Nov
02
2009

„An der Kette“ – wie große Buchketten wie Thalia den Buchmarkt zerstören

Jetzt mal ehrlich – wer von Euch kauft Bücher noch beim kleinen Buchladen um die Ecke (sofern dieser überhaupt noch existiert), wer bestellt diese nicht mittlerweile eher bei multinationalen Großkonzernen wie Amazon oder bei der Filiale einer großen Kette? Auch ich muss gestehen, dass ich viele Bücher im Internet bestelle (dort in der Regel dann aber gebrauchte, also antiquarisch), obwohl nur 500 Meter vom mir entfernt ein sympathisches Buchgeschäft existiert. Schon oft habe ich mir Gedanken darüber gemacht, welche die Vielfalt und das Lokalkolorit zerstörende verheerende Wirkung der diesem Wirtschaftssystem immanente Zwang zum ewigen Wachstum hat – denn nicht nur muss letztlich jede Firma immer höhere Gewinne machen, Unternehmen müssen halt, um dies zu erreichen, auch immer größer werden, sich immer weiter ausbreiten. Und das geht nur auf Kosten anderer Geschäfte. Dieser auf allen Bereichen zu beobachtende Trend – man schaue sich nur die trostlosen einheitlich-genormten Innenstädte mittlerer deutscher Großstädte wie Kiel an: in der Fußgängerzone stolpert man hier inzwischen gleich vier Mal über H&M-Läden! – greift leider auch auf dem Büchermarkt mit voller Wucht um sich. Wobei die Buchpreisbindung die totale Auslöschung aller alternativen Angebote derzeit noch verhindert oder wenigstens bremst, da die Großkonzerne wenigstens nicht mit Dumpingpreisen operieren können, wie sonst auf dem von den FDP-Gläubigen als so heilsbringend beschworenen „freien Markt“, in dem Marktmacht alles ist.

Das Jetzt!-Magazin der Süddeutschen Zeitung thematisierte unlängst diese Entwicklung in einem seltenen Moment luzider Weitsicht – „An der Kette“:

Welche Literatur in den Ladenregalen steht und beworben wird, das liegt immer seltener in der Hand der Verlage. Die Buchwelt klagt zwar stets über das Internet. Doch inzwischen ist klar, dass es zur Zerstörung einer ganzen Branche keiner neuen Medien bedarf: Ein Konzern wie Thalia besorgt das auf seine Weise.

Wie ich gerade sehe, habe ich mit meinem Hinweis auf diesen Artikel etwas zu lange gewartet, denn inzwischen ist der nicht mehr online und muss statt dessen für satte 2 € im SZ-Archiv erworben werden (oder HIER gratis). Ob sich das lohnt, muss jeder für sich selbst entscheiden, der Artikel ist auf jeden Fall sehr gut und zeigt in erschreckender Weise, wie Thalia den deutschen Buchmarkt aufmischt, monopolisiert und durch Druck auf die Verlage auch das Verlagsprogramm mitbestimmt. Die Vielfalt, das kulturelle Angebot und auch die künstlerische Freiheit sind in diesem Umfeld Opfer des Profitstrebens der Großen in der Branche. Wer als Verlag da nicht mitziehen will, wird ausgelistet, sprich, die Bücher werden nicht mehr in die Regale der Geschäfte gestellt, sondern können nur noch auf speziellen Wunsch eines Kunden bestellt werden. Da viele Menschen sich von dem beeinflussen lassen, was Charts/Ranglisten aussagen, aber auch durch die ausliegenden und besonders präsentierten und beworbenen Werke, verfestigt sich hier der Trend zu immer mehr Mainstream und immer geringerer Buntheit des Geschmacks. So wie McDoof und Coca Cola versuchen, den Erdball mit einem normierten Produkt zu beglücken, greift eine vergleichbare Entwicklung auch auf dem Büchermarkt.

Die Nordhessische bezieht sich in „Buchhandel: Wie man Verlage aussaugt und den Markt zerstört“ ebenfalls auf den Bericht aus der Süddeutschen, fasst diesen meines Erachtens kurz, aber präzise zusammen (so spart man 2 € ;-) ) und gibt noch einen weiteren Einblick in die Misere:

[...] Das Modell der Discounter und später auch anderer Branchen, den „Zulieferern“ immer größere Rabatte abzunötigen, hat auch hier Schule gemacht und zeigt, dass es letztlich gleichgültig ist, ob man Bücher, Toastbrot oder Blinker verkauft. [...]

[...] Interessant an dem Artikel ist, dass die Großverlage bislang das Spiel der Ketten mitspielen und sich somit in die Abhängigkeit der Großhändler begeben. [...]

[...] Ein weiterer Faktor ist der Kunde, der es auch in der Hand hat, wo er einkauft, ob er lieber große Handelsketten oder lieber Autoren unterstützen möchte. [...]

Der Autor verweist hier auch auf das YouTube-Video eines lokalen Kasseler Buchhändlers, der darin über die Vorgehensweisen der großen Ketten aufklärt (und Werbung für sich macht, was ich in diesem Ausnahmefalle aber mal toleriere) – sollte das Video nicht abspielen, bitte auf den HQ-Button drücken (notfalls direkt auf der YT-Seite):

Auch der Fefe-Blog hat das in gewohnt bissiger Manier schon kommentiert:

Kurzer Realitätsabgleich: Nicht die Internet-Raubkopierer machen die Verlage kaputt, sondern große Buchhandels-Ketten. Die Details lösen Brechreiz aus. Die haben den Buchhandel walmartisiert und kassieren laut dieses Artikels über 50% des Buchpreises als Profit, wollten gar eines Tages von den Verlagen noch ihre neuen Filialen finanziert kriegen.

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20 Kommentare »

  • YouTube kann man diese Tage in die Tonne treten, “an error occured”, mal wieder. Aber dafür Werbevideos vor den eigentlichen Videos abspielen und das alte Kanaldesign komplett abschaffen, um es mit einem viel Unübersichtlicheren zu ersetzen. Aber ich komme vom Thema ab. Da ich in “dörflicher” Gegend wohne und mir die Versandhändler teilweise suspekt sind, bestelle ich benötigte Bücher beim Buchhändler ein paar Straßen weiter. Wenn ich dann aber doch mal in der nächsten großen Stadt bin, gehe ich doch zu Thalia. Aber angesichts des Artikel werde ich mich wohl nur noch zum anlesen dort rein setzen und interessante Bücher über den Dorfhändler bestellen.
    Ich hoffe, dass das Video demnächst wieder geht.

    Comment | 2. November 2009
  • Hast Du auch, wie beschrieben, versucht, Dir das Video auf der YT-Seite im HQ-Format anzuschauen? Da ging es bei mir gestern.
    Ansonsten sehr löblich, dass DU Deinen örtlichen Buchhändler kaufst! :-) Ich versuche, neue Bücher auch eher beim Laden um die Ecke zu erwerben, aber bei den vielen 2nd Hand-Büchern, die ich so kaufe, sind Internetplattformen wie booklooker oder zvab schon sehr praktisch. Obwohl die auch zu irgendwelchen Konzernen gehören, was mir natürlich nicht gefällt. Die Bücher selbst werden darüber aber von kleinen Antiquariaten deutschlandweit verkauft.

    Comment | 2. November 2009
  • @killergeneration

    Das Video bei youtube geht komischerweise in der HQ-Version, während die Normalversion bei mir auch nur eine Fehlermeldung zeigte.

    ——–

    In der Buchhandlung eingeschlossen…da hat man sich in Kassel wohl den Douglas-Werbespruch von “Come in and find out” zu Herzen genommen.

    Da ich in den letzten Monaten eigentlich nur englischsprachige Bücher gekauft habe, finde ich mittlerweile aus rein egoistischen Gründen die Buchpreisbindung in Deutschland eher überflüssig. Die Buchpreisbindung ist eigentlich das Äquivalent zur Preisfestsetzung der Pharmaindustrie bei Medikamenten, auch hier setzt der Hersteller den Preis fest und es muß immer dieser festgesetzte Preis gezahlt werden (Re-Importe mal ausgenommen).

    An der Ausrichtung am Mainstream oder der Ranglistengläubigkeit ändert auch die Buchpreisbindung nichts. Wenn es nicht gerade Spezialbuchläden sind, die sich bestimmten Themenschwerpunkten widmen, sind auch kleinere Buchläden bemüht, das vorrätig zu haben, von dem anzunehmen ist, daß es sich verkauft. Und das ist eben der Mainstream und was in den Empfehlungen der Massenmedien auftaucht. Da unterscheidet sich bei nicht spezialisierten Buchhändlern das auf Mainstream getrimmte Angebot auch nicht nennswert von Großbuchhändlern, außer daß das Angebot dort wegen Platzmangels generell kleiner sein dürfte. Gut, man hat da mitunter noch Verkaufspersonal, das Bücher mit Leidenschaft liest und empfiehlt. Aber wenn man statt übersetzten Büchern aus dem UK oder den USA lieber die Originalversion liest, hilft das auch nicht weiter. Und bei anderen Büchern hilft auch das Internet weiter, dort finde ich auf Verkaufsseiten oder in Blogs nicht nur eine Meinung und Bewertungen zu einem Buch, sondern unzählige, die durchaus verschiedene Aspekte eines Buches beleuchten, was vor allem bei Fachliteratur interessant ist.

    Was ich leider auch feststellen musste, ist, daß die kleine Buchhandlung um die Ecke auch nicht wirklich konkurrenzfähig ist, was Importware angeht. Selbst wenn ich auf die Preise bei Amazon-Marketplace-Angeboten oder jpc (ja, die sind bei Importbüchern mitunter günstiger als Amazon) noch einen Solidarbeitrag von zwei, drei Euro raufschlage, weil eine Buchhandlung eben höhere Kosten hat, waren die immer noch erheblich teurer. Und da es sich eh um Bestellware handelt, gab es hier auch keine Vorteil einer sofortigen Verfügbarkeit.

    Und keine Buchpreisbindung zu haben, hat in den USA beispielsweise nun auch nicht dazugeführt, daß es dort keine qualitativ guten Bücher mehr gäbe. Man muß halt nur mehr suchen. Aber das muß man eigentlich immer, wenn man sich nicht auf den Mainstream beschränken möchte. Und hier wäre dann auch der Nischenmarkt für kleine Buchhandlungen, wenn es keine Buchpreisbindung mehr gäbe, nämlich die Spezialisierung auf bestimmte Themen.

    Comment | 2. November 2009
  • Und führe mich nicht in Versuchung… Mach mir die bösen Versandhändler nicht auch noch schmackhaft! ;)
    Aber du hast recht auf HQ klappt das. Man, finde ich das doof. Das Einschließen-und-genießen-Angebot von Buchhabel ist ungewöhnlich, aber gerade deswegen interessant. Aber was soll man schon gegen Büchermonopole tun? Der Großteil der Bürger wird sich nie einen Gedanken drüber machen, geschweige denn wissen, was hier eigentlich geschieht.

    Comment | 2. November 2009
  • m.ro

    @Schweinejournalist:
    “Und keine Buchpreisbindung zu haben, hat in den USA beispielsweise nun auch nicht dazugeführt, daß es dort keine qualitativ guten Bücher mehr gäbe. Man muß halt nur mehr suchen.”

    Meiner Meinung nach sind deine Behauptungen recht platt. Was ist denn ein “qualitativ gutes” Buch? Und was hat das mit dem “mehr suchen” zu tun? Bei wenigen großen Verlagen werden Bücher gar nicht mehr herausgebracht, wenn nur eine kleine Auflage erwartet wird. Da kannst du dann noch so viel suchen, es gibt sie einfach nicht.

    Kennst du dich auf dem englischsprachigen Buchmarkt denn aus (außer dass du englische Bücher bestellst und liest)? Hast du mal ein englischsprachiges Fachbuch gekauft? Weißt du was die kosten im Verhältnis zu einem deutschen?

    Davon abgesehen hat die Buchpreisbindung (BPB) auch einige positive Effekte. Die Vielfalt der deutschen Buchlandschaft bleibt gewahrt. Kleine Auflagen (das sind dann wohl, wie ich dich verstehe, die eher “qualitativ guten” Bücher) werden zum Teil durch den Gewinn, der mit Bestsellern (Mainstream) gemacht wird, finanziert. Fiele die BPB weg, würde es ein Auseinanderdriften der Preise geben. Wenige Bestseller würden von den großen Ketten zu Discountpreisen verkauft werden. Die große Anzahl an Büchern würde wesentlich teurer werden. (Stichwort ABC-Analyse: Umsatz und Anzahl gegenübergestellt. Was wird ein Buchhändler wohl für Bücher listen?)

    Genau dein Denken führt letztlich zu den negativen gesellschaftlichen Effekten: Sterben der kleinen Buchläden, Massenverblödung durch Konzentration auf wenige rentable Buchtitel etc.

    Übrigens hier mal die durschnittliche Aufteilung des Buchumsatzes: 50% Händler, 40% Verlag, 10% Autor.

    Comment | 2. November 2009
  • m.ro

    Hier noch ein Link, der die Problematik der BPB schildert. Ist zwar von 1998, die Lage dürfte sich eher noch verschärft haben.

    Vor allem der Vergleich mit dem Musikmarkt (!! s. Zitat) ist aufschlussreich.

    http://www.focus.de/panorama/boulevard/brennpunkt-buchpreisbindung_aid_170443.html

    GEGEN DIE „SCHLEUDEREI“

    111 Jahre alt ist die Preisbindung für Bücher in Deutschland: 1887 erklärte der Börsenverein den vom Verleger festgesetzten Preis als verbindlich für alle Mitglieder. Händler, die gegen die Regelung verstießen, wurden von den Verlagen nicht mehr beliefert.

    Grund für die Initiative: Die „Schleuderei“ hatte seit Anfang des 19. Jhs. stark zugenommen, d. h. in Metropolen waren Bücher deutlich billiger als in kleineren Städten.

    Das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen von 1958 untersagt zwar Preisabsprachen, nimmt aber die Buchpreisbindung aus.

    MARKTKONZENTRATION

    1972 fiel die Preisbindung für Tonträger.

    Die Folgen:

    Vor 1972 gab es einige hundert Musikverleger, heute erwirtschaften nur sechs Unternehmen 80 Prozent des Umsatzes.

    Die Zahl der Fachgeschäfte reduzierte sich von rund 10 000 auf etwa 2000.

    Titel, die in den Charts präsent sind, werden preisaggressiv verkauft. Sie dienen oft als „Lockangebot“ und werden zum Einkaufspreis oder sogar darunter abgegeben. Die Preise des übrigen Programms sind hoch und stabil.

    UNEINHEITLICHE UNION

    Flickenteppich Europa:

    In acht von 15 EU-Staaten werden Bücher zu festen Preisen verkauft.

    Großbritannien:

    Die Preisbindung brach 1995 zusammen, weil sich Großverlage nicht länger daran hielten.

    Deutschland:

    Der Verlag kann einen Preis festlegen, der für die Buchhandlungen verbindlich ist. Er muß es aber nicht.

    Frankreich:

    Nach einer kurzen Phase freier Preise von 1979-81 wurde die Preisbindung wieder eingeführt.

    Comment | 2. November 2009
  • @m.ro

    Natürlich ist der Begriff “qualitativ gutes Buch” rein subjektiv. Hier meinte ich dann aber Bücher abseits des Massenmarktes. Wobei die von mir gewählte Formulierung mit der Qualität dann doch eher etwas unglücklich gewählt ist.

    Kennst du dich auf dem englischsprachigen Buchmarkt denn aus (außer dass du englische Bücher bestellst und liest)? Hast du mal ein englischsprachiges Fachbuch gekauft? Weißt du was die kosten im Verhältnis zu einem deutschen?

    Ich denke mal, Bücher aus Universitätsverlagen, die sich eher akademisch mit dem Medium Film in den 1930ern auseinandersetzen, kann man getrost als Fachbücher bezeichnen. Ich habe keine Ahnung, ob es deutsche Bücher zu dem Thema gibt (vermute ich mal eher nicht, da es um US-Filme geht), aber für nicht gebundene Ausgaben so 20-30 Euro zu zahlen (obwohl es mitunter auch gebundene Ausgaben in diesem Preisrahmen gibt), finde ich angemessen und nicht zu teuer. Im Vergleich zu (naturwissenschaftlicher) Fachliteratur, die ich während meines Studiums benötigte, ist das sogar vergleichsweise günstig.

    Und es handelt sich dabei ganz sicher um kleine Auflagen und Themen, die für große Verlage wie Bertelsmanns Random House auch gar nicht von Interesse sind. Die sind bei spezialisierten Verlagen wie Univerlagen besser aufgehoben.

    Und Originalausgaben von Romanen, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, sind als Import meist auch erheblich günstiger. Ok, es musste kein Geld für eine lausige Übersetzung ausgegeben werden, aber dafür fallen entsprechende Transportkosten für den Import an (da könnte man dann wieder darüber philosphieren, daß die Transportkosten generell zu niedrig sind, weil die Umweltschäden eben nicht mitbezahlt werden, aber das ist ein anderes Thema).

    Genau dein Denken führt letztlich zu den negativen gesellschaftlichen Effekten: Sterben der kleinen Buchläden, Massenverblödung durch Konzentration auf wenige rentable Buchtitel etc.

    Ah ja, und die Buchpreisbindung, die wir derzeit haben, hat jetzt inwiefern die schon existente Massenverblödung verhindert?

    Comment | 2. November 2009
  • Kaufe beim kleinen Buchladen um die Ecke. Allerdings haben sie oft die Bücher, die ich möchte, nicht auf Lager. Daher bestelle ich schon mal bei Amazon. Wir haben hier einen fetten Thalia am Neumarkt, da bin ich aber seit zwei Jahren nicht mehr gewesen.
    Mein Grundgefühl bezüglich der jetzigen Regierung: Es wird nicht gemütlicher in Deutschland, wahrscheinlich sogar spürbar kühler. Die Machtkonzentration in Politik und Wirtschaft wird steigen.

    Comment | 2. November 2009
  • m.ro

    @schweinjournalist:

    Du zitierst zwar meine Fragen. Ich verstehe allerdings deine Antworten nicht. Hab deinen Beitrag auch mal jemand anderem gezeigt, ob er denn verstünde, was du mir sagen möchtest. Auch ihm ist es unklar.

    Zu deinem letzten Satz: die BPB ist nicht in direkter Weise für die “Massenverblödung” verantwortlich – weder sie zu verhindern, noch sie zu fördern. Es wirkt indirekt, über mehrere Stufen und Jahre. Vor allem im System, in dem noch mehrere Faktoren zusammenwirken. Bspw. ist das Buch nur ein Medium unter vielen konsumierten (ein Viertel aller Deutschen liest überhaupt keine Bücher).

    Für mich argumentierst du einseitig aus der Sicht des Käufers – was ja schließlich auch deine Erfahrungswirklichkeit umfasst. Im System gedacht kommen sowohl andere Fragen als auch andere Einsichten. Insofern wollte ich mit meinem Beitrag nur einen Anstoß zum weiterdenken geben. Den Focus-Artikel, vermute ich, hast du wohl nicht gelesen. Gerade die Darstellung der Musikindustrie unter der Überschrift “Marktkonzentration” find ich beachtenswert zu den von uns diskutierten Phänomenen.

    Comment | 2. November 2009
  • Hey Wirrklich. Kann dir der Buchhändler um die Ecke dir nicht die Bücher bestellen? Kostet dich nicht mal Versandkosten.

    Comment | 2. November 2009
  • Doch, den Focus-Artikel habe ich gelesen. Aber die beschriebenen Folgen kann ich für den Musikmarkt leider nicht aus eigener Erfahrung nachvollziehen.

    “Vor 1972 gab es einige hundert Musikverleger, heute erwirtschaften nur sechs Unternehmen 80 Prozent des Umsatzes.

    Die Zahl der Fachgeschäfte reduzierte sich von rund 10 000 auf etwa 2000.”

    Majorlabels (falls Label mit Musikverleger gemeint ist) gab es schon vor 1972, das die in der Wirtschaft üblichen Konzentrationsprozesse nicht vor der Musikindustrie haltmachen, dürfte sich mit oder ohne Preisbindung ergeben und ob eine Preisbindung den Aufkauf deutscher Labels wie Telefunken durch ausländische Unternehmen verhindert hätte, bezweifele ich. Und als eifriger Schallplattenkäufer über einen Zeitraum von über 10 Jahren, hatte ich – zumindest in Großstädten – bis Anfang der 2000er nie einen Mangel an Fachgeschäften für Tonträgern festgestellt. Überhaupt in welchem Zeitraum soll die Zahl “von rund 10 000 auf etwa 2000″ gefallen sein? Gerade kleine Plattenläden sind/waren immer ein recht eigenwilliges Biotop, mitunter fühlte man sich dort als Kunde gar nicht willkommen und wurde auch eher herablassend behandelt.

    Auch gab es keinen Mangel an kleinen Labels, die fernab des Mainstreams und der Majorlabels Musik en masse veröffentlichten. Aber auch hier musste man eben suchen, da die Sachen eher in den spezialisierten Fachgeschäften zu finden waren als allgemein in einem “Plattenladen”, wobei es aber auch mal Zeiten gab, in denen selbst Karstadt oder Brinkmann in Hamburg massenweise Importschallplatten anboten.

    Zu deinem letzten Satz: die BPB ist nicht in direkter Weise für die “Massenverblödung” verantwortlich – weder sie zu verhindern, noch sie zu fördern. Es wirkt indirekt, über mehrere Stufen und Jahre.

    Die Buchpreisbindung wirkt eben nicht einer Massenverblödung entgegen. Wir haben nun schon die Buchpreisbindung seit x Jahren und ist die Masse der Bevölkerung dadurch gefühlt schlauer geworden respektive weniger verblödet?

    Wie schon erwähnt, wer die Buchpreisbindung ok findet, findet dann sicher auch die Preisfestsetzung von Medikamenten in Deutschland durch die Pharmaindustrie völlig in Ordnung. Das ist für mich das gleich in Blau.

    Comment | 2. November 2009
  • “Wie schon erwähnt, wer die Buchpreisbindung ok findet, findet dann sicher auch die Preisfestsetzung von Medikamenten in Deutschland durch die Pharmaindustrie völlig in Ordnung. Das ist für mich das gleich in Blau.”

    Naja, Medikamente MUSS mancher (die meisten) kaufen, hier wird einfach das Geld von Kranken (und den Kassen) abgeschöpft, von daher ist das schon was ganz anderes als bei Büchern (die man freiwillig kauft) zu verhindern, dass große Ketten kleinere Läden durch Dumpingpreise zerstören. Darum geht es ja vor allem. Der Abstieg der Plattenfirmen hat natürlich auch noch andere Gründe, mp3s, die Trägheit mancher Labels (vor allem der großen), auf Neuerungen zu reagieren, und eben auch den zum Glück vermehrt festzustellenden Trend vieler Künstler, ihre Sachen gleich komplett kostenlos als Download anzubieten und eher von Konzerten usw. zu leben. Übrigens habe ich den Eindruck, dass es derzeit viel mehr Labels gibt als früher (Netlabel usw.), bzw. man eben viel leichter auch an Obskures herankommt als noch in Zeiten vor dem Internet – das ist eher ein Gewinn für die Vielfalt! Wer seinen CD-Geschmack aus den Auslagen vom MediaMarkt bedient, dem ist eh nicht zu helfen…

    “Die Buchpreisbindung wirkt eben nicht einer Massenverblödung entgegen. ”

    Das soll sie ja auch nicht (direkt) – sondern verhindern, dass, wie gesagt, die Marktmachtkonzentration die Vielfalt behindert und zerstört. Der offenkundige Abstieg der Mainstreammedien allgemein, was die Qualität angeht, ist dadurch auch nicht aufzuhalten, das ist klar – da müssten die Menschen einfach mal wieder beginnen, ihr Hirn einzuschalten statt sich mit dem Bullshit der Privatsender sedieren zu lassen… (sag ich mal so arrogant ;-)

    Comment | 3. November 2009
  • hey Peter. ich muss hier ein wenig was einwenden: es ist ein althergebrachter bürgerlicher mythos, dass der kleine kapitalist von nebenan besser ist als der große kapitalist weit weg.
    beide haben vor und nachteile. es ist also zu kurz gedacht zu sagen kauft beim kleinen kapitalisten um die ecke statt beim großen versand oder der kette.
    auch die ablehnung der rationalisierung ist eine platte rückwärtige haltung.

    in einer freien gesellschaft würden wir doch nicht anstreben, dass es nur kleine und irrationale läden gibt die alles teurer machen. beim buch entfällt in .de derzeit das preis-argument aber seien wir doch mal ehrlich, welcher buchhändler ist schon mehr als zwischenhändler?

    in berlin gibt es so ca. ein paar buchläden die irgendiwe links oder anders sind. schwarze risse, ngbk, bbooks, proqm etc.
    da steckt noch haltung und eine idee dahinter. da kaufe ich auch gern wenn es die zeit erlaubt (tut sie aber oft nicht, extra hinzukommen ist immer eine hürde).
    überall woanders in .de ist das aber ein ganz schöner akt. buchläden sind meist zumutungen, kleine wie große, ketten wie tante emma buchläden.
    kein wunder, dass sie mehr und emhr durchs netz ersetzt werden.

    wenn in einer kette im buchladen ein cafe ist oder zumindest eine couch und der raum groß genug ist damit ich keine platzangst bekomme dann ist das etwa für mich ein fortschritt.

    wenn ich “kleiner linker buchhändler” wäre dann würde ich nicht heulen sondern vedammt nochmal eine genossenschaftliche organisierte kette aufbauen und es den kapialisten auf ihrem eigenen terain zeigen. natürlich ist das dann problematisch wenn sich so ein betrieb in konkurrenz zu den kapitalisten begibt aber den bioläden geht das doch auch, siehe die alternative kette LPG, derzeit wohl der beset bioladen verbund.

    vielleicht würde ich auch in einer linken buchkette mitglied werden.
    an etwas festzuhalten was schlechter ist nur aus einem unklaren gefühl des antikapitalismus heraus sit klassisch verkürzte kapitalismusktirik.

    Comment | 3. November 2009
  • @killergeneration
    Soweit es geht, bestelle ich nicht bei amazon. Aber manchmal ist die Verfügbarkeit von amazon doch wesentlich größer. Man kann halt nicht immer noch vor dem Ladenschluss Feierabend machen.

    Comment | 3. November 2009
  • Naja, es geht ja doch eher darum, dass, je größer die Ketten werden, sie eben auch mehr Druck auf die Verlage und damit auch Autoren ausüben (wie in dem Filmbeitrag zu sehen), und das führt dann schon zu einer Monopolisierung. Von daher ist der “kleine Kapitalist von nebenan” besser, weil er eben nicht diese Marktmacht hat und auch nicht anstrebt. Es ist ebenfalls ein Mythos, dass die Rationalisierung der großen Ketten nun viele Vorteile für den Kunden mit sich bringt – vielleicht kurzfristig auf der Preisebene,aber in puncto Vielfalt und auch “Nachhaltigkeit” nicht unbedingt (siehe auch Discounter).
    “Genossenschaftlich organisierte Buchhandelskette” finde ich eine gute Idee – gibt’s sowas schon…?

    Comment | 3. November 2009
  • @Wirrklich: Das ist ein Argument, aber ich denke nicht, dass du versuchst, jedesmal erstmal beim Buchhändler nach zu fragen. Es dauert meist nur ein, maximal zwei Tage (Wochenende ausgenommen) bis das Bestellte da ist.

    Comment | 3. November 2009
  • Es ist auch hier die Entwicklung wie damals mit dem sog. Tante-Emma-Laden: Die sind deswegen kaputt gegangen, weil niemand mehr dort eingekauft hat – nicht, weil die Supermärkte die kaputt gemacht haben. Hätten die Menschen beim kleinen Laden um die Ecke weiter eingekauft (was ja jeder hätte weiter machen können), gäbe es die heute noch, oder?

    Comment | 3. November 2009
  • Also eigentlich hat das ganze Problem schon angefangen als eben Discounter Bücher anbieten konnten und dadurch natürlich nur mehr jene Bücher kriegbar waren die eben den Massengeschmack treffen. Für den Leser ist es eigentlich sehr schön, dass es durch die Möglichkeiten im Internet zu bestellen wieder wesenentlich leichter ist an Bücher aller Art zu kommen. Und wie bei vielen Produkten, die enben übers Internet kaufbar sind, führt dies dazu dass der “kleine Buchladen um die Ecke” natürlich in enorme Schwierigkeiten kommt – sogar größere Buchläden sind kaum mehr lebensfähig.
    Aber das wird kaum aufhaltbar sein. Die Discounter haben den Tante Emma Laden auch untergehen lassen und ob es für uns alle dadurch besser geworden ist ist ja auch nicht immer klar.
    Was ich aber dennoch für gut halte, ist im Gegensatz zu vielen anderen Kommentaren die Buchpreisbindung. Wenn da auch noch ein Preiskampf entsteht würde meiner Mainung nach der “kleine” noch schneller aus dem Markt degrängt werden.

    Comment | 3. November 2009
  • [...] hin­ter einer Pay­wall und ver­langt dann noch hap­pige 2 Euro Ein­tritt. Statt­des­sen ver­linke ich lie­ber auf Kon​sumpf​.de. Dort ist das kom­men­tiert und es gibt Links auf alter­na­tive Berichte. 9. Dezember 2009 [...]

    Pingback | 9. Dezember 2009
  • Der ganze Kulturpessimismus im Bereich Bücher ist völlig unangebracht.

    Wer anspruchsvolle Literatur schätzt, weiß auch, dass sie mehr wert ist. Es ist doch eher ungerecht, wenn der Schüler, der das Lesen gerade für sich entdeckt, für Harry Potter dank Preisbindung mehr zahlen muss und damit teurere Fachbücher o.ä. quersubventioniert werden.

    Wenn man kleine Buchhändler stärken will, dann muss man selbst als Verbraucher dort hingehen. Bei uns ist es ja eher so, dass die großen Ketten sich einen Verdrängungswettbewerb leisten können, dank der hohen Margen in Deutschland. Denn der Zwischenhandelspreis ist nicht gebunden, so dass große Ketten größere Margen haben als kleine Buchhändler. Kulturförderung ist das nicht.

    Auch in Schweden, GB und Irland ist trotz Buchmarkt-Liberalisierung kein Weltuntergang eingetreten. Und für den wahren Kulturschaffenden, den Autor, ist es eigentlich besser, wenn mehr (ggf. auch preiswertere) Bücher verkauft werden.

    Comment | 7. Oktober 2012

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