Jan
12
2011

Abgesang auf die Plastiktüte

Dass Plastik in der Masse, wie es unsere Wegwerfgesellschaft täglich tonnenweise produziert, Mensch und Natur schädigt, und vieles davon auch noch unsinnigerweise verwendet wird, hatte ich ja vor einer Weile schon berichtet („Kampf den Plastiktüten“). Auch der Film Plastic Planet zeigte in erschreckender Weise, wie weit Plastik mittlerweile in den (ehemals) natürlichen Kreislauf eingedrungen ist und Tiere tötet und zu genetischen Veränderungen und Defekten (Unfruchtbarkeit) führt (siehe auch HIER). Arte brachte vor einiger Zeit die Dokumentation „Plastik über alles“, die sich ebenfalls sehr kritisch damit auseinandersetzt, was es für uns alle und zukünftige Generationen bedeutet, wenn wir so weitermüllen wie bisher [via Auftragselfe]; hier Teil 1:

Nun gibt es aber tatsächlich doch Erfreuliches zu vermelden – Italien hat als nächstes Land (nach z.B. Frankreich und Australien) Plastiktüten verboten! Der Moustachio zitiert aus dem Artikel „Plastiksackerl-Verbot nun auch in Italien“ des Kärtener ORF:

Wer nächstes Jahr nach Italien fährt, um einzukaufen, bekommt kein Plastiksackerl mehr. Ab 1. Jänner gilt ein Gesetz, das die Herstellung und den Verkauf verbietet. Nur noch Umweltfreundliches ist erlaubt.

„Basta buste“ – aus mit dem Plastiksackerl – titeln derzeit die italienischen Zeitungen. Ab 1. Jänner verbietet ein italienisches Gesetz die Herstellung und den Gebrauch von „buste di plastica“. 200.000 Tonnen – etwa 20 Milliarden Sackerln – werden davon jährlich in Italien produziert, besser gesagt: Sie wurden produziert.
Das Plastiksackerl-Verbot wurde bereits 2006 beschlossen und tritt jetzt in Kraft. Anlass dafür war unter anderem das Müllchaos in Neapel und natürlich die Umweltbelastung. Italien ohne kleine weisse Plastiksäcke ist zwar vorerst für viele – auch für die Italiener selbst – unvorstellbar, das Gesetz macht aber Sinn: Bis ein Plastiksack verrottet ist, dauert es nämlich bis zu 400 Jahre. (…)

Na bitte, geht doch! Die taz greift in „Plastiktüten-Radikalkur“ die italienische Entscheidung noch einmal auf und beleuchtet auch die kritischen Elemente – denn die normalen Plastiktüten sollen durch Tüten aus Maisstärke ersetzt werden, die umwelttechnisch alles andere als unbedenklich sind:

(…) Mit einem Jahresverbrauch von 20 Milliarden Stück seien die Italiener bislang Spitzenreiter in Europa gewesen, bilanziert der Umweltverband Legambiente. Pro Kopf macht das runde 330 Tüten pro Jahr – Tüten, die einen Nutzungszyklus von „bloß einigen Stunden“ haben, wie die Umweltschützer festhalten. In der Regel nämlich kommen die bunten Tüten höchstens noch ein zweites Mal zum Einsatz, wie sich bei jeder Müllkrise in Neapel schön besichtigen lässt: Die ganze Palette des italienischen Plastikbeutelangebotes stapelt sich, gefüllt mit stinkenden Abfällen, an den Straßenrändern.

Dumm nur, dass dem extrem kurzen Nutzungs- ein extrem langer Lebenszyklus gegenübersteht. Je nach Qualität dauert es hunderte von Jahren, bis das Plastik sich abgebaut hat. Doch mit der milliardenfachen Einbringung des Plastikmülls in die Umwelt ist es jetzt vorbei. Seit 1. Januar dürfen sämtliche Händler des Landes nur noch Papiertüten rausgeben – oder biologisch abbaubare Plastiktüten aus Maisstärke, die sich schnell in Kompost verwandeln. (…)

(…) Doch bei näherem Hinsehen ist die Neuregelung ein eher zweifelhafter Segen für die Umwelt: Die Ökobilanz der neuen Maisstärke-Tüten ist nämlich ihrerseits alles andere als positiv. Für ihre Herstellung werden Unmengen an Düngemitteln und Pestiziden freigesetzt, und der Energieaufwand ist enorm. Die Maisstärke-Tüte ist ihrerseits ein zweifelhafter Segen für die Umwelt.

In Deutschland, dem vermeintlichen und selbsternannten Vorreiter in Sachen Umweltschutz, scheint es noch keine konkreten Pläne zu geben, ähnliche Schritte einzuleiten, so sinnvoll sie auch für alle wären. Von daher ist es auch nicht verkehrt, statt auf Verbote von oben auf die Vernunft des Einzelnen zu setzen (obwohl man angesichts dessen, wie ein Großteil der Menschen mit der (Um-)Welt umgeht, an selbiger durchaus manchmal zweifeln darf). Der Kaufkrampf-Blog schreibt in „Ban Bags made of Plastic – Wichtige Botschaft für die ganze Welt“ über die löbliche amerikanische Initiative, die den Plastiktüten und dem ganzen Konsumwahn den Garaus machen will und zu diesem Zwecke das folgende (Musik-)Video gedreht hat. So erreicht man hoffentlich auch jüngere Leute, die sich sonst wenig Gedanken über die ganze Angelegenheit machen:

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6 Comments

  • Tenome

    Lol, so sinnlos xD
    Das Maiszeug ist nun viel schlimmer als die Tüten, die Tüten waren kein Problem, schliesslich kann die Natur sich doch sowieso an die Plastikgiftstoffe anpassen.
    Definitiv eine Suboptimale Regelung. :-(

    Comment | 12. Januar 2011
  • „die Tüten waren kein Problem, schliesslich kann die Natur sich doch sowieso an die Plastikgiftstoffe anpassen“

    Hm, mal Plastic Planet geschaut?
    „Die Natur“ passt sich beispielsweise so an, dass Menschen unfruchtbar durch die Gifte werden und Fische durch die winzigen Plastikpartikel verenden…
    So gesehen passt sich die Natur natürlich an alles an, auch an radioaktiv verstrahlte Wüsten…

    Comment | 12. Januar 2011
  • Wasabi

    „Nun gibt es aber tatsächlich doch Erfreuliches zu vermelden – Italien hat als nächstes Land (nach z.B. Frankreich und Australien) Plastiktüten verboten!“
    Stellt sich die Frage: Wann zieht Deutschland nach?

    Inwiefern sind Tüten aus Maisstärke schlimmer?

    Comment | 12. Januar 2011
  • […] die Meere zumüllen. In Italien beispielsweise sollen alle Plastiktragetaschen verboten werden. Das Konsumpf hat dazu einen schönen kleinen Beitrag, in dem auch die arte-Donkumentation „Plastik über alles“ zu finden ist. Eine Lektüre bzw. […]

    Pingback | 12. Januar 2011
  • In der ach so ökologischen Schweiz will man von einem Plastiksackverbot auch nichts wissen. Die Migros, der grösste Detailhändler der Schweiz, hat in Genf immerhin aufgehört Plastiksäcke gratis an ihre Kunden abzugeben. Im Kampf gegen Plastik der grösste Erfolg, den die Schweiz vorzuweisen hat.

    Die andere grosse Detailhandelskette namens Coop verpackt Bioteein einzeln in Plastikbeuteln. Auf Nachfrage behauptet Coop, dies sei biologisch abbaubares Polypropylen:
    http://montagsmailer.ch/2009/12/21/coop-und-sein-biologischer-plastiktee/

    Weiss jemand, ob es überhaupt biologisch abbaubares Polypropylen gibt? (Bin kein Chemiker, daher die Frage, für den Fall, dass dies der falsche Ort für eine solche Frage ist entschuldige ich mich schon mal im Voraus :))

    Comment | 13. Januar 2011
  • AD

    http://www.youtube.com/watch?v=JPpnAmgA-ac

    Comment | 19. Februar 2011

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