Aug
26
2009

„Werbung ist eine wahre Pestilenz geworden”

Da meine Zeit heut mal wieder knapp bemessen ist, gebe ich Euch diesmal nur einen kurzen Lesetipp – und zwar wurde ZAF, der Macher des wunderbaren satirisch-kritischen Blogs Zenzizenzizenzic und zafikal – für Geld machen wir alles auf krit.de interviewt und hat sich dabei u.a. auch über Werbung und Kommerz geäußert. Dass diese Aussagen meiner eigenen Meinung sehr entgegen kommen, dürfte klar sein. :-)

zafWenn man Werbung mal globaler betrachtet, ist sie ein ökologisches Desaster. Es wird Papier bedruckt, das kaum jemand lesen will, es werden Werbefilmchen gedreht, die kaum jemand im Fernsehen oder im Kino sehen will, es werden Adserver bereitgehalten, um Werbung auszuliefern, die viele eh mit Adblock oder ähnlichen Maßnahmen blocken, die ansonsten aber sinnlos Bandbreite verbraten, die Gegend wird durch Werbetafeln verschandelt etc. Es werden also ohne Ende Ressourcen wie Holz, Energie usw. verschwendet für etwas, was mit etwas Glück nur einen kleinen Teil der Bevölkerung interessiert. Werbung ist in ihrer ungewollten Form doch eine wahre Pestilenz geworden. Ich kenne keinen, der Werbestrecken in Zeitschriften toll findet, der gerne Werbung im TV oder Kino schaut, der sich freut, von Call-Centre-Agents belästigt zu werden, der seinen Briefkasten gern durch Werbung zugemüllt vorfindet etc.

In Sao Paulo gab’s doch mal einen Erlaß der Stadt, daß Werbung im öffentlichen Raum verboten wird. Das finde ich eigentlich eine sehr schöne Idee. Denn Werbung ist vor allem auch undemokratisch. Ohne die notwendigen finanziellen Mittel, kann man keine Werbung schalten, um eine kritische Masse zu erreichen. Solange man es nicht schafft, Werbeflächen z.B. im öffentlichen Raum wirklich zu demokratisieren, daß also jeder, der will, dort plakatieren darf, solange finde ich ein Verbot wie in Sao Paulo – je länger ich darüber nachdenke – eigentlich immer besser. Und eigentlich wäre ein Verbot der Werbung im öffentlichen Raum nur konsequent, wenn man bedenkt, daß sogenannte Cold Calls (also Anrufe von Telemarketingunternehmen auf gut Glück, ohne daß ich explizit um den Anruf gebeten hatte) z.B. verboten sind. Ich habe ja die werbetreibenden Firmen (oder in Hamburg gerade wieder aktuell Parteien) nicht darum gebeten, mir mit ihren Werbemist meine Netzhaut zu versauen.

Jetzt werden wahrscheinlich ein paar in der Werbebranche Beschäftigte sagen “Ja, aber die Arbeitsplätze…”. Stimmt, Werbung schafft Arbeitsplätze. Aber diese bezahlen wir alle als Verbraucher durch höhere Kosten für die beworbenen Produkte mit. Werbung ermöglicht auch keinen Qualitäts-Journalismus. Da braucht man sich nur das Privatfernsehen anschauen, um eines besseren belehrt zu werden. Und auch Printmedien veröffentlichen eher einen Bericht nicht, als einen zahlkräftigen Werbekunden zu verlieren. (…)

Ganz abgesehen vom Menschenbild, das die Werbung meist transportiert. Man sieht kaum die durchschnittlichen Menschen, denen man täglich auf der Straße begegnet in der Werbung. In der Werbung sind alle schön, allzeit perfekt geschminkt, gesund, topfit, schlank, zu Tode gephotoshopped etc. Mit der realen Welt hat Werbung so gar nichts zu tun. Der Druck, den in der Werbung propagierte Schönheitsideale gerade auf Heranwachsende ausüben, dürfte bekannt sein.

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Kommentare: 5 | Humor,Internet,Konsumkritik,Reklame | Schlagwörter: , , , , |

5 Kommentare »

  • punksympathisant

    Und wie er recht hat! Aber ohne Werbung wärst du eigentlich auch ganz schnell arbeitslos und wir alle müssten uns einen neuen Sündenbock suchen :D

    Comment | 26. August 2009
  • Naja, ich will hier nicht wieder die Diskussion mit “guter” und “böser” Werbung aufwärmen und auch nicht wieder auf die diversen Artikel hier im Blog und sonstwo verweisen, die zeigen, wie schädlich und verheerend Reklame in vielen Lebensbereichen ist (und damit für die gesamte Gesellschaft) – das hat nichts mit “Sündenbock” zu tun, sondern die Werbeindustrie ist eben Teil des Problems und verschärft vieles noch, wäscht miese Unternehmen rein, propagiert perverse Konsumvorstellungen usw., da führt kein Weg dran vorbei und das muss man auch so offen aussprechen dürfen. Wenn man das Erstellen einer Website für einen Steuerberater, einen Psychotherapeuten oder einen Seminarveranstalter als Werbung bezeichnet, bin ich natürlich auch mit Werbung befasst, andererseits sind das ja nicht die Dinge, um die es hier bzw. bei Reklamekritik als solcher geht, sondern um die ungefragte Zuballerung mit Konsumbotschaften im öffentlichen Raum, im Fernsehen, Radio… – Informationen im Netz, auch über Firmen, sind ja vollkommen okay, damit wird ja niemand behelligt, wenn er nicht will. Ansonsten verdiene ich einen Gutteil meines Geldes auch mit dem Setzen von Büchern, das hat nun erst nichts mit Werbung zu tun. ;-)

    Comment | 26. August 2009
  • punksympathisant

    Das war ja auch mehr ironisch gemeint ;)

    Comment | 26. August 2009
  • Ach so. ;-) Aber so ganz unrecht hattest Du mit dem Hinweis trotzdem nicht, jedenfalls muss man solche “Sekundärwirkungen” auch immer mitbedenken. Aber mein Fokus richtet sich ja auch auf den Kampf gegen die “Großwerbung”, also die riesigen TV-Kampagnen der Konzerne etc.

    Comment | 26. August 2009
  • [...] seinen Briefkasten gern durch Werbung zugemüllt vorfindet etc.« – ZAF bei krit.de [via] [...]

    Pingback | 26. August 2009

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