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Lesetipps: Die Facebook-Krake | Privatisierung ist oft teuer | Windows 7-Sünden

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via elfpunkt.net

Es wird Zeit für ein Geständnis – ja, ich bin seit einer ganzen Weile bei Facebook. Aber ich weiß gar nicht mehr, warum. Lange Zeit habe ich dieses „soziale Netzwerk“ komplett abgelehnt und ignoriert, irgendwann habe ich mich dann (aus Neugier? Weil ich durch andere überredet wurde? Keene Ahnung) doch mal dazu herab gelassen, mich dort anzumelden, allen negativen Schlagzeilen bezüglich mangelnder Privatsphäre bzw. Facebooks laxem Umgang mit dem Datenschutz zum Trotz. Es verging wieder eine ganze Weile, bis ich dort auch mal was „machte“, also vor allem Links postete oder die von anderen kommentierte. Es kann halt schon ganz lustig sein, sich da herumzutreiben und zu sehen/lesen, was andere (Freunde, Bekannte) so posten und machen.

Dennoch war es mir immer völlig suspekt, mich dort „auszubreiten“, also wirklich Persönliches von mir preiszugeben. Wenn ich sehe, wie manche Leute dort unbekümmert Details aus ihrem Leben kundtun, z.B. wo sie sich grad aufhalten, dass sie grad bei XYZ einen Kaffee trinken oder mit diesem oder jenem beschäftigt sind usw. usf., kann ich nur den Kopf schütteln; kapier ich überhaupt nicht. Auch die entsprechende Argumentation dieser Benutzer ist hochgradig naiv: „Aber diese Infos sehen doch nur meine Freunde!“ – ja, die… und ein milliardenschwerer Konzern und damit viele andere Unternehmen! Von daher habe ich mein Profil immer schlank gehalten und natürlich auch keine Fotos oder Ähnliches hochgeladen. Mein Fehler war, mich mit meinem „Klarnamen“ zu registrieren, das hätte ich mal besser bleiben lassen, denn so kann man mich bei Fb leichter aufspüren. Dank AdblockPlus [2] bekomme ich von der personalisierten Reklame, mit der Facebook wohl die Profile befeuern soll, zum Glück nichts mit, aber natürlich trage ich letztlich allein durch meine Anwesenheit auf der Facebook-Seite zu dessen Popularität bei (wenn auch nur ein winziges Stück) und habe somit also Schuld auf mich geladen. Ich weiß noch nicht genau, wie ich in der Sache weiter verfahren werde, da ich die Vorteile von Fb eben auch durchaus sehe (primär den Kontakt zu Menschen, mit denen ich sonst nicht so oft kommuniziere). Aber ob es das wert ist, dort weiterhin ein Profil zu betreiben? Hm. (Die Konsumpf-Facebookgruppe habe übrigens nicht ich ins Leben gerufen!)

Der Feynsinn-Blog hat sich „Neue Nutzungsbedingungen [3]“ in gewohnt scharfzüngiger und angenehm untemperierter Art und Weise über Facebook ausgelassen, und dem ist eigentlich nicht viel hinzuzufügen:

Ab sofort werden folgende Maßnahmen durch die Nutzerschaft bedingungslos zu akzeptieren sein:
Das Recht auf Nutzung des Webauftritts hat nur, wer- Aktuelle Bilder von sich un seinen nächsten Angehörigen sowie Lebensgefährten einstellt (vorläufig auch bekleidet)
– eine Paybackkarte nutzt und deren Daten täglich mit dem Webangebot synchronisiert
– seine Cookies niemals löscht, Scripte nicht blockiert und auf jegliche Nutzung von Anonymisierungsdiensten verzichtet
– sich mit vollständigem korrekten Namen, allen Emailadressen, Geburtsdatum, Kontostand, Zeugnissen und Körbchengröße anmeldet
– seine Adressbücher, Fotosammlungen, Texte und Mitteilungen dem Betreiber des Webangebots zur freien Verfügung stellt und diesem die Urheber- und Nutzungsrechte überträgt
– weiteren Änderungen der Nutzungsbedingungen uneingeschränkt zustimmt.

Witzig, nicht? Nicht? Was treibt ihr dann noch bei Facebook, ihr Dödel? Ach, ihr seid “post privacy“? Kinder, jedes mal wenn ich künftig diesen Blödsinn höre, erschieße ich ein Küken. Das hat der Herr Zuckerberg nämlich extra für Torfsammler wie euch erfunden. Das nicht cool und nicht Kult, hat weder Hand noch Fuß, sondern ist ein dreister PR-Gag, mit dem die Millionen dazu gebracht werden sollen, ihr Innerstes nach außen zu kehren, damit andere das zu Geld machen. Ihr seid der Schlachtabfall, aus dem Facebook sein berühmtes Hundefutter produziert. Dabei könnt ihr die Hunde nicht einmal leiden, die sich diese Leckerlis schmecken lassen. Ihr würdet sie sogar fürchten, hättet ihr euer Hirn nicht gleich mit in den Fleischwolf geworfen. (…)

In dem Artikel wurde ich auch auf einen Beitrag der FAZ aufmerksam gemacht, der sich ebenfalls sehr kritisch zu Facebook und den Folgen dieses Um-sich-Greifens einer gelockerten bis perforierten Privatsphäre und der Datensammlungswut gewisser Konzerne äußert – Frank Rieger nimmt in „Facebook: Das ganze Leben wird zur Online-Show [4]“ die neuesten Entwicklungen im Reich des Online-Giganten aufs Korn („Open Graph [5]“). Denn dass sich hier auch (gefährliche) tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen (nicht nur im Umgang mit dem Internet) vollziehen, ist schwerlich zu übersehen:

Facebooks „Open Graph“ ist der beängstigende Versuch, ein Netz im Netz zu schaffen. Wer es betritt, braucht es nie wieder zu verlassen: ein gläserner Käfig für die Nutzer und das Paradies für die Werbewirtschaft.

(…) Auf diese Bequemlichkeit setzt auch der Facebook-Konzern, der es sich zum Ziel gesetzt hat, dass seine Nutzer möglichst nirgendwo anders mehr hingehen sollen, weil es ja eigentlich alles, was man braucht, schon in Facebook gibt. Die Freunde sind dort, die Einladungen zu Veranstaltungen und Parties, die Bilder, der Chat, die E-Mail ersetzenden Nachrichten und nun bald auch alles andere. Und man braucht nichts dafür zu bezahlen, schließlich ist man selbst das Produkt. Das Konzept erinnert an die Stasizentrale in der DDR. Es gab alles im eigenen Haus: Friseur, Läden, Bank, Schuster, Schneider und Ärzte. (…)

(…) Für diese aggressiv vorangetriebene Strategie, die Nutzer zum längeren Verweilen zu bewegen, gibt es handfeste wirtschaftliche Gründe. Facebook ist mitnichten ein „soziales Netzwerk“. Es ist ein Unternehmen, das eine Dienstleistung verkauft: gezielte, perfekt zugeschnittene Werbung. Der Börsenwert des Unternehmens wird folglich anhand der Anzahl, Verweildauer und Nutzungsintensität seiner Mitglieder errechnet. Jede Minute, die ein Nutzer nicht auf Facebook ist, wird als Verlust angesehen. (…)

(…) Das ganze Leben ist eine Online-Show, jedes Alltagserlebnis, wird es permanent dokumentiert und sichtbar gemacht, gehört zur Selbstinszenierung des digitalen Ichs. Wer nicht mitmachen will, ist schon per Definition uncool. Das perfide Ziel dieser Änderung der gesellschaftlichen Normen – und nichts anderes beobachten wir seit geraumer Zeit – ist die schnöde Ankurbelung des Konsums durch Werbung. (…)

Wo wir schon mal bei der Kritik an überprivatisierter Software sind, will ich an dieser Stelle doch auch auf das schöne Windows 7-Sünden [6] hinweisen, das darauf aufmerksam macht, dass Microsoft mit seinen Programmen seit jeher die freie Entwicklung der Programmwelt einengt, schon alleine durch die erdrückende Marktmacht, durch die solch minderwertige und fehlerbehaftete Produkte wie der Internet Explorer oder Word zu Quasi-Standards gemacht wurden.

Die neuste Version des Windows-Betriebssystems von Microsoft, Windows 7, beinhaltet die selben Probleme wie Vista, XP und alle anderen Vorgänger: Sie ist proprietäre Software. Wer Windows benutzt, darf es nicht mit anderen teilen, verändern oder herausfinden, wie das System in seinem Inneren funktioniert.

Weil Windows 7 proprietär ist, kann Microsoft seine Benutzer mit Hilfe einer Kombination aus Copyrights, Verträgen und Patenten kontrollieren, und das ganz legal. Microsoft missbraucht seine Marktmacht, um Computer-Anwender zu hintergehen. Auf der Internet-Seite windows7sins.org listet die Free Software Foundation sieben Beispiele dafür auf.

1. „Vergiftete“ Erziehung: Wenn Kinder heutzutage mit und am Computer lernen, dann bedeutet das für die meisten, dass sie nur die Produkte eines Unternehmens kennen lernen: nämlich die von Microsoft. Microsoft stellt dazu große Summen für Preisnachlässe und Werbung bereit, um Bildungseinrichtungen für sich zu gewinnen. So werden Schüler mithilfe des Computers nicht zu freien und selbständig denkenden Menschen erzogen, sondern ihnen wird die Monopolstellung eines einzigen Unternehmens eingeträufelt.

2. Einbruch in die Privatsphäre: Microsoft benutzt Programme mit irreführenden Namen wie Windows Genuine Advantage (zu deutsch etwa „Echtheitsvorteil“), um die Festplatten seiner Nutzer auszuspionieren. In der Lizenzvereinbarung, die man akzeptieren muss, bevor man Windows benutzen darf, beansprucht Microsoft dieses Recht für sich, ohne den Anwender im Programm selbst noch einmal zu warnen. (…)

(…) 5. Vermeidung von Standards: Microsoft hat versucht, einen freien Standard für Dokumentenformate zu unterbinden, weil das freie OpenDocument-Format ihr eigenes proprietäres Word-Format bedrohen würde, mit dem sie Anwender an ihr Produkt binden. Um die Einführung des freien Standards zu verhindern, agierten sie in hinterhältiger Weise, was sogar Bestechung einschloss. (…)

Apropos Privatisierung – über deren vermeintliche Segnungen schrieb Albrecht Müller auf den NachDenkSeiten einen sehr lesenswerten Artikel – „Studie: Auslagerung zu Privaten ist oft teurer als in öffentlicher Regie [7]“:

Die New York Times berichtet [8] über eine Studie, deren Ergebnisse die übliche Behauptung widerlegen, die Privatisierung öffentlicher Einrichtungen bzw. die Auslagerung von öffentlicher Tätigkeit in den privaten Sektor sei billiger als dann, wenn der Staat die Leistungen mit eigenen Angestellten erbringt. Hier der Link zur so genannten POGO-Studie [9]. Der falsche Eindruck, wonach die Auslagerung in den privaten Sektor den Staat weniger kostet, wird mit einem Trick erreicht. (…)

(…) In Deutschland wird es oft ganz ähnlich sein. So ist es, wenn Profite und zusätzlicher Verwaltungsaufwand bezahlt werden müssen. Wir können aus der Studie und dem Bericht der New York Times ein bisschen was lernen:

Erstens: Die Auslagerung erscheint oft deshalb als wirtschaftlicher, weil mit der Auslagerung die Löhne gedrückt werden und dann nur die Löhne verglichen werden. Ein praktisches Beispiel bei uns ist die Auslagerung öffentlicher Verkehrsleistungen in private Bahnunternehmen. Diese zahlen weniger an ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und schlagen ordentliche Profite obendrauf. Die Gesamtkosten für dieses Outsourcing sind trotz Lohndrückerei oft höher als bei Erstellung der Leistung im öffentlichen Sektor.

Zweitens: Hier wie in den USA wird die Auslagerung wesentlich von Agitation begleitet bzw. vorbereitet. Ein Großteil der zuständigen Journalisten hat schon gar nicht mehr hinterfragt, was als gängiges Urteil erscheint, aber nichts anderes ist als gängige gemachte Meinung.

Drittens: Hier wie in den USA knickt die Politik in öffentlichen Äußerungen und beim praktischen Handeln ein und passt sich den verbreiteten Vorurteilen an.

Wieder eine solche fatale Sumpfblüte der neoliberalen Realität.

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