Feb
15
2010

Saure und schale Müllermilch


joghurt-ohne-ende

© veit kern, Pixelio

Eine der ursprünglichen Absichten meines Konsumpf-Blogs war es ja, die Verfehlungen und Kritikpunkte an den Großkonzernen, die leider die Wirtschaft bestimmen und denen die Konsumenten trotzdem irgnorant wie Schafe hinterher laufen, zu dokumentieren und zu bündeln, um so zu einer Gegenöffentlichkeit beizutragen. Deswegen möchte ich heute ein Unternehmen in meinen „Katalog“ mit aufnehmen, das allseits bekannt ist und auch schon seit längerem sogar in den Mainstreammedien in der Kritik steht – Müller, berühmt für seine blöde Werbung und die Milch- & Joghurt-Plörre, die er so anbietet. Mittlerweile hat die Unternehmensgruppe Theo Müller aus Aretsried fleißig expandiert – so gehört beispielsweise auch Weihenstephan zu Müller und der Unternehmenszweig Milbona produziert gar für Lidl, was so manchem vermutlich gar nicht bewusst ist.

Auf die generellen Nachteile, die jedes große Unternehmen, das industrielle Nahrungsmittelproduktion betreibt, mit sich bringt – also Belastung der Natur, Ausbeutung von Tieren, Preis- und Kostendrückerei zu Lasten der Zulieferer & Bauern, generelle Absenkung des Qualitäts- und Geschmacksniveaus durch chemische Zusätze – will ich hier gar nicht groß eingehen, diese müssten eigentlich jedem von vorneherein klar sein. Müller-spezifisch sind andere Vorfälle und Strukturen.

Ganz aktuell wurde der Müller-Konzern für sein Gebaren in Bezug auf EU-Subventionen gerügt (das war hier auch schon mal kurz in einigen Blog-Kommentaren Thema), beispielsweise im Spiegel – „Künstlich verkleinert“:

Der Milchmilliardär Theo Müller hat für seine sächsischen Firmen Millionen an Staatshilfe kassiert. Eigentlich sollten kleine Unternehmen gefördert werden. (…)

(…) Der staatliche Geldsegen für den streitbaren Milch-Baron ging hernieder in Leppersdorf bei Dresden. Hier steht eine der größten und modernsten Molkereien Europas, sie kann pro Jahr 1,5 Milliarden Liter Milch verarbeiten. Es ist ein riesiges Firmengelände auf der grünen Wiese, das Müller 1994 als Schnäppchen aus der Insolvenzmasse der Sachsenmilch AG erwarb. Mehr als 400 Millionen Euro investierte der Unternehmer seither in seine sächsische Außenstelle, gut 70 Millionen Euro Fördermittel schossen EU und Freistaat Sachsen dem Projekt zu. In Frage steht allerdings, ob sich der gewiefte Kaufmann, der inzwischen aus steuerlichen Gründen seinen Wohnsitz in die Schweiz verlagerte, einen Teil der Millionen einer trickreichen Firmenumstrukturierung zu verdanken hat. (…)

Dieses dreiste Vorgehen, Großunternehmen auf dem Papier kleinzurechnen, um Subventionen zu erhalten oder Steuern zu umgehen (und in beiden Fällen also den Staat und damit den Steuerzahler zu schröpfen/zu schädigen, sprich: Gewinne auf unsere Kosten zu machen), findet sich leider nicht selten; gerne bei den besonders üblen Firmen wie z.B. Aldi & Lidl, deren Konzernstruktur durch eine Unzahl von Stiftungskonstruktionen undurchschaubar gestaltet wurde, alles mit dem Ziel, so wenig wie möglich von den exorbitanten gewinnen an die Allgemeinheit zurückgeben zu müssen. Wer Produkte solcher Firmen kauft, unterstützt also diese Abzock-Mentalität aktiv!

Der Stern fasst in „Müller Milch ‚… die weckt, was in dir steckt…‘“ noch eine ganze Reihe weiterer grundsätzlicher Defekte dieses Konzerns und seines großen Einflusses zusammen:

(…) Diese Situation führt zu einem Preisverfall, der sich wiederum negativ auf Umwelt und Tiergesundheit auswirke, sagt der Bund. So hätten nur Hochleistungsbetriebe noch eine Chance. Das hingegen führe zu mehr Stallhaltung des Viehs, zu mehr Maisanbau und Verwendung gentechnisch veränderter Futtermittel. Hier endet jedoch der Teufelskreislauf noch nicht. Die größere Belastung der Milchkühe verlange nämlich den Einsatz von Antibiotika, was wiederum zu Lasten des Grundwassers geht. Simultan zur Leistungssteigerung der Milchkühe ging die Anzahl der Molkereien dramatisch zurück. So gab es 1990 noch 360 Milchwerke in Deutschland, 2004 waren es noch 108, und für das Jahr 2010 erwartet der Verband der Milchindustrie, dass noch 30 Molkereien übrig bleiben.

Fakt ist, dass Monopolist Müller Milch mittlerweile 85 Prozent der gesamten sächsischen Milcherzeugnisse verarbeitet, was auf die sächsische Agrarstruktur wie ein Klotz wirkt. (…)

(…) Nicht nur wegen der Subventions-Affäre ist der Konzernriese unter Beschuss. Umweltaktivisten wie Greenpeace und Verbraucherorganisationen wie Foodwatch gelten als Lieblingsfeinde des Joghurt-Moguls Müller. Von ihrer Seite kommt der Vorwurf, dass die Vertragsbauern des Markenmulti Gen-Pflanzen an die Milchkühe verfüttern. Dabei sollte ein so großer Konzern wie Müller Milch es sich eigentlich leisten können, auf Qualität und somit auf genfreies Futtermittel zu setzen, lautet die Begründung. Was die Fernseh-Werbung nämlich nicht verraten würde: Für die Produktion von Joghurt, Milch und Buttermilch der zu Müller gehörenden Marke werden im Gentechniklabor designte Pflanzen eingesetzt. Aber auch hier ginge es dem Milchfürsten lediglich um die Durchsetzung seines eisernen Willens. Veränderungswünschen gegenüber bleibt er stur. Dabei lehnen insgesamt 70 Prozent der Verbraucher Gen-Pflanzen für Tierfutter ab, wie eine Studie von Greenpeace ergibt.

Einem gewonnenen Gerichtsprozess zufolge dürfen deshalb die Aktivisten Produkte der Molkerei als „Gen-Milch“ bezeichnen. (…)

Weitere Blogs wie z.B. siebenkommaacht („Müller Milch Skandal“) kommentieren dies ebenfalls treffend, und selbst Wikipedia widmet der Kritik an diesem Unternehmen einen eigenen Abschnitt – HIER. Die Süddeutsche Zeitung geht ein wenig auf die Zustände der Massentierhaltung, die notwendigerweise mit solchen Produkten wie von Müller einhergeht, ein: „Betonboden statt Weise“:

(…) Die Eindrücke, die die Tierschützer auf allen Höfen gewannen, beschrieben sie in Briefen an die Konzerne: Die Tiere seien auf geringem Raum angebunden und könnten sich kaum bewegen. Belüftungsanlagen fehlten, sodass die Tiere mit hohen Feuchtigkeits- und Gaskonzentrationen leben würden. Sogar trächtige Kühe müssten mit dem vorderen Körperteil auf Betonböden, mit dem Hinterteil auf Gitterrosten ohne Einstreu liegen.

„Der Verbraucher geht davon aus, dass die Kühe auf der Weide gehalten werden“, schreiben die Tierschützer. „Diese jedoch stehen und liegen ein Leben lang Tag und Nacht zusammengepfercht auf derart knapp bemessenen Plätzen, sodass es ihnen oft nicht möglich ist, sich abzulegen.“ (…)

Und wer zur Generation YouTube gehört und alles am besten als Filmchen haben möchte, bitte sehr (die in dem Filmchen auftauchenden Behauptungen bezüglich der NPD-Finanzierung entbehren wohl der Grundlage):

Verwandte Beiträge:

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16 Comments

  • Kritik

    „Dieses dreiste Vorgehen, Großunternehmen auf dem Papier kleinzurechnen, um Subventionen zu erhalten oder Steuern zu umgehen (und in beiden Fällen also den Staat und damit den Steuerzahler zu schröpfen/zu schädigen, sprich: Gewinne auf unsere Kosten zu machen), findet sich leider nicht selten…“

    Die Großunternehmen nutzen nur die Möglichkeiten, die die Politik ihnen bietet. Hier wären also zuerst die Politiker zu kritisieren, die derartige Gesetze und Vorgaben ermöglichen. Natürlich auch die Personen, die diese Politiker gewählt haben.
    Daß Unternehmer im Kapitalismus sich derart verhalten, daß die Profitmaximierung optimal ist, ist allerdings ein systemimmanentes Problem.

    Comment | 15. Februar 2010
  • Tja, wär schön, wenn man solche Vorgehensweisen abwählen könnte… bei dem derzeitigen Primat der Wirtschaft über die Politik wird das vermutlich schwierig…
    Man muss aber auch sagen, dass nicht jedes Unternehmen so handelt wie Müller, denn zwischen dem, was gesetzlich erlaubt und dem, was „moralisch“ ist, liegen ja doch zum Teil Welten. Für Müller bedeutet die Vorgehensweise jedenfalls zum Glück einen Imageschaden, von daher hat es sich vermutlich nicht gerechnet, so rumzutricksen.

    Comment | 15. Februar 2010
  • Ganz nebenbei ist Müller Finanzier der NPD – das geht hier irgendwie unter…

    Comment | 15. Februar 2010
  • Laut Wikipedia (wo natürlich auch nicht nur die lautere Wahrheit verzeichnet ist) ist das mit der NPD nur ein unbestätigtes Gerücht, deshalb wollte ich das hier nicht groß verbreiten. Aber in dem YouTube-Film in meinem Beitrag taucht das auch auf.
    Sollte es wirklich so sein, ist das natürlich der allererste Grund, diese Firma zu boykottieren.

    Comment | 15. Februar 2010
  • Wikipedia lügt

    http://www.redok.de/content/view/647/39/

    und

    http://www.npd-sachsen-anhalt.de/landesverband/1147-abteilung-lach–und-sachgeschichten–diesmal-nicht-zum-lachen..html

    überzeugen mich das Wikipedia lügt.

    Comment | 15. Februar 2010
  • Äh, der erste Artikel besagt aber doch, dass das mit der NPD-Finanzierung eher unwahrscheinlich ist…?!? Und der zweite ist der Text des YouTube-Films hier im Beitrag, also auch nichts Neues, sondern einfach nur eine Behauptung.
    Das überzeugt mich leider noch nicht. (Obwohl es natürlich nett wäre, wenn das Gerücht wahr wäre, denn dann hätte man einen sehr leicht vermittelbaren Grund, Müller zu boykottieren.)

    Comment | 15. Februar 2010
  • Punksympathisant

    Was mich am meisten verwundert, und was zutiefst zynisch ist, wenn denn das NPD-Gerücht wahr sein sollte: In der KZ-Gedenkstätte in Dachau wird neben Coca-Cola auch Müllermilch verkauft! Als wir da waren hat es mir fast die Sprache verschlagen…

    Comment | 16. Februar 2010
  • Allerdings, zumal ja auch bekannt ist, dass Coca Cola blendend mit den Nazis zusammengearbeitet hat und sogar Exklusivrechte für von Deutschen besetzte Länder erhielt… (so steht es jedenfalls im „Ad Nauseam“-Buch)

    Comment | 16. Februar 2010
  • Mystphi

    Die Geschichte mit der NPD-Finanzierung ist sehr umstritten. Siehe z.B. hier: http://fwd4.me/Fs2

    Viele Grüße
    Gerald

    Comment | 16. Februar 2010
  • „sehr umstritten“

    Und das ist noch milde formuliert – so wie’s ausschaut, ist das mit der NPD-Finanzierung also nur ein Internet-Hoax. Nun ja, aber all das, was ich in meinem Artikel schrieb, bleibt davon ja unberührt.

    Comment | 16. Februar 2010
  • Saure und schale Müllermilch…

    Von Peter Marwitz | Konsumpf | – Eine der ursprünglichen Absichten meines Konsumpf-Blogs war es ja, die Verfehlungen und Kritikpunkte an den Großkonzernen, die leider die Wirtschaft bestimmen und denen die Konsumenten trotzdem ignorant …

    Trackback | 16. Februar 2010
  • Wikipedia lügt

    Ja in meinem zweiten Link steht der Text des Youtube-Videos aber auf der Seite der NPD, die das wohl eher sein lassen würde, wenn sie damit einen der wenigen reichen Spender angreift, die sie hat. Und das hat mich überzeugt.

    Das man Müller-Milch boykottieren sollte steht ausser Frage aber so fair sollte man sein.

    Comment | 16. Februar 2010
  • Hm, vielleicht hatte ich Dich auch nur falsch verstanden – meinst Du also sowieso, dass die Sache mit der NPD-Nähe des Herrn Müller eine Erfindung ist? Denn so scheint es ja tatsächlich auch zu sein. Wie Du schon schreibst, sonst würde die NPD kaum sowas auf ihrer Seite veröffentlichen (obwohl den braunen Deppen alles zuzutrauen ist ;-)

    Comment | 16. Februar 2010
  • denkopfnichtnurzumhaareschneiden

    weil viele aufgeklärte verbraucher die machenschaften des herrn müller satt (sic!) haben und dementsprechend seine produkte in den regalen stehen lassen, erschließt der gute onkel neue käuferschichten in dem er flugs mal eine neue „trimm-dich-bewegung“ (www.trimmy.de) ins leben ruft. schon allein mit dieser aktion offenbart er die übereinstimmung seiner politischen gesinnung mit der farbe seiner schokomilch. und so bekommen die kinder schickes spielzeug, worauf das RICHTIGE logo prangt, damit die lieben kleinen auch an der RICHTIGEN stelle am kühlregal anhalten und ihren altvorderen klarmachen, welches milchmischerzeugnis gefälligst im einkaufswagen zu landen hat.
    übrigens lässt sich die liste der firmen, in denen der herr seine gebräunten finger hat noch etwas fortsetzen: SACHSENMILCH

    Comment | 21. Februar 2010
  • J

    Es wäre schön noch GANZ GROß auf Alternativen hinzuweisen zbsp. die Kette KONSUM die regionale Produkte bevorzugt verkauft und anscheinend oft fair. Ich denke allein Kritik hilft ja keinem. Das Müller komisch ist weiß man ja wenn man will eigentlich auch.

    Comment | 9. September 2015
  • J

    ps:

    wenn ich mich richtig entsinne kam Müller auch in einer Doku vor weil Sie vorhaben das Trinkwassermonopol an sich zu reißen und entsprechende Lobbyarbeit zur Privatisierung betreiben.

    Comment | 9. September 2015

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