Den Wachstumswahn, der ja leider immer noch ungebrochen bei Politikern und Wirtschaftsleuten grassiert, habe ich in meinem Blog bereits mehrfach angesprochen und kritisch beäugt. Eine Politik, die ein „Wachstumsbeschleunigungsgesetz“ auf den Weg bringt (und nebenbei gleichzeitig anderen Ländern vorwirft, „über ihre Verhältnisse“ zu leben), für die Arbeitsplatzerhaltung über alles geht und nur über ewiges Wirtschaftswachstum erreichbar scheint (statt über eine generelle Änderung des Wirtschaftens), hat nichts begriffen und steuert stramm auf die nächste Katastrophe zu. Immerhin mehren sich mittlerweile doch die Stimmen, die das Wachstumsdogma in Frage stellen – so berichtete das Fernsehmagazin Monitor Anfang des Jahres über Experten und Wissenschaftler, die ein diesbezügliches Umdenken anregen wollen. [Gefunden bei Sprusko, dessen Blog immer einen Besuch wert ist!]
(Man kann zu YouTube, als Teil des Google-Imperiums, ja stehen wie man will, aber es ist schon ungemein praktisch, da sonst viele interessante Beiträge, die es im TV hin und wieder tatsächlich mal gibt, komplett untergingen und in Vergessenheit gerieten.)
Elias
Ich kenne in der Natur genau eine Erscheinung, die, wenn ihr die Möglichkeiten dazu gelassen wird, ohne Ende wächst und wächst. Und das ist ein Krebsgeschwür.
Vielleicht sollte man einfach mal das angstbesetzte Wort “Krebs” vergessen und stattdessen den medizinischen Begriff verwenden. Dieser ist das nüchterne Wort “Neubildung”. In den moderntümelnden Blah der Ödnisausbreiter übersetzt, könnte man auch von einer “Innovation” sprechen. Und das im Zusammenhang mit Wachstum, Wachstum, Wachstum! Ich weiß gar nicht, was die Menschen da noch gegen Krebs haben… :mrgreen:
Alexander
Obwohl ich dem ökonomischen Wachstum auch sehr kritisch gegenüberstehe, will ich daraf hinweisen, dass das Leben (zweifellos ein Teil der Natur) keine Grenzen kennt. Das Leben expandiert ständig und versucht alles zu erobern, sich unendlich zu vermehren und entwickeln! Dass es nicht immer gut geht, ist ja bekannt (Bakterien in Petrischale, frühere Zivilisationen, etc.), aber gegen Wachstum als Entwicklung können wir wohl nichts haben, weil wir selbst ein Produkt dieses Wachstums sind.
Einzelne Organismen haben alle ein Anfang und ein Ende, aber das Leben hat bisher nur einmal begonnen und geht immer weiter… Nicht wahr?
Peter M.
Es ist aber schwerlich machbar, dass wir auf einem begrenzten Planeten ewig quantitativ weiterwachsen – das geht nicht, zumal die Form unseres Wirtschaftswachstums gleichzeitig eine Zerstörung der Lebensgrundlagen bedeutet. Gegen ein QUALITATIVES Wachstum gäbe es nichts einzuwenden, klar. In der Natur wachsen Populationen übrigens auch nicht grenzenlos und ewig – wenn sich eine Tierart zu sehr vermehrt und nicht mehr genug zu fressen/Beute findet, schrumpft sie wieder, bis das Gleichgewicht wieder stimmt. Von dem Grundkonzept ist in den Köpfen der Wachstumsfetischisten der Wirtschaft nichts zu spüren, die denken, dass man Gewinne permanent steigern muss…
m.ro
Die wichtigste Forderung der Systemtheorie an ein System ist die Überlebensfähigkeit. Alles andere ist nachrangig.
Frederik Vester hat in seinem Buch ” Die Kunst des vernetzten Denkens” die 8 Grundregeln der Biokybernetik aufgestellt, die wichtig für das überleben des Systems sind. Sie sind unbedingt zu beachten, wenn die Menschheit überleben will.
1. Negative Rückkopplung muß über positive Rückkopplung dominieren
2. Die Systemfunktion muß von quantitativen Wachstum unabhängig sein
3. Das System muß funktionsorientiert und nicht produktorientiert arbeiten
4. Nutzung vorhandener Kräfte nach dem Jiu-Jitsu-Prinzip statt Bekämpfung nach der Boxermethode
5. Mehrfachnutzung von Produkten, Funktionen und Organisationsstrukturen
6. Recycling: Nutzung von Kreisprozessen zur Abfall- und Abwasserverwertung
7. Symbiose. Gegenseitige Nutzung von Verschiedenartigkeit durch Kopplung und Austausch
8. Biologisches Design von Produkten, Verfahren und Organisationsformen durch Feedback-Planung
Hier mit Beispielen unterlegt: http://www.abfallwirtschaft-portal.de/projekt/schumacher/VernetztesDenken/doc/Vernetztes%20Denken-85.htm
Alexander
Peter M., ja, klar, aber die Politik/Volkswirtschaftslehre spricht nicht *nur* vom quantitativen Wachstum, also wenn wir unsere Kritik verstärken wollen, sollen wir gezielt quantitatives Wachstum kritisieren, nicht das Wachstum generell, meinen Sie nicht?
Peter M.
@ Alexander: Also ich habe schon den Eindruck, dass Politik & Wirtschaft vor allem von quantitativem Wachstum sprechen: Umsatz-/Absatzsteigerungen, Gewinnmaximierung, Aktienkurssteigerung, Arbeitsplatzzunahme, Vergrößerung des Marktanteils etc. , das ist ja alles quantitativ und nicht qualitativ…