Jun
28
2010

In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich? 2/2

Heute Teil 2 meiner Betrachtung aktueller gesellschaftlicher Entwicklung, die in den Medien nachgezeichnet wird. (HIER Teil 1) Das im ersten Teil angesprochene Gefühl der zeitlichen Verdichtung und des permanenten Informiertseinmüssens wird durch Web 2.0, durch Dienste wie Twitter, Facebook & Co. natürlich noch zusätzlich befeuert – dies ist auch Thema der Serie „Digitales Denken – wie verändert uns das Internet?“ der FAZ. Geert Lovink wirft in „Was uns wirklich krank macht“ einen kritischen Blick auf die sog. oder vermeintliche „Informationsüberflutung“ und den Aufmerksamkeitsdruck:

[...] Flexibilität in der Netzökonomie hat zu einer Fragmentierung der Arbeit geführt, zu befristeter Zeitarbeit. Uns allen ist diese Fragmentierung der Arbeitszeit bekannt. „Psychopathische Störungen“, schreibt Berardi, „treten heutzutage immer klarer als soziale Epidemie auf, genauer als soziokommunikative Epidemie.Wer überleben will, muss konkurrenzfähig sein, und wer konkurrenzfähig sein will, muss vernetzt sein, eine riesige und ständig wachsende Datenflut aufnehmen und verarbeiten. Das führt zu permanentem Aufmerksamkeitsstress, für Affektivität bleibt immer weniger Zeit.“ Um fit zu bleiben, greifen die Leute zu Prozac, Viagra, Kokain, Ritalin und anderen Drogen. Wenn wir diese Analyse auf das Internet übertragen, sehen wir die beiden Bewegungen – die Erweiterung der Speicherkapazität und die Verdichtung von Zeit –, die Computerarbeit so stressig machen. Daraus resultiert das Chaos unserer Zeit. Chaos ist, wenn sich die Welt so schnell dreht, dass wir nicht mehr hinterherkommen. [...]

[...] Die Älteren, ob konservativ oder liberal, glauben an das Prinzip der freien Entscheidung, doch für die junge Generation X, im „kapitalistischen Realismus“ aufgewachsen, gilt das nicht mehr. Berardi: „Nicht die Technologie ist das Problem. Damit müssen wir leben. Problematisch ist die Kombination von Informationsstress und Konkurrenz. Im Marktwettbewerb müssen wir stets die Ersten und Besten sein. Was wirklich krank macht, ist nicht die Informationsüberflutung, sondern der neoliberale Druck mit seinen unmöglichen Arbeitsbedingungen.“ [...]

Zu diesem Gesellschaftsbild passen natürlich auch die Casting-Shows, die bei vielen Menschen die Illusion erzeugen, man könne es auch heutzutage noch vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen – statt etwas zu können, muss man eigentlich nur als medialer „Star“, als VIP Liebling der Massen werden und hat dann seine paar Monate Ruhm. Dafür lassen sich Kandidaten demütigen und vorführen, und Millionen von Fernsehzuschauern sehen sich dieses televisonäre Äquivalent zu Erbrochenem auch noch Woche für Woche an. Kinder, die ihre Geburtstage bei McDoof feiern, werden natürlich schon mal bestens geschmacklich vorformatiert, um solche Sendungen später im jugendlichen und Erwachsenenalter dann als „gute Unterhaltung“ zu empfinden und für gesellschaftlich relevant zu halten. Besonders übel finde ich ja bekanntlich Germany’s Next Topmodel, eine kommerzdurchtränkte Prostitutionsshow, in der sich junge Frauen an die Reklameindustrie verkaufen. Elisabeth Raether und Matthias Kalle beleuchten in ihrem sehr guten und ungewöhnlich ausführlichen Artikel die Schattenseiten des schönen Scheins und zeigen, wie verlogen und undurchsichtig es in der Pro7- und Heidi-Klum-Plastikwelt zugeht – „Ware Schönheit“:

[...] Der Sender braucht sie für die Welt, die er sich selbst geschaffen hat: Es gibt die Shows wie Germany’s next Topmodel , in denen junge Mädchen bekannt gemacht werden, und es gibt Boulevardsendungen, in denen diese jungen Mädchen dann als Prominente auftauchen – prominent, weil der Sender es entschieden hat, weil der Sender für eine Öffentlichkeit sorgen kann, die seine eigenen Produkte feiert. Ein Kreislauf, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. [...]

[...] Germany’s next Topmodel gibt vor, einen Traum erfüllen zu können, den Traum vom Topmodel. Aber keine, die ProSieben bisher zu “Germany’s next Topmodel” gekürt hat, ist heute Topmodel. Die Gewinnerinnen sind ProSieben-Gesichter, Markenbotschafterinnen des Senders und der Show geworden. [...]

[...] Das Fernsehen selbst suggeriert jungen Menschen ständig, sie könnten Protagonisten der Unterhaltungsbranche sein, wichtige Akteure mit Einfluss. Aber die Stars sind nicht die Teilnehmer, der Star ist die Show – jene Maschine, die den Kreislauf in Gang setzt, der große Motor des sich selbst speisenden Prinzips. [...]

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