Jul
20
2011

Manifest der eigenständigen Reparatur

Zu besagtem Manifest komme ich gleich – zunächst: bestimmt kennt so ziemlich jeder die Situation, die in dem nachfolgenden Beitrag der WDR-Sendung Markt geschildert wird – da geht etwas kaputt, ein Gerät läuft nicht mehr, und statt es zu reparieren, empfiehlt der Hersteller bzw. Service-Händler gleich den kompletten Austausch – sprich: das Verschrotten des Altgeräts und den Kauf eines neuen. „Reparaturen: Selbst ist der Kunde“:

In der guten alten Zeit, als das Reparieren noch geholfen hat, war nicht immer alles besser, aber vieles anders. Das musste auch ein markt-Zuschauer feststellen, der die Reparatur seines Blu-ray-Players schließlich selbst in die Hand nahm.

In unserer Wegwerfgesellschaft, in der Moden und Trends immer schneller kommen und gehen und die darauf angewiesen ist, dass die Menschen permanent konsumieren, scheint dies ein logisches Vorgehen: es „lohnt sich doch gar nicht“, etwas zur Reparatur zu bringen, wo man doch „für kleines Geld“ schon was Neues bekommt, was womöglich auch noch „viel moderner“ ist. Wie in obigem Beitrag – schließlich war das „Alt“gerät ja auch schon volle zwei Jahre alt und damit soooo 2009. Diese kranke Herangehensweise ist mitschuldig an der Versauung der Umwelt, an der Ressourcenverschwendung, den daraus resultiertenden Konflikten und den wachsenden Müllbergen.

Zum Glück gibt es aber auch gegenläufige Entwicklungen – der Deutschlandfunk berichtete vor einigen Tagen über den Trend, dass so langsam ein Umdenken einsetzt und wieder mehr instandgesetzt wird statt es sofort wegzuschmeißen. In „Lieber reparieren als wegwerfen. Über den Versuch, wieder eine Reparaturkultur in Deutschland zu etablieren“ wird Erich Schönenberg, der Initiator der Website Deutschland repariert, interviewt:

(…) Schon beim Kunden bekommt Erich Schönenberg 99 Prozent der Waschmaschinen wieder flott, bei Spülmaschinen sind es immerhin noch 75 Prozent. Bevor der Kundendienst rausfährt, sollte der Kunde allerdings abschätzen, was er für die Reparatur auszugeben bereit ist:

“Hat das Gerät überhaupt die Chance, noch mal fünf Jahre zu laufen oder ist das Endalter schon bei fünf Jahren erreicht, dass man sagt, hier hat selbst eine Reparatur von 50 Euro keinen Sinn mehr? Bei Mittelklassehaushaltsgeräten: Reparaturen von 150 bis 250 Euro sind immer noch lohnenswert.” (…)

(…) Für bis zu zehn Jahre alte Geräte sind Ersatzteile in der Regel gut zu bekommen. Allerdings gibt es Probleme bei Billig-Elektrogeräten vor allem vom Discounter: Da werde im Innern oft nicht mehr geschraubt, sondern nur genietet. Damit bedeute jeder Reparaturversuch auch das Zerstören intakter Gerätepartien. Anders das Bild bei typischen Reparaturen, etwa einem Lagerschaden bei einer Waschmaschinentrommel. Hans Krempl geht es dabei auch um den Umweltschutz:

“Carboran ist der Bottich, das was um die Waschmaschinentrommel herum ist. Quasi die Halterung. Dieses Gehäusebauteil ist ein Spezialkunststoff, kein Metall mehr, der auch in der Luftfahrttechnik eingesetzt wird. Dieser Spezialkunststoff wird eingeschmolzen und kann acht bis zehn mal wiederverwendet werden für wieder einen Sockel oder ein anderes Bauteil einer Waschmaschine.” (…)

Besonders spannend finde ich das Manifest der eigenständigen Reparatur, das ich auf dem Kraichgau Conceptions-Blog entdeckt habe und das im Zusammenhang mit der Internetplattform ifixit.com kursiert, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, vor allem auch im Elektrobereich weniger Schrott anfallen zu lassen und wieder mehr Geräte instandzusetzen. So wird dem permenenten Erneuerungswahn, den die Konzerne mithilfe ihrer Marketingabteilungen anheizen, passend entgegen getreten:

Reparieren ist besser als Recycling.
Die Lebensdauer unserer Dinge zu erhöhen ist effizienter und kostengünstiger als Rohmaterialien aus ihnen zurück zu gewinnen.

Reparieren rettet den Planeten
Die Erde hat begrenzte Ressourcen, so dass wir den linearen Herstellungsprozess nicht auf ewig beibehalten können. Der beste Weg effizient zu sein, ist das was wir bereits haben wieder zu verwenden.

Reparieren spart Dir Geld
Dinge zu reparieren ist häufig kostenlos, und zumeist günstiger als sie zu ersetzen. Die Reparatur selbst auszuführen kann ganz schön Knete sparen.

Reparieren lehrt Sachverständnis
Die beste Art herauszufinden wie etwas funktioniert, ist es auseinander zu nehmen.

Wenn Du es nicht reparieren kannst, gehört es Dir nicht
Reparieren verbindet Menschen und Geräte, schafft Verbindungen die den Konsum übersteigen. Eigenständige Reperatur ist nachhaltig.

  • Reparieren verbindet Dich mit deinen Dingen
  • Reparieren befähigt und ermutigt Einzelne
  • Reparieren transformiert Konsumenten zu Beitragenden
  • Reparieren schafft Stolz auf Besitz
  • Reparieren verleiht Seele und macht Dinge einzigartig
  • Reparieren bedeutet Unabhängigkeit
  • Reparieren verlangt Kreativität
  • Reparieren ist grün
  • Reparieren bringt Freude
  • Reparieren ist nötig um unsere Dinge zu verstehen
  • Reparieren spart Geld und Ressourcen

Wir haben das Recht:

  • unsere Geräte zu öffnen und zu reparieren – ohne die Garantie zu verlieren
  • auf Geräte, die geöffnet werden können
  • auf Fehlercodes und Schaltpläne
  • auf Troubleshooting Anleitungen und Ablaufdiagramme
  • auf eine Reparationsanleitung für alles
  • darauf unseren eigenen Techniker zu suchen
  • ‘nicht Entfernen’ Aufkleber zu entfernen
  • Sachen in unseren eigenen Häusern zu reparieren
  • alle Verbrauchsmaterialien selbst zu ersetzen
  • auf Hardware, die keine speziellen Werkzeuge zur Reparatur benötigt
  • auf verfügbare Ersatzteile zu einem vernünftigen Preis

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5 Kommentare »

  • Dirk

    So, jetzt auch mal eine Zustimmung von mir ;)

    Ich finde, dieser Denke des Neukaufens geht zusammen mit mangelndem Ressourcenbewusstsein auch ein mangelhaftes betriebswirtschaftliches Verständnis einher. Die Leute denken ja häufig “bevor ich jetzt 200€ für eine Reperatur ausgebe, kaufe ich lieber etwas neues für 500€”. Da stellt sich doch aber die Frage, ob die Neuware tatsächlich länger lebt als die reparierte Altware. Das garantiert einem doch keiner, und insbesondere so sensible Teile wie eine Sicherung im Beitrag, können auch jederzeit kaputtgehen, auch mal wenn das Gerät noch recht neu ist.

    Schlimm finde ich auch den Trend (bspws. Apple ist da ein Vorreiter), das reparieren den Kunden zu verbieten. Macht das ersetzen durch Nieten für den Hersteller noch Sinn zwecks Kosteneinsparung, so wird es bei Apple bspws. ja sogar teurer. Da werden ja beim iPhone teure Spezialschrauben verwendet, damit die Otto-Normal-verbraucher mit seinem Schrauberdreher ja nicht aufbekommt. Das geschieht also nicht aus Kostengründen, sondern aus reiner Gängelung des Kunden. ebenso auch beim Auto, wo z.B. ein einfaches Glübirnenwechseln bei manchen Herstellern absichtlich so kompliziert gemacht wird, dass man damit in die Werkstatt muss. Bei meinem letzten Auto konnte ich hingegen noch in einer Minute das Ding selber wechseln und es gibt keinen technischen Grund, das heute anders zu machen.

    Beim Selberreparieren stellt sich aber natürlich das Problem, dass halt nicht alle die notwendigen Kenntnisse haben. Die Forderung von dem Manifest finde ich zwar begrüßenswert, dass die Leute sich auch intensiver damit beschäftigen, aber man kann sich nun mal nicht mit allen sehr gut auskennen. Es wird für jeden normale Haushaltsgeräte geben, welcher er nicht selbst reparieren kann, da halt die Bereiche Elektronik, Mechatronik, Ingenieurwissenschaften, etc. pp. allesamt betroffen sind und wohl niemand alles weiß. Insofern sollte man von staatlicher Seite da gesetzliche Regelungen finden, die so etwas erzwingen. Was spräche z.B. gegen ein Gesetz, dass Herstellung für 5 Jahre dazu zwingt, Reperaturen durchzuführen. Der Philippshersteller erwähnt ja, dass dagegen die hohen Kosten sprechen. Das ist momentan ja auch richtig, weil es andere dann halt nicht machen. Aber wenn es alle machen müssten, würde einfach der Marktpreis steigen und die Konsumenten müssten halt ein wenig mehr ausgeben – Aber dafür mit einer verlängerteren und ökologisch sinnvollen Reperaturmöglichkeit.

    Comment | 20. Juli 2011
  • chris

    manifest find ich super.
    auf arte gabs auch mal eine doku zu dem theme, nennt sich “The Light Bulb Conspiracy” (http://www.imdb.com/title/tt1825163/).

    Comment | 20. Juli 2011
  • Schlüter

    Sowas habe ich schon immer geahnt!
    Es gehört zum Grundprinzip des Kapitalismus, immer
    mehr Waren zu produzieren. Die Reparatur ist da ein Dorn im Auge, da ja so die Ware länger hält.

    Die Frage ist doch, ist Herr Spieß aus dem Video
    ein Einzelfall oder die Regel?!
    De Sprecher von Philips tut dies natürlich als Einzelfall ab…..

    Comment | 20. Juli 2011
  • selbst ist der Leser ;)

    Comment | 20. Juli 2011
  • Vogel

    Moin Peter,
    das ging ja runter wie Öl. Du glaubst es nicht, was ich schon alles repariert habe (trotz zwei linker Hände mit zehn Daumen). Da achte ich schon beim Einkauf drauf: Was sich nicht öffnen läßt, wird erst garnich gekauft, gelle? Es iss ja meistens nur ‘ne Sicherung oder so, Pfennigkram … äh, sry Centkram.

    Comment | 21. Juli 2011

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