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Lesetipps: Wie Goldman-Sachs die Agrar-Symmetrie zerstörte | Energiewende | Gärtnern in der Stadt | Die Datenfresser | Apple(-Fanboys) in der Kritik

© gloriaheid, stock.xchng [1]

© gloriaheid, stock.xchng

Darüber, dass mit Spekulation auf Nahrungsmittel weltweit die Preise nach oben getrieben werden und dass Geldinstitute wie die Deutsche Bank sich nicht schämen, offensiv mit Fonds zu werben [2], die genau diese Spirale weiter anheizen, habe ich im Konsumpf ja schon das eine oder andere Mal berichtet. Auf dem Blog von Markus Gärtner bin ich nun auf einen weiteren interessanten Artikel gestoßen, der diese für jeden denkenden Menschen unerträglichen Strukturen weiter beleuchtet – „Säen, gießen, indexieren – Wie Goldman Sachs die Agrar-Symmetrie zerstörte [3]“, der sich auf einen Beitrag in Foreign Policy [4] bezieht:

(…) Das Stück beschreibt, wie das Spiel von Angebot und Nachfrage – in jüngster Zeit zunehmend irritiert durch globale Wetterkapriolen, die Schwellenländer und die Ethanol-Produktion – von einem Index-Produkt aus den Angeln gehoben wurde.

Wenn ich das richtig verstehe, wird dieser Index – der Goldman Sachs Commodity Index (GSCI) – stellvertretend und richtungsweisend für viele solche Produkte gesehen. Er umfasst 24 Agrarprodukte, von Kaffee über Kühe bis hin zu Sojabohnen. Der GSCI ist als long-only-Vehikel konzipiert, es gibt nur eine Richtung: Die nach oben. Das Konzept hinter dem GSCI, so der Autor des Artikels, sei es von Anfang gewesen, aus Rohstoffen Wertpapiere zu machen.

Die Energiewende ist spätestens seit Fukushima endgültig auf der Mainstream-Agenda angekommen und auch wenn einige ewiggestrige Politiker und Parteien immer noch am alten Ansatz von Kohle & Atom festzuhalten versuchen, führt wohl kein Weg daran vorbei, dass die erneuerbaren Energien uns zukünftig immer stärker begleiten werden – zum Glück. Dass es damit aber nicht einfach getan ist, Atomkraftwerke abzustöpseln (wobei so ein AKW-Rückbau übrigens auch viele Jahre bis Jarzehnte dauert und elendige Summen verschlingt; fürwahr eine nachhaltige Energieform…) udn Windräder aufzustellen, thematisiert der Butterblömchen-Blog in „Energieträger A durch Energieträger B ersetzen? [5]“. Ihre Ausführungen kann ich nur voll und ganz unterstreichen!

(…) Es wird immer von der Prämisse ausgegangen, dass ich einfach „mal eben“ Energieträger A durch Energieträger B ersetze und das wars.

Da kommt wiederum das zum Tragen, was ich schon vielfach angemerkt hatte:
Jeder will, dass sich etwas verbessert – aber keiner will letztlich etwas ändern.
Jeder will den gleichen Lebensstandard aufrecht erhalten – aber bitte umweltfreundlich.
Und das ist eben Käse!Warum wird denn nie die Frage gestellt, wie ich den Primärenergiebedarf massiv reduzieren kann – oder ob ich große Teile davon überhaupt brauche?
Wenn ich wirklich eine Energiewende wollte, dann würde ich erst einmal alles auf den Prüfstand stellen, was mit Energie auch nur im entferntesten zu tun hat.
Denn eines kam auch häufiger in Diskussionen als Randnotiz vor:
Die Energie, die ich gar nicht erst benötige, ist immer die umweltfreundlichste.
Anmerkung: das Wort umweltfreundlich ist hier (und anderswo) lediglich zu übersetzen mit „möglichst geringer Schaden“. Schäden verursache ich immer – nur wie groß sie sind unterliegt mir zu einem gewissen Grad der Kontrolle.

Im Zweifel muss ich mich dann auch von liebgewonnenem Luxus trennen.
Das bedeutet dann eben auch, dass da Arbeitsplätze verloren gehen.
Und auch das hatte ich mehrfach angemerkt: ich bin der Meinung, dass man nicht jeden Scheiß mit Arbeitsplätzen rechtfertigen kann.
Konkret muss dann zum Beispiel auch unser Verständnis von Mobilität auf den Prüfstand.
Braucht jeder Mensch ein Auto – oder gar noch mehr?
Wenn man dieses braucht um zur Arbeit zu kommen – könnte man dies nicht dezentraler bewerkstelligen? Wenn man damit einfacher von A nach B kommt, als mit dem ÖPNV – kann man letzteren verbessern? Oder kann ich vielleicht von zuhause aus einiges erledigen?
Sprich: könnte man nicht ein Verkehrssystem etablieren, bei dem nicht jeder eine Tonne Metall in der Auffahrt stehen hat, welche zu 90% der Zeit sinnlos herum steht? Oder ist der Arbeitsplatz mit den dort produzierten Waren und Dienstleistungen überhaupt sinnvoll oder sollte ich den im Interesse des Gemeinwohls lieber abbauen und dem bisherigen Arbeitgeber sinnvollere Aufgaben zur Auswahl geben?
Und auch hier bitte nicht an irgendwelchen Prämissen kleben oder sagen „das kostet zuviel“.
Aber die zur Disposition/Prüfung stehenden Posten sind damit ja noch nicht aufgebraucht.
Muss ich beispielsweise eine intensive Landwirtschaft fortführen mit Massentierhaltung, Pestiziden, Kunstdünger und Co – und von den produzierten Agrarprodukten erstmal die Hälfte wegwerfen? Muss ich Agrarprodukte um die halbe Welt schippern?
Oder muss ich überall mit Beton arbeiten? Seines Zeichens einer der größten Energiefresser überhaupt.
Oder muss ich dreimal im Jahr in den Urlaub nach Mallorca – für 99€?
Also Urlaub als Ausgleich dafür, dass ich ständig mehr Leistung bringen muss – um Dinge zu produzieren, die kaum jemand braucht – um damit Geld zu verdienen für den Konsum von Dingen, die ich meistens nicht brauche. (…)

Neben einer Energiewende hin zu dezentraler Energieerzeugung ist auch die Entwicklung zu mehr Ernährungssouveränität zu begrüßen, die manche Menschen auch als Reaktion auf die vielen Lebensmittelskandale und die immer neuen Zumutungen, die einem die Industrie auf den Tisch knallt begreifen. So wird es auch in Städten immer beliebter, eigenes Obst & Gemüse anzubauen oder über Websites wie mundraub.org Überschüsse frei zu verteilen. Auch das neue Schrot und Korn-Magazin hat einen lesenswerten und recht langen Artikel über „Gärtnern in der Stadt [6]“ zu bieten:

Urbane Gärtner begrünen Brachflächen und machen Beete aus Baulücken. Doch in den Gemeinschaftsgärten deutscher Städte wächst mehr heran als Obst und Gemüse. (…)

Ein urbaner Garten dient nicht nur als Treffpunkt, als Keim für ein neues Nachbarschaftsgefühl. Urbane Gärtner erobern auch Freiräume und gestalten sie. Sie schaffen wieder Platz für Grün in betongrauen, unwirtlichen Wüsten. Die ersten machten das heimlich. Zogen nachts los und pflanzten Setzlinge, warfen „Bomben“ mit Samen in brachliegende Baulücken, damit sich dort Blumenwiesen breit machten. „Guerilla Gardening“ nennt sich das. So wie die Hausbesetzer der 80er-Jahre nicht lange nach dem Eigentümer fragten, besetzten Initiativen Brachflächen und begannen sie zu bewirtschaften. (…)

(…) Die Gärtner am Moritzplatz haben den Anspruch, dass ihr Anbau einen nennenswerten Beitrag zur Versorgung der Menschen leistet. So wie früher. Da hatten Kleingärten in der Stadt die Aufgabe, ärmere Familien mit frischen und günstigen Nahrungsmitteln zu versorgen. Erst als es im Supermarkt zu jeder Jahreszeit frisches Obst und Gemüse zu billigen Preisen gab, trat die Selbstversorgung in den Hintergrund. Die Hollywoodschaukel ersetzte das Kartoffelbeet und zwischen den Blumen wuchern seitdem Gartenzwerge. (…)

Von der analogen zur digitalen Welt – Themen wie Datenschutz und Privatsphäre sind ja mittlerweile stark in den Mittelpunkt der Diskussionen gerückt. So gibt es ein aktuelles Buch von Constanze Kurz und Frank Rieger mit dem schönen Titel „Die Datenfresser“, aus Die Zeit in ihrem Artikel „Der Informationstreibstoff von Google & Co.“ [7] ein Kapitel abdruckt:

Daten, Algorithmen und ihre Profiteure – Wie Internetfirmen und Staat sich unsere persönlichen Daten einverleiben.

Auch Netzpolitik [8] hat sich diesem Werk gewidmet und führt in ihrem Podcast ein Interview mit den beiden Autoren. (>> hier als mp3 [9])

Und wo wir schon beim Datenschutz sind, ganz zum Schluss noch einmal kurz zu Apple, die zu kritisieren man sich ja schon gar nicht mehr traut, weil sofort empörte Apple-Fans auf der Bildfläche erscheinen und einen mit technischen Details zudecken, die die Überlegenheit der Apfelprodukte belegen sollen (obgleich diese gar nicht zur Debatte standen). Auf jeden Fall steht der Apple-Konzern nach den letzten Enthüllungen bezüglich der Positionsdatenspeicherungen beim iPhone erneut in der Kritik [10] und sieht sich in den USA sogar schon ersten Klagen gegenüber. Dass dies nicht gerade positiv fürs saubere Apple-Image ist, ist klar, und so hat sich der Metronaut-Blog nicht nur dieses Themas, sondern vor allem auch der „Fanszene“ angenommen – „Mehr Dünnschiss geht nicht: Merkbefreite Apple-Fanboys verteidigen Schnüffel-iPhone [11]“. Dabei geht es mir hier nicht darum, ob Apple nun tolle Gadgets herstellt, die besser sind als Konkurrenzprodukte, oder nicht, sondenr um den mehr als erstaunlichen Fakt, dass tatsächlich solche industriell gefertigten Massenprodukte von vielen Menschen geradezu kultisch verehrt und bis aufs Blut verteidigt werden. Schade, dass diese Energie nicht für Sinnvolleres eingesetzt wird… Der Metronaut-Beitrag ist zwar teils recht polemisch, aber er legt den Finger durchaus an die Wunde:

(…) Zurück zu den Fanboys. Mir ist ziemlich unklar, wie man sich so zum Sklaven eines Unternehmens machen kann. Jede fucking Produktpräsentation wird mit eifrig-speicheltriefenden Twitterstürmen begleitet. Cool, dass iPad ist wieder 1 mm dünner geworden. Und der Start-Button erst. Sieht ja ganz anders aus. Für diese Erkenntnis, die in einer regelmäßig wiederkehrenden Werbeverkaufsshow, deren Name mir entgangen ist, dargeboten wird, zahlen diese Leute sogar Geld um den Livestream mitzuverfolgen. Als ich mal auf Twitter dazwischenrief, warum sie das denn tun würden, wurde ich von einer Welle idiotischer Fanboy-Tweets und Mentions überschüttet. Großartig, was da für eine Energie drinsteckt, die sich Apple zu Nutze macht. Das muss ich anerkennend feststellen. Und es macht mir Angst. (…)

Die Meinungsfreiheit und die Möglichkeiten der schönen neuen Welt finden ihre Grenzen in Steve Jobs AGBs. Das ist nichts anderes als Bevormundung und Entmündigung des Users, der einfach nur ein technisches Gerät gekauft hat. Eingezäunt im hyperkapitalistischen Walled Garden dürfen wir vom faden Apfel essen, der uns vorgesetzt wird. Eine traurige kleine scheinbar freie Hipster-Welt, bestimmt von einem Konzern für den wir nur die kleinen Deppen sind, die zum Erreichen der nächsten Quartalszahlen herhalten müssen.

Den eingefleischten Fanboy kann das nicht stören: denn wo das Apfel-Logo prangt, sitzt man im innovativen Zug mit Halbgott Steve Jobs. Da muss das Gute sein. Das Große, das Kreative. Immer einen Schritt voraus. Auf dem Weg in eine neue Gesellschaft des Lichts! Komme, was wolle, wir stehen auf der richtigen Seite.

Wie blöd kann man eigentlich sein, dass man diese Konzernstrategie – die ja Apple nicht erst seit gestern beschreitet – überhaupt nicht als in irgendeiner Form kritisierenswert, beknackt und als die elende kapitalistische Kackscheisse, die sie ist, erkennt? (…)

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