Aug
18
2009

In Sekundenbruchteilen

Die Botschaft, dass die Finanzmärkte mit ihrem Casino-Gebaren eine Mitschuld an der derzeitigen „Finanz-“/Wirtschaftskrise tragen, ist inzwischen in breiten Teilen der Bevölkerung angekommen. Dennoch glauben vermutlich immer noch viele Menschen, dass die Börsen einen wirklichen Nutzen für die Menschheit bieten (und nicht bloß ein Bereicherungsinstrument für wenige sind), dass die Finanzmärkte „perfekte Märkte“ seien (weil sich hier Angebot und Nachfrage offen gegenüber stehen) und dass Aktienkurse eine direkte Aussage über die Qualität eines Unternehmens darstellen. Dieses Bündel an Irrglauben sollte so langsam durchaus auch erschüttert werden dürfen, beispielsweise durch den Beitrag „Börsencomputer handeln extrem schnell“ des ZDF-Magazins WISO aus der letzten Woche, in dem es um den mittlerweile fast vollständig computerisierten Aktienhandel geht, bei dem Überlegungen zu fundamentalen Daten zu einzelnen Unternehmen, Branchen, Konjunktur etc. keine wirkliche Rolle mehr spielen – es wird gekauft und verkauft, was das Programm gerade, in der Sekunde, für lohnenswert hält. Aus einer Investition in eine Firma wird so eine reine Spekulation im Millisekundenbereich. Hier von einem „fairen Handel“ zu sprechen, ist purer Hohn, denn es gewinnt der, der sich die schnellsten Rechner leisten kann. Wertschöpfung bei alledem? Fehlanzeige. Das Ganze ist ungefähr so „produktiv“ wie Sportwetten o.ä. Hinzu kommt: Sobald ein Unternehmen an der Börse gelistet ist, ist es den dortigen Regeln unterworfen und muss sein Trachten auf die Mehrung des „Shareholder Value“ ausrichten, sprich, immer auf möglichst optimale Quartalszahlen schielen, was zu Lasten eines längerfristigen (und damit eventuell auch nachhaltigeren und verantwortungsvolleren) Denkens geht.

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Kommentare: 10 | Banken,Wirtschaft | Schlagwörter: , , , |

10 Kommentare »

  • also hab jetzt schon auf anderen seiten gelesen das nachhaltigkeit für unternehmen immer wichtiger wird, da in zeiten der finanzkrise nachhaltiges management ihre zukunft sichert.(z.b. hier: http://momentmal.blog.de/2009/08/16/nachhaltigkeit-zahlt-6737486/)
    denke mal ihr habt beide recht…es gibt halt solche und solche unternehmen…die einen achten auf nachhaltigkeit…den anderen ist nur der kurzfristige erfolg wichtig.
    man sollte aber (wie bei menschen) auch nicht alle über einen kamm scheren…sicherlich ist die börse zunehmend eine von spekulationen getriebene sache…aber es gibt bestimmt auch unternehmen an der börse die viel wert auf nachhaltigkeit legen…und anleger deshalb in diese investieren.
    du kannst ja nicht abstreiten das die börse an sich eine gute sache ist…wenn man für seine idee, für sein unternehmen geld beschaffen will…das diese gute sache letztenendes missbraucht wird steht wieder auf einem anderen blatt geschrieben…aber ist ja bei sportwetten und anderen bereichen auch nicht anders…man sollte einfach nicht die wenigen die unfair “spielen” mit denen die nur versuchen ihr unternehmen weiterzuentwickelen in einen topf werfen…

    Comment | 18. August 2009
  • Naja – ich habe mal irgendwo gelesen, dass die Unternehmen sich nur zu einem Bruchteil über die Börse mit Geld versorgen, sprich, die Aktienausgabe dient letztlich nur zu einem Teil der Kapitalisierung. Ansonsten sehe ich das gesamte System bekanntlich sehr kritisch, und dass die Börsen mit ihrer Ausrichtung auf Quartalszahlen und dem Druck auf Firmen, sich so zu verhalten, dass sie maximalen Profit abwerfen, mehr schaden als nutzen, ist m.E. auch so. Warum glaubst Du wohl verzichten viele Firmen auf einen Börsengang? Eben weil sie selbst die Kontrolle über die Firmengeschicke behalten wollen und nicht irgendwelchen Fonds und Großanlegern (und deren absurden Renditeforderungen) unterworfen zu sein. Jedenfalls wird der Fokus weg vom eigentlichen Firmenzweck geleitet und hin zu möglichst gewinnträchtigen Aktionen, zu Mergern und all sowas.

    Nachhaltigkeit und das aktuelle kapitalistische System sind leider eher Feinde als Freunde… Aber natürlich gibt es auch vernünftige Firmen an der Börse, das ist wahr – trotzdem gibt es gewiss sinnvollere Möglichkeiten, Unternehmen zu unterstützen, als deren Firmenanteile (also die Aktien) auf den Spekulationsmarkt zu werfen und damit rumzocken zu lassen. Die Leute, die da in dem Film gezeigt wurden, haben ja NICHTS mit den Unternehmen, mit deren Aktien sie hin- und herhandeln zu tun, sie kennen sie teils nicht einmal, sondern sehen nur deren Symbole und die Kurven – das ist schon nicht weit vom profanen Wetten entfernt.

    Comment | 18. August 2009
  • kann gut sein das sich die unternehmen nur zu einem Bruchteil über die börse geld beschaffen aber der großteil wird halt nun mal über banken finanziert und ob das soviel besser ist…siehe finanzkrise…vage ich auch stark zu bezweifeln…denn die banken wiederum gehen ja auch her und investieren das ihnen bereitgestellte geld an der börse…denke mal alles in allem…haben wir beide irgendwo recht und das die im film gezeigten leute echt nur auf ihren Profit aus sind dürfte ja wohl klar sein…denke aber auch das nachhaltigkeit und das AKTUELLE kapitalistische system sicher feinde sind aber vll ändert sich das ja noch, wenn immer mehr unternehmen erkennen, dass ihnen nachhaltige produkte und nachhaltiges management mehr kunden bringen als bisher…die hoffnung stirbt wie immer zuletzt ;)

    PS: selbst mit einem börsengang verliert man nicht zwangsläufig an mitbestimmung an den unternehmensgeschicken…kommt ja letztendlich immer drauf an wer die mehrheit hat…und druck ist ja an sich auch nichts schlechtes…wie gesagt wenn mehr nachhaltigkeit mehr kunden bedeutet dann wird auch die börse druck machen, dass unternehmen nachhaltiger werden!!!

    Comment | 18. August 2009
  • chapultepec

    s. den Film “The Corporation”
    http://video.google.com/videoplay?docid=-2298956844085564164
    http://video.google.com/videoplay?docid=-1614648256025381250
    um mehr über die “Natur” dieser privaten “Personen” zu erfahren…

    s. auch:

    http://zmag.de/artikel/ZNet-Interview-mit-Noam-Chomsky

    ZNet: Kannst du ein wenig auf die Frage eingehen, wie diese Form des Unternehmertums, nämlich die private Körperschaft, so mächtig werden konnte?

    N. Chomsky: Wie sie so mächtig wurde? Nun, das wissen wir ziemlich genau. Ende des 19. Jahrhunderts hatte die Marktwirtschaft zu enormen Krisen und Desastern geführt. Damals hatte man ein sehr kurzes Experiment mit etwas gemacht, was man mehr oder weniger, nicht wirklich, aber doch teilweise als Kapitalismus bezeichnen könnte, und dieses Experiment erwies sich als derart totale Katastrophe, dass die maßgeblichen Kräfte der Wirtschaft der Sache ein Ende machten, weil diese Form des Wirtschaften nicht überlebensfähig war. Und so gab es Ende des 19. Jahrhunderts Schritte zur Eindämmung dieser gewaltigen, vom Markt produzierten Krisen, und diese Schritte führten zu verschiedenen Formen der Kapitalkonzentration: Trusts, Kartellen und anderen, und die Form, die sich daraus schließlich entwickelte, war der Konzern, die private Körperschaft in ihrer modernen Form.

    Und die Gerichte sprachen diesen Körperschaften bestimmte Rechte zu. Ich kenne den angloamerikanischen Teil dieser Geschichte recht gut, aber ich denke, dass es anderswo nicht viel anders war, und deswegen halte ich mich an den angloamerikanischen Teil. Und dort waren es die Gerichte, nicht die Parlamente, die den körperschaftlichen Unternehmen diese enorm weitreichenden Rechte einräumten. Sie gaben ihnen die Rechte von Personen, was bedeutet, dass sie das Recht auf Meinungs- und Redefreiheit haben, dass sie unbeschränkt Propaganda und Werbung betreiben können, dass sie Wahlen abhalten und vieles andere mehr. Nicht zuletzt haben sie das Recht auf Schutz vor Inspektion seitens der staatlichen Behörden. Ebenso wie die Polizei zumindest theoretisch nicht in eure oder meine Wohnung eindringen und sich unsere Papiere und Unterlagen ansehen kann, hat die Öffentlichkeit kein Recht zu erfahren, was in diesen totalitären Unternehmungen vor sich geht. Sie sind der Bevölkerung so gut wie keine Rechenschaft schuldig. Natürlich sind sie keine echten “Personen”: Sie sind unsterblich und stellen kollektivistische, gesetzlich kodifizierte Gebilde dar. Interessanterweise haben sie große Ähnlichkeit mit Organisationsformen, die uns aus anderen Zusammenhängen bekannt sind: Sie sind eine der verschiedenen Formen des Totalitarismus, die sich im 20. Jahrhundert entwickelt haben. Die anderen Formen wurden zerstört, aber diese Form besteht weiter. Und im weiteren Lauf der Entwicklung wurden die körperschaftlichen Unternehmen sogar per Gesetz zu einem Verhalten verpflichtet, das wir Fall realer menschlicher Personen als pathologisch ansehen würden.[3]

    FUßNOTEN
    [3] Siehe Teil 1, „The Pathology of Commerce“, des Dokumentarfilms The Corporation von Mark Achbar, Jennifer Abbott und Joel Bakan. Mehr zu diesem Film auf der Website http://www.thecorporation.org. Siehe außerdem Joel Bakans Buch “Das Ende der Konzerne. Die selbstzerstörerische Kraft der Unternehmen”, Hamburg, Europa Verlag 2005. Wenn man sie in Übereinstimmung mit ihrem eigenen Rechtsanspruch als Person betrachten würde, würden Konzerne „sämtliche Kennzeichen eines prototypischen Psychopathen aufweisen, und tatsächlich ist der Konzern in vieler Hinsicht ein solcher Psychopath“ (so Dr. Robert Hare, der wichtigste Berater des FBI zum Thema Psychopathen, im Film The Corporation). Wie in diesem Film gezeigt wird, sind die wichtigsten Kennzeichen des Konzerns bzw. der privaten Körperschaft die folgenden:

    „Fragebogen zur Persönlichkeitsdiagnose(aus Weltgesundheitsorganisation [WHO] ICD-10, Handbuch für geistige Störungen DSM-IV):

    I. Stumpfe Missachtung der Gefühle anderer

    II. Unfähigkeit zur Aufrechterhaltung dauerhafter Beziehungen III. Fahrlässige Missachtung der Sicherheit anderer

    IV. Arglistigkeit: wiederholtes Lügen und Betrügen anderer zum eigenen Nutzen V. Unfähigkeit, Schuld zu empfinden

    VI. Fehlende Einhaltung sozialer Normen im Hinblick auf gesetzeskonformes Verhalten

    Proband: die KörperschaftDiagnose der Persönlichkeitsstörung: PSYCHOPATH.“

    Comment | 18. August 2009
  • chapultepec

    auch sehr empfehlenswert ist dies hier

    George Carlin ~ The American Dream
    http://www.youtube.com/watch?v=acLW1vFO-2Q

    Comment | 18. August 2009
  • “und druck ist ja an sich auch nichts schlechtes…wie gesagt wenn mehr nachhaltigkeit mehr kunden bedeutet dann wird auch die börse druck machen, dass unternehmen nachhaltiger werden!!!”

    Tja, WENN dem so wäre, wäre es vielleicht nützlich. Letztlich übt die Börse (derzeit) aber nur den Druck aus, profitabler zu werden, Kosten zu senken, Leute zu entlassen etc. pp., egal wie unethisch/unmoralisch/zerstörerisch der Konzern arbeitet. Sonst wären Unternehmen wie Nestlé oder Microsoft nicht so groß geworden… Der Druck auf Unternehmen, sich wirklich zu ändern, kann m.E., wenn überhaupt, nur von den Konsumenten oder der Politik (haha) kommen. Wobei ich ja eh dafür plädiere, generell weniger zu konsumieren und zu kaufen…

    Comment | 18. August 2009
  • chapultepec

    es gibt noch etwas. Die Unternehmen die ehrlich versuchen auf Nachhaltigkeit zu achten werden -vom System selbst- unter Druck gesetzt zu lügen, weil alle anderen es tun. Das System ist so gebaut und konzipiert worden, dass Nachhaltigkeit einfach ausgeschlossen ist. Selbst wenn Manager dies wollen, können sie nicht. Im Großunternehmen machen sie sich (z.B. in den Veeinigten Staaten) strafbar, wenn sie ihren Auftrag (Profitmaximierung) nicht erfüllen

    Lies, Damn Lies, and the Seventh Sin of Greenwashing
    By Joel Makower
    Published April 14, 2009
    “…What’s happened is that clients have said, “Look, if I stick with just what we can legitimately say I’m losing market share because everyone else is lying.” So even the legitimate players feel this pressure to exaggerate their environmental claims because everybody else is…”
    http://www.greenercomputing.com/engage/podcast/2009/04/14/lies-damn-lies-and-seventh-sin-greenwashing

    hier noch ein Auszug aus dem Chomsky Interview:

    “…Tatsächlich ist das sogar im angloamerikanischen Recht festgelegt, das heißt, die Gesetze sind zwar durch gerichtliche Entscheidungen und das Recht zur Maximierung ihrer Macht und ihrer Profite verpflichtet, aber sie dürfen sich auch humanitär betätigen, zumindest, solange Fernsehkameras in der Nähe sind und das Ganze nur eine Übung in Heuchelei ist. Wenn also eine Pharmagesellschaft in einem Armenviertel Medikamente verteilt, ist das in Ordnung, solange es aus Public-Relations-Gründen geschieht und damit dem eigentlichen Zweck des Konzerns dient.

    Außerdem sind einige Gerichte sogar so weit gegangen, von den Konzernen zu verlangen, humanitär aktiv zu werden, da ansonsten, und das ist ein Zitat, „eine empörte Öffentlichkeit“ herausfinden könnte, was ihr wirklicher Zweck ist, und daher dazu übergehen könnte, ihre Rechte und Privilegien in Frage zu stellen. Und um zu verhindern, dass eine solche „empörte Öffentlichkeit“ entsteht, ist es nützlich, ein freundliches Bild von den Konzernen zu vermitteln, in dem sie als Wohltäter dastehen. Ich denke, dasselbe gilt auch für politische Diktaturen, für Könige, und für sonstige Figuren und Institutionen…”

    Comment | 19. August 2009
  • hast schon recht…letztendlich kommt der druck dann vom konsumenten…der könnte ja theoretisch auch druck auf die politik ausüben…theoretisch zumindest…weniger konsumieren ist auch eine alternative aber würds eher so wie bei den carrotmob-bewegungen machen…und versuchen nachhaltig zu konsumieren…irgendwas muss man ja zum leben kaufen…dann sollte es wenigstens etwas sinnvolles sein…

    Comment | 19. August 2009
  • chapultepec

    Hallo Peter M.

    wie wär’s mit einem kleinen Artikel über folgendes Thema ; )

    Rentenangst
    http://www.youtube.com/watch?v=KiLMH_p-iao
    http://www.youtube.com/watch?v=Jknol0oMYmI
    http://www.youtube.com/watch?v=fBRT6W0yiiE
    http://www.youtube.com/watch?v=8JHjT_3yWEk
    http://www.youtube.com/watch?v=0AUK1z1_omw

    Comment | 19. August 2009
  • Auch sehr interessant, ja – ich überlege (da ich momentan nicht so viel Zeit für viel eigenen Text habe), wirklich mal auf ein paar solcher gelungenen Dokus, die auch die Medienmanipulation beinhalten, hinzuweisen. Danke für Deine ganzen Tipps!

    Comment | 19. August 2009

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