Jan
04
2010

Offener Brief an die HörZu

dont_see

© Mattox, stock.xchng

Über die Feiertage kam ich in den (eher zweifelhaften) Genuss, in der Fernsehzeitschrift HörZu blättern zu können und war ob des dort abgedruckten Artikels, der einen Ausblick auf die Aktionsware der nächsten Monate bei großen Discountern wie Aldi und Lidl gab (mit einer widerlichen Zeichnung, auf der eine glücksstrahlende Familie zu sehen ist, die sich den Einkaufswagen randvoll mit Zeugs packt), so erbost, dass ich besagtem Blatt (das übrigens zum Springer-Verlag gehört) postwendend eine E-Mail mit entsprechendem Informationsmaterial zur redaktionellen Selbsterkenntnis und Weiterbildung schreiben musste – diese hier:

—————–

Sehr geehrter Herr Vogt,

Als ich in der neuen Ausgabe der Hörzu den „Schnäppchenführer“ mit den Einkaufstipps bei Discountern wie Aldi, Lidl & Co. las, stockte mir doch der Atem. Die komplett unkritische Darstellung der vermeintlichen Schnäppchen, dazu der Hinweis auf die doch von Stiftung Warentest erwiesene vermeintlich vergleichsweise hohe Qualität der Discount-Produkte lassen mich fast vermuten, dass für diesen nahe am „Advertorial“ gebauten Beitrag Zuwendungen der entsprechenden Konzerne geflossen sind (zumal ja bekannt ist, dass es enge freundschaftliche Verbindungen von zB BILD (also Springer) und Lidl gibt). Aber dies will ich gar nicht mal unterstellen.

Ich möchte Sie jedoch auf einige Fakten hinweisen, die Ihnen eventuell bisher nicht bekannt sind bzw. die man vor der Veröffentlichung solch lobpreisender Artikel eigentlich bedenken sollte. Denn diese „Schnäppchen“ der Discounter sind teuer erkauft, sowohl durch gesellschaftliche wie auch umweltbezügliche Schäden, die diese Firmen weltweit anrichten. Ein paar Links mögen Ihnen dabei die entsprechenden Informationen vermitteln:

– Diese beiden Grundsatzartikel fassen eine Vielzahl der Kritikpunkte und Nachteile des Discountwahns zusammen:
http://konsumpf.de/?p=2353
http://konsumpf.de/?p=2766

– Mehrere Studien zeigen die üblen Bedingungen, unter denen diese Aktionsware der Discounter andernorts hergestellt wird:
http://www.suedwind-institut.de/web-beitraege/pe/pe2009-02__09-02-03_aldi-studie-2.htm
http://www.saubere-kleidung.de/2008/ccc_08-01-30_pu_discounter_lidl-kik.html
http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,592711,00.html

– Eine Vielzahl weiterer Texte quer durch alle Medien beschäftigt sich mit den schlimmen Folgen und Hintergründen des Aldi- & Lidl-Erfolgs:
http://www.zeit.de/2008/19/Wallraff-19
http://www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/detail.php/1422478
http://www.zeit.de/2005/47/Fiese_Arbeit-Alternative
http://lidl.verdi.de/
http://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-dienstleister/aldi-brutal;1383241
http://www.cvengineering.ch/politikritik/index-Dateien/Discounter.htm

Ganz aktuell noch ein Bericht aus der Wirtschaftswoche, der ebenfalls (und das von einem so konservativem Heft!) die Probleme dieser Ankurbelung sinnlosen Konsums durch Billigpreise thematisiert:
http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/die-fabrik-der-welt-hat-sich-veraendert-413909/

„Um im Geschäft zu bleiben, müssen die Fabriken noch billiger produzieren. Ein Hersteller von Textilien aus Hangzhou in der Nähe von Shanghai etwa hat eine blitzsaubere, moderne Fabrik, in der er, so gibt er an, unter anderem für Abnehmer in Deutschland produziert. Eines Tages wird ein Kunde misstrauisch. Das Werk sei viel zu klein, dort könne er die bestellten Mengen doch gar nicht produzieren. Nachforschungen ergeben, dass der Unternehmer in Gefängnissen produzieren lässt. Die Fabrik in Hangzhou dient lediglich zum Vorzeigen bei den Abnehmern im Ausland.“

Solche Hintergründe, die eigentlich journalistischer Sorgfaltspflicht entsprächen, werden leider bei der Anpreisung der „tollen Schnäppchen“ komplett ignoriert. Man sollte solch skrupellosen Konzernen wie Lidl, Aldi etc. nicht auch noch zusätzlich eine Bühne geben, indem man ihre Produkte so promotet. Ich finde das verantwortungslos.

Mit freundlichen Grüßen und weiterhin ein schönes Weihnachtsfest (ohne Discount-Plunder),
Peter Marwitz

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10 Comments

  • Jacob

    Sehr guter Brief, vielleicht wirds ja eine neue Rubrik? Konsumpf-Leserbriefe?

    Frohes Neues und weiter so!

    Comment | 4. Januar 2010
  • silvia

    Genial gnadenlos ehrlich, danke!

    Comment | 4. Januar 2010
  • Punksympathisant

    wie lautet deren E-Mail-Adresse? Ich will sie auch anschreiben, da die meisten E-Mails ja doch ignoriert werden. Am besten wäre ein Postbrief, den muss man noch zumindest in der Hand halten!

    Comment | 4. Januar 2010
  • Die E-Mailadresse lautet leserbriefe@hoerzu.de – ich habe zwar schon eine Antwort erhalten, aber das klang eher nach einer Standardantwort aus dem Baukasten. Angeblich ist meine Mail ja an die zuständigen Redakteure weitergeleitet worden, naja, ich bin da doch etwas skeptisch…

    Comment | 4. Januar 2010
  • toller leserbrief von dir !!!

    Comment | 4. Januar 2010
  • Offener Brief an die HörZu…

    Von Peter Marwitz | Konsumpf | – Über die Feiertage kam ich in den (eher zweifelhaften) Genuss, in der Fernsehzeitschrift HörZu blättern zu können und war ob des dort abgedruckten Artikels, der einen Ausblick auf die Aktionswa…

    Trackback | 5. Januar 2010
  • Punksympathisant

    Ich hab ihnen bis auf den Absender genau das gleiche geschickt und KEINE Standart-Antwort bekommen:

    Sehr geehrter Herr [Mein Nachname],

    vielen Dank für Ihren Leserbrief vom 4. Januar 2009 und die beigefügten
    Links.

    Auch wir als Redaktion haben uns bei diesem Thema in einem Zwiespalt
    gesehen. Einerseits das große Interesse der Bevölkerung an diesen Artikeln,
    die sehr preisgünstig abgegeben werden. Andererseits hofft man als Kunde
    natürlich, dass die Bedingungen, unter denen das Produkt hergestellt wird,
    keinen unangemessen benachteiligen. Gerade in dieser Hinsicht hat sich in
    den letzten Jahren aber vieles zum Besseren gewendet. So heißt es etwa von
    Tchibo: “ Unser Qualitätsanspruch umfasst nicht nur die reine ‚physische’
    Produktqualität, sondern auch die Bedingungen, unter denen die Produkte
    hergestellt wurden. Darunter fällt zum Beispiel auch die soziale
    Verantwortung für alle beteiligten Arbeitnehmer. Zum Anderen achten wir auf
    die Umweltverträglichkeit unserer Produkte bei der Herstellung.“

    Ich hoffe, dass Ihnen HÖRZU auch weiterhin viel Informatives und
    Interessantes bieten kann, wünsche Ihnen ein frohes und gesundes 2010 und
    verbleibe
    mit freundlichen Grüßen
    Stefan Vogt
    Dipl.-Volkswirt
    Redaktion Hörzu
    Axel-Springer-Platz 1
    20350 Hamburg
    Tel: + 49 – 40 – 34723596
    Fax: + 49 – 40 – 34722108
    E-Mail: stefan.vogt@hoerzu.de

    Comment | 5. Januar 2010
  • Nicht schlecht, mir haben Sie nicht so geantwortet… :-O Aber schon bemerkenswert, dass sie Aldi & Lidl in ihrer Antwort nicht erwähnen, hehe, denn da hat sich natürlich nichts verbessert. (Bei Tchibo auch nicht wirklich – solange billiger Konsum angekurbelt wird ,ist das alles Augenwischerei – meine Meinung). Übrigens, wieso hast Du denen denn genau den gleichen Brief geschickt, den hättest Du doch besser in eigenen Worten formulieren sollen?? So wirkt es abgesprochen und nicht so, als wenn es mehrere Leute gibt, die das aufregt…

    Comment | 5. Januar 2010
  • Punksympathisant

    weil ich das nicht so gut gemacht haben hätte können… Ich hab den Artikel ja „leider“ nicht gelesen, hätte mich nämlich schon interessiert, zum Schluss hab ich bei meinem täglichen Einkauf bei LIDL noch was „nützliches“ vergessen, weil ich es nicht gelesen hab… ;)

    Und nachdem du eine Standardantwort gekriegt hast, haben sie deines vielleicht gar nicht gelesen…

    Comment | 7. Januar 2010
  • Konsument

    Der Brief und das ganze Thema dieser Website gefallen mir.

    Comment | 8. Januar 2010

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