Jul
03
2011

Leben ohne Geld

© mihow, stock.xchng

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles.“ Dieses Zitat aus Goethes Faust scheint heutzutage aktueller denn je. Nicht nur, weil es tatsächlich in gewissen Kreisen (die sich gerne auch auf entsprechenden Websites im Netz tummeln) angesagt ist, Gold als die einzig sichere Anlageform zu sehen und so den Goldpreis auf ungeahnte Höhen zu treiben – nein, generell läuft ohne Geld in unserer Gesellschaft herzlich wenig. Vieles hat nur noch dann einen Wert, wenn dieser in Geld ausgedrückt werden kann. Das Einkommen eines Menschen gilt als Maßstab für dessen Erfolg und gesellschaftliches Renommee. Alles erscheint käuflich, es kommt nur auf den Preis an. Teilhabe am gesellschaftlichen Miteinander ist ohne Geld schwierig, weshalb auch permanent um Hartz IV-Sätze u.ä. gerungen wird. In einem solchen Umfeld ist es logisch, dass Banken gerettet werden müssen und dass der Profit eines Unternehmens im Zentrum des Strebens steht.

Natürlich gibt es Initiativen, die versuchen, am Status Quo etwas zu ändern. Das Bedingungslose Grundeinkommen ist so ein Versuch der faireren Umverteilung bzw. Neubewertung von Arbeit(skraft) – doch obwohl dieses Konzept, wenn man es intelligent umsetzte, sicherlich erhebliches Umkremplungspotenzial besitzt, bleibt das Geld als zentrales Mittel zur Befriedigung von Bedürfnissen und von Austauschverhältnissen unangetestet. Regionalwährungen versuchen zumindest, die Geldschöpfung und -hortung anders zu fassen, zu dezentralisieren und damit zu demokratisieren, aber natürlich lebt man auch hier immer noch von/mit Geld. Ist das überhaupt anders vorstellbar?

In der Tat gibt es auch in unserer Gesellschaft Menschen, die sich dem Diktat des Besitzes und Geldverdienens zu entziehen versuchen. Hin und wieder tauchen ein, zwei von ihnen in Fernsehtalkshows und werden dort bestaunt oder auch belächelt, manchmal auch offen angefeindet ob ihrer doch sehr anderen Lebensweise. Der Aktionskünstler Peter Kees wurde vor einer Weile mit einem Porträt vorgestellt, gemeinsam mit seinem Projekt „Unternehmen Zukunft – Leben ohne Geld“:

Was Kees noch als eine Art Kunstprojekt mit gewissem provokantem Anstrich anbietet, hat Heidemarie Schwermer für sich bereits in die Tat umgesetzt – sie lebt tatsächlich ohne Geld. In Menschen bei Maischberger stellte sie sich der Fragerunde:

Trends wie das Containern, also das Fischen von noch verwertbaren, unversehrten Lebensmittel aus den Müllcontainern der Supermärkte, setzen auch ein wenig hier an, auf das Umgehen des Geldkreislaufs und auf das Verwerten von überschüssiger Ware. Auch Deutschlands vielleicht bekannteste Akivistin, Hanna Poddig, die ja für eine freiere Gesellschaftsordnung eintritt, ist in diesem Umfeld aktiv:

Ein Pferdefuß bleibt natürlich bei so Sachen wie Containern oder sich irgendwie durchschlagen – das kann letztlich nur für eine kleine Zahl von Menschen funktionieren bzw. nur solange, wie es genügend andere Menschen gibt, die noch arbeiten gehen oder Lebensmittel erzeugen, andere Waren herstellen usw. In einer grundlegend anderen Ordnung gäbe es hoffentlich mehr Miteinander, stärkeres Zusammenwirken, größere Freiheiten, aber eben auch mehr Selbstverantwortung für den Einzelnen und damit weniger passives Empfangen von Zuwendungen von oben (Staat). Auf jeden Fall eine Richtung, in die nachzudenken sich lohnen dürfte.

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11 Kommentare »

  • iam_eb

    Eine noch nicht groß überdachte Utopie:
    Eine Gesellschaft ohne Geld, in der sich jeder das nehmen kann was er will und dann die produktion nach der Nachfrage her gesteuert wird. Beim arbeiten gehts genau so, jeder arbeitet wo er möchte. Damit all das funktioniert müssen die Menschen auch von sich aus Verantwortung für das ganze System übernehmen. Die, die Produktion organisierende Insatnz muss fest stellen, wo Mangel herscht und die menschen darüber informieren, welche diesen dann ausgleichen.

    Comment | 3. Juli 2011
  • Du gehst von der Prämisse aus, dass sich ansonsten nichts ändert.

    Es gab und gibt gegenwärtig durchaus Systeme, die ohne Geld auskommen.
    Und wenn man als extremes Beispiel irgendwelche Ureinwohner heran zieht.

    Sicherlich, unsere Gesellschaft von heute auf morgen umzukrempeln und Geld abzuschaffen, dürfte sehr, sehr, sehr, sehr schwer sein.

    Dennoch hielte ich es für sinnvoll wieder verstärkt auf non-monetäre Vergütung zu setzen.
    Allem und jedem ein Preisschild aufzudrücken kann meiner Ansicht nach nicht der Weg sein.

    Ein erster Schritt in diese Richtung kann das bedingungslose Grundeinkommen sein.

    Ziel dabei ist – unter vielem anderem – den Bürger ein Stück weit vom Turbokapitalismus abzukoppeln und auf die bremse zu treten.

    Aber … anderes Thema …

    Comment | 3. Juli 2011
  • Düdum Didai

    Ein nützliches Instrument des Austausch ersatzlos abschaffen? Warum eigentlich wird in bestämmten Kreisen darüber immer wieder laut nachgedacht? So laut, dass diese Gedanken Ihren Weg in eine breite Offentlichkeit finden.

    Geld ist einfach nicht mehr das nützliche Instrument, dass man nach Gebrauch bis zum nächsten Mal in die Ecke stellt. Es hat ein Eigenleben entwickelt und dient mehr und mehr nur noch sich selbst. Damit verliert es seinen ursprünglichen Sinn und es melden sich Zweifel an seiner Existenzberechtigung.

    Irgentwie hat man uns über die Jahre sehr erfolgreich weis gemacht, dass mit Geld alles zu kaufen sei. Darunter vor allem Sicherheit. Das aberwitzigste Beispiel dafür ist die sogenannte Lebensversicherung; das Wort allein ist schon unfassbar lächerlich. Diese Versicherung zahlt nämlich im Todesfall. Sie ist also eigenlich eine Todesversicherung, lässt sich aber als solche nicht an den Mann bringen. Denn schließlich ist es recht sinnlos für das einzige was irgentwann im Leben totsicher eintritt auch auch Versicherungsprämien zu entrichten.

    Nicht das Geld an sich müssen wir abschaffen. Wir müssen vielmehr unsere Einstellung dazu ändern. Erst wenn es wieder das INSTRUMENT wird, dass wir als soziale Wesen zum Tausch, Austausch, Geben-und-Nehmen nutzen, wird es uns wieder zufriedenstellend DIENEN. Man muss einen Diktator nicht unbedingt köpfen, um seinen Einflüss zu mindern. Kritischer Abstand, gepaart mit passivem Widerstand reichen völlig aus, um den machtbessenen Geist von seinem Thron herunter zu holen.

    Comment | 4. Juli 2011
  • @ butterbloemchen: also das BGE wäre auf jeden Fall ein interessanter Schritt (sofern man es nicht im Sinne von Götz Werner umsetzt). Allerdings habe ich den Eindruck, dass viele BGE-Befürworter glauben, dass man einfach nur das BGE einführen muss, während dann der Rest des Systems mehr oder weniger unverändert bleibt; sprich: man hat einfach 1000€ jeden Monatsersten auf dem Konto und kann ansonsten in der Welt von heute weiterleben und -shoppen. Dass vieles viel teurer wird und die Unternehmen schon einen Weg finden werden, um auf ihre Kosten zu kommen, wird dabei gerne übersehen. Ich denke schon, dass das BGE ein guter Ansatz ist, es kann aber eben nicht als isolierte Maßnahme gesehen werden.

    Comment | 4. Juli 2011
  • witte

    Leider werden in den Beiträgen nur Möglichkeiten des Überlebens ohne Geld in der kapitalistischen Gesellschaft aufgezeigt.

    Es gibt noch nicht einmal einen Verweis auf die Peer Economy. Schließlich ist auch dieses Forum gratis und die Blogger schreiben auch ohne dafür bezahlt zu werden.

    Christian Siefkes
    http://peerconomy.org/wiki/Deutsch

    http://www.keimform.de/2009/manifest-gemeingueter-staerken-jetzt/

    http://neoprene.blogsport.de/2011/01/07/naechste-ausfahrt-peer-economy-commonistische-wirtschaft/

    Comment | 4. Juli 2011
  • “Leider werden in den Beiträgen nur Möglichkeiten des Überlebens ohne Geld in der kapitalistischen Gesellschaft aufgezeigt.”

    Da hast Du absolut Recht – das war auch mein Kritikpunkt an diesen Ansätzen, auch am BGE, dass diese oft nur an der Oberfläche bleiben.
    Danke für die Links!

    Comment | 4. Juli 2011
  • @Peter M.
    Da hast du sicher Recht.
    Das Motto lautet auch wieder eben nicht: “einfach A durch B ersetzen – und alles wird gut”.

    Es ist nur ein Puzzlestein unter vielen.

    Man könnte durchaus an der Fülle der Baustellen/Puzzlesteinen verzweifeln.

    Denn ein laufendes System mal eben so ändern – und zwar radikal – ist immer sehr schwer.

    In der Vergangenheit ließen sich die Revolutionen an einer Hand abzählen.

    Irgendwie habe ich mehr und mehr den Eindruck, dass unsere gegenwärtige politische Riege nur noch ein Rudel an Insolvenz- und Nachlassverwaltern sind. Noch schnell das verteilen, was geht, bevor der Ofen ausgeht – und immer weiter Durchhalteparolen schmettern.

    Oder um es mit einer Metapher aus der Medizin auszudrücken:
    Der Patient ist hirntot, wird aber zwanghaft am Leben erhalten …

    Ich fürchte es wird sich nicht schrittweise ändern lassen – das Ende dieses Systemes wird wohl nicht “sanft” werden, sondern mit einem lauten Knall erfolgen.

    Comment | 4. Juli 2011
  • Geldvertreter

    Das laufende System kann man wohl kaum ändern, wie schon Butterbloemchen sagt. bin mir aber nicht sicher was dann nach dem großen Knall kommt. Dann können wir ja das neue System aufbauen. Jeder macht das was er kann. Und wenn ich meinem Nachbar den Zaun streiche dann kann er mich im Gegenzug irgendwo hin fahren. Wenn er aber kein Auto hat könnte er seine Arbeit später leisten. Oder wir tauschen Muscheln…oder Geld.

    Comment | 5. Juli 2011
  • Eigentlich hätte ich auch nichts gegen Geld.
    Ansich durchaus eine sinnvolle Angelegenheit, nicht immer gegen etwas höherwertiges eine Tonne Karotten oder sowas (lächerliche Beispiele ließen sich im Überfluss finden)tauschen zu müssen.

    Was mir aber auf den Senkel gibt, ist die maximierte Profitorientierung.
    Dabei gehen manche wirklich über Leichen, koste es was es wolle – Hauptsache die eigene Geldbörse ist gefüllt.
    Das ist doch irgendwie an Absurdität nicht mehr zu überbieten.

    Nebenbei bemerkt: für mich die perfekte Definition von Dummheit: man weiß es ist falsch – und macht es trotzdem.
    Oder das letzte bisschen Moral wurde weggezüchtet. Wer weiß.

    Als “Schuldigen” habe ich hier untere anderem den Zins fest im Blick.

    Wenn ich gezwungen bin immer mehr zu arbeiten, zu produzieren, zu leisten, dann hat das etwas von einer drastischen Abwärtsspirale.

    Zudem stört mich auch, dass alles, aber auch wirklich alles, mittlerweile durchmonetarisiert ist.
    Alles ist verkaufbar und zu vermarkten, alles hat ein Preisschild. Sogar Hilfsorganisationen sind mittlerweile ja schon Multimillionen-Konzerne mit eigenen Interessen.

    Ein rudimentäreres Geldsystem hielte ich für absolut in Ordnung.
    Da aber unter den Voraussetzungen:
    a.) kein Zins
    b.) Banken (ansich auch eine sinnvolle Institution) ohne Gewinnerzielungsinteresse – nur Kostendeckende Arbeit mit sehr einfachen angeboten.

    Aber auch das ist, wie oben bemerkt, nur ein Puzzlestein unter vielen.

    Und da einfach zu viele vom jetzigen System massiv profitieren und die lustigerweise auch an den Hebeln sitzen …
    Ich glaube es kann nur mit einem Knall enden.

    Und dabei sind meiner Ansicht nach die 3 Explosionsherde:
    1.) Ressourcenmangel – eine essentielle Ressource geht zu Ende und es kommt zu chaotischen Zuständen
    2.) Die Schuldenblase platzt und es kommt irgendwann zu einer Währungsreform
    3.) die sozialen Spannungen werden so groß, wie unlängst im arabischen Raum

    Comment | 5. Juli 2011
  • Flo

    Hier ist eine Frau im Interview, die seit über 15 Jahren ohne Geld in Deutschland lebt http://bewusst.tv/2011/06/ohne-geld/

    Comment | 22. Juli 2011
  • So sehr ich Menschen wie Hanna Poddig bewundere, ein Leben ohne Geld wird in nächster Zukunft nicht möglich sein. Der Grund dafür liegt im menschlichen Wesen, dass in der Regel vom Egoismus gesteuert ist. Würde wirklich der christliche Gedanke das Leben in der westlichen Welt prägen, wäre Geld längst abgeschafft. Aber leider gilt auch noch heute, was Brecht einst feststellte: Der Mensch ist ein Schwein und naturgemäß schlecht.Das dies so ist, beweisen die Argumente der Befürworter des Kapitalismus und die Gegner eines bedingslosen Grundeinkommens. Sie vertreten die These, dass ohne finanziellen Zwang niemand arbeiten würde. Sie können halt nicht über den eigenen Horizont hinausblicken und glauben nicht ernsthaft, dass es Werte geben kann, für die sich Menschen mehr einsetzen als für das rein monitäre Gewinnstreben
    Selbst unser Bundespräsident, der sich Freiheit als oberste Maxime auf die Fahne geschrieben hat, schweigt zu einem Sozialsystem welches sogar zugibt, Menschen unter Druck zu setzen, um damit Kosten einzusparen.
    Geld ist letztlich mit einer Demokratie nicht vereinbar, da eine finanzstarke Minderheit sich immer gegen eine finanzschwache Mehrheit durchsetzen kann. Was bitte ist eine Schuldenbremse anderes, als die Kontrolle demokratischer Freiheit durch Wirtschaftsinteressen?
    Löst die Schuldenbremse etwa einen Mechanismus aus der bei geplanten höheren Ausgaben automatisch die Vermögen höher besteuert, um die neuen Schulden zu kompensieren?
    Mitnichten! Sie verhindert jede Ausgabe, die sich nicht sofort amortisiert. Was dies für das Bildungs und Gesundheitssystem bedeutet, ist leicht vorstellbar.
    Der Kapitalismus wird Stück für Stück die Demokratie auffressen.Die Symptome sind bereits jetzt deutlich sichtbar: Armenküchen, Zwangsarbeit,Kinderarmut und Ausgrenzung von Minderheiten.

    “Vergesst nicht, dass ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt” Zitat Hans und Sophie Scholl Flugblatt 1 der weißen Rose

    Comment | 1. September 2012

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