Feb
02
2011

Leaky World – ein theoretisch unterfüttertes Videospiel

In den letzten Wochen ist es ja in den Medien etwas ruhiger um WikiLeaks geworden – dabei ist das dahinter stehende Konzept, also das Publikmachen von Daten, die zeigen, wie Wirtschaft und Politik oft im Hintergrund, unbemerkt von der Öffentlichkeit, die Strippen ziehen, um ihre Interessen durchzusetzen, selbstredend aktueller denn je. Zwar ist die WikiLeaks-/Assange-Glorifizierung, wie sie in manchen „alternativen“ Medien betrieben wird, sicherlich auch etwas überzogen, aber ein solches Korrektiv zur tatsächlichen Ausprägung unserer Demokratie (die von Lobbyismus etc. stark beeinflusst wird) ist auf jeden Fall sehr sinnvoll. Alle Versuche, WikiLeaks mundtot zu machen und aus dem Netz zu treiben, sind fehlgeschlagen – statt dessen haben sich die Informationen nun erst recht verbreitet. Und es gibt bereits weitere Plattformen für „Whistleblower“ (so der englische Fachbegriff für diejenigen, die Informationen über Missstände in ihren Firmen/Behörden an die Öffentlichkeit tragen und dabei ihren Job riskieren) – beispielsweise OpenLeaks.

Auch die italienische Softwareschmiede Molleindustria – bekannt in Culture Jamming-Kreisen z.B. für ihr wunderbares, subversiv-kritisches McDonald’s Videogame (siehe auch meinen Artikel „Hinter den Kulissen von McD“) – hats ich so ihre Gedanken zu WikiLeaks gemacht und ein eigenes Browsergame entwickelt: Leaky World. RebelArt und auch Björn Rohles von Netzpiloten („Leaky World – ein diskursives Videospiel“) berichten über die Hintergründe und Absichten dieses Spiels:

Molleindustria ist der Name eines italienischen Künstlerkollektivs, das das Videospiel als Medium subversiver Kunst etablieren möchte – „radikale Spiele für unterhaltsame Menschen“, wie Gründer Paolo Pedercini im Interview einmal mitteilte. Anders als die spaßlastigen Spiele des Mainstream-Entertainments versuchen die Macher, mit ihren kleinen Flash-Spielen zu kritischem Hinterfragen von Zuständen und Glaubenssätzen anzuregen – na gut, Spaß machen sollen die Games natürlich trotzdem. (…)

(…) Das neue Werk „Leaky World“, realisiert innerhalb von zehn Tagen, ist Molleindustrias Beitrag zum Projekt „WikiLeaks Stories“, ins Leben gerufen von den Machern des Gaming-Blogs Gnome’s Lair. Es basiert auf dem Essay „Conspiracy as Governance“, 2006 von Julian Assange verfasst – seine Theorie der Verschwörung (nicht Verschwörungstheorie). Darin geht Assange davon aus, dass es zwischen Gruppierungen unterschiedlich starke Verbindungen gibt, die sich auf einer Karte einzeichnen lassen. Es gehe demnach nicht nur um die reine Anzahl von Verschwörern, sondern um deren Verbindungen – die Summe der gewichteten Verbindungen bezeichnet er als „total conspirational power“. Und so besteht das Spielprinzip vor allen Dingen daraus, zwischen den einzelnen Punkten auf der Karte möglichst vielfältige Verkettungen herzustellen, bis die „total conspirational power“ das Maximum erreicht hat.

Doch hier kommt WikiLeaks ins Spiel: Je mehr Verkettungen zu einem Punkt auf der Karte bestehen – je mehr Leute also von einer Verschwörung wissen, umso größer ist die Gefahr, dass Informationen nach draußen leaken. Das Spiel zeigt das mittels weißer Punkte, aus denen nach und nach Informationen nach unten tropfen – schön visualisiert übrigens mit Leaks des entsprechenden Ortes, die man per Klick erreichen kann. Und so nähert sich von unten stetig der Wissenswasserspiegel – erreicht er eine kritische Masse, hat man verloren. (…)

Interessant finde ich auch die durchaus kritischen Gedanken der Molleindustrie-Leute zu Assanges Theorien, die im Netzpilot-Artikel ebenfalls beschrieben werden – diese werden in dem Spiel zwar nicht berücksichtigt, aber doch von den Machern explizit in die Diskussion eingebracht und somit die Debatte auch theoretisch unterfüttert:

Interessant an der Geschichte außerdem: Die Molleindustria-Macher setzen Assanges Theorie einige kritische Anmerkungen entgegen:

  1. Er gehe davon aus, dass sich Widerstand gegen ungerechte Strukturen formiere, sobald diese Strukturen offengelegt seien. Dabei ignoriere er jedoch die Tatsache, dass Menschen in repressiven Gesellschaften sich Ausreden einreden können, um mit ihnen umzugehen. Zudem stelle sich die Frage nach alternativen Strukturen.
  2. Assanges Ansatz sei zu technologiezentristisch: Obwohl Informationen eine wichtige Rolle spielen, sind sie nicht die einzigen Faktoren, die Macht zusammenhalten.
  3. Seine Vorstellung von autoritärer Macht sei zu abstrakt – er würde zu wenig bedenken, dass es sowohl intern als auch zwischen Staaten Spannungen und Interessenkonflikte gebe.

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2 Kommentare »

  • Ist das Internet nicht schon eine Art openleaks?
    Wozu soll man es dann noch erneut institutionalisieren?

    Comment | 2. Februar 2011
  • Das Problem ist, dass Du schwerlich die Anonymität bewahren kannst, wenn Du selbst eigene Erkenntnisse ins Netz stellst. Dafür dienen dann solche Websites wie OpenLeaks oder WikiLeaks. Außerdem bündeln sie Informationen, die ansonsten vertreut im Netz zu finden sind.

    Comment | 2. Februar 2011

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