Jan
08
2010

Politischer Konsum?

aldi_250Die Idee, dass Konsum auch eine politische Komponente hat, ist seit einigen Jahren stark im Kommen – es gib eigene Websites & Blogs, die sich diesem Thema widmen (der meinige tut das in gewisser Weise auch ein wenig), und es gibt auch ein von den Marketingfuzzis dieser Welt bereits gut geortetes und ins Visier genommenes eigenes Marktsegment, die LOHAS (Lifestyle of Health and Sustainability). Die Grundidee des naiven politischen Konsums, die die Marktgläubigkeit tief aufgesogen hat, lautet etwa: „Ich gehe wie immer zu meinem Aldi, kaufe dort statt der normalen Industriebilligplörre nun Bio-Plörre und signalisiere damit, dass Interesse an besser hergestellten Produkten besteht, so dass Aldi – durch die unsichtbare Hand des Marktes geleitet – praktisch von ganz alleine irgendwann alles auf naturverträglichere Ware umstellt, schon aus schierem Eigeninteresse (= Profit).“ Dass dies dem Discount-Prinzip komplett widerspricht und man gleichzeitig die Verarmung der Vielfalt unterstützt, wird dabei gerne vergessen.

Die LOHAS gehen noch einen Schritt weiter und machen, wie schon der Name andeutet, einen ganzen Lifestyle aus ihrem Konsum, also zumindest der klischeetypische LOHAS, der mittlerweile oft als hedonistischer und unpolitischer Besserverdiener dargestellt wird (ein Klischee, das sicherlich nur für einige stimmt, für viele andere auch wieder nicht; wie immer, wenn irgendwelche Schubladen aufgemacht und Leute hineingestopft werden), der sich als Ablasshandel für sein Dasein als Konsumbürger der westlichen Welt ein gutes Gewissen via Biowaren erkauft.

Hart ins Gericht mit diesen Ansätzen geht nun die ehemalige Neon-Redakteurin Kathrin Hartmann in ihrem Buch „Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt. Im Artikel „Korrekte Konsumenten“ in der jetzt-Beilage der Süddeutschen führt sie ihre Gedanken ein wenig aus:

(…) Das Problem ist nur: Es gibt kein richtiges Einkaufen im falschen Weltwirtschaftssystem. Wer bei Lidl bio und fair kauft, unterstützt die Niedrigpreispolitik des Konzerns und die dortigen Arbeitsbedingungen. Wer sich bei Adidas Recycling-Schuhe kauft, spart Ressourcen, akzeptiert aber die Zustände in den Sweatshops. (…)

(…) Selbst der Bioboom hat negative Folgen – besonders dort, wo er den Massenkonsum trifft: Weil es auch der Bio-Kunde gern billig hat, sind die Gewinner des Booms nicht die Bio-Märkte, sondern die Discounter. Sie verkaufen inzwischen ein Drittel der Bio-Produkte in Deutschland. Sie haben aber nicht die konventionellen Produkte durch Bio-Produkte ersetzt, sondern diese zusätzlich ins Regal gestellt, um am Boom zu verdienen. Das Bio-Gemüse kommt, wie alles im Discounter, daher, wo es billig ist: aus heißen, trockenen Ländern. Dort verbraucht dieses zusätzlich viel Wasser und verursacht Umweltschäden. (…)

(…) Die Konzerne haben großes Interesse, diese Strukturen zu erhalten. Und mächtig sind sie, weil sie für ihre Anliegen Lobbyarbeit in der Politik betreiben. Die Lohas-Anhänger glauben, privater Konsum sei politisch. Doch bleibt alles, wie es ist. Selbst wenn noch so viele Fischstäbchen gekauft werden, mit denen man Meeresschutzprojekten hilft, noch so viel Industriekäse, mit dem man Suppenküchen unterstützt, und noch so viele Autos, für die der Autohändler Bäume pflanzen lässt. Denn all das ist letztlich affirmativ und systemkonform. (…)

Vieles von dem, was die Autorin da schreibt, spricht mir aus der Seele, denn schon immer war ich ein erklärter Gegner, Großkonzernen, die plötzlich auch ein bisschen was „in Bio“ oder „begrünt“ verkaufen, auf den Leim zu gehen und damit ihre sonstigen zerstörerischen Umtriebe (nicht zuletzt den Ausbau der eigenen Marktmacht) mit zu unterstützen. Auch in Das konsumistische Manifest“ von Tobias Becker im Kulturspiegel dreht es sich u.a. um Hartmanns Buch:

(…) Die neue Ökowelle, schreibt sie, sei keine politische Bewegung, sondern “eine Auffrischung des Konsumgedankens”, ein “Befindlichkeitsumweltschutz, der nicht weh tut oder gar einschränkt, der nicht nach allgemeingültigen Lösungen sucht, sondern individuelle Erlösung verspricht”: Ego statt Öko, “Wellness fürs Gewissen” statt gesellschaftlicher Debatten.

Das Lohas-Konzept sei eine “neoliberale Wirtschaftsideologie” mit einfacher Formel: “Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht”. (…)

(…) Und so sind sie Konsumbürger, die ihre Ansichten lieber im Kaufhaus artikulieren als in der Wahlkabine oder gar auf einer Demo – eine Privatisierung der Politik. Das große Ganze ändert sich so nicht. Im Gegenteil: Gerade die Lohas laden den Konsum mit Sinn auf, und Konsum ist per se nicht nachhaltig. Echter Umweltschutz war noch nie sexy. (…)

Auch ich sehe durchaus die Gefahr, dass viele Menschen meinen, mit dem Kauf eines Fairtrade-Kaffees hätten sie dann schon genug getan und könnten ansonsten so weiterleben wie bisher – politisches Einmischen oder soziales Engagement müssen dann nicht mehr sein. Und selbst wenn es kein „richtiges Einkaufen im falschen Wirtschaftssystem“ gibt, wie Hartmann schreibt, so gibt es doch auf jeden Fall ein „falsches Einkaufen“. [Und entgegen Frau Hartmann denke ich sehr wohl, dass man selbst in diesem System „richtig“ kaufen kann – was soll zB so falsch am Kauf von Biowaren bei einem Mitgliederladen sein, der regionale Produkte zum quasi Selbstkostenpreis vertreibt?] Denn jeder Euro, den man den Großkonzernen und ihren Machtstrukturen in den Rachen schmeißt, indem man ihre Produkte kauft, wird ja weiter in die Zerstörung der Umwelt und der Gesellschaft gesteckt und festigt nur die jetzigen Strukturen. Von daher halte ich es deshalb auch nicht für verwerflich, sondern für dringend geboten, wenn man wenigstens schon mal beim Konsum beginnt, umzudenken und sein Geld eben nicht noch zur Finanzierung des eigenen Feindes hergibt.

Ich nenne hier mal einige ganz einfache Faustregeln, die selbst dem Uninformierten helfen können, sich durchs Konsumdickicht zu schlagen und mit denen man eigentlich wenig falsch machen kann:

  1. Niemals beim Discounter kaufen. Nie. Nichts. Das betrifft alle Discounter, also Aldi, Lidl, Netto, Penny, Schlecker usw. (Außer man muss jeden Euro dreimal umdrehen, natürlich, dann bleibt einem oft nichts anderes übrig.)
  2. Möglichst auch die großen Supermarktketten meiden. Lieber zu kleinen Läden, auf den Wochenmarkt etc. gehen – auch dort kann man günstig einkaufen, wenn man z.B. den richtigen Moment abpasst (beim Wochenmarkt kurz vor Ende bspw.)
  3. Keine Produkte & Marken kaufen, für die im Fernsehen oder in überregionalen Medien usw. Reklame gemacht wird; denn nur die großen Unternehmen können sich solche Medienpräsenz leisten. Und ich sage gerne (nur halb im Scherz): „Wenn das Produkt wirklich gut wäre, müssten sie keine Werbung dafür machen.“ Zudem bezahlt man als Kunde Reklameaufwand und Markenbildung beim Einkauf mit. (Diese Regel ist zugegebenermaßen etwas grob, da es sicher auch ein paar halbwegs vernünftige Sachen/Firmen gibt, die groß angelegt werben. Aber nicht so viele. Im Lebensmittelsektor kommt man mit meiner „Regel“ auf jeden Fall sehr weit.)
  4. Wenn es Alternativen gibt, immer Produkte kaufen, die nicht von den großen, weltweit agierenden Konzernen stammen. Möglichst regional, am besten Bio und Fairtrade (wer es sich leisten kann). Kein Bio von Großkonzernen, wenn auch andere Bioangebote existieren.
  5. Weniger Fleisch essen.

Diese Punkte ersetzen natürlich kein politisches Engagement oder Aktivismus, gehören aber m.E. zur passenden Begleitmusik. :-)

Verwandte Beiträge:

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12 Kommentare »

  • [...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von konsumpf, Medienstiftung FM erwähnt. Medienstiftung FM sagte: Konsumpf – Forum für kreative Konsumkritik – Culture Jamming …: Die LOHAS gehen noch einen Schritt weiter und machen, http://url4.eu/14jRc [...]

    Pingback | 8. Januar 2010
  • Punksympathisant

    Bei dm(die machen auch TV-Werbung ;) ) kann man aber finde ich schon einkaufen, das Unternehmen ist ja bekannt dafür, sozial zu sein und das behaupten nicht nur sie selber ;)
    Außer dm gibt es ja auch nur Müller und Schlecker als Drogeriemärkte, Schlecker macht zwar kaum Werbung, aber das liegt an den Sparmaßnahmen xD

    Aber du sagst ja schön, dass es auch Marken gibt, die Werbung machen und trotzdem gut sind.

    Mal ne Frage: Hast du eigentlich ein Auto? Weil eigentlich kann man ja gar kienem Autohersteller trauen, weil jeder behauptet so umweltfreundlich zu sein… ;)

    Comment | 8. Januar 2010
  • Autoherstellern kann man nicht trauen, nein, es gibt keine umweltfreundlichen Autos, das ganze Konzept dieses Individualverkehrs ist, wie man ja heutzutage so schön sagt, “nicht nachhaltig”. Bzw. eben zerstörerisch, wie auch neulich in meinem Blogbeitrag “Abgesang aufs Auto” angesprochen.

    dm ist sicher weniger schlimm als manch anderer (von den ganzen großen Ketten in dem Bereich würde ich am ehesten dort hingehen; von TV-Reklame kriege ich übrigens ja nix mit, weil ich kein werbefinanziertes Fernsehen schaue), aber wie die Produkte hergestellt werden, ist halt immer die Frage. Da geht es eben nicht nur um die Behandlung der Angestellten im Laden selbst, sondern auch um die Produktion, die dabei anfallenden Gifte, die Energieverschwendung, den Transport, die Umweltverträglichkeit beim Anbau usw. usf. (Es gibt übrigens im Norden noch Rossmann und Budnikowski. Aber mehr Ketten dann auch nicht.)

    Comment | 8. Januar 2010
  • Punksympathisant

    Hier im Allgäu gibt es zwei Supermarktketten, die es nur in Südbayern gibt, das ist natürlich gut. Einziger Nachteil: Die eine verkauft in Sachen Cola nur Coca-COla, noch nicht mal Pepsi, die andere dafür Sinalco und kleinere Marken! Da kauf ich meistens ein, wobei ich als 14jähriger theoretisch ja noch gar nichts kaufen müsst, weil ich die Ernährung ja von den Elktern kriege ;) Aber ab und zu hab ich dann schon Durst auf ne Cola, und will auch mal was unnötiges konsumieren ;)

    Comment | 8. Januar 2010
  • [...] Marwitz beschreibt Möglichkeiten dieses Problem der Arbeitsumstände und Ausbeutung zu lindern: Niemals beim Discounter kaufen. Nie. [...]

    Pingback | 8. Januar 2010
  • m.ro

    Die drei größten im Drogeriebereich: dm, Rossmann, Schlecker.

    Von Schlecker hatte ich letzte Woche ne große, fast einseitige Anzeige in einer Tageszeitung gesehen. Die war aber sowas von schlecht gemacht, da war wohl ein Prkatikant oder Sohn von irgendwem dran.

    Rossmann als drittgrößter versucht sich stark zu vergrößern. Besonders im Ausland.

    dm ist so ein zwiespältiger Fall für mich. Ich bewundere den Gründer Götz Werner. Er vertritt die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens in der Öffentlichkeit, ist antroposophisch geprägt, handelt danach (!) und hat sogar dm nach diesen Prinzipien aufgebaut. Im Internet gibt es viele schöne Interviews mit ihm. Man schaue auch sein Engagement bei der Alanus-Hochschule. Toll finde ich, dass er junge Menschen ausbildet und diese Lernlinge bei ihm heißen. Nicht nur für den Job lernen, sondern auch Theater etc. So ein Menschenbild findet man sonst sehr selten. Noch bei Alnatura und Weleda. Deswegen hat auch dm diese Produkte im Sortiment und nicht Rossmann. Alnatura ist übrigens die umsatzstärkste Warengruppe bei dm. Haben deswegen vor zwei Jahren von 8 auf 12 Regalmeter erweitert. Rossmann würde alles tun, bekäme er nur ein paar wenige Alnatura-Produkte.

    Andererseits mag ich so manch andere Produkte wieder nicht bei dm. Die von den ganzen Multis: Loreal-Kuhmist und was sonst nicht alles.

    Comment | 9. Januar 2010
  • egal

    ende-der-maerchenstunde.de wird von Random House, einem Bertelsmannunternehmen, betrieben und besitzt statt eines eigenständigen Impressums nur einen ganz unten versteckten Link zum Impressum auf der Random House-Seite . Sehr merkwürdig, da möchte wohl jemand nicht, daß gleich so offensichtlich wird, daß man gleich bemerkt, daß dahinter auch nur ein Großkonzern steckt, dessen Mutterkonzern mittels einer eigenen Stiftung kräftig die Politik in Deutschland mitbestimmt.
    Schade eigentlich, die Wahl des richtigen Verlages hätte die Thesen von Frau Hartmann ggf. mehr Glaubwürdigkeit verliehen. So wirkt das ähnlich glaubwürdig, als wenn Lidl für faire Arbeitsverhältnisse kämpft.

    Comment | 9. Januar 2010
  • ich hab den artikel gerade gelesen und kann das erwähnte schwer nachvollziehen. in ein paar punkten kann ich mit dem kopf nicken und gebe meine volle zustimmung. zb wenn man bio oder fair trade beim discounter kauft, muss man nicht meinen, dass man damit sonderlich viel verändert hat und jetzt aufhören kann über die probleme der welt nachzudenken. oder das man am besten überhaupt nicht beim discounter kauft. und natürlich bieten die solche produkte an, weil immer mehr leute so etwas kaufen. aber im vergleich zu den herkömmlichen produkten sehe ich da keinen nachteil. fair-trade zu kaufen ist aber bestimmt besser als melitta auslese zu kaufen. ich würde momentan immer bio-produkte den konventionellen sachen vorziehen. zb weil ich keine lust hab pestizit-verseuchte paprika zu essen und weil ich davon überzeugt bin, dass es immer noch besser für die umwelt ist als der herkömmliche anbau. glücklicherweise kaufe ich gemüse und obst beim kleinen bio-laden um die ecke :-)

    das die seite zu dem buch von der bertelsmann gruppe betrieben wird ist ja mal ulkig! reingefallen würd ich mal sagen :-P

    http://www.greenpeace.de/themen/chemie/pestizide_lebensmittel/

    Comment | 9. Januar 2010
  • Hab mal gleich den Link zum Blog entfernt ;-) – die Äußerungen, die Frau Hartmann in dem Artikel schreibt, bleiben aber dennoch überwiegend passend, vor allem, was das falsche Wirtschaftssystem angeht und das Greenwashing der großen Konzerne…

    Comment | 9. Januar 2010
  • Politischer Konsum?…

    Von Peter Marwitz | Konsumpf | – Die Idee, dass Konsum auch eine politische Komponente hat, ist seit einigen Jahren stark im Kommen – es gib eigene Websites & Blogs, die sich diesem Thema widmen (der meinige tut das in gewisser Weise auch e…

    Trackback | 9. Januar 2010
  • Mit Bio, der Politik und den großen Ketten, die den Markt gern beherschen wollen, ist das wirklich eine schwierige Angelegenheit. Es ist ja gut, wenn Bio-Produkte in großen Ketten zu einem vernünftigen Preis angeboten werden. Aber ist denn auch überall Bio drin, wo Bio drauf steht. Politik hin oder her, ich bin der Meinung das eigentlich gut gemeinte Einrichtungen und Kennzeichnungen, wie das Bio-Siegel, einfach zu leicht zu erlhalten sind und nicht nachhaltig und dauerhaft kontrolliert werden. Aufgrund von Dumpingpreisen und Provitgier werden hier noch so einige Konsumenten ihr blaues Wunder erleben. Ich kaufe nach wie vor im Bioladen nebenan, der ist zwar teurer aber da weiß ich was ich hab und das merkt man auch an den Produkten.

    Comment | 22. Januar 2010
  • [...] Lifestyle of Health and Sustainability (LOHAS) und (naiver?) politischer Konsum -  konsumpf.de [...]

    Pingback | 25. Januar 2010

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