Mai
29
2011

Gefährliches Gemüse – Antiobiotikaresistente Bakterien

© michaelaw, stock.xchng

Für das Gemüse kommt es derzeit wirklich knüppeldick – seit einigen Tagen beherrschen Horrormeldungen zur Gemüsegrippe Belastung von Gemüse aus Norddeutschland Spanien die Medien, die mit sogenannten Ehec-Bakterien belastet sind, einer Seuche, die für den Menschen sogar tödlich enden kann. Wer rohes Gemüse zu sich nimmt, lebt also im Moment (scheinbar) gefährlich. Wie Blogleser „Insider“ vorgestern in einem Kommentar hier im Konsumpf schon richtig anmerkte, ist es kein Wunder, dass der Trend zu massenhafter Billigproduktion in der Landwirtschaft sich am Ende wieder gegen den Menschen wendet, wie auch schon vergleichbare Seuchen wie BSE oder der Vogelgrippe, aber auch Dioxin in Eiern etc. pp in der Vergangenheit immer wieder gezeigt haben. Gerade in Spanien herrschen wohl unglaubliche Zustände, dort geht es nur noch nach der reinen Masse, koste es Umwelt und Menschen was es wolle:

In Almería befindet sich die weltweit größte Konzentration von (Plastik-) Gewächshäusern aus denen ganz Europa mit Obst und Gemüse beliefert wird. Die Gewächshäuser stehen so dicht und in so großer Zahl nebeneinander, dass sie aus der Ferne wie ein riesiges Plastikmeer aussehen. Das künstliche, silberglänzende wirkende Gebilde ist sogar vom Mond aus erkennbar. Wolkenverhangene Berge begrenzen das Meer aus Plastik, das sich bis in die Ausläufer der Sierra de Gádor hinaufschiebt. Es kriecht bis an die Häuser der Wohnviertel heran, säumen die Schnellstraßen und umschließen die Ortschaften wie eine Schicht aus silbrig glänzendem Tüll. Alle Reste von Natur werden nach und nach von der Flut der „Gewächshäuser“ verschluckt.

Zwischen 70 und 80 Prozent des europäischen Lebensmittelmarktes werden heute von wenigen Großhandels-ketten beherrscht, die die Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse ständig nach unten drücken. Bei einem Verkaufspreis von 11 Cent pro Kilo Gurken bleibt auch für die Landwirt/Innen nicht viel übrig. Ist der Markt gesättigt, weigern sich die ZwischenhändlerInnen, das produzierte Gemüse anzunehmen. Tonnenweise landen Gurken, Paprika und Tomaten so auf dem Müll. Auf einer 350 Quadratkilometer großen wüstenartigen, (demzufolge ungünstiger Niederschlagsverhältnisse)riesigen Fläche, nahe der (tourist.) Küste von Almeria wird für jede/n einzelnen Europäer/In mehr als zehn Kilo Treibhausgemüse im Jahr produziert. Während der Hochsaison im Winter verlassen täglich Tausend Last-wagen das „Plastikmeer“ des südspanischen Anbaugebiet und rollen über die Autobahnen Richtung Norden, um insbesondere auch deutsche Supermärkte und Discounter mit billigem Obst und Gemüse zu beliefern(ca. 70%). Eine zerstörte Umwelt, eine von Pestiziden und üblen Gerüchen gesättigte Luft, eine Landschaft ohne Grünflächen, ohne Bäume, ohne sauberes Wasser, die Ausbeutung von Arbeiter und der direkten Umwelt – kurzum, eine industrielle Einöde, das ist der Preis. (…)

Tja, als wäre das also noch nicht genug, gibt es nun den nächsten Schlag ins Gesicht all derjenigen, die gerne rohes Gemüse (zu den Personen zähle ich mich auch) – dir WDR-Sendung Markt hat in seinem Beitrag „Gemüse: Resistente Bakterien“ eine weitere unangenehme Entdeckung gemacht: sowohl auf Gemüse aus konventionellem wie auch aus EU-Bio-Anbau wurden Bakterien entdeckt, die resistent gegen Antibiotika sind und sich im Darm des Menschen festsetzen, so dass die Gefahr besteht, dass Antibiotika in dem Moment, wo er sie aus Krankheitsgründen bräuchte, nicht mehr richtig wirken. Diese sehr neue Entwicklung lässt sich wohl direkt auf die in der Massentierhaltung verwendeten Antibiotika zurückführen, die über die Gülle auf vielen Feldern, auch EU-Bio-bewirtschafteten landen und auf diesem Umweg schließlich ins Gemüse und den menschlichen Darm wandern. Halbwegs verschont bleibt man wohl nur, wenn man zu richtiger Bioware von den strengen Anbauverbänden wie Demeter und Bioland greift.

Wieder einmal zeigt sich, das das kurzsichtige und kurzfristige Profitdenken der Menschen zu eindimensional ist und die nachgelagerten Folgen des eigenen Handelns ignoriert. Um möglichst viele Schweine möglichst billig zur Schlachtreife zu mästen, werden diese zusammengepfercht, es brechen Krankheiten aus, die dann großflächig mit Antibiotika behandelt werden müssen, was sich schlussendlich wieder gegen den Menschen wendet. Auch die Aufweichung des Biosiegels vor einiger Zeit (zur großen Freude der Discounter und großen Handelsketten) war keine kluge Idee.

Niederländische Wissenschaftler haben in Radieschen, Zwiebeln und sogar in Biogemüse gegen Antibiotika resistente Bakterien gefunden. Ein Grund könnte der erhöhte Einsatz von Antibiotika in der Landwirtschaft sein.

In Breda treffen wir Prof. Dr. Jan Kluytmans. Er ist Mitglied des Forschungsteams, das die Keime im Gemüse entdeckte. Gefunden wurden Erreger der Spezies Escherichia Coli und Klebsiella. Das seien normale Keime, die bei jedem Menschen in der Darmflora vorkommen können. Ganz so normal sind die nachgewiesenen Keime aber doch nicht, denn sie besitzen eine gefährliche Eigenschaft, wie er uns aufklärt: „Die Keime, die wir im Gemüse gefunden haben, haben ein Enzym, das nennt man ESBL. Das ist ein Enzym, das Antibiotika unwirksam macht.“

Das Kürzel ESBL steht in der Fachwelt für „extended spectrum beta-lactamases“. Es bezeichnet nicht eine bestimmte Art von Erregern, sondern vielmehr eine Art Mechanismus, der verschiedene Bakterien befähigt, gegen eine sehr große Gruppe von Antibiotika resistent zu sein. Weltweit wird ein wachsendes Auftreten von ESBL im klinischen Bereich, aber auch außerhalb beobachtet. (…)

(…) In der konventionellen und insbesondere in der industriellen Tierhaltung werden viele Antibiotika eingesetzt. 90 Prozent scheiden die Tiere unverändert wieder aus. Mit Gülle oder Mist landet das auf den Feldern. Hier nehmen die Pflanzen die Antibiotikarückstände aus dem Boden auf.

Was bedeutet das für den Menschen?
Prof. Dr. Jan Kluytmans weiß, dass die erste Frage der Menschen immer ist, ob man das Gemüse noch essen darf. Man dürfe es essen, sagt er, und brauche keine Angst zu haben, daran akut zu erkranken. Trotzdem blieben Bedenken, die er selbst teile, denn die resistenten Keime gelangten über den Verzehr in die Darmflora – und blieben dort für Wochen, Monate, vielleicht für Jahre. In der Regel geschehe das, ohne den Menschen krank zu machen.Für immungeschwächte Menschen wie Krankenhauspatienten können die Keime jedoch zu einer Infektionsgefahr werden. Das Heilmittel Antibiotikum hilft dann nicht mehr. Prof. Dr. Jan Kluytmans berichtet, dass man in den Niederlanden derzeit feststellt, dass sechs bis sieben Prozent aller Patienten, die ins Krankenhaus kommen, schon positiv seien: Das bedeutet, dass dort schon eine Million Menschen die ESBL in der Darmflora haben. (…)

(…) In der konventionellen, aber besonders der industriellen Tierhaltung sieht das anders aus: „In den großen Beständen, wo mehrere Tausend Schweine sind, fehlt dann einfach die Zeit, sich um jedes einzelne Tier zu kümmern. Dann wird halt, wenn Tiere erkranken, der ganze Bestand behandelt, um einfach auch dem Risiko aus dem Weg zu gehen, dass ein Bestand von mehreren Tausend Schweinen erkrankt“, so Leiders. Ein weiteres Problem sei dabei, dass das Antibiotikum den Tieren über das Trinkwasser gegeben werde: „Wenn das Schwein von der Selbsttränke säuft, nimmt es das Trinkwasser nicht zu 100 Prozent auf, sondern die vermatschen das.“ Und so fließe ein Großteil des mit Antibiotika versetzten Wassers sofort in den Güllekeller.

Wie viel Antibiotika in Deutschland in der konventionellen oder industriellen Tiermast eingesetzt werden, weiß niemand genau. Nach offizieller Schätzung aus dem Jahr 2005 sind es jährlich 750 Tonnen. Kritiker halten 1.000 bis 1.500 Tonnen für realistischer. Gülle oder Mist werden nicht auf mögliche Antibiotikarückstände oder resistente Bakterien wie Escherichia Coli oder Klebsiella kontrolliert. (…)

Nach der EU-Bioverordnung darf Kamphausen Gülle oder Mist aus konventioneller Tierhaltung auf seine Felder bringen. Doch das kommt für ihn nicht infrage: „Ich habe schon Bedenken, dass da Sachen drin sein können, die ich auf meinem Feld nicht haben möchte. Auf meine Erde dürfen nur Sachen, von denen ich weiß, was drin ist. Das ist bei denen nicht gewährleistet, meiner Meinung nach.“ Seine Lösung: Eine Kooperation mit dem Schweinebiobauer aus der Nachbarschaft. Der Gemüsebauer liefert das Stroh und bekommt im Gegenzug den „sauberen“ Mist.

Alle Biobauern, die Verbänden wie Bioland, Naturland oder Demeter angehören, nutzen ausschließlich Gülle oder Mist aus Biomast. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch im Biogemüse resistente Keime stecken, ist so zumindest geringer.


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9 Kommentare »

  • [...] Gefährliches Gemüse – Antibiotikaresistente Bakterien »»» Konsumpf [...]

    Pingback | 29. Mai 2011
  • Davor ist im übrigen auch “bio” (mit dem EU-Biosigel als kleinstem gemeinsamen Nenner) nicht gefeit.

    Im Preiskampf bringt einem das schönste Siegel nichts.
    Entweder es ist von vornherein nutzlos, da selbst verliehen – oder im Falle des EU-Biosiegels völlig verwässert.

    Ursache der Probleme ist die benötigte Masse.
    Immer mehr, mehr und noch mehr und das zu immer geringeren Preisen …

    Dass da nicht jeden Tag 10 “Skandale” in der Zeitung stehen ist direkt verwunderlich.

    Comment | 29. Mai 2011
  • “Davor ist im übrigen auch “bio” (mit dem EU-Biosigel als kleinstem gemeinsamen Nenner) nicht gefeit.”

    Genau das schrieb ich ja auch in meinem Artikel :-) Es kommt auch in dem Fernsehbeitrag zur Sprache, dass man bei EU-Bio auch Gülle aus konventioneller Tierhaltung einsetzen darf, so dass der ganze Dreck von dort auch in den EU-Bio-Kreislauf eindringt… eigentlich ein Skandal!

    Comment | 29. Mai 2011
  • Besucher01

    “Niederländische Wissenschaftler…”

    Das war ja so klar. Ich kaufe schon lange keine Produkte aus den Niederlanden, Spanien, Griechenland oder Afrika mehr. Sondern versuche auf lokale Betriebe auszuweichen. Das hat nichts mit Ideologie oder so zu tun, sondern es geht schlicht darum, das industrielle Nahrungsmittelproduktion zu solchen Zuständen führt. Und das ist erst der Anfang.

    Comment | 29. Mai 2011
  • [...] und einfache, aber sehr zukunftsblinde Möglichkeiten aufzuzeigen.EHEC und ESBLDurch einen Artikel bei Konsumpf.de bin ich dann auf die Tatsache aufmerksam gemacht worden, dass laut dem WDR neben EHEC auch ein [...]

    Pingback | 31. Mai 2011
  • Hallo Peter,

    danke für den Artikel. Es ist schade, dass alle Medien derzeit zu dem Schluss kommen, man könne das Risiko nur reduzieren, nicht vermeiden. Dabei ist es nicht wirklich nötig, Kot auf die Felder zu werfen. Damit kämen auch keine Darm-Bakterien mit komischen Enzymen auf unser Essen, die uns krank machen können.

    Ich hab dazu auch kurz meine Gedanken niedergeschrieben: http://experimentselbstversorgung.net/ehec-vermeiden/

    Comment | 31. Mai 2011
  • Ja, ich habe auch den Eindruck, dass dieser Kreislauf – also die Entsorung der Tierfäkalien via Landwirtschaft – auch von vielen als selbstverständlich hingenommen wird. Und es ist ja auch so praktisch! (zumindest für die Bauern, die Tierzucht betreiben…)

    Comment | 31. Mai 2011
  • Klarstellung

    DIESE AUSSAGE IST UNWAHR:

    “Alle Reste von Natur werden nach und nach von der Flut der „Gewächshäuser“ verschluckt.”

    WAHR IST:

    Das Gegenteil ist der Fall. Für den Bau neuer Wohnungen und ökölogischer Wiederanpflanzungen von heimischen Gehölzen werden immer mehr Gewächshäuser abgerissen. Durch die Optimierung, die übrigens zu 100% biologisch ist – anders als in Deutschland, kann dennoch dafür gesorgt werden, dass auch Sie, Herr Marwitz, ihr frisches Gemüse im Winter auf dem Tisch haben.

    Grüße aus Almería

    Comment | 21. Dezember 2011
  • Melanie G.

    Es ist schon seltsam. wissen tun wir eigentlich alles, was uns schadet, aber alle machen weiter wie bisher.
    Wer allerdings das Sommergemüse den ganzen Winter durch haben will , statt sich mit wintergemüse zu begnügen, der darf sich darüber nicht wundern.
    brauchen wir Tomaten, Gurken, Blumenkohl, Kopfsalat, Kohlrabi, u. v. mehr, im winter?
    NEIN.
    Essen wir das typische Wintergemüse was bis in den Herbst hinein im Freien wächst, dann ” eingelagert wird für den winter, dann brauchen wir auch diese verdammten gEwächshäuser nicht, die im Winter die Tomaten heranzüchten, mit enormen Energieverbrauch.
    Die Liste könnte man endlos fortsetzen.
    Dieses Sommer..Gemüse hat im Winter weder Nährwert noch Geschmack.
    Wer das alles will und auch kauft, darf sich über die Nebenwirkungen nicht beklagen.
    Es hilft nur eines… zurück zum natürlichen Ernährung im natürlichen Jahreslauf, weg mit den Riesenmästereien..
    Zurück zur regionalen Selbstversorgung, dann wird in Spanien u. Holland auch nicht mehr alles zugepflastert mit Gewächshäusern,
    Das antibiotikaproblem wird für die Menschehit noch ein Riesenproblem werden, erkannt wird es wohl erst, wenn es zuspät ist.

    Comment | 3. Januar 2014

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