOPP-Verlag nun ein rechtspopulistischer Verlag oder „nur” ein reaktionärer?
Der Charakter des KOPP-Verlags in Rottenburg ist schwierig zu bestimmen. Das liegt auch an der Bandbreite der Bücher, die im KOPP-Verlag erscheinen. Die Bücher des KOPP-Verlages sind irgendwo zwischen UFOs, Komplott-Theorien, Sensationismus, Rechtspopulismus und „Revisionismus” angesiedelt.
Schwerpunkte des KOPP-Verlages sind dabei Verschwörungsmythen, welche eine „Säkularisierung religiösen Aberglaubens” (Karl Popper) darstellen. (…)

Wir hoffen im Folgenden zeigen zu können, was der KOPP-Verlag ist und warum man sich ihm kritisch widmen, und sich ihm und den von ihm vertretenen Ideologien entgegen stellen sollte.

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15 Kommentare »

  • stoxx

    Eigentlich schade, Ihr bedient euch der gleichen Hetze wie die Staatsmedien.

    Comment | 2. Januar 2012
  • changemaker

    @stoxx

    Deine Äußerung erinnert mich stark an die von FPÖ-Fans in Österreich.
    Kritische Stimmen, Anmerkungen und Analysen werden auch von denen oft mit “richtig guten” Argumenten widerlegt:
    Indem sie jeden, der ihnen kritisch gegenübersteht, und der es wagt, öffentlich Kritik zu äußern, der H e t z e bezichtigen.

    Der Vorteil der Methode: Durch eine solche Vorgangsweise erspart man sich die langwierige Suche nach stichhaltigen Gegen-Argumenten – manchmal gibt es auch keine – dann ist die Methode besonders hilfreich.

    Schade finde ich, dass diese Art, einen Dialog durch Untergriffe zu beenden, eine verpasste Gelegenheit ist – man könnte im Gespräch mit Andersdenkenden sein Bewusstsein bzw. den eigenen Horizont erweitern. Und zur Kenntnis nehmen, dass die “Übermenschen” bzw. “Alleschecker”, denen man glaubt, eben auch Ecken und Kanten und Risse haben.
    Ich vermute mal: Umso mehr, je absoluter ihr Denken sich präsentiert und je aggressiver sie auf Kritik reagieren.

    Comment | 3. Januar 2012
  • Zum Thema Soja:
    http://www.youtube.com/watch?v=LKYTl1B7D3c&feature=related

    Comment | 3. Januar 2012
  • Mr M with a B

    vielen Dank für den “Kopp-Artikel”!
    Ich hab’s ja seit jeher geahnt, dass da extrem rechte & rechtskonservative (und konservativ-paranoiker) Hohlbirnen mitmischen.
    Vor einiger Zeit machte der Kopp-Verlag ja noch Werbung für ein Buch, das den elitären deutschen Stammtischlern das Gefühl geben sollte, zu Adolfs Zeiten war alles besser… hab leider vergessen / verdrängt wie dieser Schund hiess.

    Und die völlig unkritische Vermarktung und Werbung für Sarrazins Nazi-Buch liess sich der braune Verlag auch nicht nehmen!

    Jetzt hat man endlich einmal mehr Fakten zur Hand, wenn man irgendwelchen Berufsparanoikern erklären will, wieso man liebend gern auf “Nachrichten” aus dem “an-den-Kopp-fass-Verlag” ignoriert.

    Der lange Kommentar auf der Seite hat’s treffend auf den Punkt gebracht:
    “Eingebettet sind diese eigentlichen, rechte Ideologie transportierenden Artikel in eine Fülle von Meldungen, die nichts anderes tun als das zu schreiben was alle Mainstreamedien auch schreiben, also copy-paste von Agenturmeldungen.”

    Comment | 4. Januar 2012
  • gnu

    Schade, dass die Fragen zum 11. September gleich wieder in eine Ecke mit UFOs, Komplott-Theorien, Sensationismus, Rechtspopulismus und Revisionismus gestellt werden.

    Bis heute sind die Täter des 11. Septembers 2011 nicht in einem ordentlichen Gerichtsverfahren verurteilt worden. Bis heute werden Kriege gegen die angeblich Schuldigen geführt. Bis heute gab es keine vernünftige Untersuchung, aber viele Vertauschungsmanöver. Auch wir sollten unsere Regierung nicht mit so einer Schlamperei davon kommen lassen. Schließlich wird der 11. September ja als Grund für unser Beteiligung im Afghanistankrieg angeführt.

    Comment | 6. Januar 2012
  • @ gnu:

    Soweit ich das übersehe, hat hier doch niemand “die Fragen zum 11. September” in eine solche rechte Ecke gerückt. Allein die Tatsache, dass auch der Kopp-Verlag – wie unzählige andere Verlage auch – auf dieses Thema aufgesprungen ist, rechtfertigt ja keine generelle Einordnung des Themas. Hier geht es um den Verlag – und der ist eben genau so, wie das im verlinkten Beitrag dargestellt ist.

    Zum 11. September gibt es inzwischen längst auch seriöse historische Forschung jenseits der Verschwörungstheorien, wie beispielsweise die Arbeiten von Daniele Ganser. Vgl. hier:

    http://derstandard.at/1315005504773/911-Bundesstaaten-koennten-Neuuntersuchung-einleiten
    http://edvan.fadeout.ch/ref/?customerId=30&channelId=189&broadcastId=1379&wide=

    Comment | 9. Januar 2012
  • gnu

    @Charlie und alle Leser von “Kopp Verlag:Quatsch mit brauner Soße”

    Im verlinkten Dokument (Kopp Verlag: Quatsch mit brauner Soße) seht, dass der Verlage z. B. “Verschwörungsliteratur zum 11.9.2001″ vertreibt.

    Auf Seite 15f dann:
    >>Verschwörungsmythen sind das Kern-Geschäft des KOPP-Verlages. Die meisten der KOPP-Bücher, aber auch die KOPP-Nachrichten oder die Online-Artikel beinhalten Verschwörungsfantasien. [...] Der 11.09.2001 markiert für Kulla eine wichtige Zäsur, für ihn ist der 11. September ein „Einfallstor für Verschwörungsdenken in weite Teile der Öffentlichkeit“. Und das ist gefährlich, wie die Geschichte beweist. Denn mit Hitler und seinen Anhänger_innen
    sind 1933 Personen an die Macht gekommen, die fest an eine „jüdische Weltverschwörung“ glaubten.<<

    Eine so verdrehte und falsche Argumentation ist mir schon lange nicht mehr untergekommen. Da wird die Kritik zur Aufklärung des 11.9.2001 (Verschwörungstheorie) mit der Beihilfe zur Naziherrschaft verbunden. Der Argumentationsfehler liegt dabei schon in der Grundannahme: die Naziherrschaft begründete sich auf den Glauben an eine nicht vorhandene Verschwörung (Judenverschwörung). Das ist aber falsch. Die Naziherrschaft gründete (dank Göbbels & Co) darauf, dass sich die Bürger einlullen ließen, dass sie eben nicht nachfragten und das nur wenige den Mut ergriffen sich gegen das System zu stellen. Am Beispiel des Überfalls auf Polen sieht man, dass hier keine Verschwörung benötigt wurde ("Seit 5.45 Uhr wird zurückgeschossen"), sondern die Bevölkerung schlicht belogen wurde und sich leider auch belügen lies. Die kritische Untersuchung der Kriegspropaganda ist heute genauso wichtig wie zu Hitlers Zeiten.

    Ein Autor der die Kritik an Kriegspropaganda als Beihilfe zur Naziherrschaft darstellt ist für mich einfach ein Trottel.

    Comment | 11. Januar 2012
  • @ gnu: Na, da hast Du Dir dann ja schön ein Einzeldetail rausgepickt. Dass der Kopp-Verlag geschichtsrevisionistische und rechte Ansichten vertreibt, ist leider nicht zu übersehen, dazu genügt ein Blick auf deren Website. Damit ist der Verlag dann für mich auch gestorben. Schade, dass dadurch selbst wirklich nachdenkenswerte Themen in dieses Umfeld hineingezogen werden bzw. alles zu so einer ununterscheidbaren Mixtur vermengt, wie man sie auch auf vielen VT-Blogs finden kann, wo Chauvinismus, Islamhass, Nationalismus etc. fröhliche Urstände feiern – alles garniert mit Theorien zum 11. September und dem Geld- und Goldsystem. (Ohne dass letztere automatisch etwas mit der rechten Szene oder rechtem Gedankengut zu tun hätten, wohlgemerkt.) Dass die Broschüre über Kopp auch nicht das Gelbe vom Ei ist, hatte ich ja bereits in meinem Artikel angemerkt, wenngleich sie den Finger auf diverse Wunden bei dem Laden legt.

    Ansonsten hast Du natürlich Recht, dass man gut daran tut, die „offiziellen Verschwörungstheorien“, also die Storys, die einem Regierungen erzählen und glauben machen wollen, kritisch zu hinterfragen.

    Comment | 11. Januar 2012
  • @ gnu:

    Ich finde die Broschüre über den Kopp-Verlag sehr gut – und auch die Passage, die Du oben zitiert hast, widerspricht doch den Fakten nicht. Dort steht ja nicht, dass der weit verbreitete Glaube an eine “jüdische Weltverschwörung” URSÄCHLICH für den Beginn des Nazi-Terrors war. Tatsächlich war die Propaganda von dieser “Verschwörung” damals sehr massiv und der Glaube daran in der Bevölkerung weit verbreitet – faschistische Parolen wie “Die Juden sind unser Unglück” sind ja hoffentlich noch bekannt.

    Auch in dieser Broschüre wird ja nicht der 11. September an sich behandelt, sondern die Instrumentalisierung dieses Themas durch die Rechten. Und die findet tatsächlich überall statt – das kann man nicht nur am Beispiel des Kopp-Verlages sehen, sondern auch auf unzähligen “Infokrieger”- und anderen Seiten im Netz, die sich im rechten Randbezirk tummeln. Bestes Beispiel aus den USA ist Alex Jones, der die Ungereimtheiten rund um den 11. September einzig dafür benutzt, seine ultrarechten Gedanken populär zu machen.

    Wenn Du tatsächlich glaubst, im rechten Dunstkreis so etwas wie “Aufklärung” zu finden – egal zu welchen Themen -, bist Du der rechten Propaganda bereits auf den Leim gegangen. Ich empfehle Dir in Bezug auf 9/11 noch einmal den oben verlinkten Vortrag von Daniele Ganser von der Universität Basel – dort bekommst Du seriöse und dennoch kritische Informationen zum Thema. Auch wenn der Vortrag in Englisch gehalten wurde, ist er für Deutsche sehr gut verständlich.

    Übrigens ist auch Deine Annahme, die Naziherrschaft sei auf durch Propaganda “eingelullte Bürger” gegründet gewesen, nicht korrekt. Die faschistische Propaganda lief ja erst zu Höchstformen auf, als die Nazis bereits an der Macht waren – vorher gab es noch Gegenwehr, wie man z.B. an der “Weltbühne” und vielen anderen antifaschistischen, kritischen Zeitungen und Büchern der 20er und frühen 30er Jahre sehen kann, die ab 1933 dann verboten waren. Alle Hintergründe hier zu erläutern, würde den Rahmen völlig sprengen – es gibt aber gute Literatur dazu (allerdings nicht aus dem Kopp-Verlag *g*). Verkürzt kann man diesbezüglich aber festhalten: Die damaligen Finanzeliten (nicht nur aus Deutschland, sondern international, vor allem auch aus den USA) hatten ein großes Interesse daran, Hitler zur Macht zu verhelfen und die damalige weltweite Wirtschaftsrezession durch einen Krieg zu beenden – so konnte wieder viel Geld verdient und das kapitalistische System auf “null” zurückgesetzt werden. Genauso ist es dann ja auch passiert. – Auch das ist übrigens keine Verschwörungstheorie, sondern historischer Fakt. (Vgl. z.B. Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker: Adolf Hitler. Eine politische Biographie. Leipzig 1995)

    Man muss immer die Augen offenhalten und wach bleiben – die Bauernfänger sind schon lange wieder unterwegs.

    Comment | 12. Januar 2012
  • gnu

    @Charlie:

    Ich kenne Daniele Ganser und habe auch sein sehr empfehlenswertes Buch “Die Geheimarmeen der NATO” (auszugsweise) gelesen.

    Um meine Argumentation noch mal zu präzisieren: Mir ging es nicht darum, dem ausländerfeindlichen und oberflächlichen Kopp-Verlag ein besseres Image zu verschaffen. Mir ging es darum, dass Kritik am Kopp-Verlag auch genau an den kritikwürdigen Stellen zum Einsatz kommen soll. Kritische Berichterstattung über den 11.9.2001 oder über unser undemokratisches Geldsystem empfinde ich in unserer unfreien Pressewelt als wertvoll. In einer gut geschriebenen Kritik sollten solche Punkte ausgespart, oder sogar im positiven Sinne genannt werden. Ich bin mir sicher, dass es am Kopp-Verlag genug zu kritisieren gibt, ohne sich auf Leute und Themen einzuschießen, die wichtige Fragen aufwerfen.

    Deine Argumentation zur Begründung des NS-Regimes kann ich unterstützen. Ich sehr verkürzt und übertrieben geschrieben, dass es sich um den Grund handelt, wobei es nur ein ermöglichender Aspekt war. Die “echte” Ursache sehe ich in der aufgespaltenen Freiheit (siehe: Fromm, Erich: Die Furcht vor der Freiheit).

    Danke für den Buchtipp (Kurt Pätzold, Manfred Weißbecker). Genau so etwas suche ich seit geraumer Zeit um meinen Geschichtsverständnis trotz des mangelhaften Geschichtsunterrichts aufzubessern. Wenn du noch weitere gute Quellen zu dem Thema NS und Finanzmacht hast, bitte als Antwort posten.

    Comment | 13. Januar 2012
  • gnu

    @Peter M.

    Wollte dich nicht angreifen und habe mir auch nicht ein Stückchen “herausgepickt”, schließlich habe ich bisher erst ca. 2 Seiten von “Quatsch mit brauner Soße” gelesen. Wahrscheinlich werde ich es wegen der genannten Gründe dabei auch belassen. Klar ist der Kopp-Verlag geschichtsrevisionistisch, ausländer- und islamfeindlich.

    Aber allein bei dem Titel “KOPP-Verlag – Quatsch mit brauner Soße” könnte ich intellektuell an die Decke gehen…

    Liebe Linke Zeitung (falls hier jemand mitliest), wäre der Kopp-Verlag nur Quatsch mit brauner Soße, dann hätte er nie so expandieren können. Das Problem ist doch, dass dort kritische Ansichten mit rechtem Dreck vermischt werden. Für die nächste Broschüre wünsche ich mir deshalb den Titel:
    “KOPP-Verlag – Rechte Ideologie im Aufklärergewand”
    oder
    “KOPP-Verlag – Informationen, die die rechten Augen öffnen”

    Comment | 13. Januar 2012
  • @ gnu: ja, da hast Du definitiv recht – genau diese gefährliche Mischung aus (berechtigter) Kritik bzw. Hinterfragen von Missständen mit der rechten Soße macht es so erfolgreich. Der Verlag setzt sich halt auf eine Welle/einen Trend drauf (Zeitgeist, Infokrieger…), greift damit ordentlich Geld ab und transportiert gleichzeitig noch höchstbedenkliche weitere Inhalte.

    Comment | 13. Januar 2012
  • Jasper F.

    Nur ein kleiner Zusatz zu der Bertelsmann und Spiegel Verknüpfung: Zum zweiten Mal in Folge ist der Chefredakteur des Spiegels ein Ex-Chef des G+J-Verlags und so herrscht eine noch stärkere Bindung zwischen den Beiden.

    Comment | 14. Januar 2012
  • @ gnu:

    Frage mich besser nicht nach Literaturempfehlungen, sonst bekommst Du lange Listen. ;-) Die genannte Biographie ist bereits ein Werk, das man nicht “mal eben so” liest und es dann einfach wieder ins Regal stellt.

    Aber nochmal zum Kopp-Verlag: Es ist mir nicht bekannt, ob dort auch “gute” Literatur zum 11. September erschienen ist, die nicht ideologisch verseucht ist. Das ist aber auch nicht relevant – denn wenn jemand sich dafür entscheidet, sein Werk in diesem Verlag zu publizieren, muss diesem Jemand klar sein, in welche Niederungen er sich da begibt und dass er sein Werk damit in einen gewissen Kontext stellt. Wenn jemand einen Text in der BLÖD-”Zeitung” oder in der “Bunten” veröffentlicht, darf er auch nicht damit rechnen, dass dieser Text genauso wahrgenommen wird, wie es eine Veröffentlichung in der “Frankfurter Rundschau” oder der “Süddeutschen Zeittung” zur Folge gehabt hätte.

    Es gibt sogar ein gutes Beispiel dafür: Bis vor einiger Zeit habe ich den Volkswirtschaftler und Geld- und Zinskritiker Prof. Bernd Senf sehr geschätzt – er ist mir persönlich niemals als auch nur annähernd rechter Ideologe aufgefallen – ganz im Gegenteil. Vor einiger Zeit habe ich dann aber zufällig gesehen, dass er neuerdings auch im Kopp-Verlag veröffentlicht – und von diesem Zeitpunkt an war der Mann kein ernst zu nehmendes Thema mehr für mich. Der Mann ist sehr intelligent und muss wissen, in welches Milieu er sich da begeben hat – und damit ist er disqualifiziert. Das ist tragisch – aber eben das beschreibt die in Rede stehende Broschüre über den Verlag ja auch. Ein weiteres Beispiel, das dort genannt wird, ist Ron Paul, der “ewige Präsidentschaftskandidat” aus den USA, der sich auch gern die kritische Weste anzieht, dabei aber doch bloß ultrarechte Positionen vertritt. Und natürlich ist auch der in den Online-Artikeln des Kopp-Verlages zu finden.

    Da Du diese Broschüre offenbar bislang gar nicht vollständig gelesen hast, empfehle ich Dir, das nachzuholen – und dabei zu bedenken, dass es auch bei der 9/11-Kritik um die rechte Auslegung und Instrumentalisierung dieses Themas geht. Über den Titel “Quatsch mit brauner Soße” kann man sicherlich streiten – aber am Inhalt habe ich nichts auszusetzen. Es wurde Zeit, dass sich endlich mal jemand dieses Verlages angenommen hat.

    Ich befürchte auch, dass Du dich irrst, wenn Du der Meinung bist, der Verlag habe niemals so stark expandieren können, wenn er sich nicht dieser Instrumentalisierung kritischer und pseudokritischer Themen bedient hätte. Du musst Dich ja nur in Europa und in den USA umsehen: Der scharfe Rechtsruck, der überall seit Jahren zu sehen und zu spüren ist, kommt ja nicht zufällig. Die Propaganda wirkt – und so werden auch viele Menschen radikalisiert, denn das ist ja das Ziel der Propaganda. Es ist überhaupt kein Wunder, dass ein Verlag wie der Kopp-Verlag solche Zuwächse zu verzeichnen hat – es ist vielmehr eine logische und vorhersehbare Folge der faschistoiden, neoliberalen Zerstörung der vergangenen Jahre.

    Nachlesen kann man das u.a. in den Studien zu den “Deutschen Zustände” von Prof. Heitmeyer oder auch in der Studie “BrandSätze” von Prof. Jäger:

    http://narrenschiffsbruecke.blogspot.com/2011/12/deutsche-zustande-die-gesellschaft-ist.html
    http://www.diss-duisburg.de/Internetbibliothek/Buecher/Brandsaetze/BrandsaetzeInhalt.htm

    Comment | 14. Januar 2012
  • Zum berieselt werden möchte ich kurz was anmerken; in kleinen Kneipen, Mittagstischrestaurants, beim Frisör, im Sportclub, was weiss ich wo überall, läuft sehr oft Radio. Da quatschen dann vor und nach den permanenten Werbeblöcken Moderaten dumme und sinnlose Dinge in die Welt.
    Mich hinterlässt das ganze immer ratlos, und treibt mich direkt aus der Tür.

    Comment | 19. Januar 2012

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